Butler Parker

Das Erste, was mir aufgefallen war, war ein Regenschirm, der sich seltsamerweise nicht im Flur befand, sondern griffbereit über der Rückenlehne des Stuhls mir gegenüber hing. Dort saß auch in einem gelungenen Balanceakt ein altmodischer Hut, eine Melone. Zwischen mir und dieser gepolsterten Sitzgelegenheit befand sich ein reich gedeckter Frühstückstisch, über den ich ganz alleine verfügen durfte, denn ich saß da ganz einsam. Zur Betrübnis eines sich ständig in meiner Nähe befindlichen Butlers verschmähte ich das meiste, was dort zu finden war, aber er verzog keine Miene angesichts meiner Sonderwünsche wie einer asiatischen Suppe oder grünem Tee statt dem bei ihm üblichen schwarzen. Nur als ich nach dem Truthahnsalamibrot ein alkoholfreies Bier wollte, da kam selbst der Butler für einen Moment ins Stocken. Er beugte sich leicht zu mir herunter, als würden wir belauscht und niemand sollte seine Worte hören.

„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, dann könnte man Sie trotz des fehlenden Alkohols mit so einer Frühstücksgewohnheit für einen Trinker halten.“

Mein noch etwas müdes Gesicht hellte sich auf. Das Leuchten wurde von den weißen Wänden reflektiert und löste ein kurzes Lichtblitzen aus.

„Meinen Sie wirklich? Ach, wie schön wäre das, wenn mein Ruf darunter leiden würde, aber ich fürchte, man wird mich trotzdem für unrettbar ernst und seriös halten.“

Der Butler gab es auf und stand schon wieder ganz gerade, wie es seine Gewohnheit war: 

„Das alkoholfreie Bier wird sich gleich vor Ihnen auf dem Tisch befinden.“

Eine Überdosis Romanhefte hatte mein Leben wieder einmal aus der schiefen Bahn geworfen. Diesmal war Butler Parker schuld gewesen. Wie hatte ich eigentlich vergessen können, wie amüsant diese Hefte waren? Und irre-skurril wohlgemerkt, so wie in „Butler Parker und der Geigenklau“ (Neuauflage Nr.70), wo ein verrücktes Ex-Klavierwunderkind sämtliche Musikkultur in San Francisco zum Erliegen bringen will und Musiker mit einer Violinensaite erdrosselt. Und Lady Simpsons Fahrt mit dem Sattelschlepper in „Parkers Ferien mit den Ratten“ (Nr.155) ist ein über alle Maßen komisches Paradestück von Autor Günter Dönges. Und gerade als ich über all das einen ganz sachlichen Blogbeitrag schreiben wollte, wurde mir schwummerig, ich verlor das Bewusstsein und das Telefon klingelte. Oder war es andersherum? Hatte ich vorher schon geschlafen und geträumt? Aber das weiß man ja auch sonst nie so genau.

Auf jeden Fall erinnerte ich mich hinterher – in welchem Bewusststeinszustand auch immer ich gewesen sein mochte – an eine kurze, aber deutliche Morddrohung der Gender-Studies-Gang mit das berüchtigte ProfessorX als Gangsterboss. Etwas verstört legte ich den Hörer auf. Wie ich wusste, war deren Ziel die Verbreitung von Sprachverwirrung und Sprachterror, um in einer Atmosphäre der Angst und Unsicherheit eine Herrschaft des Gender-Verbrechens zu errichten. In meiner vermutlichen Bewusstlosigkeit brauchte ich dringend Hilfe, und während ich so tat, als wüsste ich, was ich tun sollte – ich würde also nur noch ein paar Mal durchatmen, um dann richtig loszulegen – klingelte es an der Tür. Ein Schreck durchfuhr mich wie eine Dampflokomotive die Kinoleinwand. Ich schaute durch den Spion und wiederholte diesen Vorgang noch zweimal, während ich mir jedes Mal ungläubig die Augen scheuerte, bis sie tränten. Vorsichtig öffnete ich, machte mich auf einen Gender-Hinterhalt gefasst und hatte schon vorsorglich mit dem Leben abgeschlossen. Dort stand tatsächlich jemand, der aussah wie Butler Parker, wie er leibte, lebte und es für alle Zeiten tun wird! Er sah einfach genauso aus, wie Autor Günter Dönges ihn zu beschreiben pflegte. Altersloses, glattes Gesicht. Tadellose ungerührte Haltung. Auch die Kleidung mit Melone und Regenschirm war absolut passend. Selbst die Zuflucht, die er mir verschaffte, ähnelte dem Penthouse seines ehemaligen jungen Herrn, dem Anwalt Mike Rander, der sich immer darüber beklagt hatte, dass sein Butler ein Talent dafür hatte, Kriminalfälle auszugraben oder einfach nur über sie zu stolpern. Und machte dann doch mit.

