Satyajit Ray / "Classic Feluda"

Park Street Cemetery, Kalkutta (Grentidez)
Park Street Cemetery, Kalkutta (Grentidez)

Feluda ist der berühmteste indische Privatermittler und stammt aus dem Bundesstaat West-Bengalen. Seit seinem ersten Fall im Jahre 1965, in der Geschichte „Gefahr in Darjeeling“, hat er sich zu einer bengalischen Ikone entwickelt. In den letzten zwanzig Jahren entstand durch Fernsehserien und vor allem regelmäßige Spielfilme ein erfolgreiches Franchise, dem selbst die bengalische Filmkrise nichts anhaben kann. Als vor einiger Zeit in Kalkutta eine Retrospektive mit sieben Feluda-Filmen stattfand, war der Andrang riesengroß. Bei uns konnte er sich mit nur einer Übersetzung vor knapp 20 Jahren aber nie durchsetzen. Vielleicht wäre es mal an der Zeit für einen neuen Anlauf für Bengalens Kultfigur.

Pradosh Mitter. Privatdetektiv. Kalkutta. Seine wichtigste Waffe ist der Verstand, auch wenn er gut mit Schusswaffen umgehen kann und sich problemlos mit den Fäusten durchzusetzen weiß. Sein großes Vorbild ist Sherlock Holmes. Bei einem Abenteuer in London begibt er sich auf Pilgerwanderung in die 221B Baker Street. Auch die Adresse von Mitter ist bekannt: 21 Rajani Sen Road im Südwesten Kalkuttas. Mit seinem jugendlichen Cousin Topshe hat er einen Partner, aus dessen Sicht die Geschichten erzählt werden. Der benutzt auch als einziger den Spitznamen „Feluda“. Die angehängte Silbe „-da“ bedeutet respektvoll „älterer Bruder“. Meistens sind die beiden für ihre Abenteuer unterwegs oder es passiert etwas Unerwartetes im Urlaub. Was Mitter vor allem auszeichnet und was so angenehm ist in einer Zeit, in der so viele moderne Helden mindestens ein psychisches Problem haben müssen, ist seine unerschütterliche Geradlinigkeit, freundliche Durchsetzungsfähigkeit und unaufdringliche Kultiviertheit, weshalb er auch eine bengalische Ikone ist. Er verkörpert das Idealbild, das man sein möchte.

35 Geschichten entstanden von 1965-1992. Verfasst hat sie der berühmte indische Filmregisseur Satyajit Ray in einem klaren, spannenden Stil ohne Leerstellen. Sie erschienen in einer Zeitschrift für Kinder und Jugendliche, die Ray selbst herausgab. Später bekam man die Bücher natürlich einzeln und heutzutage gibt es zwei komfortable dicke Taschenbücher mit dem Titel „Classic Feluda“. Wegen des Zielpublikums stand Ray nur eine begrenzte Auswahl an Themen zur Verfügung. Die Verbrechen überschreiten in ihrer Heftigkeit nicht eine gewisse Grenze, was der Autor nicht immer als leicht empfand: „Einen Whodunit zu schreiben und dabei eine junge Leserschaft im Kopf zu behalten, ist keine leichte Aufgabe, denn die Geschichten müssen 'sauber' gehalten werden. Keine unerlaubte Liebe, kein crime passionel und nur ein Körnchen Gewalt.“ Doch die Storys wurden von Anfang an auch immer von den Eltern gelesen, die sich manchmal erwachsenere Themen gewünscht hätten, doch dem wollte Ray nicht nachkommen. Er fühlte sich der jungen Leserschaft gegenüber verantwortlich.

Aber für Ray waren diese Geschichten auch ein bisschen Urlaub vom Alltag, denn sie erlaubten ihm, die damals gewalttätigen politischen Konflikte und den Niedergang der Stadt Kalkutta zu vergessen. Die Bücher sind zwar konkret in ihrer Zeit angesiedelt, die Geographie ist genau verfolgbar, aber politische und gesellschaftliche Themen spielen keine Rolle. Es ist der einfache Kampf von Gut gegen Böse, der hier stattfindet. Gerne geht es um den Diebstahl eines Kunstgegenstandes, der nicht nur mit der Vergangenheit der Beteiligten, sondern auch mit historischen Begebenheiten in Zusammengang steht. Auftraggeber ist oft ein kultivierter älterer Mann, der aus persönlichen Gründen nicht die Polizei einschalten möchte. Die Orte sind Gegenden, in denen Ray sich auskannte, wo er einen Film gedreht oder – wie in Darjeeling – gerne Urlaub gemacht hatte.

