C.H. Guenter / "Kommissar X - Drei gelbe Katzen"

By Petitpoid (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
By Petitpoid (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Als ich aus dem strahlenden Kinolicht ans trübe Tageslichtdunkel trat, hatte ich nur zwei Dinge im Kopf: Jean-Pierre Léaud und meine Papiertaschentücher. Endlich konnte ich hemmungslos losschnauben. Mit dickem, schniefendem Kopf schleppte ich mich – zwischendurch düster, aber einigermaßen erleichtert trötend – schweren Schrittes die Straße entlang. Warum setzt man sich zwei Mal am Wochenende, Samstag und Sonntag vormittags, erst sieben und dann acht Stunden in einen Kinositz und guckt mit ein paar kurzen Pausen einen Endlos-Film in acht Teilen, während der Körper lieber bloß unentwegt niesen und tief schlafen möchte? Am liebsten sogar beides gleichzeitig. Doch man schläft nicht und man niest nicht – das kriegt man hin mit eiserner Disziplin und einiger Gewohnheit. Dass man dabei innerlich bis zur Blödheit verschleimt, nimmt man in Kauf. Warum also? Für den wunderbaren Jacques Rivette? Weil man „Out One“ vielleicht nie wieder im Kino sehen wird? Weil es kostenlos war? Weil man nicht anders kann. Und warum auch immer es Leute gibt, die so etwas nicht tun würden. Alle haben immer so viel Angst um ihre Gesundheit. Sterben kann ich, wenn ich tot bin.

Aber über all das dachte ich natürlich gar nicht nach, während ich ziellos vor mich hin wanderte. So kam es mir zumindest vor, denn eigentlich hatte ich ja ein Ziel. Nach Hause. Nach Wärme. Nach Bett. Auf einmal drehten meine Schritte sich nach rechts und ich überquerte die Straße. Vermutlich tat ich das, weil die Ampel gerade auf Grün geschaltet hatte. Es wirkte wohl wie eine freundliche Einladung, und da kein anderer Fußgänger in der Nähe war, wäre es mir unhöflich erschienen, sie auszuschlagen. Und ich ging über die Straße, während ich dachte, dass ich doch eigentlich völlig falsch gehe, und wenn ich jetzt nicht umdrehe, muss ich über zwei Ampeln mehr und dann verpasse ich vermutlich meinen Bus. Aber diese Aussicht erschien mir erträglicher als die Vorstellung, kehrt zu machen. Also einfach weiter. Verlaufen kann ich mich ja nicht, dachte ich, dass ich gedacht hatte. Es ist immer wieder interessant, wie man in der Erinnerung, bei der Nacherzählung von Vergangenem, den meistens eigentlich leeren Kopf mit Gedanken füllt. Und meiner war zu dem Zeitpunkt sehr leer, nur gerade das Nötigste wurde verarbeitet, um nicht auf die Nase zu fallen. Und nicht mal das gelang mir richtig gut. Fast wäre ich vor einen Laternenpfahl gelaufen. Irgendein unbewusster Instinkt ließ mich zehn Zentimeter vorher haltmachen.

Meine Nase allerdings rebellierte schon wieder. Ich griff schnell zu einem weiteren Taschentuch, schüttelte es mit einer Hand auf und wollte es schon benutzen, da entdeckte ich etwas Dunkles. Ich schaute genauer hin. Buchstaben, eine Zeichnung, Worte. Es waren ein paar Richtungsangaben und ein grob skizzierter Straßenplan. Ich studierte das Ganze mit großer Anstrengung etwas genauer. Da, wo ich gerade stand, war ein Kreuz. Und dann war da ein Kreis. Ooooh, es dauerte, bis ich begriff, dass mir hier erzählt wurde, wie ich gehen sollte. Der Kreis war das Ziel. Mein kranker, verstörter Zustand hielt mich davon ab, groß erstaunt zu sein. Es kam mir in dem Moment ganz selbstverständlich vor. Solche Dinge geschehen halt. Ich tat einfach, was mir das Taschentuch stumm erzählte. Da dröhnte es in meinem Rücken. Ich wendete leicht den Kopf. Aha. Der Bus fuhr vorbei, war dann gleich also unerreichbar weg. Wie vorhergesagt. Dann verschwand ich in einer engen Gasse, die ich noch nie betreten hatte. Sie machte einen Bogen bergauf und endete in einer Sackgasse. Und ein kleines, mir auch dem Namen nach völlig unbekanntes Buch-Antiquariat war hier in eine Hausecke gequetscht. Das war die Stelle, wo auf der geheimnisvollen Taschentuchkarte der Kreis war. Aber wieso war offen, wie ein Schild an der Eingangstür anzeigte? Es war doch Sonntag. Sonntag. Ich fing an zu summen. „Es war Sonntag“. „Und er weiß nur, es war Sonntag“. Ich summe nicht oft ein Lied von Andy Borg.

