Sacha Guitry / "Roman eines Schwindlers"

"Roulette casino" By Oniff (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
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„Roman eines Schwindlers“ („Mémoires d'un tricheur“, 1935) von Sacha Guitry beginnt mit einer echten Familientragödie. Ein kleiner Junge verliert alle seine Angehörigen: 11 Tote und ein Überlebender also. Er weiß gar nicht, wie man um so viele Menschen trauern soll. Und nur, weil er aus der Kasse des elterlichen Ladens ein bisschen Kleingeld gestohlen hatte, durfte er nicht von dem leckeren, aber leider tödlich giftigen Pilzgericht essen, dessen vermeintliche Champignon-Zutaten der stumme Onkel gesammelt hatte. Trotz ärztlicher Bemühungen verenden nach und nach alle qualvoll, der stumme Onkel sogar schreiend. Seltsamerweise scheint dies aber das Dorf doch irgendwie zu beleben. Der kleine Junge hat den Eindruck, dass die Bewohner das Gefühl bekämen, jetzt „mehr Luft zum Atmen“ zu haben. Und er macht sich so seine eigenen Gedanken „über Gerechtigkeit und über Diebstahl“. Denn er ist „am Leben, weil er gestohlen hat“ und die anderen sind „tot, weil sie ehrlich waren“. Das ist die erste, etwas verwirrende Lektion fürs Leben in diesem kleinen, schnell und leicht zu lesenden Buch, das auch den alternativen deutschen Titel „Tagebuch eines Schwindlers“ hat. Guitrys eigenhändige Verfilmung von 1936 hingegen heißt ebenfalls „Roman eines Schwindlers“, was den Originalfilmtitel „Le Roman d'un tricheur“ adäquat wiedergibt.

Aber eigentlich liest man Sacha Guitry nicht. Und eigentlich ist er kein Prosaautor. Am besten sieht man ihn. Und hört ihn vor allem – diesen brillanten, ironischen und geistreichen Schauspieler, Dramatiker und Filmemacher. Von Mitte der 30er bis zu seinem Tod 1957 drehte er – neben seiner Arbeit als König des Pariser Boulevardtheaters – einen Film nach dem anderen. Guitry ist im Gegensatz zu seinen französischen Autoren-Filmemacher-Kollegen Marcel Pagnol und natürlich Jean Cocteau wenig bekannt in Deutschland. Aber seine Stücke wurden hierzulande ja auch selten aufgeführt. Das mag einerseits daran liegen, dass er selbst darauf keinen Wert legte, denn er mochte Deutschland nicht, aber es hat sicher auch mit der schweren Übersetzbarkeit zu tun. Nicht rein sprachlich, das ist nicht das Problem. Aber wer auch nur einen Guitry-Film gesehen hat, wird die besondere Sprachmelodie erkennen, die man nicht so einfach ins Deutsche übertragen kann.

In „Roman eines Schwindlers“ beschreibt ein Spieler seinen Lebensweg von seiner Kindheit als Waise bei einem abscheulichen Onkel und einer abscheulichen Tante, von Jobs in Restaurants und Hotels der Provinz und in Paris, über die Arbeit als Croupier in Monte-Carlo bis zu einer Existenz als Falschspieler, die ganz plötzlich ein jähes Ende nimmt. Er wird ehrlich und als Konsequenz – Spieler. „Roman eines Schwindlers“ ist vor allem ein Loblied auf den Zufall und wie schön es ist, diesen nicht auszuschließen. Denn hinter den Betrachtungen des Buches über das Spiel steckt ja im Grunde eine ganze Lebensphilosophie. Wer nach System spielt, versucht, laut Guitry, den Zufall auszuschalten, wer betrügt, setzt sich an dessen Stelle. Und mit beidem bringt man sich um den ganzen Spaß, denn es ist seelenlos, lieblos. Ehrlich spielen hingegen heißt, sich dem Zufall auszuliefern. Dass man so auf die Dauer vermutlich verliert, ist egal. Es gibt ja immer die Hoffnung zu gewinnen. Nach Guitry birgt der Gewinn von 1000 Francs das Versprechen auf eine Million. Deshalb ist das Buch auch dem Zufall gewidmet, einem von Guitrys „besten Freunden“.

