Charles Bukowski / "Hollywood"

Charles Bukowski, portrait by italian artist Graziano Origa, pen&ink+pantone, 2008 [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Charles Bukowski, portrait by italian artist Graziano Origa, pen&ink+pantone, 2008 [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Charles Bukowski war ein Philosoph, allerdings einer von der illusionslosen Sorte, deshalb muss er auch nicht viele Worte verlieren und hat keine Werkausgabe bei Suhrkamp. Die Welt ist halt, wie sie ist, und da kann man seiner Meinung nach nicht so schnell was dran ändern. Zur Rassenproblematik: „Schwarze, die nichts hatten, haßten. Und Weiße auch. Nur wenn sie zu Geld kamen, hielten sie es miteinander aus.“ (S.100) Zur Klassenfrage: „In einer kapitalistischen Gesellschaft machten die Verlierer die Sklavenarbeit für die Gewinner, und gebraucht wurden mehr Verlierer als Gewinner.“ (S.101) Das Einzige, was einem da hilft, ist das Trinken. Und das Schreiben. Und der Autor sitzt immer „als Beobachter am Rande des Geschehens“ (S.191). Da, wo er nach Bukowskis Meinung hingehört. Es gibt wenig Schriftsteller, bei denen der Wahnsinn der menschlichen Existenz so entspannt und heiter beschrieben wird. Einfühlsamer und mitfühlender als bei so vielen der sozialrealistischen, weltverbesserischen Autoren, die ja allzu oft doch nur ihr eigenes ideologisches Süppchen kochen oder auf dem Rücken der Welt ihre psychischen Probleme ausleben. Ich erinnere mich an die Dichter-Doku „Poetry in Motion“ (1982), die mal im Kommunalen Kino in Kiel lief. Da waren beispielsweise die ganzen Beatnik-Dichter, die irgendwas redeten, was ich sofort wieder vergaß, und dann war da Bukowski mit seiner angetrunkenen Bodenständigkeit. Er war der einzige Normale unter einem Haufen von Wichtigtuern. Er war der, der er war. Die anderen spielten bloß eine Rolle.

Und wenn ich hier aus "Hollywood" mit Seitenzahl zitiere, dann aus der deutschen KiWi-Erstauflage von 1990. Ist lange her, dass ich in einen Buchladen gestürzt bin, um die Neuerscheinung eines lebenden Autors zu kaufen. Eigentlich kenne ich, seit dem Tod von García Márquez und Fuentes, gar keine fiktionalen Bücher lebender Autoren mehr – außer von James Ellroy, aber auf dessen detailreiche Kriminalromane konnte ich mich Ende der 90er nicht mehr richtig konzentrieren. Ich war zu weggetreten. Den sollte ich auch mal nachholen.

"Hollywood" erzählt die Entstehung des Films "Barfly" (1987): Bukowskis Roman-Ich, Hank Chinaski, bekommt einen Anruf von Regisseur Barbet Schroeder, hier Jon Pinchot genannt, der möchte, dass er ein Drehbuch schreibt. Erst will er nicht, doch schließlich setzt er sich an die Arbeit und das Thema ist er selbst in einer Zeit, über die er noch nicht so viel erzählt hat. Als er wirklich irre war und sich regelmäßig unter dem Gejohle der anderen Gäste vom Barkeeper einer verlotterten Bar verprügeln ließ. „Hollywood“ ist ein souveränes Alterswerk von jemandem, der nichts mehr beweisen muss und der zufrieden feststellt, dass noch genug Saft da ist zum Schreiben: „Lasst euch nichts einreden. Das Leben beginnt mit 65.“ (S.74) Na gut, Bukowski will ich das mal glauben. Es gibt da so ein 66-Jahre-Lied, von einem weniger vertrauenswürdigen Typen. Da dachte ich immer, wenn der das singt, dann stimmt was nicht an der Aussage.

