Männer lesen TOBY GIN

Tribune Building Chicago, von Enrique Lamarca (taken by author) [Public domain], via Wikimedia Commons
Tribune Building Chicago, von Enrique Lamarca (taken by author) [Public domain], via Wikimedia Commons

Ich saß aufrecht und mit großen erstaunten Augen im Bett. Vor einer Sekunde hatte ich noch geschlafen. Jetzt war alles anders. Das Weltbild, das ich noch vor ein paar Stunden gehabt hatte, war erschüttert. Wie naiv ich gewesen war! Ich hatte tatsächlich immer gedacht, Toby Gin gäbe es gar nicht in Wirklichkeit. Ich hatte allen Ernstes idiotischerweise angenommen, der Romanheftheld und Kriminalreporter der Chicago News – im Heft mit „k“ – wäre eine Erfindung eines Mitarbeiters des Kelter-Verlages, der einen oder verschiedene Autoren daran hätte schreiben lassen. Jetzt aber war mir in der Nacht verkündet worden, dass es Toby Gin wirklich gab. Ich sollte ihn in Chikago treffen. Ja, tatsächlich, das hatte mir ein Mann, der vor altertümlichen, laufenden und laut ratternden Druckerpressen gestanden hatte, in kurzem Telegrammstil erzählt. Es waren im Grunde nur Stichworte gewesen, die mein träumendes Bewusstsein aber zusammengesetzt hatte. Der Mann hatte nicht einmal direkt gesagt, ob er selbst Toby Gin sei, aber ich wusste es einfach. Und nach und nach wurde mir einiges klar: Deshalb hatte ich über Toby Gin nie etwas herausfinden können, so wie bei Kommissar X oder Jerry Cotton, wo inzwischen viele Autoren bekannt sind. Toby Gin hingegen war immer ein Geheimnis, ein unauflösbares Mysterium geblieben. Aber auch die manchmal nicht so perfekte Sprache erklärte sich auf diese Weise. Das waren natürlich alles schluderige Übersetzungsfehler aus dem Amerikanischen. Aber wieso war Toby Gin nicht gealtert? Und wieso hat es in den Staaten nie eine Chikago News gegeben? Ich würde es schon herausfinden. Kommt Zeit, kommen Rat und noch mehr blöde Sprüche.

Als ich Toby Gin zum ersten Mal las, war seine literarische Zeit, die hauptsächlich von 1961-1964 ging, schon lange vorbei. Die Serie hatte in der Reihe „Kelter Krimi“ begonnen. Ab Heft 27 hatte sie dann bis zur Nummer 100 in Form von gelben Heften mit einem Filmfoto als Coverbild eine eigene Reihe. Diese alten Hefte kannte ich gar nicht, kann mich auch nicht erinnern, sie früher auf dem Flohmarkt je gesehen zu haben. Aber dann gab es Toby Gin noch einmal 1980-1981, diesmal als Neuauflage der „Kelter Krimis“ in der Reihe „Kelter Thriller“, immer abwechselnd mit einer anderen Reihe, die „Hello Amboss“ heißt, die ich, wie ich zugeben muss, überhaupt nicht kenne, die aber ebenfalls eine lange Geschichte zu haben scheint. Sucht man nach dem Titel, findet man auch alte Leihbücher. „Hello Amboss“ war rot und „Toby Gin“ grün. Diese grünen Hefte hatte ich zuerst bei einem Dänemarkurlaub in den Händen. Ein Strandkiosk verkaufte die. Sobald ich solche grünen Hefte sehe, riecht die Welt für mich nach kalter Nordsee mit hohen Wellen, großen weiten Dünenlandschaften, Muschelsammeln, vertrockneten Seesternen, Sand zwischen den Zehen und einer kleinen Spielhalle mit Videospielen, für die man in Dänemark nicht 18 sein musste. Die gelben Hefte haben diesen Effekt nicht. Pawlow wäre stolz auf mich. Ich funktioniere so gut wie seine Hunde. Auch wenn ich es natürlich ein bisschen ausgeschmückt habe.

