Sadegh Hedayat, "Karawane Islam. Die islamische Mission in Europa. Eine Satire"

oder

 

Wie ich nicht über Hedayats "Karawane Islam"

schrieb

xisdom
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Ich stand behutsam balancierend am Abgrund, summte halblaut „This World is not my home, I'm just a-passing through“ vor mich hin und blätterte und las zwischendurch den einen oder anderen Satz in dem Buch, von dem ich vorher den dicksten Staub weggepustet hatte: „Nennen wir diese Karawane Heiliger Krieg des Islam, töten wir die ungläubigen Männer mit dem Schwert und verteilen wir dann ihre Frauen und Kamele unter den Moslems!“ Das war Seite 10. Jetzt Seite 11: „Wenn sie keine Moslems werden, rotten wir sie bis zum letzten aus.“ Und dann noch Seite 14: „Soweit uns in den Überlieferungen berichtet wird, müssen wir die wahren Ziele unserer Religion verschweigen und unsere Pläne verheimlichen. An dieses Prinzip müssen wir uns halten, wenn wir die Ungläubigen überlisten und beherrschen wollen.“ Ich schaute ins Impressum. Das Buch war 1999 herausgegeben worden, geschrieben irgendwie Anfang der 30er, der Verfasser 1951 gestorben. Ich hatte ganz vergessen, dass ich es besaß, ja, dass es so ein Buch überhaupt gab. Noch einmal landete ich auf gut Glück an einer Stelle, diesmal auf Seite 23: „Diese unverbesserlichen Ungläubigen müssen alles neu lernen, oder ihre Nachkommenschaft muss zur Gänze ausgerottet werden, auf dass es nur noch Moslems, die geliebten Diener Gottes, gebe.“ Warum hatte ich es wohl gekauft vor jetzt mehr als 15 Jahren? Sadegh Hedayat. Karawane Islam. Langsam dämmerte es. Also in meinem Kopf. Denn draußen schien weiterhin die Sonne auf den grünen Rasen da unten, auf den ich durch die Ritzen in den Jalousetten herunterschaute. Er sah frisch gemäht aus. Ich hatte gar keinen Rasenmäher gehört. Vielleicht war ich nicht zu Hause gewesen. Oder ich hatte es überhört. Man liegt ja nicht mehr wie in jungen Jahren verkatert im Bett und fühlt sich gestört und gießt erbost ein Glas Wasser nach unten. Älter, weiser und vorsichtig stieg ich die Trittleiter hinunter. Das Buch legte ich auf einen der vielen Stapel auf dem Boden, wo man geduldig auf die Endbehandlung wartete, denn ich war bei der sehr systematischen Staubbeseitigung. Sadegh Hedayat, ja. Ich hatte damals mit Begeisterung ein anderes Buch von ihm gelesen, dessen Titel mir jetzt nicht einfiel.

Der Staub war erst einmal wichtiger. Die Wohnung war stumm geworden, hatte ich den Eindruck gehabt. Als ich genauer hinguckte – und das man muss man ohne Brille, denn sonst denkt man immer voller Seligkeit, alles wäre schon irgendwie sauber – entdeckte ich warum. Staub erdrückte die Stimmen der Bücher wie ein scheinbar sanfter, aber doch äußerst wirksamer Zensur-Maulkorb. Also an die Arbeit. Und Staub wischen, ja tatsächlich, das kommt auch bei mir vor. Und irgendwann gelangte ich dann nach ganz oben unter die Zimmerdecke, da ganz rechts, wo es unten auf dem Fußboden eng wird mit Platz für eine Leiter. Ich hantierte mit Trocken- und Feuchttuch und irgendwie kam ich auch mit dem Staubsauger dran und irgendwann hatte ich dieses kleine Büchlein in der Hand: „Karawane Islam“ von Sadegh Hedayat.

„Kenn ich dich?“, fragte ich.

„Lies mich“, kam als Antwort.