Ich schaute in das Schaufenster und entdeckte es sofort. Da lag „Drei gelbe Katzen“ von C.H. Guenter, meines Wissens nach eigentlich vergriffen – aber da lag es. Ein kleiner, handbeschriebener Zettel, der zwischen den Seiten steckte und fröhlich herauswinkte, sagte mir: 1 Euro. Nur. Ich betrat den Laden. Eine Klingel klirrte hell. Niemand war zu sehen. Aber zu hören:

„Hallo.“

Ein Mann stand hoch oben auf einer Leiter und sortierte Bücher. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen. Also sprach ich mit seinem braunen, nicht mehr ganz neuen rechten Schuh und meldete meinen Wunsch an. Von oben brummte es zustimmend.

„Ja, nehmen Sie es aus dem Schaufenster und legen Sie einen Euro auf den Tresen.“

Ich schaute mich um. Da war etwas, das wie ein Thresen mit einer alten Registrierkasse aussah. Zwischen Bücherstapeln war eine kleine Lücke für geschäftliche Transaktionen. Dann nahm ich das Buch, bezahlte und guckte noch mal nach dem Mann, der sich immer noch nicht umgedreht hatte, verabschiedete mich bei dem Schuh, der kurz antwortete, und ging. Und irgendwie war ich jetzt munterer. Wenn man plötzlich ein eigentlich vergriffenes Buch zu einem günstigen Preis in absolut gutem Zustand bekommt, dann hat man das Gefühl, das Buch habe nur auf einen gewartet. Etwas weniger tranig schlich ich also zur nächsten Bushaltestelle, wo ich geduldig wartend in dem Buch blätterte.

Auf dem dunklen Buchcover stand nicht nur „Drei gelbe Katzen“, sondern oben rechts „40 Jahre Kommissar X Jo Walker“ und unter dem Haupttitel noch ergänzend „Roman und Hintergrund.“ Dieses ursprüngliche Romanheft Nr.73 wurde 1999 vom Orindur Verlag neu aufgelegt, und das Besondere daran ist nicht nur der Text, den kann man notfalls auch bei eBay als, wenn auch nicht billiges, gebrauchtes Heft bekommen, es sind die Vorworte und vor allem die unschätzbare Liste mit den Kommissar-X-Romanen in Heft- und Taschenbuchform, die Guenter geschrieben hat. Damals versteckten sich ja mehrere Autoren hinter dem Einheits-Pseudonym Bert F. Island. Auch wenn es Leute gibt, die meinen, man könnte Guenter sowieso an den ersten Sätzen erkennen, ist das Ganze jedenfalls eine ausgezeichnete Hilfe beim Durchforsten billiger Angebote im Netz. Ich musste ja von Null auf wieder anfangen. Die Kommissar-X-Sammlung meiner Schulzeit ist bei einem Kellerrohrbruch ertrunken.

