C.H. Guenter / "Die Noris-Banditen" + "Mister Dynamit"

Nürnberg, Towers of St. Sebald and the Castle as seen from St. Lorenz, from south, 2004-09-24. CC. Wikimedia (Keichwa)
Nürnberg, Towers of St. Sebald and the Castle as seen from St. Lorenz, from south, 2004-09-24. CC. Wikimedia (Keichwa)

Der Mann, der Kommissar X erfunden hat – und Mister Dynamit: C.H. Guenter! Von 1959-1964 schrieb er mit an Kommissar X und danach bis 1992 Mister Dynamit. Jeden Monat ein Taschenbuch über den BND-Spitzenagenten Bob Urban, der immer mal wieder im Alleingang die Welt ein bisschen weniger unsicher machte. Also eigentlich ist Guenter – bürgerlich Karl-Heinz Günther – eine Legende des Kriminal- und Spionageromans und der deutschen Populärkultur. In den USA wäre er vermutlich bekannter und schon zu Lebzeiten gefeiert worden. Aber so, als Deutscher, ist er ein relativ anonymer Autor geblieben, sieht man einmal von dem gepflegten Foto auf der Rückseite von jedem Mister Dynamit ab. Kaum Interviews und Auftritte in der Öffentlichkeit. Und so ist es umso verdienstvoller, dass C.H. Guenter in den Jahren vor seinem Tod doch noch eine gewisse Ehrung erfuhr. Erst einmal gab es 1999 anlässlich von 40 Jahren Kommissar X eine Jubiläumsbuchausgabe des 1966 auch verfilmten Heftromans „Drei gelbe Katzen“, außerdem erschienen einige unveröffentlichte Mister-Dynamit-Romane. Beim Blitz-Verlag gab es dann kurz nach Guenters Tod 2005 mit „Die Noris-Banditen“ noch etwas Außergewöhnliches, einen autobiographisch inspirierten Roman, der gleichzeitig einen Überblick über Guenters Schaffen vermittelt. Eingeschoben sind drei Romane: eine historische Liebesgeschichte, eine Landser-Story und ein Mister-Dynamit-Roman, wobei der Held hier umgetauft wurde. Aus Urban wurde „Remarc“, was rückwärts gelesen Cramer heißt. Und das ist der Name des Titelhelden von „Die Noris-Banditen“. Aber eigentlich dürfte „Remarc“ ja von „Remarque“ inspiriert sein, dem deutschen Autor mit französischen Wurzeln. Wie bei Guenter, dessen Mutter Französin war.

Ein Großteil von „Die Noris-Banditen“ spielt in Nürnberg, Guenters Geburtsstadt. Noris, das heißt Nymphe und ist ein alter, sinnbildlicher Name für Nürnberg. Das Buch ist keine Autobiographie. Der Klappentext nennt es „Lebensroman“. Hauptfigur ist, wie erwähnt, Curt Cramer, ein Gymnasiast, der dann zum Krieg eingezogen wird, nach dem großen Weltmassaker internationaler Jazz-Trompeter wird und schließlich auf die Schreiberei umsattelt. Das ist alles sehr unterhaltsam, sehr präzise sprachlich erfasst. Der Schulteil ist, wie zu erwarten, am lustigsten. Da sind zwei Freunde, zwei Mädchen, eins, mit dem Cramer in den Wald geht, und eins, in das er eigentlich verliebt ist, die aber die Freundin eines Freundes ist. Und natürlich all die seltsamen Lehrer, die einen durch den Unterricht geschleppt haben. Aber schon hier fragt man sich zwischendurch, was ist wirklich passiert, was ist Wunschdenken? Hat er tatsächlich mit seiner Lateinlehrerin geschlafen? Oder hätte er gerne mit seiner Lateinlehrerin geschlafen? Oder hätte er sich bloß zur Abwechslung mal eine Lateinlehrerin gewünscht, deren Hüftbewegegungen man als Schüler „wie Brausepulver schlürft“? Aber das ist das Spiel, das der Autor treibt, der dem Ganzen eine Vorbemerkung vorangestellt hat, deren erster Absatz schon die Freude an diesem literarischen Versteckspiel ausdrückt: „Dieser Roman ist reine Phantasie mit einer Spur Wahrheit. Oder Wahrheit mit einer Spur Phantasie. Menschen, Schauplätze und Ereignisse wurden verändert. Nicht verändert wurden im Grunde Menschen, Schauplätze und Ereignisse.“

Es fängt schon gleich wunderbar an mit einem Schulwandertag, diesem Massenstampfen durch Flora und Fauna. Wir hatten mal einen Folterknecht als Klassenlehrer, der behauptete, dass an einem Wandertag gewandert werden müsse, es hieße ja schließlich „Wander“. War der nicht bei Amnesty International aktiv, um dort seine Methoden zu erlernen? Ich erinnere mich nicht, aber egal. Da ist also ein singender Mathelehrer und um ihren „Häuptling“ herum eine Traube von Schülern. Und dazu Guenters treffende Beobachtungsgabe: „In seiner Nähe sowohl jene Schüler, die stets den Dunstkreis der Lehrer suchten, als auch andere, die dies tun mußten, weil sie miserabel im Differentialrechnen waren.“ Ja, wer kennt das nicht als irritierter Beobachter aus der Ferne. Dieser gerade zitierte Satz steht auf der zweiten Seite und da wusste ich gleich: Ich mag dieses Werk.