Ich guckte es mir genauer an. Irgendwann musste es jemand schon mal gelesen haben. Ungelesen war es nicht im Regal verschwunden und vergessen worden. Warum verdammt hatte ich es denn jetzt damals gekauft? Und endlich fiel mir der Titel dieses anderen Buches ein: „Die blinde Eule“ musste es gewesen sein. Wahrscheinlich im Rahmen meiner ausführlichen Forschungen über Autoren und Alkohol, wobei es bei dieser Mischung eine hohe Selbstmordrate gibt. Da gehörte auch Hedayat zu. Während ich mich an diese Dinge erinnerte, erledigte ich schweißtriefend und zwischendurch niesend – wildgewordener, fliegender Staub und ich sind keine Freunde – meine Arbeit, und das Buch fand ganz rechts oben in der Ecke wieder seinen gewohnten Platz. Ich hörte noch einmal diese Stimme, als ich die Leiter zuklappte und darauf achten musste, nicht den Fernseher zu zertrümmern.

„Lies mich...“

Nein, nein, ich sträubte mich. Ich hatte keine Lust auf das Thema. Das machte nur Kopfschmerzen.

Ein paar Tage später war irgendwann, irgendwo ein islamischer Terroranschlag. Welcher? Ich weiß nicht mehr. Wer kann das schon noch auseinanderhalten. Im Grunde ist es ja ein großer, ewiger, weltweiter Terrorkrieg. Abends war ich war auf dem Heimweg und ging den Weg an den Büschen und Bäumen am Haus entlang und hörte wieder die Stimme, die wie aus dem Himmel, von weit oben kam.

„Lies mich!“

Ich schaute hoch. Das Buch musste mich durch eine Lücke in der Jalousette gesehen und ziemlich laut gerufen haben. Seufzend stieg ich die Treppen zur Wohnung hoch, wo ich den ganzen Abend keine Ruhe finden sollte. Die Stimme erklang unaufhörlich. Ich beschloss, das Buch so schnell wie möglich zu verschenken. An jemanden, der allenfalls selten las und nie schrieb. Es würde mir sonst auf Dauer genau die Kopfschmerzen verursachen, die ich mir doch ersparen wollte. Dachte ich zumindest beim Zubettgehen. Ja, was man so denkt, wenn man blöd ist! Denn als ich die gesetzlich vorgeschriebenen sieben Stunden, zwanzig Minuten, 40 Sekunden später aufwachte, hatte ich schon ganz fürchterliche Kopfschmerzen. Irgendwo im Halbschlaf dachte ich, dass ich bestimmt doof gelegen hätte und wollte das Kissen zurechtdrücken, als ich etwas Hartes in der Hand hatte. Etwas, auf dem ich mit meinem dummen Schädel gelegen hatte. Ich riss die Augen auf und starrte auf die „Karawane Islam“, die mir bis ins Bett gefolgt war.

„Lies mich!“

Oder war ich geschlafwandelt?

Egal, ich kapitulierte und las.

Und es dauerte ja auch nicht lange, das zu lesen. Es ist ein kurzer Text über eine kleine Gruppe von korangetreuen Missionaren, die aus dem Orient aufbrechen, um uns, die Ungläubigen, zu bekehren. Viele große, leere, brutale Worte werden gemacht, wo es doch in Wirklichkeit nur um Geld und Weiber geht. So löst sich die Gruppe denn auch nach und nach auf, und alle zeigen ihr wahres Gesicht. Nebenbei werden so einige islamische Regeln und Vorschriften lächerlich gemacht. Das Nachwort von Übersetzer Bahram Choubine nimmt etwa ein Drittel der knapp neunzig Seiten in Anspruch. Da ordnet er alles in die Geschichte Persiens ein und legt noch mal mit Beispielen aus der Absurditätenkiste islamischer theologischer Diskussionen nach.