Ich blätterte etwas sorgfältiger, las hinein in die Sachkapitel. Eines über Heftromane zwischen 1960 und 2000, ein biographisches über C.H. Guenter, eine Fanwürdigung, die Bibliographie und ein Reisebericht Birma, denn genau dort spielen „Drei gelbe Katzen“. Plötzlich entdeckte ich einen Zettel, als ich die Seiten aufschlug, zwischen denen er steckte. Gesteckt hatte, denn ein Windstoß griff zu und beförderte ihn auf den Gehweg. Ich sprang hin, trat mit dem Fuß drauf, bückte mich und wollte den dreckigen Fetzen schon unbesehen wegwerfen, da las ich „Autoren gesucht“. Es war das Angebot, an einem Probeschreiben teilzunehmen für die Wiederaufnahme einer Romanheftserie. Ich musste nur eine Telefonnummer anrufen. In dem Moment kam mein Bus.

Einen Tag später hatte ich mich bei einer freundlich klingenden Dame angemeldet, die mit mir redete, als würde sie mich kennen. Auf jeden Fall machte ich mich an die Vorbereitung. Ich wollte nichts dem Zufall überlassen. Ich hatte beschlossen, von C.H. Guenters Kommissar-X-Klassikern zu lernen. Bei der Inspiration konnte ja nichts schief gehen, war meine Kalkulation. Mit Hilfe der Liste aus „Drei gelbe Katzen“ machte ich einige seiner Romane in meinem Besitz ausfindig, auch wenn es nicht alles Erstauflagen, sondern teilweise die roten Bestseller-Neuauflagen waren.

Erst einmal hatte ich zwei Taschenbücher: In „Ein Killer ist kein Schmetterling“ (126) ist ein Mann zu seltsamem Reichtum gelangt und wird umschwirrt von Gangstern und FBI. Was in Erinnerung bleibt, ist die schöne Atmosphäre einer Provinzhafenstadt mit fiesem Sheriff, der schnell kurzen Prozess macht. „Der Boss ist unauffindbar“ (158) beginnt mit einem tödlichen Autounfall, bei dem eine alte Freundin Jo Walkers das Opfer ist. Dadurch gerät er in einen ganz anderen Fall. Ich las den Anfang noch mal, der in seiner Präzision und technischen Detailfreudigkeit purer Guenter ist: „Er kam mit durchgetretenem Gaspedal die Market Street herunter. Die Market Street hatte starkes Gefälle. Ungefähr neun Prozent. Trotzdem fuhr er Vollgas im vierten Gang – und das mit einem Sportwagen, der in der Ebene 120 Meilen lief.“

Dann die Romanhefte: „Am Ersten um vier“ (5), ein Rauschgiftkrimi in Guenters geliebtem Frankreich, mit viel Paris und Walkers Kollegen Inspektor La Porte. „Mit einem kalten Lächeln“ (16), ein Industriespionageroman mit vielen technischen Details und einem weitaus intellektuelleren Kommissar X, als es die späteren Storys und Filme erahnen lassen. Auf S.40 liest Jo Walker ein Buch – und zwar ausgerechnet „Ulysses“ von James Joyce: „Vor allem die letzten achtzig Seiten des zweiten Bandes.“ Eine eindeutig zweideutige Anspielung des Erotomanen Guenter – das sind die Bordellstellen. „Einer gegen New York“ (17) ist ein spannender Terrorismus-Roman, bei dem man vielleicht nicht so auf Logik bestehen sollte, der aber einer städtischen Großstadtapokalypse gut nahekommt. Das rasante Zugunglück und der Brandanschlag aufs Kino sind atmosphärisch äußerst anschaulich. „Mörderische Tiefen“ (83), Untertitel „Piraten der Unterwelt“, ist ein abwechslungsreicher Tauchkrimi, der in Italien spielt und mein Lieblingscover hat. Und wenn man Originalausgaben besitzt, kann man in den alten Heften ja auch noch die hübschen Schwarzweißzeichnungen genießen. „Die Geier“ (121) ist eine spannende Schatzsuche in einem Haus am See. „Schneller als die Kugel“ (152) hat einen großartigen Anfang um einen mit Malaria, seiner Rostlaube von Auto, seinem Erscheinungsbild und seinen niedrigen Verkaufszahlen kämpfenden Handelsreisenden, der plötzlich auf der Straße eine Tasche mit viel Geld findet: „Er wusste Bescheid. Ohne Kühlwasser ging es eben nicht. Der letzte Rest lief soeben durch die defekte Kopfdichtung rostbraun davon und versickerte. – Und deshalb war die Behauptung, daß sein Auto noch mieser war als seine Gesundheit, völlig zutreffend. „Das letzte Haus am Strand“ (173) handelt von einem Maler unter Mordverdacht und von einem geheimnisvollen Dampferwrack auf einer Sandbank. „Der Mann aus dem Nichts“ (116) beginnt mit einem für die Polizei unerklärlichen Mord an einem nicht identifizierbaren Fremden und wurde auch mit einer Buchausgabe bei Orindur geehrt. Ebenso wie „Drei gelbe Katzen“ hat er den Lauf der Zeit gut überstanden. Und dann war da natürlich noch „Drei gelbe Katzen“, in dem Jo Walker ins exotische Birma reist, was ja die Spezialität der Kommissar-X-Filme ist. Die sehr freie Verfilmung von 1966 aber spielt dann in Ceylon.

