H.C. Branner / "Ein Dutzend Menschen"

„Spielzeug. Ein Roman über ein Geschäft“ - dänisch "Legetøj. En Roman om en forretning" - müsste eigentlich der deutsche Titel dieses 1936 erschienenen Buches des dänischen Autors H.C. Branner (1903-1966) sein. "Ein Dutzend Menschen" ist zwar unkorrekt, klingt dafür aber irgendwie   humanistisch, was zu der Zeit wohl gebraucht wurde. Gleich nach dem Krieg hat man es übersetzt, schließlich ist es ein Buch mit Deutschlandbezug. Die Hauptfigur heißt nicht zufällig Herman Kejser, eingedänischt vom ursprünglichen Namen Kaiser. Dennoch führt der kurze Satz auf dem Buchdeckel meines Taschenbuchs von 1993 vom Gyldendal-Verlag etwas in die Irre: „Ein unheimliches und präzises Bild der Gesellschaft, die zum Nazismus führte.“ Das ist nicht falsch, aber Branner macht mehr. Die kleine Kopenhagener Firma im Zentrum der Geschichte, dieser Staat im Staate, ist eben keine einfache Allegorie des großen Nazi-Nachbarn im Süden. Branner nimmt vielmehr dessen ganz allgemeine geistigen Strukturen und entdeckt sie ganz konkret in einem kleinen, netten Großvertrieb von Spielzeug von nur 20 Mitarbeitern im gemütlichen Dänemark. Es ist also kein Sinnbild, das auf etwas Fremdes und Fernes verweist; es ist vielmehr die Wirklichkeit vor der eigenen Haustür. Bei Branner ist jeder Mensch ein Mini-Staat im Krieg mit den anderen um Macht, Geld, Einfluss. Und Nazismusartiges kann sich überall entwickeln, bei der Arbeit, in der Familie. Denn es geht hier überhaupt nicht um bestimmte politische Richtungen und Ideologien. Das ist austauschbar. Es geht vielmehr ganz abstrakt um Angst, Machthunger und Terror des Mächtigen, etwas, das kein Kampf gegen Rechtsextremismus oder Kapitalismus aus der Welt verschwinden lässt. Einmal im Buch wird der sadistische Machthungrige des Buches mit einem ostländischen Despoten verglichen, was dann mehr an Stalin als an Hitler denken lässt. Es geht Branner um menschliche Verhaltensweisen und ihre Ursachen. Das Ganze ist psychologisch, ohne dass ein theoretisches Lehrbuch dahintersteckt. Der Roman hat Tempo, die Figuren sind mehr als Ideenträger – sie leben. Ein Roman zwischen Alltäglichkeit, Tragik und Ironie.

Der Roman hat drei Teile ohne spezifische Titel. Um beim Staatlich-Politischen zu bleiben, könnte man sie „Die Staatsbürger“, „Die Machtergreifung“ und „Der Terror“ nennen. Alles beginnt mit einem vorfreudigen Morgen, an dem der Chef der Firma sich allein im Büro auf seinen großen Tag vorbereitet, denn Firmenjubiläum und die Eröffnung des neuen Unternehmensgebäudes, in das man gerade frisch umgezogen ist, wurden auf einen Tag gelegt. Abends wartet zu Hause noch ein vornehmer Empfang auf ihn. Sein Schlüsselwort für eine feierliche Rede ist „Traditionen“, denn immerhin ist Hermann Kejser Unternehmer in der dritten Generation, auch wenn man über die Ursprünge nicht öffentlich spricht. Denn wenn am Anfang eines jeden großen Vermögens ein Verbrechen steckt, so waren es hier verbotene Bilder der grausamen und sadistischen Art, die der Großvater in seinem als Zigarrenladen getarnten Geschäft verkaufte. Unten auf der Straße wartet schon das im Keller arbeitende Proletariat, das natürlich keine Einheit bildet wie in einem sozialistischen Roman. Jeder hat seine Einzelinteressen, auch wenn ein Kommunist mit großer Klappe dabei ist. Der schimpft ständig, wer alles an die Wand und erschossen gehört. Dazwischen steht die Mittelklasse, die kleinen und großen Angestellten. Und hier deutet sich schon der Konkurrenzkampf zwischen den beiden leitenden Angestellten an. Der eine, ehemaliger Militär, traditionell, aber sehr korrekt, der andere Angst verbreitend und verbissen ehrgeizig. Nach Feierabend gibt uns der Autor einen Einblick in das Privatleben der Hauptfiguren. Da ist die nette Ehefrau und der schwache Mann, die unerträglich nervige Ehefrau und der schwache Mann, die eingeschüchterte Ehefrau und der sadistische Mann, der etwas hilflose junge Mann und eine nicht weniger hilflose Freundin. Am schönsten ist vielleicht die Stelle mit dem alten Militär, einem ledigen Briefmarkensammler. Da ist der Wechsel von Schrecken zum größten Jubel, denn der vermeintliche Schaden an einer Marke erweist sich als anerkannter Druckfehler, der den Wert um ein Vielfaches erhöht. So sieht ein glücklicher Mensch aus! Und fast alle außer dem Junggesellen enden im Kino und gucken „Millionär für einen Tag“.