Mit Kriegsbeginn 1939 wird ja alles anders für die fröhlich-übermütige Schüler-Gruppe, die Silvester auf dem Turm der Sebalduskirche feiert, wozu laut Jazztrompete geblasen wird. Über 1938 stellt Cramer sich rückblickend die Frage, ob es eine glückliche Zeit oder der Anfang vom Ende war. Das dicke Ende kommt jedenfalls erst einmal mit dem Krieg. Dann folgt die Nachkriegszeit und eine „verlorene Generation“ sucht in den Trümmern ihren Platz im Leben. Soweit man überlebt hat. Eine direkte Anspielung im Buch auf die „verlorene Generation“ der 20er kommt nicht von ungefähr. Hemingway war wohl Guenters Lieblingsautor. „Die Noris-Banditen“ ist vielleicht Guenters „Fiesta“ (1926, „The Sun also rises“). „Die Noris-Banditen“ ist aber auch eine Liebeserklärung an das alte Nürnberg, das vom Krieg zerstört wurde: „Nürnberg war ein verkohlter Leichnam, bei dem man die Knochen eingesammelt und sortiert hatte.“ Mit dem neuen Nürnberg kann Cramer nichts mehr anfangen. München wird später seine neue Wahlheimat. Später, also nach dem Herumziehen als Musiker, dem Spielen mit den Größen der Jazz-Welt. Und da träumt sich der Autor natürlich einiges zurecht. Außerdem erklärt er sich vielleicht auf die Weise, dass er auch bei einer Jazz-Karriere letztendlich beim Schreiben gelandet wäre. Aber es gibt ja noch einen anderen, berühmteren Deutschen, der über nicht erlebte, große Dinge in den Weiten Nordamerikas phantasiert hat: Karl May. Der große, kräftige, blonde Deutsche als Held. Dass der Film-Old-Shatterhand Lex Barker auf der Leinwand ebenfalls Mister Dynamit verkörperte, wenn auch leider nur wenig erfolgreich ein einziges Mal, ist dann auch irgendwie passend.

Der Zweite Weltkrieg taucht in der Story „Begegnung im Niemandsland“ auf, die in den 60ern schon in der Zeitschrift „Landser“ erschienen ist. Sie handelt nicht von Guenters eigenen Erinnerungen, die aber sicher in seine vielen U-Boot-Romane eingeflossen sind. Diese „Begegnung“ ist nicht nur eine spannende, manchmal absurde Geschichte mit interessanten Charakteren, sondern auch nebenbei eine lehrreiche Geschichtslektion über die gescheiterte deutsche Ardennen-Offensive 1944. Vier Soldaten, drei Deutsche und ein Amerikaner, stecken gefangen in einem zerbombten Keller fest. Die Stadt gehört mal den Deutschen, mal den Amerikanern. Abwechselnd wird daran gearbeitet, die Eingeschlossenen zu befreien. Die Geschichte ist eine kleine, präzise und gefühlvoll erzählte Geschichte, die ich jetzt als potentielle Schullektüre preisen würde, wenn nicht der gemeine Deutschunterricht zu dem Zweck erfunden worden wäre, den Schülern das Lesen auszutreiben. Mir war übrigens nicht klar, dass sich im „Landser“ solche Schätze verstecken. Hätte ich mehr von lesen sollen, habe schließlich genug dieser dicken Sammelbände von Opa weitergereicht bekommen. Das Gegenstück zu dieser tragisch-fatalistischen Kriegsgeschichte ist die im 15.Jahrhundert spielende Liebesgeschichte „Elisabeth und Achilles“. Aber auch hier scheitern die Träume letztendlich an der unerbittlichen Wirklichkeit. Der Adelige braucht wegen seiner politischen Verantwortung eine andere Gattin, also gibt es von Seiten der Geliebten eine Trennung. Die Geschichte ist nicht wirklich spannend zu lesen, auch wenn sie einige sehr schöne Stellen enthält, aber Guenter war wohl in diesem Genre eher ungeübt. Dennoch ist es interessant, den die Liebe als das einzig Wahre preisenden, den reinen Romantiker Guenter zu erleben, der allerdings nie das nüchterne Gefühl für die vermeintlichen Tatsachen des Lebens vergisst. So erfährt man zwar nie, was entgegen aller Wahrscheinlichkeit vielleicht doch möglich gewesen wäre, aber das war eben Guenters Weltsicht.