„Karawane Islam“ ist ein ziemlicher Hassausbruch, wie man ihn wirklich überzeugend nur gegen die eigene Religion haben kann. Auf Seite 53 fasst Hedayat seine Haltung zusammen: „Was für eine Religion? Kennt denn der Islam andere Ziele als Plündern und Töten? Es geht doch nur um den Arsch und den Schwanz. … entweder sie werden Moslems und leben nach den Regeln des Buches Quelle der großen Unreinheiten, oder wir werden euch töten, oder ihr müsst Tribut zahlen. Das ist die ganze Logik des Islam: Schwert und Bettelstab.“ Auf Seite 54 schimpft Hedayat über die westlichen Islam-Versteher, wie er sie kannte: „Ach, das ist doch nur ein Mittel ihrer Kolonialpolitik. Ihre Auftragswerke über den Islam dienen einzig und allein dazu, uns Orientalen für dumm zu verkaufen, damit sie auf unserem Rücken reiten können. Welches Gift, welches Opium wirkt besser als Fatalismus und Vorsehung.“ Im Nachwort führt Übersetzer Bahram Choubine dies noch etwas weiter aus, erläutert, wie die Westmächte immer gerne mit korrupten und geldgeilen Predigern Abkommen geschlossen haben, weil es irgendwie ihrem Vorteil diente und ja immer noch dient.

Aber genug. Und das sollte es eigentlich gewesen sein. Danach trottete ich geistesabwesend durch Facebook und stieß auf einen Post eines Politikers einer pseudolinken, volksverachtenden Ex-Öko-Partei: „Islamhass ist keine Alternative für Deutschland“. Ja, wenn der das sagt, dann schicke ich mal an Hedayats Gabstein in Paris ein Telegramm, dass er nachträglich die deutschen Übersetzungen seines Buches zurückrufen lässt. Man beachte auch, dass das Politikerchen sich gegen erlaubten Islamhass und nicht gegen verbotenen Moslemhass wendet. Dass wir ohne Hass auf Kirche und die von diesen verbreitete Version des Christentums immer noch der klerikalen Tyrannei unterworfen wären, kann halt nicht jeden begeistern. Trennung von Kirche und Staat ist nie das Lieblingsthema von reaktionären Pfaffenparteien, was mich ein bisschen in Deschners Anthologie „Gegner des Christentums“ blättern lässt und wie zufällig stoße ich auf Seite 374 auf ein Nietzsche-Zitat: „Mit einem Priester an einem Tisch essen stößt aus; man excommunicirt sich damit aus der rechtschaffenen Gesellschaft. Der Priester ist unser Tschandala – man soll ihn verfehmen, aushungern, in eine Art Wüste treiben.“ Ich kann mich erinnern, dass es noch Anfang der 90er im Süden der Republik kirchlich angestiftete Hausdurchsuchungen wegen §166 gab.

Im Halbschlaf träumte ich von der Inquisition, von Hexenverbrennungen, und alle Täter hatten nicht etwa Köpfe von IS-Terroristen, sondern von deutschen Politikern. Da war ein Justizminister, dessen Namen ich nicht kannte, der als Robespierre-Doppelgänger Todesurteile aussprach, denn sonst wurde er nervös. Nur das beruhigte ihn. Die Begründungen dafür bekam er von einer hässlichen, eitrig guckenden Frau, die einen sorgfältig gepflegten Damenstalinbart hatte. Aber es war nur ein schwaches Erkennen, und als ich die Augen wieder öffnete, war alles weg. Ich schüttelte diese Bilder ab und stellte beide Bücher – Hedayat und Deschner – wieder ins Regal. Denn was interessierte mich das alles? Ich hatte Wichtigeres zu tun. Ich hatte einen neuen Job, einen geheimen, von dem ich eigentlich gar nichts erzählen dürfte, aber das hier liest ja eh kaum einer. Ich war bei einer Zeitarbeitsfirma, die sich auf Scheißjobs konzentriert hatte und die vom ersten Tag ihrer Gründung an unglaublich florierte. Es ging um die Kacke, die viel zu viele Politiker von sich geben, wenn sie reden. Früher wurde so was unter den Tisch gekehrt. Heute sammelte man die stinkenden Ausscheidungen und sie werden von Boten durch die Republik transportiert und sind besonders bei politischen Journalisten begehrt, denn es ist ihre Lieblingsspeise geworden. Besonders gerne wird sie beim Schreiben von Artikeln als Kraftnahrung gegessen.