Als ich dann schließlich mein alkoholfreies Bier getrunken hatte, räusperte sich der Butler.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie gerne lesen?“

„Ja, das ist doch klar. Ich liebe Ihre Abenteuer.“

Das ignorierte er:

„Nein, ich meine Bücher anderer Art. Sogenannte höhere, anspruchsvolle Literatur.“

„Ja, auch richtig, haben Sie das jetzt geraten?“

„Nein, ich wollte nur sicher gehen, dass ich es nicht mit einem – entschuldigen Sie die Ausdrucksweise, aber in diesem Fall möchte ich es präzise definieren – mit einem krankhaften Kleptomanen zu tun habe, der ohne Sinn und Verstand seine Wohnung mit Büchern vollstellt.“

„Oh, Sie haben sich bei mir umgesehen?“

„Ist es möglich, dass Ihnen zumindest eines der Bücher in Ihrer Wohnung nicht gehört?“

„Wie meinen Sie das?“

„Ja, ich fand in einem der Bücher einen Stempel, der auf eine andere Regalzugehörigkeit als die Ihrige schließen lässt.“

„Ach, da sind bloß viele ausrangierte Bibliotheksbücher. Die sind immer so schön billig.“

„Nein, davon spreche ich nicht. Ich rede von einem aus einer Schule stammenden Buch.“

Jetzt ahnte ich, worauf er hinauswollte. Hatte er alle meine Bücher durchgeguckt oder war es einfach der typische Parker'sche Spürsinn, auch wenn ich ja nicht sicher wusste, ob er es wirklich war?

Da ich nichts erwiderte, legte er nach:

„Da stand etwas von Goerdeler-Gymnasium und Paderborn.“

„Oh, sie meinen „La Peste“ von Albert Camus? Ja, aber das habe ich nicht gestohlen. Ich würde ja nie sagen, dass es mir gehört. Es ist nur eine Leihgabe.“

Der Butler schaute mich unbeweglich an.

„Ich will damit sagen, ich habe das nicht gestohlen. Ich habe es nur nicht zurückgegeben, weil die Schule es nicht wiederhaben wollte. Es stand nach Ende meiner Schullaufbahn nicht auf der Liste der von Lehrern ausgehändigten Bücher, die ich zurückgeben sollte. Also habe ich es als freundliche Leihgabe betrachtet, damit ich meine Schulzeit nicht so schnell vergesse. Da wollte ich es also nur behalten, bis sie sich irgendwann bei mir melden würden, um es zurückzuverlangen. Das haben sie nie getan. Es war also sogar ein ganz liebes Abschiedsgeschenk. Ist das nicht nett?“

Der Butler sagte immer noch nichts, was mich etwas nervös machte, bis er sich endlich räusperte und meine Argumentation kommentierte: 

„Das betrachte ich als äußerst kreative Ausrede, wenn ich mit die Bemerkung gestatten darf, aber es bleibt doch eine Ausrede.“

Dann passierte etwas, was jedenfalls diese peinliche Situation unterbrach. Lauter Krach ließ mich aufschrecken. Der Butler hingegen blieb ungerührt und griff nach Regenschirm und Melone, als hätte er die ganze Zeit nur darauf gewartet. Türen wurden aufgebrochen, Fenster splitterten und vier Furien standen in den vier Ecken des Zimmers. Zwei wildgewordene Damen visierte der Butler schnell hintereinander mit der Spitze des Schirms an und durch das eingebaute Blasrohr hatten sie plötzlich jede einen Pfeil in den Oberschenkeln, dessen Pfeilgift ihnen schnell die Energie raubte. Sie brachen zusammen. Eine dritte Frau bekam die Spitze des Schirms in den Magen und brach keuchend zusammen. Die Letzte wurde mithilfe der mit Stahlblech gefütterten Wölbung der Melone kopfanästhesistisch betäubt. Rückblickend hätte ich gerne ein paar scharf gewürzte Lebensmittel auf die Augen der Gegnerinnen geschleudert, so wie Butler Parker es in „Parker und die grünen Witwen“ (Nr.73 Neuauflage) äußerst elegant bewerkstelligt, doch der Angriff war ungeheuer schnell vorbeigegangen. Aber es war schön zu sehen, dass es das alles in Wirklichkeit gab und nicht nur eine unterhaltsame Erfindung war.