Und es ist wirklich ein spannendes und aufschlussreiches Buch über das Innenleben Hollywoods, vor allem aber das der Außenseiter-Produktionsfirma Cannon und ihrer beiden durchgeknallten Chefs, den Cousins Menahem Golan und Yoram Globus, über die ja vor einiger Zeit zwei aufschlussreiche Doku-Filme herausgekommen sind. Und wer will, kann natürlich auf der Wikipedia-Seite des Buches nachlesen, welche prominente Figur sich jeweils hinter welchem Pseudonym verbirgt, und das sind wirklich alles sehr treffende und schöne Charakterisierungen, oft voller Sympathie, vor allem von Mickey Rourke und Faye Dunaway. Und es gibt unglaublich komische Szenen, beispielsweise die, in der Pinchot sich einen Scherz macht, und Chinaski und seine Frau in einen albern-verlogenen Film der Anonymen Alkoholiker lockt, wo die beiden dann, zunächst ahnungslos, unter all den Trockenen ihre Weinflaschen leeren.

Aber vor allem ist „Hollywood“ das Porträt eines besessenen Filmregisseurs. Denn Chinaski lernt einen Mann kennen, dem hinterher gleich das ganze Buch gewidmet wird: Pinchot-Schroeder, dem er staunend dabei zusieht, wie der gegen unglaubliche Widerstände seinen Film durchsetzt. Denn da Hank Chinaski sowieso kein Kino, und schon gar nicht Hollywood, mag, ist er nicht der Meinung, dass ein Film so viele Qualen und Mühen wert wäre. Pinchot sieht das ganz anders und ist bereit, sogar seine Finger zu opfern, wenn die Produzenten weiterhin Widerstand leisten. Mit einer kurz vorher im Baumarkt gekauften Motorsäge in der einen Hand, die Klinge an der anderen, verhandelt er mit dem zuständigen Anwalt – und setzt sich durch. Dann zieht Pinchot mit einem Schauspielerfreund nach Venice, ins Schwarzenghetto. Er lädt Chinaski voller Begeisterung mit den Worten ein: „Krieg und Zerstörung auf den Straßen. Es ist toll.“ (S.99) Barbet Schroeder, der sich vor dem Thema Trinken in „Barfly“ ja mit „Tricheurs“ (1984) und „More“ (1969) schon der menschlichen Schwächen Spielen und Heroin angenommen hat, liebt extreme Themen und Personen. Eine legendäre Doku über den wahnsinnigen Schlächter von Uganda, Idi Amin, stammt von ihm.

Wenige Filme finden Gnade vor Bukowskis Augen, der mit dem Hollywood-Glamour der 30er aufwuchs und damit so gar nichts anfangen konnte. „Das verlorene Wochenende“ (1944) soll nach einer ironischen Aussage von Ehefrau Sarah – in Wirklichkeit Linda Lee – der letzte Film sein, den er wirklich gemocht hat. Und plötzlich hat er an einem ähnlichen Klassiker mitgewirkt. Mit „Barfly“ und „The lost Weekend“ kann man tolle Filmabende machen und kräftig mittrinken. Die zwei erfolglosen Schriftsteller, deren Hauptbeschäftigung eher die Selbstzerstörung als die Erlangung des Nobelpreises ist, sind sehr inspirierend. Da weiß man als junger Mensch, wie man vermutlich endet. Allerdings gibt es den Unterschied, dass der Alkohol in „Barfly“  der Kreativität hilft, in „Das verlorene Wochenende“ jedoch von der Arbeit abhält. Im Kino habe ich „Barfly“, wenn mich nicht alle Gehirnzellen im Stich lassen, mit Udo R. und Christian V. im Monpti in Paderborn gesehen – na Volti, liest du das hier vielleicht mal?? Außerdem habe ich festgestellt, dass die deutsche Erstaufführung am 7.1 1988 war. Zur selben Zeit ist auch die CD „If I should fall from grace with God“ von The Pogues – mein Soundtrack der nächsten 15 Jahre – erschienen. Die Sterne müssen günstig gestanden haben. Und „Barfly“ ist das einzige ausgeliehene VHS-Video, an dessen Rückgabe ich mich ganz genau erinnern kann, weil die Videothek im dänischen Hillerød schon mittags ihren Kram zurückhaben wollte und ich, nach einer qualvollen Drahteselsuchodysee durch die Schulgänge, fürchterlich verkatert auf einem schrecklich schwer zu tretenden Fahrrad die unendlich lange Frederiksværksstraße hin und her radeln musste. Wir hatten den Film zu mehreren geguckt. Denn am Wochenende konnte man den Video-Schlüssel kriegen. Im Allgemeinen bekamen wir den auch. Aber manchmal war da die pädagogische Ton- und Theater-Tante, die meinte, wir sollten etwas Sinnvolleres machen. Also Trinken und Rauchen ohne Filmegucken. Die hatte übrigens einen Kerl, der immer die linke Tageszeitung „Information“ aus dem Leseraum klaute. Vermutlich verstand sie das unter sinnvoller.

