Luc Moullet / "Politique des Acteurs"

"Luc Moullet in der Cinématheque Francaise am 28.12.2009" von alainalele [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
"Luc Moullet in der Cinématheque Francaise am 28.12.2009" von alainalele [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Nach der kräftigen und angenehm auffrischenden Dosis „Politique des Auteurs“ mit Truffauts Lieblingslebensfilmen, war es endlich Zeit für ein Buch, das mir gleich aufgefallen war, als es damals herauskam, und an das ich durch die Anzeigen in den „Cahiers du Cinéma“ in all den Jahren immer wieder erinnert wurde. In der Reihe „Collections Essais“ erschien Ende 1993 „Politique des Acteurs“ von Luc Moullet. Der Untertitel lautet: „Gary Cooper. John Wayne. Cary Grant. James Stewart“. Leider wurde es nie ins Deutsche oder Englische übersetzt. Es ist eine Art erholsames und beruhigendes Gegengift für all die, die sich – wie ich – voll Freude in der Autorentheorie verstiegen haben und wie Besessene nach Gemeinsamkeiten im Werk der kultisch verehrten Regiemeister suchen. „Politique des Acteurs“ von Luc Moullet ist also eine Art „mea culpa“ eines derjenigen, die mit den „Cahiers“ verbunden und daran beteiligt waren, die frohe Kunde der „Politique des Auteurs“ in der Welt zu verbreiten. Und dabei wurden so gerne die Schauspieler vergessen, als wären es nur Puppen, die man nach Anweisungen durchs Bild wandern und agieren lässt. In Truffauts Buch gibt es nur zwei echte Schauspieler-Porträts: Humphrey Bogart und James Dean. Und das sind Nachrufe, also durch tagesaktuelle Notwendigkeit entstanden.

Moullet beklagt den Zustand der Lage auf dem Markt der Schauspielerbiographien. Wohlgemerkt, es ist 1993, inzwischen hat sich ja vielleicht etwas getan. Aber im Rückblick betrachtet hat er sicher recht. Wenn man sich beispielsweise die früher sehr beliebte Heyne Filmbibliothek anschaut, bei der Schauspieler und Schauspielerinnen bevorzugt behandelt wurden, dann stellt man fest, dass sich sehr oft bloß biographische Eckdaten mit einem Aufzählen der Inhaltsangaben der Filme abwechseln. Das Spiel der Schauspieler und die Art, wie es auf der Leinwand zu sehen ist, wird völlig vernachlässigt, aber dafür braucht es ja auch eine sorgfältige analytische Arbeit und Ausdauer. Und bei den Autoren handelt es sich oft um berufsbedingt oberflächliche Journalisten und uninspirierte Fließbandautoren. Deshalb besitze ich zwar viele dieser Heyne-Bücher – meistens billig und antiquarisch erstanden – habe aber die wenigsten gelesen. Deren inhaltiche Belanglosigkeit ist oft einfach nur ermüdend und langweilig. Zum Nachschlagen sind sie aber wunderbar, auch noch in Zeiten des Internets. Moullet verzichtet fast ganz auf Biographisches, und vor allem verzichtet er auf die Liebesgeschichten der vier von ihm untersuchten großen Hollywoodstars. Aber das kann man ja an anderer Stelle nachlesen. Und es ist ja nicht so, als würde das keinen Spaß machen. Zumindest, wenn es gut recherchiert ist. Der Tagesklatsch mit all seinen Gerüchten ist aber unerträglich.

Wobei in einem Punkt doch ein bisschen gemogelt wird. Schließlich beschäftigt Moullet sich mit den besten Leistungen der Schauspieler, und da landet man eben doch wieder bei den bekannten Regie-Ikonen Capra, Lubitsch, Ford, Hawks, Hitchcock, Anthony Mann, McCarey oder Wyler. Aber hier sind die Darsteller nun mal am besten, zeigen ihre ganze Facette und werden von intelligenten Filmemachern verstanden. Und es macht ja wirklich Sinn, denn wenn es eine ähnliche Spielweise, ähnliche Rollentypen, ähnliche Themen, eine ähnliche Visualität sogar innerhalb des individuellen Werkes der großen Regisseure gibt, dann wird aus dem Acteur-Schauspieler tatsächlich ein Acteur-Autor.

Moullet beginnt sein Buch mit Gary Cooper, der für gewöhnlich wenig redet und sich wenig bewegt, weshalb es umso wirkungsvoller ist, wenn er plötzlich am Ende eines Films eine Rede hält oder in den Komödien von Lubitsch raumgreifend große Schritte macht. Nur die Missachtung für Delmer Daves ist mal wieder auffallend, wird „The Hanging Tree“ doch von Moullet zu den fünf letzten und uninteressanten Filmen Coopers gezählt. Aber das ist ein anderes Thema, auf das ich zurückkommen werde, wenn ich es wider Erwarten doch noch irgendwann schaffe, das damals unglaublich schnell vergriffene französische Buch „Delmer Daves: La Morale des Pionniers“ von 1999 zu einem annehmbaren Preis zu bekommen. Oder ich mache eine prosaische Fernleihe. Aber irgendwie hieße das, die Hoffnung aufzugeben.

John Wayne ist ein Schauspieler, der in seinen jungen Jahren gar nicht aufgefallen ist. Man gucke sich einmal seine Filme aus den 30ern an. Erst mit Fords „Stagecoach“ wurde alles anders. Und dann spielte er oft Personen, die älter sind als er. Und da entdeckt Moullet vor allem das Thema Alter und Verfall, allerdings bevorzugt in den Filmen von Ford und Hawks. Diese Themen gibt es in Waynes eigenen Produktionen nicht. Und da fragt sich nicht nur Moullet, ob Wayne nicht vielleicht doch nur deshalb als Schauspiel-Autor erscheint, weil die Regie-Autoren dafür gesorgt haben?