Daher fuhr ich viel durch die Republik und lieferte alles persönlich ab. Dass man keine Paketdienst nutzte, lag vermutlich an dem ausgeklügelten Kühlsystem der Handkoffer, das ständig auf seine Temperatur hin kontrolliert werden musste und das ausgestattet war mit einer nobelpreisprämierten Fäkallüftung – die Scheiße muss schließlich atmen. Eines Tages hatte ich einen Termin an einem Ort, der in der Nähe eines Flüchtlingszentrums lag, und ich stand da so an der Ampel und hinter mir röhrte ein Automotor auf. Dann fuhr er laut donnernd los und ein Kerl, sehr deutsch, lehnte sich aus dem Auto und grölte mich an, irgendwas mit „Opfer“. Wirkte ich wie ein Flüchtling? Ja, vermutlich, wer fühlt sich schon in der materiellen Welt zu Hause? Außerdem bin ich absolut nicht integriert. Ich summte heiter „This world is not my home I'm just a-passing through“. Auf der Rückfahrt spät abends stolperte ich dann in einen Zugwagon mit Nazi-Hooligans, wo mich einer im roten T-Shirt mit einem heiseren „Ich find dich Scheiße“ begrüßte. Ich wiederum begrüßte innerlich dankbar diese Aufforderung zur Demut, der wichtigsten aller Tugenden. Eine halbe Stunde lang erfreute der Kerl den fast leeren Wagon mit seinem Gegröle: „Nationaler Widerstand marschiert.“ – „Internationale Fußballrandale.“ – „Adolf Hitler, wie viel Uhr? 88.“ Hinter mir telefonierte ein Schwarzer fröhlich, ohne sich stören zu lassen. Hatte er das Glück, nicht zu verstehen, was die da schrien? Die Hools machten irgendwas kaputt an ihren Sitzen. Nachdem sie an der nächsten Station ausgestiegen waren, stand plötzlich ein Polizist im Wagen und machte Schadensaufnahme. Die kleine Schaffnerin hatte nicht lange gefackelt. Im Dunkeln sah ich ein rotes T-Shirt auf dem Bahnsteig, das vermutlich nicht freiwillig am selben Fleck verweilte.

Ich machte immer mehr solche Reisen, kam durch die abgelegensten Orte der Republik. Es war unglaublich, wer alles regelrecht süchtig nach Politikerkacke war. Einmal wartete ich an einer Ampel. Aus einem Gebäude hinter mir strömten kleine Kinder heraus. Da standen ein kleiner dunkelhaariger Junge und ein kleines blondes Mädchen. Er sagte zu ihr: „Bald haben wir dich.“ Eine seltsame Bemerkung, da sah ich, wie seine Mutter sich näherte. Sie lächelte freundlich, grüßte andere Elternteile und trug ein Kopftuch. Ich ging schnell weiter und sah, dass meine Schnürsenkel lose waren. Ich blieb stehen und bückte mich. Da konnte ich zwischen Büschen hindurchsehen und es schien der Garten einer Moschee oder eines islamischen Gemeindezentrums zu sein. Direkt auf der anderen Seite, ganz dicht in meiner Nähe saß eine Burkaträgerin, die zu einer Frau, vermutlich ein Gast, sagte: „Wir sind die letzte Religion. Deshalb sind wir die wahre Religion. Wir haben den unbedingten Auftrag, euch zu bekehren. Notfalls mit Gewalt.“

Ich kam wieder zu Hause an, nur um kurz zu schlafen und ein paar Stunden später dann wieder loszufahren. Aber das Buch hörte nicht auf zu rufen.

