DDR light: Ann-Kristin Wallengren, „Vällkommen hem Mr Swansson“

von Udo from Berlin, Deutschland (nur die Diktatur braucht Zensur) [CC BY 2.0 (http: //creativecommons.org/ licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
von Udo from Berlin, Deutschland (nur die Diktatur braucht Zensur) [CC BY 2.0 (http: //creativecommons.org/ licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Jetzt wird meine wissenschaftliche Rezension zu Wallengrens Buch also doch nicht veröffentlicht. Dabei sollte ich zufrieden sein. Erstens muss ich nicht bereuen, was ich in meinem Blog-Beitrag über Charles Bukowskis „Hollywood“ über so manche Zustände an der deutschen Uni geschrieben habe. Zweitens habe ich für einen ganz, ganz kurzen Augenblick zu spüren gekriegt, wie man sich in der DDR gefühlt hat, einem Staat, der Meinungsfreiheit und Demokratie als lachhafte Farce gespielt hat. Wie dem auch sei, es begann damit, dass ich gebeten wurde, aus der ersten Version meiner Rezension zu Wallenbergs Buch den polemischen Ton herauszunehmen. Ich strich alle ironischen Ausdrücke und entdeckte zu meiner diebischen Freude, dass die Rezension in ihrer sachlichen Form jetzt viel präziser und treffender war. Ironie hat ja doch immer etwas Versöhnliches. Das entdeckte man wohl auch bei den Oberzensoren. Also bekam ich zur Korrektur unkommentiert eine zur Veröffentlichung bestimmte Version zurück, die in kleinen Details, kleinen Nebensätzen, aber vor allem in ihrem von mir sehr durchdachten Aufbau verändert war und wo der letzte Absatz gestrichen war. Das Ergebnis: Die meisten meiner Worte waren zwar da, aber der Tonfall war jetzt trotz allem richtiggehend nett. Die neue Version gab nicht mehr adäquat mein Leseerlebnis wieder. Und das hat dieses in seinem Wesen grässliche Buch nicht verdient. Was sollte ich denn da korrigieren? Trotzig die vorherige Version einschicken? Diskutieren? Absurd. Wir sind ja noch nicht ganz in der DDR. Wallenbergs Buch ist Ausdruck des Denkens einer längst zombiehaft gewordenen Linken, die mit dem, was ich mal unter "links" verstanden habe, nichts mehr zu tun hat. Das Lustige ist, dass es mir bei der Rezension gar nicht um eine politische Positionierung ging. Es ist einfach der Kommentar zu einem Buch, in dem Ideologie sich verselbstständigt hat und nur noch als Machtmittel der Dummen verwendet wird. Hätte ich auf die Art ein geist- und gedankenlos geschriebenes, rechtes, konservatives Buch angegriffen, glaube ich nicht, dass man sich derart rührendst um den Schutz der Autorin gekümmert hätte.

Ich will hier gar nicht persönlich werden. Das lohnt sich nicht. Es handelt sich hier wie immer ja nur um Symptome, um Menschen, die glauben, sie würden individuell denken, aber doch nur zur eigenen Sicherheit, zum eigenen Wohlergehen, zur eigenen Angstbekämpfung eine herrschende Ideologie verinnerlicht haben und diese mit allen Mitteln schützen wollen, auch wenn die Fakten gegen sie sprechen. Die Ideologie ist austauschbar. Die Linke von heute erinnert mich in ihrer Unfähigkeit zum selbstständigen Denken unglaublich an die katholischen CDU-Mitläufer aus Paderborn. Es geht um Machtzementierung, um Geld, um Posten, um Gesinnungs-Subvention. Und vor allem geht es darum, ein bequemes Leben ohne viel geistigen Ärger zu haben und sich zur Gewissensberuhigung als guter Mensch zu fühlen. Und zwischendurch spielt man großzügig Meinungsfreiheit. Aber nicht zu viel. Und muss das denn in dem Ton sein? Den Spruch kenne ich auch aus Paderborn. Zu viele unversöhnliche Fakten machen immer einen schlechten Ton. Es gab jedenfalls absolut keinen sachlichen Grund, an meiner im Grunde völlig harmlosen Rezension noch einmal Veränderungen vorzunehmen. Hier ging es nicht mehr um die Entschärfung eines polemischen Tonfalls, sondern um eine  Entschärfung des Inhalts. Besonders das Streichen des letzten Absatzes, als wichtige und allgemeine Zusammenfassung, ist Zensur pur. Daher habe ich auch höflich und ohne großen weiteren Kommentar um die Nicht-Veröffentlichung gebeten.