Außer Cousin Topshe sind zwei Figuren eminent wichtig im Feluda-Universum. Da ist einmal der alte Onkel Sidhu und sein riesiges Archiv an Büchern und Zeitungsartikeln über außergewöhnliche Geschehnisse der vergangenen Jahrzehnte. Aber vor allem kommt in der sechsten Geschichte eine weitere, von nun an unverzichtbare Figur hinzu, die in einer Mischung aus Naivität und Intelligenz ab sofort für Humor und Exzentrik sorgt: Jatayu, der Autor sehr erfolgreicher reißerischer Thriller. Das ist eine Art von Literatur, der Feluda sehr skeptisch gegenüber steht, doch nach und nach lernt auch Jatayu, seinen Büchern die nötige Würze an Realismus und Logik zu verleihen. Wenn Feluda zwischendurch zur Aufklärung in seine konzentrierte Denkstarre verfällt und nicht angesprochen werden darf, besichtigen Jatayu und Topshe oft Sehenswürdigkeiten. Selbst Erwachsenen können hier auf unaufdringliche und unterhaltsame Art etwas lernen.

Der Kult um Feluda beruht nicht zuletzt auf den populären Verfilmungen. Für zwei zeichnete Ray selbst verantwortlich. 1974 entstand „Die goldene Festung“ um einen kleinen Jungen, der sich an ein früheres Leben im einem goldenen Fort erinnert. Als er sich auch an viele Juwelen erinnert, zieht dies Gauner an, die ihn entführen wollen, sodass er Schutz braucht. Besonders gelungen ist hier die Atmosphäre des nordwestlichen Bundesstaates Rajasthan mit seinen Wüstenlandschaften und Fortruinen. 1979 folgte „Der Elephantengott“, wo man sich nicht in die große Weite aufmacht, sondern in den engen Gassen einer Pilgerstadt dem Diebstahl einer Figur des Elephantengottes Ganesh nachspürt und dabei auf einen gefährlichen Bösewicht und einen falschen Heiligen stößt. Mit Soumitra Chatterjee als Feluda und Santosh Dutta als Jatayu gilt diese originale Besetzung immer noch als die beste. Nach dem Tod Duttas wollte Satyajit Ray selbst keinen Feluda-Film mehr drehen.

Mitte der 90er nahm sich Satyajit Rays Sohn Sandip der Krimireihe an. Er wollte zum 30.Jubiläum einen Kinofilm drehen, stieß aber bei Geldgebern und Produzenten auf wenig Gegenliebe. So musste er sich zunächst mit einer Fernsehserie begnügen, doch nach und nach wuchs das Interesse, und seit 2001 erscheint in regelmäßigen Abständen ein Feluda-Film auf den Leinwänden West-Bengalens. Es sind liebevoll gefilmte Krimis, die von ihren charismatischen Darstellern und den wirkungsvollen Drehorten leben. 2010 wurde in der Verfilmung von „Das Geheimnis des Friedhofs“ der alte christliche, seit 1790 geschlossene „Park Street Cemetery“ Kalkuttas, für Schauereffekte genutzt, die die Geschichte um ein geheimnisvolles, im Grab verborgenes Erbe begleiten. Ein Jahr später begab man sich für „Das Königlich Bengalische Geheimnis“ auf Schatzsuche in den Dschungel, wo sich der Detektiv und seine Gehilfen mit Schlangen und einem Tiger auseinandersetzen müssen.

Bei all dem ist Feluda ziemlich unberührt von der Moderne. Natürlich geht er heutzutage für seine Recherchen ins Internet. Aber viel lieber spricht er weiterhin mit dem alten Büchersammler. Feluda glaubt an den Verstand, aber nicht an Algorithmen. Zum 50. Geburtstag der Seriengestalt erschien 2015 ein kleines Jubiläumsbuch mit dem Titel "Feluda@50", wo manch einer darüber spekuliert, wie es auf lange Sicht weitergeht, denn schließlich sind die originalen Geschichten nicht unerschöpflich. Da phantasiert dann schon mal jemand darüber, wie man das Franchise international machen könnte. Doch dann könnte die Figur Feluda ihren bedingungslosen Rückhalt in der bengalischen Bevölkerung verlieren, die ihren Detektiv so und nicht anders haben will. Eine sichere Konstante in den Schwankungen des Lebens ist momentan noch wichtiger als ein Exportschlager, der womöglich dabei seine Seele verliert.

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