François Truffaut / "Die Filme meines Lebens"

von Jac. de Nijs / Anefo (Nationaal Archief) [CC BY-SA 3.0 nl (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en)], via Wikimedia Commons
von Jac. de Nijs / Anefo (Nationaal Archief) [CC BY-SA 3.0 nl (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en)], via Wikimedia Commons

Als ich „Die Filme meines Lebens“ („Les Films de ma vie“, 1975) von François Truffaut mit vielleicht 13 Jahren in der Stadtbibliothek entdeckte, wurde diese Sammlung von Kritiken und Aufsätzen ein unentbehrlicher Geschmackswegweiser durch den Dschungel des Kinos der Vergangenheit. Ich kannte damals ja nur einige der Filme, die dort besprochen werden, aber es gefiel mir, was da über Hitchcock, Hawks, Lang stand. Auch Rezensionen zu Einzelfilmen, wie die zu Robert Aldrichs apokalyptischer Spillane-Verfilmung „Kiss me deadly“ und Douglas Sirks klassischem Melodrama „Written on the Wind“ sorgten dafür, dass ich dachte, wenn Truffaut hier so mit mir übereinstimmt und es im Gegensatz zu mir auch noch so treffend formulieren kann, dann kann man ihm auch bei allem anderen blind vertrauen. Außerdem war sein Urteil subjektiv, ästhetisch und unideologisch. Und so wurde Truffaut nicht nur praktisch mit seinen Filmen, sondern auch theoretisch der wichtigste Filmmensch meiner frühen und späten Jugend.

Entdeckt hatte ich Truffaut im Fernsehen mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“, diesem Film über einen Jungen, für den das Kino die wahre Schule ist. Meine Lieblingsszene war die, in der der kleine Antoine Doinel aus der Klasse geworfen wird und zum Lehrer abwehrend sagt, dass er diese Stunde noch mitnehme. Als mir einmal im Kunstunterricht mit dem Kennenlernen der Bank im Büro des Schuldirektors gedroht wurde, erklärte ich fröhlich und wahrheitsgemäß, dass ich die schon kenne. Das war also eine Wirklichkeit, mit der ich mich identifizieren konnte. Eine Kritik beginnt Truffaut mit den Worten: „Als ich einmal das Kino schwänzte und in die Schule ging.“ Physisch habe ich nie die Schule geschwänzt, aber geistig war ich oft schon im Kino, während die Lehrer noch etwas erklärten, was mit Sicherheit von weitaus geringerer Bedeutung war. Ich hatte später jedenfalls nie das bedauernde Gefühl, etwas verpasst zu haben. Na ja, vielleicht in Physik? Die Mittelstufen-Zeit, als es darum ging, nachmittags in die Filme ab 16 zu kommen, war oft sehr belastend. Ich meine, ja, das waren echte Probleme, das war das wahre Leben. Nach Truffaut ist die große Frage, die, ob das Kino wichtiger ist als das Leben.

Jetzt habe ich das Buch sozusagen in die andere zeitliche Richtung gelesen. Jetzt ist es nicht mehr voller Filme, die ich gerne sehen möchte, sondern voller Erinnerungen. Erinnerungen an die Filme und Erinnerungen an die Vorführungen oder an das Gucken zu Hause. Denn inzwischen habe ich ja fast alle der Filme aus dem Buch gesehen, eine Reihe davon auch im Kino und was das angeht, habe ich ein erfreulich gutes Gedächtnis: Wie es auf dem Eiffelturm war, weiß ich nicht mehr, aber wie ich mit 18 Jahren staunend Dreyers „Das Wort“ und „Tage des Zorns“ in Pariser Kinos entdeckt habe, weiß ich noch genau. Truffaut schreibt auch über Abel Gances vierstündigen Stummfilm „Napoléon“, in den ich als 13-Jähriger nach einer grässlichen einwöchigen Milchreis-Schulfahrt mit Übernachtung in doofen, zugigen, kalten Holzhütten sofort nach der Rückkehr nach Hause flüchtete, weil dieser Klassiker damals mit neuer Musik im Kino gezeigt wurde. So war die Woche jedenfalls noch gerettet, auch wenn ich gegen eine gewisse Müdigkeit ankämpfen musste.