Der zweite Teil handelt vom Kampf um die Macht im Büro, der, wie Branner sagt, nicht wie bei Staaten mit Kanonen ausgetragen wird, sondern zunächst in Form sichtbarer Zeichen: „... man musste sein Prestige mit anderen Mitteln erhöhen: ein Teppich, ein größerer Schreibtisch, ein Hauptbuch im Schrank, ja, sogar eine Zigarre im Mundwinkel während der Bürozeit können in dem kleinen Krieg zwischen Menschen als Kanonen dienen.“ Während solche Auseinandersetzungen normalerweise zu „schnell vergessenen Siegen“ und „schnell vergessenen Niederlagen“ führen, nimmt das Ganze im Laufe des zweiten Teils andere Dimensionen an. Denn der ehrgeizige leitende Angestellte namens Feddersen überschreitet die Grenzen der Korrektheit und des Anstands und beginnt zu teilen und zu herrschen. Er schafft sich Verbündete, macht Andeutungen, verbereitet Angst, hat seine Spitzel und will mit allen Mitteln an die Spitze, gleichwertig sein mit dem Chef. Dabei hat der auch nur Pseudo-Macht und spielt in seinem Büro den Napoleon, wo er doch abhängig ist von der Familie seiner Frau, den Geldgebern seines Unternehmens. Am Schluss siegt der Ehrgeizige, den das Buch auch mal als „Geheimpolizei“ oder hemmungslos als „die Ratte“ bezeichnet. Doch auch in diesem Teil hat der alte Militär die schönste Szene, selbst wenn sie im Endeffekt folgenlos bleibt und er trotzdem seine Stelle verliert: Ihm platzt der Kragen und er verprügelt seinen Konkurrenten laut schimpfend mit dem Rohrstock, sodass dieser aufs Klo fliehen muss.

Im dritten Teil hat der „starke Mann“ die Herrschaft übernommen und die Atmosphäre in der Firma hat sich geändert. „Fragen und Antworten kamen knapper und mit einem eigenen metallischen Klang, die Gesichter hatten etwas Angespanntes und Verschlossenes bekommen, das Rufen und Pfeifen der Leute drang vom Hof nicht mehr so stark durch und das Palavern auf Treppen und in Gängen war zu einem Flüstern herabgesunken.“ Die Menschen haben Angst und machen verbissen ihre Arbeit und versuchen, ihre Position auf Kosten der anderen zu verbessern. Hauptsache man selbst sieht gut aus und hat ein gesichertes Verhältnis zur Macht. Der Firma hingegen geht es nicht mehr gut. Das Geschäft läuft schlechter. Die gedrückte Atmosphäre führt zu kurzfristigen und schlecht durchdachten Entscheidungen: „Aus Schrecken und Terror kann man Macht bauen, aber nicht Frucht und Blüte und glückliche Zusammenarbeit zwischen Menschen. Feddersen drohte mit großen Mitteln, er brachte Stimmen zum Zittern und Hände zum Schwitzen, er verstand die Kunst, Menschen zu zwingen, das Äußerste zu tun. Aber das Äußerste ist nicht immer das Beste.“ Am Ende werden alle Mitarbeiter entlassen und wohl nicht ganz zufällig brennt das gut versicherte Haus ab. Der offensichtliche Brandstifter Feddersen wagt sich nun mutig das erste Mal in das Haus des Chefs, der diesen sicher nicht mehr los wird.

Am Ende versucht ein Pärchen sich aus dieser Welt zu befreien. Ein junger Mann, der auf dem Weg nach oben war, verzichtet auf Karriere und will statt dessen Psychiater werden und die Partnerin will ihn begleiten auf seiner Reise durch „alle möglichen Grenzländer und unerforschten Gebiete.“ Für die 30er vermutlich ein hübsches und optimistisches Ende, aber heutzutage und von hier aus, aus der Sicht einer furchteinflößend durchpädogisierten und durchpsychologisierten deutschen Gesellschaft, ist es eher beklemmend. Da befreit sich ein Mensch von einem geistigen Gefängnis in das nächste. Auch Branner hat die Psychologie scheinbar nicht gut getan, zumindest wenn man den Roman „Ingen kender natten“ (1955) – „Keiner kennt die Nacht" auf Deutsch – als Maßstab nimmt. Dieses Buch ist übrigens das eigentliche Buch meiner Vergangenheit, das ich vor vielen Jahren gelesen habe. Ich hatte es nach „Legetøj“ für eine zweite Lektüre noch einmal zur Hand genommen und nach kurzer Zeit weggelegt. Es war nicht anstrengend zu lesen, aber alles wirkte so angestrengt. „Ingen kender natten“ beginnt mit einem Widerständler im besetzten Dänemark des 2.Weltkrieges, der von seinem Zimmer unter dem Dach ängstlich auf die Außengeräusche lauscht, während er sich in seinem Inneren doch ziemlich sicher ist, dass seine Geliebt, die er noch aus der Kindheit kennt, ihn verraten hat. Und da kommt dann alles und viel zu viel zusammen: Sex, Gewalt, Religion, Sünde, Masochismus, Sadismus, Gesellschaft. Später im Roman gibt es ganze Diskussionen mit Psycho-Fremdwörtern, bei denen sich Branner offensichtlich gut auskannte. Alles wird dadurch so leblos und man hat das Gefühl, als handelten die Figuren grundsätzlich nur im Hinblick auf alle möglichen freudianischen und damit verwandten Theorien. So wird alles zur unfreien Zwangshandlung, jedes Wort, jede Ohrfeige, jedes Glas Alkohol. Und dabei habe ich nur ein bisschen quergelesen. Bei „Legetøj“ ist alles noch sehr intuitiv und daher dem Leben nicht entfremdet. Erstens ist es ja Branners Erstlingswerk, in dem er die neun Jahre als Lagerchef bei einem Verlag verarbeitete. Zweitens schrieb er es in nur einem Monat, woher sicher auch das Unangestrengte und Lebendige herrührt. Eine deutsche Neuauflage wäre schön. Mit dem richtigen Titel diesmal.