Cary Grant, für Moullet der beste Schauspieler der Welt, ist besonders berühmt für seine Ehekomödien, genauer gesagt für seine Wiederverheiratungskomödien. Er ist fähig zu düsterer Unbeweglichkeit, aber auch zu sehr physischem Spiel, besonders in eben diesen Komödien. Moullet bezeichnet ihn als Schauspieler der Dualität, und hier wird Moullet leider doch biographisch, denn er führt dies auf die vermutete, nie bestätigte, aber auch nie bestrittene Bisexualität Cary Grants zurück und konzentriert seine Analyse sehr darauf. Laut der Tochter Grants amüsierten diesen solche Gerüchte sehr. Vielleicht war es ihm eben einfach völlig egal, was andere über ihn dachten. Und so habe ich ihn immer als jemanden bewundert, der sowohl diese ambivalenten Rollen wie in Hitchcocks „Berüchtigt“ spielen als auch sich gleichzeitig hemmungslos zum irren Affen machen kann. Aber im Grunde ist es ja auch für den Zuschauer egal, ob es es eine zweite und tiefere Bedeutung hatte, wenn Grant in „Ich war eine männliche Kriegsbraut“ in Frauenkleidern herumläuft und in „Leoparden küsst man nicht“ im Damenmorgenmantel in die Luft springt und schreit: „Weil ich schwul geworden bin“. Beide Filme sind übrigens von Hawks. Spannend sind auf jeden Fall Moullets Kategorisierungen: die neun „Gestaltungen“ Grants, neun verschiedene Arten zu gucken, den Kopf oder den Körper zu bewegen. Ich will das nicht aufzählen, aber wer Capras „Arsen und Spitzenhäubchen“ oder „Leoparden küsst man nicht“ gesehen hat, kann sich eine Vorstellung davon machen. Das sind übrigens zwei Filme, die ich immer und immer wieder gesehen habe. Und dann denke ich natürlich an Wien, denn das Beste, was ich von einem Wochenende dort in schönster Erinnerung habe, ist ein Kinoabend mit zwei Grant-Filmen: die charmante Geisterkomödie „Topper“ und gleich danach der nie langweilig werdende „Der unsichtbare Dritte“ von Hitchcock. Dass sich der Inhalt meiner Tüte Erdnussflips auf den Boden entleerte, ist mir heute noch unangenehm und unerklärlich. Ich habe aber nicht vom Boden weitergegessen. Dann hätte ich ja nichts mehr sehen können.

James Stewart ist für Moullet der Schauspieler der Hände, ideal für Anwaltsrollen wie in Premingers Klassiker „Anatomie eines Mordes“. Und wie bei Cary Grant liefert Moullet eine präzise Kategorisierung ab, diesmal über die Art, wie Stewart die Hände in welchem Zusammenhang benutzt und welche Bedeutung welche Geste haben kann, demonstriert am Beispiel von Hitchcocks „Das Fenster zum Hof“. Moullet empfiehlt übrigens, Stewarts Filme ohne Untertitel zu gucken, da einem sonst das oft am unteren Bildrand sich einschmuggelnde Spiel der Hände entgehen könnte. Stewart machte ja eine interessante Entwicklung in seiner Karriere durch. Erst ist er in Filmen wie Capras „Mr. Smith geht nach Washington“ der junge und naiv-idealistische Durchschnittsbürger, der vom System hereingelegt wird. Dann ist er unter anderem bei Hitchcock der distanzierte Durchschnittsbürger, der sich allenfalls um seine Familie, aber nicht um die Gesellschaft kümmert. Dann in den harten Western von Anthony Mann ist er im Alter plötzlich der Aggressive, Zynische, der, der andere hereinlegt.

Und so wie Moullet das allen vier Stars gemeinsame Prinzip des „Underplaying“ betont, so unprätentiös, präzise und gleichzeitig gehaltreich ist auch sein Buch. Außerdem ist es unterhaltsam und sogar witzig. Und das ist eine Qualität, die man nicht oft in theoretischen Werken findet. Es lädt daher zum Nochmallesen ein. Hoffentlich in diesem Leben, wenn ich schon 22 Jahre bis zur ersten Lektüre gebraucht habe. Es sei denn, es gibt nach dem Tod tatsächlich Bücher. Im Grundschulalter war das meine einzige Sorge. Ob es im Himmel Bücher gibt. Ich hatte echte Angst, mich nach meinem Ableben zu Tode zu langweilen. Später hatte ich dann panische Angst, es gäbe im Jenseits kein Bier. Vermutlich hatte ich deshalb das Bedürfnis, dermaßen auf Vorrat zu trinken. Diese Wandlung im menschlichen Bewusstsein heißt übrigens Erwachsenwerden und ist ein Zeichen echter Reife.

Zwischendurch habe ich noch in meinen alten Ausgaben der „Cahiers du Cinéma“ gewühlt, denn irgendeinen Sinn muss es ja haben, dass sich ein Teil meiner Wäsche im Badezimmer stapelt, weil im Schrank einfach zu wenig Platz ist. Man muss halt Prioritäten setzen. Auch das gehört zum echten Erwachsensein dazu. Aber auf jeden Fall habe ich in einer Anzeige entdeckt, dass damals im Oktober 1993 anlässlich des Erscheinen des Buches eine Reihe von Filmen im Pariser Kino „Grand Action“ lief. Und am 1.Oktober wurde in Anwesenheit des Autors H.C. Potters „Mr. Lucky“ mit Cary Grant gezeigt. Voller Entsetzen habe ich festgestellt, dass ich den nicht kenne. Das muss sich ändern. Unbedingt.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0