Wie dem auch sei, hier unten befindet sich jetzt die Rezension in der nicht-ironischen Form. Zu mehr Worten zu dem Thema habe ich keine Lust. Vielleicht übersetze ich auch bei Gelegenheit die längere schwedische Textstelle und packe das dann in den Anhang. Dazu habe ich auch gerade keine Lust.

Ann-Kristin Wallengren, Välkommen hem Mr Swanson. Svenska emigranter och svenskhet på film, Lund: Nordic Academic Press 2013, 235 S.

Am Ende ihres Buches verrät Wallengren endlich ganz offen eine der Motivationen für ihre Untersuchung, die sie im Vorwort nur sehr schwach angedeutet hatte. Durch die Darstellung von typischen Erscheinungen, die es während der schwedischen Auswanderung in die USA gab, sollen als negativ empfundene Auswirkungen jetziger Einwanderung nach Westeuropa erklärt und relativiert werden. Da sich die Schweden in den USA mit Vorliebe schwedische Filme und Theaterstücke anschauten, stelle die Tatsache, dass jetzige Einwanderer mit Vorliebe TV-Programme aus der alten Heimat konsumieren, kein Problem dar. Und die Begleiterscheinung Kriminalität wäre ebenfalls nichts Außergewöhnliches. Auch die Schweden hätten damals Banden gehabt und etwa die Iren bekämpft. Beim Verfassen des Buches wurden also aktuelle Entwicklungen und Debatten mitgedacht, wobei sehr oberflächliche Parallelisierungen hergestellt werden.

Ideologiekritik will Wallengren laut Vorwort üben. Repräsentation und Konstruktion der Vorstellungen von Nation sollen anhand des Themas „Schwedische Auswanderung und der Film“ aufgezeigt werden. Wie konstruierte welche Gruppe zu welcher Zeit die Ideale, Werte und das Bild der schwedischen Nation, wobei die Autorin immer auch konsequent die Genusthematik im Blick hat. Das ist eine Zielsetzung mit den aus dem Sozialkonstruktivismus hervorgegangenen Denkweisen und Methoden.

Es ist ja keine Frage, dass in den Vorstellungen von Nation und Geschlecht immer auch etwas von verschiedenen Gruppen, oft der herrschenden Eliten, für die eigenen Machtbedürfnisse konstruiert wurde. Doch Wallengren misst diese ihrer Ansicht nach fälschlicherweise als essenzialistisch betrachteten Konstrukte ständig an ihren eigenen Konstrukten, die man grob mit „multiethnische oder multikulturelle Gesellschaft“ und „Feminismus“ bezeichnen kann. Genau das allerdings begreift man erst im Laufe der Lektüre. Doch sind ihre Konstrukte ja auch Teil ideologischer Machtpolitik gesellschaftlicher Gruppen, man könnte sagen, einer anderen herrschenden Elite. Es ist natürlich legitim, sich einer solchen Zielvorstellung anzuschließen. Doch angesichts der Selbstverständlichkeit, mit der sie damit arbeitet, wirkt es, als betrachte sie ihre eigenen Konstrukte im Gegensatz zu denen der anderen als essenzialistisch. Und dadurch, dass sie ihre Position und ihre Zielsetzung nicht von vornherein offen formuliert und definiert, erweist sie sich als nicht durchdacht oder aber einfach als unehrlich und propagandistisch.

