Kommissar X

von nakhon100 (Mercedes-Benz 450 SEL 6.9) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
von nakhon100 (Mercedes-Benz 450 SEL 6.9) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Er wachte schweißgebadet in seinem Bett auf und wusste einen Moment nicht, wo er war. Gerade war er noch in der Tiefgarage auf den Beifahrersitz des silbergrauen Mercedes 450 SEL geklettert, und Jo Walker, alias Kommissar X, hatte sich sofort an der ersten Ampel eine Pall Mall angezündet. Die hübsche Sekretärin April Bondy hatte gleichzeitig über das Autotelefon angerufen. Tom Rowland hatte sie beide eigentlich im Polizeihauptquartier erwartet. Nun hatte ihn die grausame Wirklichkeit wieder. Er seufzte und starrte an die Decke, wo er die sich bewegenden Schatten der im kalten Wind zitternden Bäume vor dem Haus sehen konnte. So lange war er abstinent geblieben, aber plötzlich hatte ihn die Neugier übermannt. Und jetzt war es nicht mehr zu ändern, dachte er grimmig. Als der Kellner ihm neulich ein Glas normalen Weißbiers statt des alkoholfreien hingestellt und er nichtsahnend einen großen Schluck genommen hatte, da war nichts passiert. Er hatte diesen Anschlag gut überstanden. Mit Kugeln und Messern war es ihnen nie gelungen, ihn zu erwischen. Jetzt hatten sie es in ihrer Verzweiflung also einmal so probiert. Aber nein, der Alkohol hatte ihm wirklich nichts anhaben gekonnt. Er grinste innerlich über ihre Dummheit. Der Kellner hatte sich übrigens rausgeredet, es wäre ein Irrtum gewesen, aber er ahnte schon, wer genau dahintersteckte. In den Augen des Mannes hatte er sofort gesehen, dass der Kerl log, aber Angst hatte, mehr zu sagen. Er hätte ihn härter bearbeiten müssen, um etwas herauszubekommen. Vielleicht tat er das noch. Später.

Mit nichts hatten sie bisher Erfolg gehabt. Letztens hatten sie sogar versucht, ihn zu ertränken. Vorher hatten sie ihn in einem Teppich eingerollt, wobei er fast erstickt wäre. Aber er war natürlich entkommen, war mit gefesselten Händen und Füßen zwei Kilometer durch das eisige Meer geschwommen, wo ihn dann an einer Straße eine nette Späthippie-Familie aufgelesen hatte. In seinen weniger demütigen Momenten fühlte er sich unbesiegbar, als würde er so dringend gebraucht, dass ihm tatsächlich nichts passieren konnte. Doch als er angefangen hatte, einen Kommissar-X-Heftroman zu lesen, da hatte es ihn erwischt. Da hatte er die Kontrolle verloren und war rückfällig geworden. Völlig. Er hatte nicht aufhören können, manisch immer weiter gelesen. Einen nach dem anderen. Natürlich hätte er misstrauischer sein sollen angesichts dieses teuflischen und Misstrauen erweckenden billigen Angebotes bei eBay, wo es gleich sieben Hefte auf einmal gegeben hatte: „Zum Begräbnis nach Detroit“ (Nr.921) und „Der eiskalte Engel“ (Nr.998) von Rex Gordon; „Die Todeswalze“ (Nr.923) von Henry Hart; „Gängsterdämmerung“ (Nr.970) von Dave Morris; „Unternehmen Overkill“ (Nr.969), „Erpresst, kassiert und abserviert“ (Nr.996) und „April Bondy lebt gefährlich“ (Nr.1001) von George W. Burton. Aus Paderborn waren sie gekommen, und das hatte ihn amüsiert und nicht misstrauisch gemacht. Wie hatte er sich nur so in die Falle locken lassen? Ein verdammtes Greenhorn hätte es nicht dümmer machen können. Dass der Herr, von dem sie stammten, ganz in der Nähe des Einkaufszentrums Südring wohnt, wo er einst einen Großteil seiner Heftromansammlung auf dem samstäglichen Flohmarkt gekauft hatte, war ihm nicht aufgefallen. Zu lange lag das alles zurück. Wie sollte sein Leben jetzt weitergehen?