Ich las und lernte. Lernen! Lernen! Lernen! Und theoretisch begriff ich alles. Ja, so musste man solche Sachen schreiben. Auch heute noch. Das war ein Stil, der nicht altert. Atmosphäre! Atmosphäre! Atmosphäre! Den knappen Stil pointiert halten, aber nie zu stark, wie so manche, die zu stolz auf ihr Sprücheklopfen sind. Dabei immer eine korrekte Sprache, es nicht übertreiben mit der gerade angesagten Populärsprache, das kann ganz schön peinlich sein, etwa so wie Erwachsene, die in aller Selbstverständlichkeit gerade angesagte Ausdrücke der Jugendsprache benutzen. Keine Idee wird über- und ins Ewige ausgedehnt, um Seiten zu schinden, eine Methode, die Populärliteratur manchmal so anstrengend zäh macht. Es war ja schon etwas her, als ich die alle gelesen hatte, aber es waren ganz besonders einzelne Szenen, die man in Erinnerung behält. Als erinnerte man sich an einen Film.

Eine Woche konzentrierte ich mich darauf, las auch noch ein paar Mister Dynamits. Dann stand am folgenden Tag der Termin an. Ich ging früh ins Bett, früher als gewohnt, und so was soll man eigentlich nicht machen, denn derart aus dem Rhythmus gebracht, fing ich an zu träumen, wovon ich sonst eigentlich zu meinem Glück im Großen und Ganzen verschont werde. Mit unzähligen anderen Menschen, hauptsächlich Männern, wurde ich in eine große Fabrikhalle geführt, die mit Schreibtischen gefüllt war, sorgfältig in Reih und Glied angeordnet. Jeder bekam einen der Plätze zugewiesen, an denen ein eingeschalteter kleiner Laptop stand, auf dem man die nötigen Anweisungen lesen konnte. Auf einem erhöhten Gang standen Leute und wirkten wie Wachen. Da ertönte eine Sirene und los ging es. Das anfänglich zögerliche Geklapper der Tasten ging über in eine anschwellende Woge. Ich schaute mich um. Alle waren ohne Atempause angefangen. Ich starrte auf den Bildschirm und konnte mich nicht bewegen. Da wachte ich auf und ging einen nächtlichen Tee trinken. Ich hätte es wissen müssen. Geht man früher ins Bett, um mehr Schlaf zu bekommen, bekommt man am Ende nur weniger davon. Als ich etwa eine Stunde später wieder eingeschlafen war, war ich alleine und ging auf einen großen Palast zu, dessen Toren und Türen sich automatisch öffneten, um mir den Weg anzuzeigen. Alles war hell und glänzend, doch die Freude dauerte nur einen Moment, denn nach dem Weg durch prächtige Säle, ging es in den Keller, wo ich hinten durch den Dienstboteneingang wieder hinausgeführt wurde. Ich stand etwas ratlos auf einem großen Hinterhof und entdeckte gegenüber eine offene Tür. Die zum Pferdestall. Ich ging hinein, die Tür schloss sich hinter mir. Das Gitter zu einer der knallig rot angemalten Boxen öffnete sich. Da standen ein Stuhl, ein Tisch, ein Laptop. Und wieder Anweisungen auf dem Computer. Und wieder wachte ich auf und blieb lieber gleich wach.