Zur Verstärkung der meinungsbildenden Funktion der Untersuchung werden, neben den erwähnten beiläufigen Verweisen auf die Gegenwart, auch gerne extrem besetzte ideologische Ausdrücke eingesetzt. Wallengren benutzt mit beängstigender Ungezwungenheit Begriffe, die eigentlich in anderem, aggressiverem Zusammenhang angewendet werden. „Nationalistisch“ ist dann gerne automatisch „nationalchauvinistisch“, im Zusammenhang mit „konservativ“ ist auch gleich diese denunziatorische Verbindung hergestellt. Dass eine Filmgesellschaft einen Film mit „schwedischen Volkstypen“ (S.109) besetzen will, ruft bei ihr sofort die Diagnose „skandinavischer Chauvinismus und Rassenbiologie“ (S.109) hervor. Angesichts der etwas peinlich-pathetischen Art, in der Schauspieler Edvard Persson in einem harmlosen Zeitungsartikel mit der Landschaft Skåne verbunden wird, diagnostiziert sie gleich einen Ableger der „Blut und Boden“-Ideologie (S.140). Alles, was sie ganz persönlich für schwedischen Nationalismus, Konservatismus und Patriarchat hält, wird ohne Differenzierungen attackiert. Selbst für ein sich durch Liebe zu Landschaften ausdrückendes, nationalromantisches Heimatgefühl hat sie nichts übrig. Solch eine unpassende und inflationäre Verwendung verwandelt manche Begriffe aber auf Dauer nur in hohle Schlagwörter, die ihre Kraft verloren haben, wenn sie dann im richtigen Zusammenhang verwendet werden sollten.

Dabei enthält das Buch im Prinzip viele interessante Fakten und Erkenntnisse, die in vier großen Kapiteln dargestellt werden:

Att förråda nationen“ liefert einen grundlegenden Überblick über die Ursachen und die Wirkung der Auswanderung großer Teile der schwedischen Bevölkerung ab Mitte des 19.Jahrhunderts. Dies wurde als nationale Katastrophe betrachtet und man nahm den propagandistischen Kampf dagegen auf, wobei auch Filme mit dieser Thematik entstanden. Hierbei wurden die USA oft als gefährlicher Ort gezeigt, an dem naive Menschen ausgeplündert und betrogen werden. Mit der fortschreitenden funktionalistischen Umgestaltung des schwedischen Wohlfahrtsstaates änderte sich diese Einstellung. Die modernen amerikanischen Methoden, die von Rückkehrern beherrscht wurden, waren plötzlich Vorbild.

 „Att hylla svenskheten“ befasst sich mit der Darstellung der Auswanderer im schwedischen Film, vor allem in der schwedischen Komödie der 30er und 40er, die für Wallengren typische Elemente der nationalen Mythologisierung und auch Abgrenzung gegen das Fremde enthalte, so wie es der frühe Western für die USA unternahm.

 „Att bevara svenskheten i det nya landet“ ist die interessante Darstellung der Art und Weise, wie die aus Schweden ausgewanderten Menschen in den USA den geistigen Kontakt zur Heimat hielten. Und dabei waren sie gar nicht an den wirklichen Entwicklungen in Schweden interessiert. Es ging um eine nostalgische Festschreibung eines statischen Nationenbilds. Selbst Literaturverfilmungen wurden vor allem mit den schönen Landschaften beworben, die es dort zu sehen gab. Besonders dieses Kapitel ist aufschlussreich, nicht zuletzt, weil Film in diesem Zusammenhang in der Forschung bisher nicht beachtet wurde. Wallengren hat die damaligen schwedisch-amerikanischen Zeitungen herangezogen und informiert über Kinos, Werbung, Besonderheiten bestimmter Aufführungen und Reaktionen des Publikums.

 „Att bli amerikansk medborgare“ konzentriert sich ganz auf die Darstellung vor allem von schwedischen Auswanderinnen im amerikanischen Film. Diese waren sowohl in der Wirklichkeit als auch im Film auf den Beruf des „Hausmädchens“ festgelegt. Ihnen wurde sogar eine Stummfilmreihe um die Figur „Sweedie“ gewidmet, in denen der nicht sehr grazile US-Schauspieler Wallace Beery eine sehr maskuline Frau spielt, wobei Wallengren dieser Art von Humor mehr als distanziert gegenübersteht.