Hinterher, während der Butler die vier Damen zu grimmig keuchenden Wurstpaketen verschnürte, schien mir die Stimmung etwas gelockert, und ich versuchte, ihn nach den Romanheften über ihn und sein Verhältnis zu deren Autor Günter Dönges zu befragen. Doch ich bekam nicht einmal die Bestätigung, dass er es tatsächlich war. Außerdem war der Mann ein Meister darin, nicht zuzuhören oder scheinbar das Falsche zu vernehmen. Er erzählte mir immer etwas, was mich nicht sonderlich interessierte. Nur bezüglich seiner jetzigen Herrin, einer exzentrischen älteren Dame, sagte er kurz etwas Erfreuliches. Die würde ich nämlich ein anderes Mal treffen. Das hob meine verwirrte Stimmung. Dabei konnte es sich doch nur um Lady Agatha Simpson handeln. Als ich sagte, dass es dann also eine Fortsetzung geben würde, antwortete er, dass dies ja schließlich auch der Sinn der ganzen Sache sei. Und da hört meine Erinnerung schon wieder auf. Entweder verlor ich erneut das Bewusstsein oder wachte endlich auf.

Als ich zumindest den Eindruck hatte, die Augen zu öffnen, saß eine Literatur-Heilpraktikerin an meinem Bett und schaute mich vorwurfsvoll kopfschüttelnd an.

„Du wolltest doch einen Blog über die Bücher deiner Vergangenheit schreiben.“

Was für eine Diskussion so kurz nach dem Erwachen. Ich nickte aber gehorsam:

„Ja. Und?“

„Da hattest du doch an all die schönen Bücher von Goethe, Schiller, Bang oder Strindberg gedacht, nicht wahr?“

Was sollte das? Wo führte das hin?

„Zuerst, ja, irgendwie“, sagte ich vorsichtig unbestimmt.

„Und wieso bleibst du jetzt bei diesen Romanheften stecken und liest nichts anderes mehr?“

„Weil es so unterhaltsam ist, dass es süchtig ma...“

Au weia, das Wort hätte ich besser nicht benutzen sollen. Das ist Wasser auf den Mühlen solcher Heilberuf-Gestalten, die ihre eigenen Krankheits-Wortschöpfungen für Wirklichkeit halten. Weise und gnädig vorwurfsvoll nickte sie, als hätte sie mich beim Süßigkeitendiebstahl erwischt. Dann guckte sie plötzlich sehr konzentriert aus dem Fenster, hinter dem der Abend schon mal der Nacht das Bett bereitete. Sie zog die Stirn kraus, als wäre da etwas äußerst Erstaunliches zu entdecken. Doof und naiv, wie ich bin, folgte ich ihrem Blick und sah dann in der Scheibe, wie die Frau plötzlich aufstand, ans Bett trat und einen schweren Gegenstand in die Höhe hob. Ich drehte mich schnell um und sah ihren wild flackernden Blick. Über mir schwebte drohend ein Wörterbuch der gegenderten Sprache als gewaltiger Totschläger. Und plötzlich entdeckte ich den Butler, der zu meiner Rettung hinter einer Trennwand hervortrat und den Kopf der Literatur-Heilpraktikerin eine unliebsame Bekanntschaft mit dem mit Blei ausgegossenen Bambusgriff seines Schirms machen ließ. Zufrieden schaute er zu ihr herunter und murmelte: 

„Hab ich's doch gewusst.“

Und dann öffnete ich schon wieder die Augen und saß plötzlich vor dem Computer und starrte auf den leeren Bildschirm, der auf einen ernsten und seriösen Blogbeitrag über die Heftromanserie Butler Parker wartete.

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