Herman Bang / "Tine"

Frederik Visby: Bewohner von Sonderburg auf der Flucht während des Bombardements
Frederik Visby: Bewohner von Sonderburg auf der Flucht während des Bombardements

Lieblingsautoren kommen und gehen, wechseln – zumindest bei mir – mit Alter und Lebenslage, manchmal sogar ganz banal mit wechselnden Stimmungen. Oder es ist einfach der, den man gerade liest. Aber es gibt wenige, die ich nicht nur gerne lese, sondern auch so praktisch bewundere wie Herman Bang. Nicht dass er nicht auch Heiteres wie „Sommerfreuden“ (1902) verfasst hätte, aber niemand hat über düstere Themen wie Verfall, Untergang und die Zerstörung von Harmonie so intensiv und gleichzeitig temporeich geschrieben. Das Miterleben, die Gefühle werden vor allem im Kopf des Lesers erzeugt – einfach durch die Dialoge, den Gang der Handlung, also durch das, was die Figuren tun und sagen, nicht so sehr durch ausuferndes Eintauchen in ihr Seelenleben. In wie vielen Büchern wird uns nicht ausführlich mitgeteilt, was die Menschen fühlen, ohne dass diese Emotionen auf den Leser überspringen. Wird erzählt, dass eine Person traurig ist, dann beobachtet man sie oft nur beim Traurigsein. Es ist dann unser empathischer Verstand, der uns befiehlt, Mitleid zu empfinden. Bang hingegen nimmt den Leser mit, weil er alles im Hinblick auf diesen und die Wirkung auf ihn geschrieben hat. Auch Bang gönnt sich natürlich Blicke in das Innere seiner Figuren, berichtet von ihren Emotionen, aber er bohrt nie zu tief, wird nie zu ausführlich. Dabei hält er immer die Waage zwischen Distanz, die oft von einer leichten Ironie durchzogen ist, und Mitgefühl. Er legt sich weder genüsslich in morbide Stimmungen hinein, noch bleibt er mitleidlos und rein beobachtend.

 „Tine“ (1889) ist ein wunderbares Beispiel für diese unnachahmliche Schreibkunst. Und „unnachahmlich“ meine ich wortwörtlich, denn Bang ist nicht einfach nachzuahmen. Man kann höchstens das Prinzip seiner formalen Technik übernehmen. Viele Autoren haben einen eigenen Stil mit gewissen Eigenarten. Das kann man oft imitieren, kopieren wie ein Gemälde. Auch auf die Gefahr hin, dass ich es in diesem Blog schon einmal erwähnt habe: Im Deutschunterricht wurde ich in der Oberstufe einmal dafür kritisiert, dass ich nicht immer einen sachlichen Stil verwenden würde. Wenn es um Hölderlin ginge, würde es ein bisschen nach Hölderlin klingen, ginge es um Thomas Mann, ein bisschen nach dem. Das war als Kritik gemeint. Ich dachte nur erfreut, oh, wie schön, so ist es ja doch viel lustiger. Und hatte natürlich überhaupt nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. Wie denn auch? Ich hätte ja der staatlichen Freude am schulischen Seelenmord nachgeben müssen. Was ich damit aber sagen wollte, ist: Bei Herman Bang wäre mir das unmöglich gewesen. Er hat keinen typischen, auffälligen Sprachstil. Alles ist scheinbar ganz einfach, einfach kurz beschreibend mit vielen treffenden, einer großen Personengalerie individuell angepassten Dialogen. Die Technik besteht vor allem in der Auswahl und der Zusammenstellung dessen, was der Leser erfährt und wiederum zu einem großen Bild zusammensetzt. Die Leerstelle ist hierbei ungeheuer wichtig, wie überhaupt bei den sogenannten skandinavischen literarischen Impressionisten des späten 19.Jahrhunderts. Da reichen oft die berühmten drei Punkte: ...