In „Noris-Banditen“ taucht keine Analyse der Nazis auf. Cramer ist unpolitisch. Zwar ist der Vater Kommunist, aber er selbst interessiert sich nur für Jazz und Mädchen. Ein jüdischer Freund verschwindet plötzlich, aber das hat für sein Denken keine weiteren Konsequenzen. Den Schwachsinn von Postkartenmaler Rudolf Hitler findet er sowieso schon unerträglich genug. Mehr geht nicht. Seine Haltung zu den Anhängern des Nationalsozialismus kommt wohl am ehesten in einem SA-Kameradschaftstreffen, einer Umschreibung für ein totales Besäufnis, heraus. Aber wenn man kein Geld hat und es Freibier gibt, dann begibt man sich auch in diese Gesellschaft, was gefährlich ist, da man unter Umständen plötzlich sein Mundwerk nicht mehr unter Kontrolle hat und bei der HJ-Führung zum Verhör vorgeladen wird. Guenters Spionageromane um Mister Dynamit sind natürlich pro-westlich, anti-kommunistisch, aber das betrifft eher die abstrakten Ideologien. Bei den Menschen macht er keine Unterschiede. Da gibt es in „Elisabeth und Achilles“ ein schönes Zitat. Der Vater sagt zu seiner Tochter, die sich in den Feind verliebt hat: „Man soll Menschen nie danach beurteilen, wie sie uns schaden oder nützen, ob die politischen Standpunkte die unseren sind oder nicht … Der Mensch wird nicht gemessen nach der Seite, auf der er kämpft, sondern wie er kämpft. Oft geschehen Grausamkeiten unter dem Mantel einer großartigen Idee, geschieht Abscheuliches unter dem Banner der Menschlichkeit. Ich denke an den großen Kaiser Karl und die Sachsen.“ So schreibt Guenter auch in Mister Dynamit über die Gegner des westlichen Bündnisses, für das Agent Urban mit aller Entschlossenheit eintritt.

Um Mister Dynamit habe ich mich damals nicht gekümmert. Ich las aber auch kaum James Bond, sondern Malko. „S.A.S. Malko“ von Gérard de Villiers. Das dürfte an dem Film gelegen haben, der 1983 in die Kinos kam. Und außerdem denke ich, dass ich in dem Alter einen verarmten österreichischen Adeligen als Spion cooler finden musste als einen BND-Agenten. Hätte es aber eine kultige Filmreihe gegeben, wie die um Kommissar X, wäre mein Interesse allerdings bestimmt geweckt worden. Aber natürlich finden sich die typischen Gemeinsamkeiten wie internationale Krisenherde, die atomare Bedrohung. Und wie bei Malko oder Bond kann kaum eine Frau Bob Urban widerstehen. Diese Szenen behandelt Guenter unverklemmt, aber nicht zu ausführlich. Zusätzlich zu dem Mister-Dynamit-Roman „Der Alexandria-Irrtum“, der sich in „Die Noris-Banditen“ versteckt, habe ich in meinem unstillbaren Forscherdrang drei weitere dieser Bücher gelesen. „Der Alexandria-Irrtum“ ist ein Ostseeroman, der an meinen Lokalpatriotismus appelliert: Kiel und seine U-Boote spielen eine wichtige Rolle. Es geht um ein abhörsicheres Kabel, dass die Sowjets im Meer verlegt haben und an das man heran will. „Im Rosa Schatten der Venus“ (1983), der zuvor in dem Nackedei-Magazin Neue Revue erschienen war, handelt von einer Entführung des US-Präsidenten und einer unwiderstehlichen russischen Verteidigungsministerin. „Die rote Linie“ (1982) zeigt die Jagd nach einem abgestürzten Atombomber irgendwo in der nordafrikanischen Einöde. „In Bombay – wenn ich noch lebe“ (1987) geht es um die Jagd nach einem Chemiker, der ein Gegenmittel gegen Radioaktivität gefunden hat. Verfasst ist das in einen angenehm einheitlichen, zuverlässigen, knappen Stil mit atmosphärisch treffenden internationalen Milieu- und Landschaftsbeschreibungen. Über die Liebe Guenters zur Technik stolpert man ständig. Ob U-Boot, Panzer oder ganz gewöhnlicher Automotor, es gibt immer sogar für Idioten wie mich nachvollziehbare Detailbeschreibungen. Im Ganzen sind sind es immer noch sehr gut lesbare Bücher, die aus heutiger Sicht betrachtet eine praktische Lektion in Sachen Kalter Krieg erteilen, einer Zeit, die rückblickend so angenehm übersichtlich erscheint.

Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe und mal kurz bei Amazon und Abebooks gucke, gibt es von der auf 999 Exemplare limitierten Auflage der „Noris-Banditen“ nur noch ein gebrauchtes Exemplar für 20€. Und außer dem Pflichtexemplar, das die Deutsche Nationalbibliothek hat, hatte vor zehn Jahren offensichtlich keine einzige UB Interesse an diesem Buch. Nicht einmal die UB Nürnberg-Erlangen. Dabei sind unsere Bibliotheken voll von populären Autoren aus dem Ausland. Die haben es eben leichter, als Literatur akzeptiert zu werden. Ich hatte übrigens Glück, bekam „Die Noris-Banditen“ für sage und schreibe 1,40€ bei Amazon. Als hätten sie nur auf mich gewartet gehabt.

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