Ich wollte Mr. Gin wirklich gerne fragen, warum seine Reihe nur so kurz erschienen war. Wäre schön, wenn es zu einem meiner Lieblingsserienromane auch etwas Filmisches gegeben hätte. Lag es an den geringen Verkaufszahlen oder gab es einen Grund, der bisher nicht öffentlich gemacht werden durfte? Und warum hatte sich Toby Gin jetzt gerade mir offenbart? Vielleicht weil ich mich die letzten Monate auf die richtige Wellenlänge gebracht hatte. 14 Hefte mit dem Kriminalreporter der Chicago News hatte ich zwischendurch gelesen. Denn Toby Gin machte mir immer noch viel Spaß: Der schreibende Einzelgänger im Großstadtdschungel, der manchmal aber auch im Rest der Staaten recherchierte. Dann dachte ich daran, dass die Tatsache, dass es Toby Gin wirklich gab, ja nicht bedeutete, dass er alles tatsächlich so erlebt hatte. Da waren schon seltsame und sich manchmal jeder Wahrscheinlichkeit widersetzende Fälle, die aber zugegebenermaßen die interessantesten sind. Beispielsweise „Der Teufel hatte blaue Augen“ (Band 36), das ist pure Schauerromantik. Aber warum nur diese gedankenlos rassistischen Aussetzer in Bezug auf die Figur einer schwarzen Köchin? Dafür gab es dann, wie zur Wiedergutmachung, eine ungeschminkte Geschichte über rassistische Morde in den Südstaaten: „Richter Lynch regiert“ (Band 72). Ein Heft, für das man dort damals in manchen Gegenden vermutlich geteert und gefedert oder Schlimmeres geworden wäre. Neben weißen Killern und Ku-Klux-Klan-Besessenen wandert auch ein radikaler Schwarzenführer namens Malcolm XX durch das Heft. Ob das ein Pseudonym für eine reale Person ist? Immer schön sind auch Geschichten im Umfeld der Psychiatrie: „Was ist mit Dr.Tompkins los?“ (Band 54) mit dem horrorfilmartigen Untertitel „Toby Gin, viertausend Irre und ein Mörder“. Wie üblich bei dem Thema stellt sich die Frage: Wer ist irrer, der Arzt oder der Patient? Und sind nicht all die geldgierigen und ehebrecherischen Familienmitglieder die wahren Irren? Oder zwei spannende und verzwickte Geschichten im Schauspielermilieu: „Am Tag als der Henker kam“ (Band 81) und „Treibjagd auf Jacky“ (Band 82).

Aber ich musste ja nach Chicago und das ohne Geld. Guter Rat war mehr als teuer, bis ich den erlösenden Einfall hatte. Ich rief den Enkel von Arsène Lupin an, der für mich einen guten Tipp hatte, so dass ich billig davon kam. Ich packte schnell ein paar Sachen in eine gebrauchte Plastiktüte, die ich meiner Sammlung gut zusammenfaltbarer und extrem leichter Reisetaschen entnahm, und ging dann Richtung Nord-Ostsee-Kanal. Langsam spazierte ich über den Rungholtplatz und ging quer über den Kreisverkehr, wo mich mal nachts fast ein Auto umgefahren hätte, dessen Fahrer man bei der Fahrschule ganz offensichtlich nicht erklärt hatte, wie so ein Kreisverkehr funktioniert. Ich wette, der Typ fand das lustig, wie ich weggehüpft bin, während er bestimmt glaubte, ganz regulär links abgebogen zu sein. Da wäre ich fast als Zeitungsnotiz geendet. Aber immer noch kein Fall für einen Toby Gin. Da hätte es sich um einen wildgewordenen Serienkiller handeln müssen, der nachts auf Menschenjagd geht, weil er ein schweres psychotisches Trauma hat vom Unfalltod seiner geliebten schwarzen Katze: „Das Auto war seine Waffe – Toby Gin und ein motorisierter Dämon“. Wo ich wieder beim Thema wäre.