 „Tine“ sollte eigentlich bloß mein Gegengift zu Bornedals Fernsehserie „1864“ sein, über die ich hier gar nicht weiter schreiben will. Was mich gestört, was mir gefallen hat, das steht alles in meiner Kronik in der Flensborg Avis. Meine Absicht war also eigentlich gar nicht gewesen, endlich wieder einmal gezielt Herman Bang zu lesen. Ich hatte immer das Gefühl, seine Bücher gut zu kennen und wusste ja, er ist gut und wusste, warum er das ist. Er verkörpert für mich eine ideale Art zu schreiben. Aber dennoch war ich erstaunt, als ich „Tine“ in den Händen hatte. Beim ganzen theoretischen Wissen um seine Brillanz hatte ich tatsächlich ein bisschen vergessen, wie großartig er wirklich ist.

 „Tine“ spielt genau zu jener Zeit während der Belagerung und Schlacht auf den Dybbøler Schanzen. Also 1864. Das war die Zeit der Nationalstaaten. Der Bürgerkrieg in den USA für die Einheit der Union war noch in Gang. Deutschland begann sich zu sammeln, 1961 war das Königreich Italien gegründet worden. Und in Dänemark meinte die liberale Regierung, Schleswig solle ganz zu Dänemark gehören und nicht nur unter dänischer Verwaltung stehen. Holstein und Lauenburg sollten zum Deutschen Bund. Das widersprach nicht nur internationalen Verträgen, außerdem sollten Schleswig und Holstein bekanntlich „up ewig ungedeelt“ sein. In Tom Buk-Swientys Buch „Schlachtbank Dybbøl”, das es auch auf Deutsch gibt, steht irgendwo, dass am Ende doch sogar die Teilung Schleswigs vorgeschlagen wurde, was die Dänen aber ablehnten. Das wäre ungefähr die Grenze von heute gewesen, die dann 1920 nach dem Ersten Weltkrieg festgelegt wurde. Wie idiotisch das im Grunde alles ist. Und wie idiotisch wirken überhaupt so viele Kriege im Rückblick betrachtet.

Bangs „Tine“, das der Mutter gewidmet ist, ist entstanden aus vereinzelten Kindheitserinnerungen. Geboren ist Bang ja 1857 in Asserballe auf der Ostseite der Insel Als. Von dort ist man geflohen und er berichtet im Vorwort von einer Erinnerung aus Horsens, eine stürmische Nacht mit Lärm auf den Straßen: „ – Was ist da – was ist da denn, Mutter? schrien wir. – Da sind die Dänen, die flüchten, sagte Mutter mit ihrer frierenden Stimme, und wir fingen laut an zu weinen.“ Das hatte Einfluss auf ihn: „Ich glaube, dass dieses eine Bild der Flucht und der Hast und der Eile ausgereicht hat, um mein ganzes Leben zu durchdringen. Ich fühle noch seine Minuten der Angst in meiner Feder, wenn ich Zusammensturz, Vernichtung, Tod, Ruin schildere. Schon in meiner allerersten Produktion ist der Eindruck stark genug gewesen, um eine Schilderung zu erschaffen, die 'steht'. Und seitdem hat sich derselbe Eindruck Mal für Mal in Bilder des Ruins verkleidet – bis zu dem Tag, wo er gänzlich die Macht übernahm und gänzlich in diesem Buch ausgeformt werden wollte.“ Denn eines Tages kam plötzlich die gesamte Erinnerung an Asserballe wieder und wurde zu „Tine“: „Dieser Ort, den ich vor dem Krieg verließ, und den ich seit 25 Jahren nicht wiedergesehen habe, lag schließlich mit jedem Weg, jedem Busch in unserem Garten, jedem Raum, jeder Tapete in unserem Haus vor mir. Und ich fand das Dorf mit den Höfen wieder, die da lagen, und die Wege mit den lebenden Hecken und den Kirchplatz mit der Schmiede bei dem kleinen Teich und die Schule, deren Bewohner ich wiedersah.“