Mein damaliger Regisseurs-Pantheon bestand übrigens außerdem aus Hitchcock, Lubitsch, Lang und Coppola. Abgesehen von Coppola, der ja in den 80ern, nach dem „One from the Heart“-Debakel, gerade seine wunderbaren kommerziellen Filme von „The Outsiders“ über „Peggy Sue got married“ bis „Tucker“ drehte, sind das Regisseure, über die Truffaut ausführlich geschrieben hat. Aber ich guckte auch immer wieder Chaplin – mit einer besonderen Vorliebe für den sentimentalen „Limelight“, Bergman – vor allem „Wilde Erdbeeren“ und „Licht im Winter“, Becker – immer und immer wieder „Goldhelm“, Ford – „She wore a yellow Ribbon“ mit dem schönen Titelsong oder der melancholische „The Man who shot Liberty Valance“, Renoir – „Die große Illusion“ und „Frühstück im Grünen“ über einen kühlen Befruchtungswissenschaftler, der plötzlich die echte Liebe kennenlernt oder auch Buñuel – „Das verbrecherische Leben des Archibaldo de la Cruz“ über einen Möchtegernserienmörder oder „Viridiana“ über die Tücken der angewandten Nächstenliebe. Das waren ein paar der Filme, die ich glücklicherweise auf VHS hatte.

Wenn einem „Die Filme meines Lebens“ etwas nahebringt, dann ist es die bedingungslose Liebe zum Kino. Nahebringen, nicht beibringen. Sie muss natürlich schon vorher da sein. Aber gerade wenn man jung ist, kann man sie dann mit solch bedeutender moralischer Unterstützung noch freier ausleben. Das Buch ist ein klassisches Zeugnis der Cinephilie, wie sie nach dem Krieg vor allem in Frankreich aufkam. Da geht es um eben diese Liebe zum Kino und seiner Ästhetik, das Verteidigen bestimmter Regisseure, das Desinteresse am großen, einzelnen, perfekten Meisterwerk. „Politique des Auteurs“ war damals nicht nur eine Analyseform, sondern auch eine Forderung. In gewisser Hinsicht war dies der Kampf gegen die Masse des französischen Films und für einen amerikanischen Kulturimperialismus, den diese jungen Filmliebhaber im Umkreis der Zeitschrift „Cahiers du Cinéma“ freudig begrüßten und bei denen das Kennenlernen vor allem von Welles' „Citizen Kane“ nach dem Krieg ein tiefer Einschnitt gewesen war. Man liebte besonders den amerikanischen kommerziellen Film mit persönlichem Stil: Hitchcock, Hawks, Ray, Preminger, Fuller. Man darf nicht vergessen, wie stiefmütterlich und feindselig viele der heutigen unantastbaren Klassiker wie Dreyer, Welles oder Rossellini zu Lebzeiten behandelt wurden, wie für sie das Leben ein oft erfolgloser und zermürbender Kampf ums Filmemachen war, oder wie andere, wie Hitchcock, von der Kritik nicht ernst genommen wurden. Während die Kritik gleichzeitig aufjubelte bei bedeutungsschweren Filmen weniger oder gar nicht begabter Regisseure, die dann vielleicht sogar einen Oscar bekommen, was damals wie heute entweder resigniertes Kopfschütteln oder tiefe Übelkeit auslösen kann: „Birdman“, echt jetzt? – „12 Years a Slave“, man fühlt sich grausig beim Gucken und langweilt sich auch noch zu Tode, muss also große politische Kunst sein! – „The King's Speech“, hmhm, ach ja, seufz, kann man sich einmal ansehen.

Heute ist aber eben leider auch das, auf Deutsch so genannte, Autorenkino zu großen Teilen ein Klischee geworden. Denn nicht jeder, der sein Drehbuch selbst schreibt, dreht taugliche Filme. Chabrol hat in einem kleinen autobiographischen Buch einmal festgestellt, dass er junge, oft nicht sehr talentiert schreibende Regisseure gerne daran erinnern möchte, dass „Politique des Auteurs“ damals bedeutete, dass man Regisseure innerhalb der Industrie feierte, die ihre Bücher eben nicht alle selbst schrieben, aber trotzdem einen individuellen Stil hatten. Heutzutage kann individueller Stil auch etwas ganze Abschreckendes sein. Vor allem, wenn diese Individualität nicht tief persönlich ist, sondern bloß bis zum Übergeben immer wieder dieselben stilistischen Manierismen auftischt. Vor manchen modernen wiedererkennbaren Filmemachern flüchte ich sogar ganz bewusst. Kim Ki-Duk und François Ozon meide ich möglichst seit Jahren, selbst wenn im Trailer Teile sind, die interessant zu sein scheinen, so weiß ich doch, dass ich das große Ganze nicht ertragen werde. Die hohen Herren Haneke, Sorrentino, Audiard gucke ich unter äußersten, direkt physischen Qualen inzwischen nur noch aus filmgeschichtlichem Interesse und einer gewissen Neugier, wie grässlich man noch werden kann. Es ist ja ein intellektueller Trost, dass die dadurch entstandene schlechte Laune, die mich noch ein paar Stunden niederdrücken wird, jedenfalls kulturell und humanistisch wertvoll ist. Und selbst Regisseure, die ich eigentlich mag, können Opfer ihres eigenen Stils werden. Der letzte Film von Ceylan, dem ich bisher immer treu gefolgt war, war unerträglich und sah aus wie ein Film von jemandem, der einen „Ceylan“ drehen will, eine öde, überlange Kopie seiner selbst, und hat doch prompt die „Goldene Palme“ in Cannes gewonnen. Da ziehe ich dann immer unterhaltsame, eher unpersönliche, aber unprätentiöse Handwerker vor, die hin und wieder, mit dem richtigen Drehbuch und den richtigen Darstellern sogar über sich hinauswachsen: F. Gary Gray, Antoine Fuqua, Taylor Hackford, James Wong.