 „Schreib über mich.“

Es war nicht auszuhalten. Ich fing dann an, es zu knebeln, es zwischen Wäsche zu stecken, sodass die Rufe nur noch flüsternd durch die Wohnung krochen, aber das war auf Dauer sehr unheimlich und gespenstisch und schlich sich in meine wirren Träume. Jedenfalls war ich froh, als ich am nächsten Tag wieder unterwegs war. Dieses Leben hatte angefangen mir zu gefallen, auch wenn ich mich ein bisschen müde fühlte. Einmal, als ich richtig zerschlagen nach Hause kam, traf ich einen Bekannten, der zu mir sagte, dass ich viel gesünder aussähe. Das gab mir zu denken. Vielleicht würde ich ja als Leiche wie das blühende Leben aussehen. Na ja, für einen kurzen Moment zumindest, denn dann verfault und verfällt ja alles. Wie ein Gerichtsmediziner mal sagte: Es gibt keine schönen Leichen.

Und dann plötzlich startete das Buch eine unerwartete, großangelegte Blitzattacke und schien mich nicht mehr nach Hause lassen zu wollen.

Eines Tages stieg ich nach getaner Arbeit abends in einen Zug.

Da kam eine Durchsage.

„Verehrte Fahrgäste. Unsere Abfahrt verzögert sich um zehn Minuten wegen technischer Schwierigkeiten an der Lok.“

Ich seufzte und schaute mich gedankenverloren um – zuckte zusammen. Auf dem Platz neben mir lag das Buch. Die Karawane war mir gefolgt. Durch die Luft. Aber nein, konnte nicht sein. Weggucken. Hingucken. Augen zusammenkneifen. Wie in einer Komödie mit Cary Grant.

„Schreib über mich.“

Ich saß wie erstarrt. Plötzlich ertönte eine weitere Durchsage.

„Verehrte Fahrgäste. Wegen technischer Schwierigkeiten müssen wir eine neue Lok aufsetzen. Das kann eine halbe Stunde dauern. Bitte steigen sie um auf den Zug, der gegenüber am anderen Gleis steht.“

Der Weg war ja nicht so weit. Ich fand wieder einen Platz, hatte das Buch aber einfach liegenlassen. Ich war mir mit mir einig geworden, dass es sich um eine Halluzination wegen Übermüdung handelte. Ich schloss zwischendurch die Augen. Ansonsten schaute ich zu, wie sie gegenüber mit der neuen Lok hantierten. Als ich den Kopf einmal wendete, lag das Buch erneut neben mir. Diesmal hatte ich keinen Schreck gekriegt. Der Mensch gewöhnt sich an fast alles.

Dann wurde die Abfahrtzeit überschritten. Eine Minute. Ich ahnte Böses. Und gleich kam die Durchsage.

„Bitte zurücktreten.“

Nichts tat sich. Zwei Minuten. Drei Minuten.

„Bitte zurücktreten.“

Gar nichts tat sich. Eine Schaffnerin jagte an mir vorbei. Kurze Zeit später werkelte ein Mann an der Tür, die ich im Blickfeld hatte. Zwecklos:

„Wegen Türstörungen verzögert sich die Abfahrt. Bitte nutzen Sie den Zug auf Gleis 8. Er wartet auf sie.“

Es war eine echte Karawane der Ungläubigen. Die Reisenden zweier Züge wanderten eng gedrängt Treppe hoch und runter und so weiter. Leider war es diesmal ein Zug mit Umsteigen. Aber jedenfalls fand ich wieder einen vernünftigen Platz.

Ich schaute aus dem Fenster und wartete – inzwischen absolut schicksalsergeben – darauf, dass wir noch in einen weiteren Zug geschickt würden. Doch dann setzten wir uns in Bewegung. Wir fuhren vor uns hin, hielten zwischendurch und eine Frauenstimme sagte 'moin'. Ich guckte hoch. Offensichtlich wollte sie sich neben mich hinsetzen. Warum tat sie es nicht einfach? Natürlich, das Buch lag da neben mir. Wie sollte es anders sein? Jetzt war ich gezwungen, es zu nehmen und steckte es innerlich seufzend in die Tasche.