Unten an dem leerstehenden Café ging ich rechts den Fußweg entlang und schaute durch die Bäume auf den Kanal herunter, wo gerade ein Frachtschiff neben mir herschlich. Plötzlich kam mir ein Eskimo entgegen, der mich nach dem Weg fragte. Er hatte in der eisigen Einsamkeit Grönlands verschwinden wollen, sich aber verlaufen und war irgendwie hier gelandet. Jetzt wollte er erst einmal ein Bier trinken gehen. Auf Dänisch konnte ich ihm weiterhelfen. Aber wo er Carlsberg Ice bekäme, wusste ich nicht, da ich nicht mehr so auf dem Laufenden war. Er trottete weiter zur nächsten Bushaltestelle. Dann erreichte ich mein Ziel, einen großen Pfeiler der großen Kanalbrücke, in der es eine unsichtbare Tür gab, durch die man in einen kleinen Schacht gelangte, der zu einer unterirdischen Anlegestelle für Mini-Tret-U-Boote führte. Dort lagen drei Exemplare festgetäut, aber nur eins war verwendbar. Ich sollte den von da Vinci entworfenen Atomantrieb nur im äußersten Notfall benutzen. Denn er war leider nicht sicher und mir war geraten worden, nur bei äußerster Lebensgefahr darauf zurückzugreifen. Dann wäre es ja egal, wenn es mich zerstäuben würde. Blieb also nur das eigenfüßige Treten und das Warten auf die richtigen Schiffe. Erst eins, das mich aus dem Kanal schleppte und dann eins, das mich über den Atlantik brachte. Zu diesem Zweck war das Tret-U-Boot mit einer magnetischen Harpune ausgestattet. Und ich hatte wirklich Glück, es klappte wie am Schnürchen. Unterwegs ernährte ich mich von Astronautennahrung, die ich für den Notfall immer zwischen Maggi Rindsbouillon und Knorr Delikatessbrühe im Küchenschrank stehen habe.

Ja, und im Handumdrehen war ich in Chicago. An einer einsamen Stelle in der Nähe des Stadtrands versteckte ich mein Tret-U-Boot. Dann ging ich Richtung Innenstadt. Den Stadtplan hatte ich mir genau eingeprägt. Erst fiel es mir gar nicht auf, weil ich nur auf den Weg achtete. Dann schaute ich mich zwischendurch etwas bewusster um: Da war also Chicago. War das Chicago? Alte Autos, alte Kleidung, klassische Frisuren. Aus einer Bar drang Roy Orbisons „Pretty Woman“. Ich summte mit. Ein Hit von 1964. Ich blieb an einem Kiosk stehen und schaute die verschiedenen Titel durch. Da hing ganz oben die „Chicago News“ mit der Jahreszahl – 1964. Die Zeitung gab es also doch, aber da war kein „Chicago Tribune“. Ich war in einer anderen Welt gelandet. Hatte mich die Magie der Romanhefte in ein Paralleluniversum transportiert? Nicht, dass mir das unangenehm gewesen wäre. Bloß schwer verständlich. Aber ich suchte erst mal nur die Bar „Stars and Stripes“. Die Füße wurden langsam müde, doch schließlich hatte ich sie vor mir und trat ein.

Und da saßen sie. Ich erkannte sie sofort allesamt. Amanda Tear, die „Tränentante“, die für die Klatschspalte zuständig war. Butch, der wohlhabende Ex-Gangster aus Corleones Zeiten, der immer noch gerne als Beobachter des Mileus in der Ecke sitzt. Nosy, der FBI-Agent mit den ständigen Frauengeschichten. Leutnant Penny, Toby Gins Ansprechpartner bei der Polizei Chikagos. Mit manchen anderen da versteht er sich gar nicht so gut. Und man hat auch schon versucht ihn auszuschalten. Mr. Daber, der geizige Chefredakteur, den Toby Gin gerne zur Weißglut treibt. Und schließlich selbstverständlich Toby Gin, den ich aus meinem Traum kannte. Ich setzte mich und hatte so viele Fragen. Da klingelte das Telefon am Tresen. Der Barkeeper winkte Toby Gin herbei. Der eilte hin, hörte nur kurz zu.

„Alles klar!“ und er legte auf.

Er trat an den Tisch und guckte mich an.

„Ein Mord. Willst du mitkommen?“

„Aber ja!“ sagt ich, ohne zu zögern. Vielleicht konnte ich die Heftromanreihe jetzt fortsetzen!

Ich strahlte über das ganze Gesicht. Aber nur ganz kurz. Bei einem Mord strahlt man nicht.

(Folgt Fortsetzung?)

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