Eine zentrale und immer wiederkehrende Figur in der Untersuchung ist der Schauspieler Edvard Persson, der auch in den schwedischen Kreisen in den USA sehr populär war, da er ein Vertreter des ländlichen traditionellen Schwedens war, wie man es so gerne in Erinnerung behalten wollte. Aber es geht in Filmen, wie beispielsweise in dem wohl beliebtesten Persson-Film „Kalle på Spången“ (1939), auch um den Widerstand gegen Auswüchse des schwedischen Wohlfahrtsstaats wie ausufernde und bevormundende Bürokratie und absurde Alkoholgesetzgebung. Das gilt für Wallengren aber nicht als berechtigte Herrschaftssatire, wie sie in Volkskomödien nun einmal Tradition ist, und so charakterisiert sie diesen auch heute noch beliebten schwedischen Volksschauspieler, über den 2013 die große Biographie „Jakten på Edvard” erschien, folgendermaßen:

Edvard blev en betydelsefull svenskhetsambassadör, och den svenskhet han inkarnerade var av den konservative, patriarkale, Blut und Boden-romantiska (sic!), antiintellektuella sorten, som inte representerade det moderna, nyskapande, urbana, industrialiserade Sverige som alltmer blev en realitet.“ (S.141)

Wallengrens nicht ergebnisoffener Blick steht auch im Zusammenhang mit ihrer unpräzisen und mitunter rein subjektiven und assoziativen Art zu interpretieren. Ein Kampf zwischen Mann und Frau auf einem Hochhausdach lässt sie an eine Vorwegnahme von „King Kong“ denken. Ein anderes, etwas ausführlicheres Beispiel betrifft den Film „Jens Månsson i Amerika“ (1947). Da gibt es eine Szene, in der der von Persson dargestellte schwedische Provinzbauer, der zum ersten Mal in den USA ist, unerwartet an einer Eingangstür auf einen schwarzen Hausangestellten trifft und diesem die Hand gibt, um sie dann am Rock abzuwischen, als könnte sein Gegenüber abfärben. Dazu gäbe es in der Musik eine Spannungssteigerung. Wallengren sieht hier Verachtung und Rassismus, doch nichts in ihrer Beschreibung belegt das. Da ist ein naiver und unerfahrener schwedischer Bauer, der, ganz zeitgemäß, weder städtische Hausangestellte noch Schwarze kennt und sich dabei sehr seltsam benimmt, aber nach außen hin die Fassung behält. Die Musik kommentiert dann eher ironisch sein unsicheres Inneres, als dass es dem Publikum ein offen rassistisches Zeichen vermitteln soll. Im Grunde weiß die Autorin genau, dass diese Szene ihrer Interpretation nicht entspricht. Deshalb fügt sie hinzu, dass all die Verachtung durch „Gütmütigkeit kamoufliert werde“ (S.85). Wallengrens rein gefühlsmäßige Logik ist also, dass man das, was sie behauptet, zwar nicht direkt sehen und belegen kann, es aber unter der Oberfläche natürlich da ist, da dies nun einmal dem grundsätzlich reaktionären Wesen dieser Art von Kino entspringt.

Doch gerade beim Unterhaltungskino ist es schwierig, korrekt zu interpretieren, wenn man den Untersuchungsgegenstand im Grunde voller Verachtung ablehnt und nur als „dankbares“ (S.11) Material für ideologische Untersuchungen benutzt, mit denen man etwas vorher schon gedanklich Feststehendes belegen will. Dann findet man auch nur das, was man finden will. Und wenn es nicht direkt passt, wird es passend gemacht mit kategorischen Behauptungen und starken Ausdrücken. Daher war in dieser Rezension das Aufzeigen von Wallengrens Vorgehensweise wichtiger als eine ausführliche Diskussion des Inhalts. Denn man muss ihr Buch mit äußerster Vorsicht lesen.

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