Dann kamen wir an den Umsteigebahnhof. Eine Schaffnerin hatte vorher jeden mindestens zwei Mal mit einer wichtigen Information versorgt:

„Wir halten auf Gleis 4. Der Anschlusszug wartet auf Gleis 3 gleich gegenüber.“

Ich stieg aus. Aber Gleis 3, kein Zug. Eine Durchsage schickte uns nach Gleis fünf. Gleis fünf, kein Zug. Am ganzen Bahnhof kein weiterer Zug. Eine weitere Durchsage sagte was von Gleis 4. Da kamen wir her. Die Reisenden tauchten auf, tauchten unter, schleppten mühselig ihre Koffer die Treppen hinauf und hinab. Wie am Anfang von „Die Ferien des Monsieur Hulot“ in der Bahnhofsszene mit den unverständlichen Ansagen. Die Deutsche Bundesbahn sollte den Jacques-Tati-Preis verliehen bekommen, weil sie so sehr zur Unterhaltung beiträgt. Ich hatte angefangen, alles nur noch komisch zu finden. Zehn Minuten später kam auf Gleis 4 der Zug mit der Türstörung. So schloss sich der Kreis wieder. Auf der besagten Tür waren die üblichen Kaputt-Aufkleber. Aber es war ein kurzes Vergnügen, denn am nächsten Bahnhof war schon wieder Schluss, weil der Zielbahnhof gerade gesperrt worden war. Man hatte dort einen herrenlosen Koffer entdeckt. Schienenersatzverkehr würde organisiert. Ich versuchte noch einmal, das Buch zurückzulassen. Das wäre ja noch schöner, wenn ich so schnell nachgeben würde. Inzwischen war es dunkel geworden. Ich wanderte in die Finsternis und entdeckte eine einsame Bank am Rande eines großen Platzes. Von da aus beobachtete ich die Aktivitäten der Leute, die sich abholen ließen oder in Taxis flüchteten, um nach Hause zu kommen. Es wurden immer weniger. Eine ältere Frau fragte jedes Taxi, ob es der Bus sei. Das war amüsant. Außerdem erteilte sie Ausländern Nachhilfe in Kostenrückerstattung. Als Bonus gab es Sprachunterricht: „Es gibt den Fahrschein. FAHRschein.“ – „Und es gibt den Führerschein. FÜHRERschein“

„Ist hier frei?“

Ohne aufzusehen, lud ich mit einer Handbewegung den Fragenden ein, sich der anderen Hälfte der Bank zu bemächtigen.

Eine seltsame Gestalt. Klein, ein bisschen unförmig und unbestimmbaren Geschlechts.

„Ist das Ihres?“

Ich blickte genauer zur Seite.

Die Gestalt hielt das Buch in die Luft.

Ich seufzte:

„Ja, leider.“

„Was ist das denn?“

„Das ist ein Buch, das will, das ich darüber schreibe. Aber ich habe keine Lust mehr auf das Thema. Es ist ja nicht so, als stünde was Falsches darin. Aber es ist doch eigentlich alles gesagt und geschrieben worden. Wer Sachen sagt, wie 'Islam hat nichts mit Terrorismus zu run', der lügt oder ist psychisch krank. Was soll man beispielsweise über ein gebildetes, korankundiges junges Mädchen sagen, das die Taliban fast umgebracht hätten, das aber sagt, all das hätte nichts mit dem Islam zu tun. Diese Trennung von friedlichen und gewalttätigen Moslems funktioniert eben nicht so einfach. Auch viele friedlichen Moslems, sogar Terroropfer, wollen offensichtlich gerne den vollständigen, jetzigen, unbeschadeten, politischen Islam. Aber es ist ja nichts so, als wäre das von der Denkstruktur her was Neues. Ach, ich erinnere mich noch an die sinnlosen Diskussionen mit psychisch gestörten Christen, vor allem Katholiken mit ihren Hirnverdrehungen: Die Verbrechen der katholischen Kirche haben nichts mit der katholischen Kirche zu tun. Die 2000-jährige Existenz der Kirche ist ein Beweis für das Christentum. Bei den Verbrechen aber wird sie menschlich und fehlerhaft. Oder denken Sie an die Lüge von der Neuheit des Christentums, von der Lüge des Bruchs zwischen Altem und Neuem Testament, vom angeblich strafenden und liebenden Gott. Dieser ganze dumme, unlogische, idiotische Schwachsinn. Aber man glaube jetzt nicht, Atheisten wären besser. Ich habe Atheisten kennengelernt, die so fanatisch nicht an Gott glaubten, dass sie ihn am liebsten getötet hätten, um weiterhin ihre hohle Besessenheit pflegen zu können. Ach, ich will das alles nicht mehr. Immer wieder dasselbe. Sollen das doch die anderen machen. Na ja, machen sie ja auch.“