Die Wirklichkeit war dann weitaus banaler, was mich ungeheuer erleichterte. Ich war jetzt meinen Träumen wirklich dankbar, denn ohne sie wäre ich vielleicht enttäuscht gewesen. Ich kam in ein einfaches Verlagsbüro, das in seiner Einfachheit wie eine Arztpraxis wirkte. Eine Mitarbeiterin begrüßte mich, ich erkannte ihre Stimme vom Telefon wieder. In ihrer unverbindlichen Freundlichkeit hätte sie auch Sprechstundenhilfe sein können. Dann wurde ich in ein kleines Büro gesetzt, an einen großen Laptop. Dann wurde ich kurz mündlich informiert, wie die Schreibprobe aussehen würde. Im Prinzip handelte es sich um sieben Abschnitte in einer Geschichte, die jeweils innerhalb von einer halben Stunde zu schreiben waren. Schaffte ich es bis zum Ende, dann hatte ich einen der Jobs. Die Methode habe sich bewährt, denn alle, die es durch dieses Auswahlverfahren geschafft hatten, wären allesamt ohne Ausfälle zuverlässige Mitarbeiter in anderen Serien. Hauptfigur wäre „der Detektiv“, der keinen Namen haben sollte, aber ruhig an Kommissar X angelehnt werden könne, auch wenn es sich bei der neuen alten Romanserie nicht um diesen handele. Zeitgemäß hart und durchaus auch brutal in gewissen Grenzen sei erlaubt. Ich wüsste schon von alleine, wo die Grenze läge. Und da kamen mir die ersten Zweifel, aber ich schluckte sie lächelnd und nickend herunter. Ich wollte ja nicht schon vorher aussortiert werden.

Erster Abschnitt: „Es hat ein Bankraub stattgefunden und ist gescheitert. Das Gebäude ist umstellt. Der Detektiv kennt einen Weg in die Bank und macht die Banditen unschädlich. Nur der Boss entkommt.“

Erster Text: Ich schickte den Helden auf den Weg. Durch vorherige Ermittlungen ahnt er, wie die Gangster eingedrungen sind. Und zu diesem Zugang kennt er eine Verbindung von einem Nachbarhauskeller. Und so räumt er von hinten auf. Erst still und leise mit Messer und Genickbruch und dann nach und nach immer lauter und brutaler. Ich musste mich ducken, denn als er eine MG in die Hand bekam, spritzte das Blut direkt aus dem Computer heraus hinter mir an die Wand. Dann kamen die Granaten, und da wurden Körperteile abgetrennt und es rutschten mir dann auch noch ein paar Gedärme raus. Schließlich lag alles in Schutt und Asche, und eine Identifizierung der Leichen war kaum noch möglich.

Die halbe Stunde war vorbei und sie kam ins Büro: „Das ist ja alles schön geschrieben, aber vielleicht ein bisschen weniger explizite Brutalität. Das ist nicht nur zu viel, es wirkt auch etwas angestrengt.“ Ich nickte eifrig. Alles klar. Weniger davon. Kein Problem. Nichts so angestrengt. Ich sagte nicht, dass das bei mir ganz entspannt natürlich kam.

Zweiter Abschnitt: „Der Boss der Bande kann entkommen. Der Detektiv verfolgt ihn durch Häuser- und Kellerschluchten bis in den Wald vor der Stadt. Leider kann der Verfolgte wieder entwischen.“

Zweiter Text: Inzwischen ist es dunkel geworden. Der Detektiv bekommt einen Hinweis, wo der Boss sich versteckt haben könnte. Nach einigem Gehetze durch die dunklen Ecken der düsteren Viertel, muss er raus aufs Land und in den Wald. Leider hat er es mit einem Voodoo-Priester zu tun, der es jetzt ganz persönlich auf ihn abgesehen hat. Also wird der Detektiv von Dämonen seiner Vergangenheit heimgesucht, die er plötzlich sehen kann und gegen die keine Waffen helfen. Dann taucht aus dem Nichts auch noch ein Rudel Wölfe auf. Irgendwie schafft er es, aus dem Wald wieder in die Großstadt zu fliehen, doch er hat die Orientierung verloren. Er irrt herum wie in einem Labyrinth und hat das Gefühl, immer wieder an derselben Stelle anzukommen. Ein schreckliches Gefühl der Ohnmacht überkommt ihn. Dann eilt die Geliebte des Bosses herbei, um ihn zu retten. Sie kennt ein magisches Gegenmittel.