Während er da lag und mal die Augen geschlossen hatte, mal auf die zitternden Schatten über ihm starrte, fiel er immer wieder in einen halluzinierenden Halbschlaf. Er träumte von Cola, Fanta, Schokolade, Weingummi, Salzigem und süßem Nichtstun. Hausaufgaben machte man mal zwischendurch beim Fernsehen oder kurz vor der Stunde. Aber stopp, nein, nichts Salziges, jedenfalls nichts Fettiges, da könnten die Hefte verschmieren. Denn Kommissar X hatte er er als einzige Heftchenromanreihe eine Zeitlang richtig systematisch gesammelt und die neuesten Ausgaben am Kiosk gekauft. Er lächelte plötzlich in seiner Traumwelt, denn er badete in einem Swimmingpool aus Groschenromanen, tauchte tief hinunter. Durch ein Fenster sah er nebenan Dagobert Duck in seinem Geldspeicher. Ihm ging es besser als Dagobert. Denn endlich war ihm die „Flucht in die Fiktion“ gelungen. Hatte man ihm vielleicht aus Versehen einen Gefallen getan? Wie ironisch.

Er knurrte unwillig, als er plötzlich völlig wach wurde, denn es war mit einem Mal ganz dunkel im Zimmer. Waren das die bösen Geister der Vergangenheit, die immer noch vergeblich versuchten, Kommissar X und seine Kollegen zu besiegen? Das Böse hatte besonders in der Schule gelauert. Da war beispielsweise der stalinistische Gangsterboss mit Kontakten nach drüben, der ihm fast ein Jerry-Cotton-Heft nicht wiedergegeben hätte, das er als Anschauungsunterricht für die ganze fünfte Klasse aus seinem Ranzen gezaubert hatte. Er bekam es dann zurück mit den Worten: „Ich will nicht, dass du das liest.“ Diese selbstgewisse und unverschämte Bestimmtheit des Totalitarismus. Als wenn der Stalinist etwas zu wollen gehabt hätte im Leben eines Schülers. Außerdem arbeitete man in dieser Lehranstalt mit den bösartigsten Verleumdungen und staatsideologischer Kritik. Dass Heftchenromane keine zweite Ebene haben, wurde gerne angemerkt. Wie angenehm. Die primitive Sprache. Nichts erholsamer als das, man liest ja sowieso schnell. Ein guter Heftchenroman ist wie ein klarer, frischer und sehr, sehr flacher Teich. Mehr soll er auch nicht sein. Das ist ehrlicher als die große, zähe, dunkle Brühe eines großen Teils der modernen Literatur, die vorgibt, ein tiefer, tiefgründiger See zu sein und wo man sich den Verstand bricht, wenn man so blöd ist hineinzuhüpfen. Wobei man in der Schule oft hineingestoßen wird, während man mit den Füßen in einem Zementeimer steckt. Ja, die Bosse wollten mit ihren Helfershelfern ihr lukratives Revier verteidigen. Und das funktionierte nur mit demokratischer Gleichschaltung.

Er merkte, wie er nervös wurde. Sein Blick fiel auf den Nachttisch. Alle Romane waren durchgelesen. Und er konnte sie nicht zweimal benutzen, jedenfalls nicht so schnell hintereinander. Er brauchte dringend Nachschub, sonst würde er wieder anfangen, die Schlagzeilen der Tageszeitungen zu lesen, oder, was noch schlimmer war, gleich ganze Artikel. Mehr Kommissar X würde ihn beruhigen. Oder vielleicht auch noch eine andere Marke. Abwechslung war immer gut. Als Grundlage vielleicht etwas Solides und Altbekanntes auf nüchternen Magen: Jerry Cotton also? Und dann? Butler Parker? Toby Gin? Das musste gut überlegt sein. Oder Western? Von allem etwas. Er musste sich sofort darum kümmern.

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