Hollywood“ handelt auch von einem Chinaski, dem geraten wird, sein Geld bloß auszugeben, um keine Steuern zahlen zu müssen. Also werden ein dickes Auto und ein Haus angeschafft. Und dann ist da natürlich die Ehefrau, die ihn auf gesunde Ernährung und Rotwein umgestellt hat. Alles, damit er ein paar Jahre länger lebt, aber das sei okay, dann könnte er noch besser werden beim Schreiben. Denn man ist ja nie gut genug. Bukowskis Bücher sind voll von schönen Darstellungen sehr sympathischer Frauen. Was ich übrigens nie verstanden habe, ist, warum Bukowski als Frauenfeind galt oder gilt. Aber solche Vorwürfe fallen nur zurück auf eine Frauenbewegung, deren Absurditäten so offensichtlich geworden sind, dass jedes weitere Wort überflüssig wäre, wenn mir nicht in dem Zusammenhang einfallen würde, dass ich allmählich tatsächlich das böse Gefühl kriege, dass meine äußerst kritische Betrachtung eines über weite Strecken einfach nur schlechten Filmbuches einer links-feministischen Professorin nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift erscheinen wird, die ich jetzt nicht nenne, falls ich mich doch irre. Dieses Nichterscheinen wäre immerhin das erste Mal in zehn Jahren. Kann ich denn was dafür, dass die Alte eine durchideologisierte und böse Quoten- und Gesinnungsprofessorin ist?

Ein bisschen Angst hat Chinaski schon, plötzlich so zu werden wie die, die er hasst. Hollywood hat schon andere Autoren ruiniert. Aber ihm hat es offensichtlich nicht geschadet. Das gelungene Buch „Hollywood“ ist der Beweis. Dennoch will er nicht noch mal für die Filmindustrie arbeiten. Die ist ihm zu irre. Aber mit dem unumkehrbar Arriviertsein geht es ja manchmal schneller, als man denkt. Man kann übrigens auch arriviert erscheinen, ohne es tatsächlich zu sein. Das wird dann echt ein Problem. Dann kauert man ratlos zwischen allen Stühlen. Da fällt mir die Geschichte von einem Autor ein, dessen Name ich auf seinen Wunsch hin nicht sagen darf, der es mal mit bürgerlich und angesehen probieren wollte, und plötzlich als zu seriös dastand. Als eine Chefredakteurin, der er ein Artikelthema vorgeschlagen hatte, ihre Befürchtung zum Ausdruck gab, er schreibe nicht oberflächlich genug – sie nannte das „akademisch“ – war dieser Autor, der sich selbst bloß als nutzlosen Penner betrachtete, ehrlich erstaunt. Machten seine Anschreiben und seine Homepage wirklich so einen seriösen Eindruck? Aber dann war er auch irgendwie erleichtert. Wenn er eh unerwünscht war, dann konnte er auch so richtig doll schreiben, was er dachte. Oder besser gesagt, was man so denken könnte. Denn eigentlich dachte er nichts mehr, weil ihm sein Ich zu seiner vollsten Zufriedenheit längst abhanden gekommen war. Das würde dann auch keiner veröffentlichen wollen, aber dazwischen konnte er nicht. Dazwischen, das war war lahm, belanglos und „lau“, und die Vertreter diese Gattung mag Gott gar nicht: „Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“ Vielleicht wäre Müllsammeln doch eine sinnvolle Alternative. Darüber könnte man dann ja auch schreiben.

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