Die Gestalt guckte mich an.

„Darf ich das Buch mitnehmen?“

Mehr als erfreut dankte ich ihr. Sie fügte hinzu:

„Es wird mir helfen, mich zu rächen. Sie glaubt, sie ist mich losgeworden, aber sie wird innere Qualen ganz anderer Art erleiden.“

Ich musste angesichts ihrer Worte etwas ratlos gewirkt haben. Da stellte sie sich vor:

„Oh, Verzeihung. Das muss seltsam geklungen haben. Ich bin das schlechte Gewissen der Kanzlerin. Sie hat als Karrierepolitikerin so viele unbarmherzige Dinge getan, Verrat begangen, alles, um nach oben zu kommen. Lange Zeit konnte sie problemlos damit leben. Dann plötzlich tat sie so, als gäbe es mich nicht mehr. Sie bekam es mit der Angst zu tun. Sah die Hölle vor sich und plötzlich kam mit dem Ansturm von Flüchtlingen und illegalen Einwanderern der Zeitpunkt, wo sie versuchte, sich zu retten, Gott zu bestechen. Es gibt nichts Schlimmeres, als ruchlose Politiker, die plötzlich von Nächstenliebe faseln. Vor allem, da sie es ja nichts kostete. Sie wälzte alles aufs Volk ab und dachte, ihre Kinderchen retten sie schon vor der Verdammnis.“

Ich nickte. Ja, das passte. Kirchenchristen sind oft so.

„Na ja, ich gehe jetzt zu ihr zurück. Die wird sich vielleicht erschrecken. Und das Buch hier nehme ich als Geschenk mit.“

Kurz darauf wanderte sie die lange, dunkle Straße hinunter. Als ein Auto kam, blendeten mich die Scheinwerfer. Der Wagen rauschte vorbei, danach war sie verschwunden.

Nach und nach spülten neue Züge neue Reisende heran und der Platz füllte sich. Nach zwei Stunden des Wartens, das mit der Zeit immer weniger lustig wurde, kam dann endlich der Schienenersatzverkehr und ich irgendwie nach Hause.

Dort machte ich mir einen Grünen Tee und griff zu dem von Ralph Russel herausgegebenen „Oxford India Ghalib“. Mirza Ghalib, der große indische moslemische Urdu- und Persisch-Poet, der so seine eigene Art hatte, mit den Orthodoxen umzugehen. Als jemand zu ihm sagte, dass Gott seine Gebete nicht erhören würde, weil er so viel tränke, da antwortete Ghalib, dass man nicht mehr zu beten bräuchte, wenn man genug zu trinken hätte.

Ich las das persische Gedicht 210:

„Last Night when I prepared to pray there came into my ears / A warning spoken from the cloak I wore on my back / 'You, a mere straw burnt in the fire of the muezzin's voice / Pause! Do not give your eager heart to these activities“ – „You cannot put your trust in scholars or in whorshippers / One vainly prattles on, the other labours vainly on / (...)'“

Und dann die letzte Strophe:

„God can be felt entire; the mind can comprehend the world / Ghalib be silent now. This is a song no voice can sing“

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