 „Die Filme meines Lebens“ ist von 1975 und ist keine repräsentative Darstellung von Truffauts Arbeit als Filmkritiker in den 50ern, bevor er mit „Sie küssten und sie schlugen ihn“ die Seite wechselte, aber immer wieder zum Schreiben über Film zurückkehrte, manchmal auch nur ganz privat für sich selbst. Es zeigt den Truffaut von 1974, der das Buch zusammenstellt und seine jetzt eher versöhnliche Sicht aufs Kino und aufs Filmemachen betont, wie sie auch in seinem Klassiker „Die amerikanische Nacht“ zum Ausdruck kommt. Ausgewählt hat er, neben internationalen Einzelgrößen, Franzosen und dann vor allem die US-Amerikaner. Hier gibt es keine Japaner, keine Russen, keine Deutschen, wenn man die berühmten Emigranten ausnimmt. Es ist am Anfang eine subjektive Kritik des „Ich“, die überzeugen will. Immer wieder geht es um Literatur, sei es, dass er das Problem der Literaturverfilmung diskutiert, sei es, dass er Zitate einfügt. Schon 1962, mit einiger praktischer Filmerfahrung, hat er ein bisschen Abstand von dem manchmal verbissenen Ziel der Überzeugung genommen. Er schreibt, dass er nicht zuletzt sich selbst dabei überzeugen wollte. Dass er eine positive Kritik zu einer Komödie von Claude Autant-Lara mitaufnahm, ist außerdem ein Zeichen der Distanz zu seiner damaligen Aggression, bei der gerade dieser Regisseur eines seiner Hauptopfer war.

Diese Aggressivität scheint in „Die Filme meines Lebens“ nur manchmal in Nebenbemerkungen durch. Und die konnte ich schon damals nicht immer ganz nachvollziehen. Ich mochte und mag John Huston sehr und inzwischen weiß ich zudem, dass Jean Negulesco, der Regisseur von „Johnny Belinda“ und „Humoresque“ alles andere als ein „verblödeter Sklave“ ist. Aber Truffaut war auf der Suche nach Stil, uneinheitliche Filmemacher betrachtete er als unentschlossene Dilettanten und außerdem hatte er keine Vorliebe für das über-emotionale Kino der großen Mittel. David Lean gehört da zu seinen Feindbildern. Ich hingegen liebe „Doktor Schiwago“. Truffaut bevorzugte die Effizienz, die man auch in seinen Filme findet, und wo, wie Chabrol sagt, die Liebesfilme gefilmt sind wie Krimis und die Krimis wie Liebesfilme. Aber damals wurde ein kultureller Krieg geführt und es ging, wie gesagt, darum, die verachteten Genre-Regisseure durchzusetzen. Das hieß dann Aldrichs „Vera Cruz“ statt Stevens' „Shane“, Hawks' „The Big Sleep“ statt Hustons „The Maltese Falcon“ oder auch Renoirs „French Can Can“ statt Hustons „Moulin Rouge“.

Wie einflussreich Truffaut war, erkennt man auch daran, dass viele seiner Bemerkungen geflügelte Worte geworden sind. Über Lubitschs Kunst der Andeutung, der Auslassung und des Ungesagten: „In Lubitschs Käse ist jedes Loch genial.“ Über Orson Welles' manisches Filmen und seinen streng kontrollierten Stil: „Orson Welles filmt wie ein Exhibitionist und schneidet wie ein Zensor.“ Und dann auch der berühmte Satz darüber, was im Kino das Schönste ist: „Die Arbeit des Regisseurs besteht darin, hübsche Frauen hübsche Dinge tun zu lassen.“ In seinen eigenen Filmen hat er sich daran immer gehalten. Bis zum Schluss, wenn er in seinem letzten Film „Auf Liebe und Tod“ Fanny Ardant, mit der er im sogenannten echten Leben eine Tochter hatte, als Sekretärin im Trenchcoat auf Verbrecherjagd schickt. Dazu spielt Georges Delerues muntere Musik. War das der erste und der letzte neue Truffaut, den ich im Kino gesehen habe? Oder habe ich den Film davor, „Die Frau nebenan“, noch mitbekommen? Ich kann mich nicht erinnern, wünsche mir aber, es wäre so.

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