Die Bücher meiner Vergangenheit

"Bücher von Margarete Seemann" [von Buchhändler (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons]
"Bücher von Margarete Seemann" [von Buchhändler (Eigenes Werk) [Public domain], via Wikimedia Commons]

Seit ich Kunde einer bestimmten Netzseiten-Firma bin, verfolgt mich diese Blog-Funktion. Immer wieder habe ich mich gefragt, was ich damit machen soll. Eigentlich schreib ich ja schon genug. Mich über Politik äußern? Näh, schließlich habe ich Politik studiert, um mir die abzugewöhnen. Rückblickend überhaupt sehr vorausschauend, dass ich mir das verkniffen habe. Denn es wird ja allmählich gefährlich in unserer Zeit, in der „Der Spiegel“ in klassischer deutsch-totalitärer Tradition das Land in hell und dunkel, „für uns“ oder „gegen uns“ geteilt hat. Denn wer nicht in der Gemeinschaft lachend Ballons steigen lassen will, der zündet Asylbewerberheime an. So einfach ist das. Auf Facebook werden neuerdings von beiden Seiten unermüdlich Freunde gelöscht. Ersatz oder Probe für die anstehende physische Vernichtung?

Wie dem auch sei und wie ich mich kenne, würde ich es mir, wenn ich meine Klappe aufreiße, nur mit beiden Seiten gleichzeitig verscherzen, obwohl mir nach der moralischen Geometrie von „Der Spiegel“ eigentlich sowieso nur das gesellschaftliche Nirgendwo, ein politisches Nirwana fern von Licht und Schatten, bleibt, wobei das wiederum kein zu verachtender Ort ist. Schon Boris Vian hat bezüglich politischen Streits erkannt, dass eine Meinung eigentlich so gut wie die andere sei. Nur gegen Militarismus und Rassismus hat er wirklich böse angeschrieben. Und das machte ja Sinn. Aber sonst?

Deshalb ist es am besten, in diesen Zeiten in die Vergangenheit und in die Fiktion zu verschwinden. Die Vergangenheit war zwar nicht besser, aber sie hat den Vorteil, dass man sie nicht mehr ertragen muss. Und da mich vor kurzem aus meinem Bücherregal ein Buch von Thomas Bernhard intensiv angeguckt hat, ein Buch, das vor langer Zeit einen ungeheuren Einfluss auf mich hatte, habe ich beschlossen, meine alten Lieblingsbücher oder, allgemeiner gesagt, die Bücher meiner Vergangenheit erneut zu lesen. Gucken, ob sie mir noch was sagen. Oder ob ich etwas Neues entdecke. Da ich viele der Bücher im fremdsprachigen Original gelesen habe, als meine Sprachkenntnisse nicht so gut waren wie jetzt, kann das eine interessante Sachen werden. Zumindest für mich. Vielleicht kriegen auch ungeliebtere Bücher eine zweite Chance, etwa die, die man in der Schule lesen musste und wo man meistens nur so getan hat, als ob, was sich in Klassenarbeiten dann böse rächen konnte, wenn man gar nicht richtig wusste, worum es ging. Oder die Bücher, die man immer lesen wollte, aber nie ganz gelesen hat. Während ich diesen Satz schreibe, grinst mich der „Ulysses“ von James Joyce an. In beiden Sprachen. Und leicht verstaubt, wie ich soeben festgestellt habe.

So, diese Vorrede habe ich jetzt auch nur geschrieben, um mich zu zwingen, den Worten auch noch mehr Worte folgen zu lassen, denn nur Worte zählen, nicht Taten.

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