Mit Ironie, Witz und scheinbar widersprüchlichen Pointen die träge herrschende Moral zu entlarven, zu verdrehen, darin war Sacha Guitry ein Meister. Und hier gibt es sogar ein letztes Kapitel mit dem Titel „Moral“. Da verteidigt der Erzähler das ehrliche Spielen gegen alle Gegner und Vorurteile. Und die Argumente sind unbestechlich. Spielen sei kein Beruf? Ist denn der Kauf von Aktien, um sie dann wieder zu verkaufen, ein Beruf? Das erinnert mich ganz nebenbei an den Arbeiter-Poeten Merle Haggard, der in seiner Autobiographie schreibt, im Büro zu sitzen und sich mit Kollegen zu unterhalten, sei keine Arbeit. Man hat Guitry oft einen Zyniker genannt, wobei das Problem darin besteht, dass das ein Allerweltswort geworden ist, welches alles und nichts gleichzeitig bedeutet. Man setzt es heute mit Sarkasmus und bösem Spott gleich. Guitry kleidet unbequeme Wahrheiten in geistreiche, ironische, wohlformulierte Wendungen. Und immer wieder geht es um den äußeren Schein und das wahre Wesen des Menschen. Anlässlich des bösartigen Onkel-Tanten-Paars, in deren Augen der Junge den Wunsch, ihn tot zu sehen, sah, stellt er fest, dass „ebenso wie man Mörder werden kann, ohne die Seele eines Kriminellen zu haben, denke ich, dass man die Seele eines Mörders haben und kein Verbrechen begehen kann.“ Und damit sagt er auf seine weltliche Art nicht viel anderes als Swedenborg, der feststellte dass es Leute gibt, die nach gesellschaftlichen Maßstäben ihr ganzes Leben korrekt führen oder nach außen hin ständig etwas für andere tun, aber deren Innerstes sie doch in der Hölle landen lässt. Und Michael Cimino recherchierte für seinen Film „Sunchaser“ (1996) im Gefängnis bei Mördern und sagte hinterher im Interview, dass er dort die nettesten Menschen der Welt getroffen hätte.

„Einen Zyniker vor dem Herrn“ hat mich U.K. – nein, nicht United Kingdom – mal vor langer, sehr langer Zeit genannt. Nicht dass der Ausdruck mir nicht gefallen hätte, und er war durchaus nett gemeint, und er hat ja auch etwas von, na ja, nicht gerade von Franz von Assisi, so doch etwas von den Blues Brothers, die ja im Auftrag des Herrn unterwegs waren. Aber ich war erstaunt. Sehr erstaunt. Baff. Ich weiß nicht mal mehr, was für eine Bemerkung ich da losgeworden war, irgendwas Unbedeutendes, zwar vermutlich irgendeine selten ausgesprochene Tatsache, aber schließlich in der passenden Umgebung, wo keine empfindlichen Gefühle auf dem Spiel standen. Das ist kein Zynismus. Aber im Grunde ist es besser, im echten Leben einfach zu schweigen. Man macht sich damit keine Freunde, aber auch nicht unbeliebt. Und ich weiß nicht so recht, warum ich das alles hier schreibe. Ich sollte ein Schweigegelübde ablegen und mich dem Yoga und der Meditation widmen. Doch man kann seinem Schicksal eben nicht entfliehen. Aber zu Franz von Assisi, der mit den Tieren gesprochen hat, ist es noch ein weiter Weg. Wenn meine Stofftiere mir irgendwann antworten, sage ich Bescheid. Dann schreibe ich einen Beitrag über Brehms Stofftierleben.

Düsterere Züge kamen in Reinform erst nach dem Krieg in Guitrys Werk. Denn 1944 wurde Guitry als Kollaborateur verhaftet. Ohne Grund und obwohl es nicht einen einzigen Beweis gab, musste ausgerechnet dieser so patriotische Mann, der, im Rahmen des Möglichen, auf größtmögliche Distanz zur deutschen Besatzungsmacht Wert gelegt hatte, ein dreijähriges Berufsverbot über sich ergehen lassen. Das war für ihn auch einer dieser Augenblicke, wo man erkennt, dass das Wort Freundschaft in Krisenzeiten eine rasend schnelle Halbwertzeit hat. Würde Atommüll so schnell zerfallen, bräuchten wir keine Endlager mehr. Einer seiner besten und bösesten Filme, „La Poison“ (1951), handelt von der Justiz und der Ehe. Mit beidem hat Guitry nicht die besten Erfahrungen gemacht. Ein alter Mann geht zu einem erfolgreichen Staranwalt und behauptet, dass er seine Frau umgebracht hätte. Durch die Fragen des Anwalts weiß er, wie er anschließend die Tat begehen soll. Er wird freigesprochen. Und ist doch seiner Frau nur zuvorgekommen. Denn beide lauerten nur darauf, den anderen loszuwerden. Aber das ist auch kein Zynismus, das ist pure ironische, wahrhaftige Bosheit, sodass es die reine Freude ist.

„Roman eines Schwindlers“ gehört zu der Sorte „Bücher für Leute, die keine Bücher lesen“. Daher ist es ein ideales Geschenk, auch wenn es das Buch nur noch gebraucht gibt. Vielleicht kann man ja einen passenden, frischen Umschlag basteln. Unter Umständen aus Geldscheinen, oder, noch passender, aus falschen Geldscheinen. Auch Kinder könnten daran ihre Freude haben, zusätzlich für die lieben Kleinen noch ein schönes Roulettespiel, einen frischen Satz Spielkarten und alkoholfreien Sekt, um stilecht Monte-Carlo zu spielen. Alle Eltern der Welt müssen doch dankbar sein, wenn die hoffnungsvollen Sprösslinge den elektronischen Geräten den Rücken kehren und sich für das echte Leben begeistern.

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