Thomas Bernhard / "Holzfällen. Eine Erregung"

von Thomas.Bernhard.jpg: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung derivative work: Hic et nunc [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
von Thomas.Bernhard.jpg: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung derivative work: Hic et nunc [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Diese von mir angestrebte und in meinem letzten Beitrag schnell dahingeschriebene „Flucht in die Fiktion“ funktioniert ja leider doch nicht so berauschend bei vielen der Bücher, die mir wichtig waren. Und schon gar nicht bei Thomas Bernhard, der die Menschen der ihn umgebenden Wirklichkeit so gnadenlos und exakt beschrieben hat, dass es etwas Zeitloses hat. Und dann habe ich mich auch in anderer Hinsicht mächtig getäuscht. Ich dachte immer, „Holzfällen. Eine Erregung“ (1984) wäre das erste Buch von Thomas Bernhard gewesen, das ich gelesen habe, aber es war doch eher „Alte Meister“ (1985). Denn ich weiß noch genau, wie boshaft-angenehm mir, dem im Paderborn Großwerdenden, die ständige Wiederholung von „katholisch-nationalsozialistisch“ war, auch wenn Bernhard damit Österreich meinte. Ich war fasziniert, dass man das einfach so, fern von öder politischer Theorie, harmloser sozialdemokratischer Satire und schnell verpuffender Punk-Aggression, derart kultiviert-polemisch schreiben kann und darf. Wenn mich jemand geistig befreit hat, dann Thomas Bernhard. „Alte Meister“ sollte ich also eigentlich ebenfalls noch einmal lesen, auch wenn man natürlich bezweifeln darf, dass sich das diebische Vergnügen desjenigen, der sich direkt identifizieren konnte oder wollte, noch einmal in jener begeisterten Form einstellen wird.

 „Holzfällen“ ist ein Buch über die Kunst und den Tod, zwei von Bernhards Lieblingsthemen. Der Ich-Erzähler ist ein Mann, der sich zu einem „künstlerischen Abendessen“ bei einem Ehepaar Auersberger hat einladen lassen und dies, zunächst distanziert im Ohrensessel sitzend, bitter bereut. Mit einigen der Anwesenden war er in den 50ern als armer junger Mann eng verbunden und verdankt ihnen die geistige und praktische Einführung in die Welt der Kunst, Kultur, Literatur. Irgendwann aber löste er sich, um seinen eigenen Weg zu gehen und erklärt, danach nur noch Abscheu und Hass vor allem gegen das Ehepaar Auersberger gehegt zu haben. Dies dient natürlich auch der Distanzierung, denn bei Gleichgültigkeit wären solche starken Gefühle nicht nötig. Das Buch hat den Untertitel „Eine Erregung“ und kommt tatsächlich keinen Augenblick zur Ruhe. Grund der aufgeregten Verwirrung ist der Selbstmord einer alten Freundin, was den ganzen gewohnten Trott und die in all den Jahren so sorgsam aufrecht erhaltene Distanz zur Vergangenheit durcheinandergebracht hat. Deshalb hat der Erzähler auch die Einladung zu dem Abendessen, was eigentlich ein Nachtessen ist, angenommen. Und dadurch bekommen alle Ereignisse einen morbid-nostalgischen Anstrich. Vergangenheit und Gegenwart, Gefühle und Gedanken, äußeres und inneres Geschehen vermischen sich und streiten miteinander. Der Hass auf diese Menschen seiner Vergangenheit wird immer wieder abgelöst von gnadenloser Selbstzerfleischung, wenn er feststellt, wie verlogen und verheuchelt er selbst doch sein kann.