 Und wieder kam sie ins Büro: „Das ist ja auch sehr schön, aber denken Sie daran, dass es alles ganz realistisch sein soll.“ Ich nickte etwas weniger eifrig und sagte nicht, dass das alles für mich absolute Wirklichkeit war. Geister sind doch ganz real. Also, im Prinzip jedenfalls. Nicht jedes Wort hier jetzt.

Dritter Abschnitt: „Der Detektiv geht mit der Geliebten des Bosses aus.“

Dritter Text: Jetzt brauchte die Geschichte eine romantische Atempause. Und nichts eignet sich dafür besser als der ungestörte Eckplatz in einer romantischen Bar, in der man auch eine Kleinigkeit zu essen bekommt. Tapas, spanisch. Darauf hatte ich gerade Appetit, also servierte ich es den beiden. Sie unterhielten sich ein bisschen voller Andeutungen. Die Kerzen warfen ihren Schein vor allem auf ihr hübsches Gesicht, und dann hatte ich genug von all der Romantik. Also demontierte ich das Candlelight-Dinner, denn der Detektiv war die Dämonen doch nicht ganz losgeworden und wurde jetzt zum unfreiwilligen Jerry Lewis. Ganz plötzlich stellte er sich ganz fürchterlich trottelig an. Alles geht ihm daneben, er benutzt die falschen Worte, kippt erst die Kerzen, dann ein Glas um. Wachs und Wein enden auf ihrem eleganten Kleid. Das machte Spaß. Ich war sehr zufrieden mit mir.

Hatte meine Betreuerin vorher den Kopf hin- und hergewiegt, näherte sie sich mir jetzt mit einem entschlossenen Kopfschütteln.

 „Ich glaube, jetzt reicht es.“

 Ich guckte sie einen Moment stumm an.

 „Aber wieso, ich fange erst an.“

 „Ja, genau deswegen. Die Befürchtung habe ich nämlich. Sie fangen immer normal an, und dann werden Sie – unnormal.“

 „Ja, ich plane das doch nicht.“

 „Eben, deshalb danke ich Ihnen und wir beenden das jetzt..“

 „Ich verstehe nicht.“

 „Ich fürchte um den nächsten Abschnitt. Und das sollten wir uns beide ersparen.“

 „Was befürchten Sie denn so Schlimmes für den nächsten Abschnitt?“

 „Im nächsten Abschnitt ist er mit ihr allein, das ist der soft-erotische Teil, bei dem sich alle kuschelig-wohl fühlen sollen.“

 Ich war zuversichtlich.

 „Das kriege ich schon hin.“

 „Ja, im ersten Absatz. Und dann wird es sicher unangenehm.“

 Ich war moralisch empört.

 „Nein, nein, da könnte ich gar nicht zu weit gehen. Ich bin bekennender Puritaner. Und fürchterlich verklemmt.“

 Sie schnaubte.

 „Ja, das sind die Schlimmsten.“

 Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte. War das vielleicht ein verstecktes Kompliment?

 Aber sie setzte sowieso einen endgültigen Schlussstrich unter das Ganze.

 „Und im Übrigen hat das alles sowieso keinen Sinn, da Sie das Prinzip Realismus wohl nicht kennen.“

Mir war nicht klar, welche Reaktion da jetzt angebracht war.

„Jaa, unnd?“, zerdehnte ich die beiden Worte ratlos.