Hauptfigur ist Tine, die Tochter des Dorflehrers, die als Hilfe im Haus des Oberförsters Berg arbeitet und fast ein Teil der Familie ist. Doch das ist im Grunde schon Vergangenheit, wenn die Geschichte beginnt. Bergs Ehefrau und Kind fahren gerade mit dem Wagen fort, verlassen die Insel Als mit dem Ziel Kopenhagen, während Tine noch ein Stück weinend nebenher läuft. Das erste Kapitel liefert ein paar Rückblicke an harmonische, idyllische Zeiten. Anfangs ist man in der Bevölkerung noch siegessicher und vertraut auf die Schanzen des Dannewerks im Süden. Mit der Nachricht vom Rückzug beginnt der unaufhaltsame Abstieg. Die Soldaten beziehen überall Quartier. Es folgt das preußische Bombardement. Das Zurückschlagen eines Angriffs macht noch einmal Mut, aber nach und nach siegen nicht nur die Preußen, sondern auch die Depression, die aus den Soldaten apathische Wesen macht, die allenfalls Trost bei willigen Frauen finden. Auch Berg benutzt Tine als ein emotionales Haustier, bei dem man sich mit ein bisschen Wärme und Menschlichkeit auflädt. Sie verbringen auch eine Nacht zusammen. Leider missversteht Tine es. Sie begeht den Fehler, sich Hoffnungen auf echte Gefühle seinerseits zu machen. Das alles ist eingebettet in ein weitverzweigtes Geschehen mit vielen Personen. Tines Vater wird wahnsinnig, überall liegen Verletzte und Sterbende. Ein ewiger Zug an Flüchtlingen zieht durch das Dorf. War Tine anfangs die gute Seele des Försterhofes, kommt sie irgendwann gegen Schmutz und Verfall nicht mehr an. Und so bietet ihre vertraute Umgebung ihr keinen Halt in ihrer Krise. Selbstmord widerspricht eigentlich ihrem ganzen Wesen, aber ganz mechanisch vollzieht sie den Akt trotzdem. Der Tod zieht sie förmlich an: „Gedanken hatte sie nicht – die waren schon tot. Sie bat auch niemanden um Vergebung. Sie wusste nur: jetzt musste es vorbei sein.“ Ein paar Absätze weiter: „Die Angst war unter dem müden Schmerz ihres Herzens gestorben.“ Dann geht sie ins Wasser.

Man könnte ja eigentlich meinen, Bangs Stil eigne sich perfekt für eine Verfilmung. Er ist kurz, präzise; meine dänische Gyldendal-Taschenbuchausgabe von „Tine hat nur knapp 200 Seiten. Da sind die Bilder, die Situationen, die drehbuchreifen Dialoge. Trotzdem. Es gibt eine „Tine“-Verfilmung (1964) von Knud Leif Thomsen und ich will jetzt mit meinen Behauptungen vorsichtig sein, denn ich habe sie nur einmal und das vor längerer Zeit gesehen. Aber das Seltsame ist, dass der Film, der unbestreitbar seine Qualitäten hat, in der Erinnerung etwas von Literatur, leicht abwertend im Sinne von gepflegt und kultiviert, an sich hat. Als würde der Film Bang verlangsamen.

Von Bangs Büchern gab es übrigens viele grässliche Übersetzungen, aber ich glaube, das hat sich inzwischen geändert. Ich erinnere mich an eine Werkausgabe beim Insel-Verlag, der die DDR-Übersetzung herausgebracht hatte. Aus welchem Grund auch immer, denn die ist unverständlich schlecht. Unverständlich, da Bang eigentlich nicht schwer zu übersetzen ist. Man muss ihn im Prinzip nur runterübersetzen. Hauptsache, man behält die Satzstellung bei. Und was machten die DDR-Skandinavisten? Sie übersetzten nicht bloß, in gewisser Weise korrigierten sie ihn, machten den Satzbau handfester, deutlicher, linearer. War Bangs Stil zu subtil für den Arbeiter- und Bauernstaat? Ist feine Ästhetik etwas Reaktionäres? Wollte man den bourgeoisen Dekadenz-Dichter proletarisieren? Die Vorstellung, dass es sich da nicht um Dilettantismus, sondern um Absicht gehandelt hat, ist irgendwie furchterregend. Aber eigentlich gar nicht so unvorstellbar.

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