Das Buch durchzieht die Hassliebe zu Wien, mit dessen Kulturbetrieb hier abgerechnet wird. Er spricht von all den Gescheiterten, die bei dem Abendessen anwesend sind, bis klar wird, dass diese, bürgerlich-objektiv gesehen, erfolgreich sind. Aber für den Erzähler sind sie geistig gescheitert, haben alle vollmundig einst propagierten Ideale für die gesättigte Existenz von Staatskünstlern oder Staatsprofessoren eingetauscht. Sie sind in der Mittelmäßigkeit gelandet und schauspielern ihre Existenz im Grunde nur noch, führen große Worte über die Kunst, die sie in der Praxis längst verraten haben. Nichts ist echt. Und deshalb geht es am Ende um „künstlerisch“ und „künstlich“, wenn der eingeladene alte Burgschauspieler plötzlich die ganze Kultur verflucht und sich in die Natur zum Holzfällen wünscht. Das Buch wurde damals beschlagnahmt, weil jemand sich in einer Figur wiedererkannte und wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte klagte. Natürlich kann man in diesem Roman nach Vorbildern gucken, aber eigentlich ist das heute nur noch für Literaturhistoriker von Interesse. Auch bei Klassikern wie „Das rote Zimmer“ von August Strindberg oder „Verwüstung“ von Tom Kristensen, auf die ich es hoffentlich schaffe, in diesem Blog zurückzukommen, interessiert das nicht mehr.

Bernhards absatzloser, atemloser, musikalischer Stil voller Wiederholungen und Übertreibungen gehört ja sprachlich zu dem Schönsten in deutscher Sprache. Dass seine Monologe nicht in ästhetischer Perfektion erstarren, liegt an seiner Energie, seiner Präzision, der Komik, Grausamkeit, auch dem sogenannten Wiener Schmäh. Gleichzeitig versteckt sich dahinter viel Empfindsamkeit, die aber bewusst auf Sentimentalität verzichtet. Er verschont den Leser mit langen Beschreibungen. „Jeder weiß, wie ein Wald aussieht“, hat er einmal gesagt. Und er verschont den Leser mit einer Moral und mit weisen Botschaften. Über Goethes Spruchgedichte „Maximen und Reflexionen“ hat er sich irgendwo mokiert. Vielleicht sogar in „Alte Meister“. Nach diesem einen Buch von Bernhard bin ich gewissermaßen gleich wieder in seinem Sog und möchte eigentlich sofort zum nächsten Buch von ihm greifen.

Doch nicht jedem geht es natürlich so. Muss ja auch nicht. Aber mir wurde sogar einmal glaubwürdig berichtet, dass Teilnehmer eines Doktoranden-Seminars der deutschen Literaturwissenschaft an einer deutschen Universität öffentlich und ohne Scham kundtaten, sie wären nicht imstande, Thomas Bernhard zu lesen. Und damit meinten sie nicht den Inhalt, nein, sie meinten es rein sprachlich. Armer Professor, alleingelassen mit titeltragenden Analphabeten, die später sicher auch einmal ihren Platz in der deutschen Staatskultur suchen und wegen ihrer totalen Unfähigkeit und Ungefährlichkeit auch bestimmt finden werden. In dem Zusammenhang fällt mir ebenfalls ein, dass ich vor etwa zwei Wochen zwei konservative Kommentare gelesen habe, die davon handelten, dass die Einwanderungswelle unsere deutsche Kultur bedrohe. Also, wenn man von der „Kultur-Kultur“ spricht, und nicht von Kultur als Freiheitsrechte und allgemeinem Lebensstil, dann lässt sich dazu nur sagen, dass man das in diesem Land der selbstverliebten und grässlichen Grass' und Grönemeyers schon ganz allein hinkriegt, da braucht es keine fremdländischen Sündenböcke. Und die geist- und gefühllosen, sogenannten geisteswissenschaftlichen und vielerorts auf das Niveau von Kindergarten-Einrichtungen herabgesunkenen Institute deutscher Unis haben in ihrem theoriebesessenen, politisch blindkorrekten, mit sich selbst beschäftigten Autismus, der gar nichts kapiert, kräftig dazu beigetragen. Dass das nicht nur in Deutschland zu beklagen ist, zeigt, dass sogar schon in der doch eher linken französischen Filmzeitschrift „Cahiers du Cinéma“ die Vorherrschaft der vielen „Studies“ an den Unis beklagt wurde, allen voran die illegal aus den USA eingewanderten „Gender Studies“, die man eigentlich schnellstens ausweisen müsste. Uff, das war jetzt „Meine Erregung“. Aber im Grunde ist das schon wieder viel zu viel Gegenwart und Politik. Muss ein krankhafter Reflex bei mir sein. Sollte ich behandeln lassen. Wäre mal was Neues.

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