„Realistisch. Wirklichkeit.“

„Ja, ist es doch. Wo ist das Problem?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sie gehören eingeliefert.“

Das hatte ich schon mal gehört. Damals war es aber um Liedtexte gegangen. Ich zuckte mit den Schultern und ging. Im Bus las ich den Mister Dynamit „Geheimstufe 1“ zu Ende. Über einen epileptischen russischen Hellseher, der ein paar Brüder zu einem von Eis umschlossenen Wrack führt. Dabei ist man auch im Osloer Kon-Tiki-Museum auf Spurensuche. Zwischendurch ließ ich mehrmals das Buch sinken, schaute aus dem Fenster, dachte „Durchgefallen“ und überlegte, was es noch für Jobs gab, für die ich nicht taugte. Ich schaute auf die Uhr und entdeckte, dass noch Zeit genug war, um mit dem Zug in die nächste Großgroßstadt zu fahren und Agentenfilme zu schauen.

Der Zug, der sich kurz darauf pünktlich in Bewegung setzte, war noch nicht sehr voll, als vier angegraute Herren, offensichtlich mit viel Übung darin, sich auch bei viel Alkohol noch auf den Beinen zu halten, in den Waggon kamen und sich einen Vierersitz ergatterten. Und da legten sie los, unterhielten sich laut und ungeniert und unflätig. Es schienen in die Jahre gekommene Fußball-Fans zu sein. Und ständig rannte einer auf die Toilette, denn was rein kommt, muss auch wieder raus. Inzwischen war es voll geworden und der Schaffner ermahnte die drei, sich zu mäßigen, obwohl sie bestimmt gar nicht wussten, was er meinte, denn sie schienen gar nicht provozieren zu wollen. Das alles kam in aller Natürlichkeit. Plötzlich sprang einer von ihnen auf, lief Richtung Klo und grölte nach seinem Kumpel, den er wohl verschollen wähnte. Er fragte laut, ob der Kerl denn eingeschlafen sei. Er bollerte gegen die Tür und rief unüberhörbar: „Ääääyy, Onanieren auf der Toilette ist verboten.“ Den Gedanken fand er so schön, dass er ihn mehrmals laut wiederholte.

Ich versuchte mich derweil auf einen weiteren Mister Dynamit, „Eliteeinheit Nero“, zu konzentrieren, bei dem man sich wieder einmal wie zu Hause fühlen konnte: „Ein bleigrauer Ostseemorgen lag über der Bucht von Eckernförde. Vor der Kasernenunterkunft der Kampfschwimmer war der zweite Zug angetreten. Er bestand nur aus fünfzehn Mann.“ Dann nimmt Mister Dynamit an einem Langstreckenschwimmen durch die Kieler Bucht von Eckernförde nach Heiligenhafen teil. Doch mitten drin wird er in einen Einsatz gerufen: „Von Kiel ging es auf die A-7. Dann hatte er nur noch 900 Kilometer bis München.“ Im Kino sah ich dann einen Jerry Cotton und einen Kommissar X. Gerade die letzte Reihe ist mit ihrem Trash-Charme gut gealtert und hat mir schon immer mehr Spaß gemacht als James Bond.

Ich saß dann nachts am Bahnhof, der sich auf Fernverkehrseite langsam mit Betrunkenen füllte. Betrunkene, die zuerst nur Sauflieder sangen. Dann war einen Moment absolute Stille. In dem Moment schaute ich am Bahnhof hoch, an der gegenüberliegenden Innenfassade entlang. Es hatte etwas von Kirche. Dieser Gedanke musste in der Luft gelegen haben. Plötzlich fing einer an, „Amazing Grace“ zu singen. Alle Strophen. Und er konnte singen. Die Stimme füllte den ganzen Bahnhof aus, in dem gerade kein Zug war und in den auch keiner einfuhr. Und so drang die Stimme bis hoch unter die Decke und bis nach rechts und links, wo der wolkenlose Nachthimmel den Atem anhielt. Es war schön. Und sehr seltsam. Alle hörten schweigend zu, auch die drüben bei der S-Bahn. Niemand unterhielt sich. Als er fertig war, gab es donnernden Applaus, und kurz danach traute sich auch wieder ein Zug auf die Gleise. Meiner.

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