Elvis-Bücher

Elvis Presley trifft Richard Nixon (White House photograph by Ollie Atkins)
Elvis Presley trifft Richard Nixon (White House photograph by Ollie Atkins)

Ich weiß nicht ... Ich weiß nicht … Ich starre auf die beiden Cover der beiden Bücher links neben mir auf dem Tisch und kann mich nicht erinnern, welches der beiden mein allererstes Elvis-Buch war. „Elvis Presley Superstar“ von Lothar F.W. Grust und Jeremias Pommer, 1977 erschienen bei Bastei Lübbe für 5,80 DM? In der ausführlichen Filmografie hinten stehen die Nummern meiner VHS-Cassetten, wo der jeweilige Film drauf ist – Jailhouse Rock 27 – Kid Galahad 1 ... Oder war es „Elvis Presley“ von Mike E. Rodger, erschienen 1978 bei rororo Rotfuchs für 6,80 DM – zweite Auflage 1981? Vielleicht weiß ich es nicht, weil sich sowieso meine früheste Erinnerung an ein Elvis-Buch auf einen großformatigen Paperback-Bildband bezieht, der im Wohnzimmer im Regal stand. Groß, quadratisch, Elvis in roter Jacke, goldener Rand, mit der Zeit immer etwas zerlesener und zerblätterter. Das Buch existiert auch noch, wie ich telefonisch sichergestellt habe. Dabei habe ich es erst bei mir gesucht, da ich dachte, ich hätte es besitzergreifend an mich gerissen. Eine schöne Bildersammlung war für mich damals auch das Heft „Elvis lebt!“, in der Reihe „Aktuelle Dokumentation 5“ für 7,80€ – gekauft im Supermarkt in Böklund. Für etwa dieselbe Summe bekommt man es übrigens antiquarisch, nur halt jetzt in Euro. Ein Buch allerdings habe ich nur gekauft, aber nie gelesen: „Elvis. Sein Roman“ von Robert Graham und Keith Batty von 1984, Fischer Verlag, 9,80 DM. Ich hatte leider zu spät festgestellt, dass die Autoren versuchen, den Südstaaten-Slang phonetisch wiederzugeben. Ob das auf Englisch funktioniert, weiß ich nicht, aber auf Deutsch ist das grässlich: „Wasn füane Farbe denn?“, sagt Elvis, nur als kurzes Beispiel, beim Friseur, als es ums Haarfärben geht.

All das fiel mir so nach und nach ein, nachdem ich auf dem Filmfest Hamburg die neue Elvis-Doku „Promised Land: King of America“ gesehen hatte. Rahmen des Films ist eine Fahrt durch die USA in Elvis‘ pinkem Rolls Royce, dessen Motor wie aus Protest gegen das Projekt dauernd ausfällt. Was er mit dem Film eigentlich wolle, fragt den offensichtlich ratlosen Regisseur Eugene Jarecki ein Mechaniker. Die Antwort hat jener bis zum Schluss nicht gefunden. Und so ist der Film bloß ein Sammelsurium an Einzelteilen. Darunter sind auch schöne Bilder, schöne Musik, schöne Szenen, Altes, Neues, das Ganze routiniert und geschickt geschnitten. Da ist John Hiatt, der vor Rührung auf dem Rücksitz anfängt zu weinen. Da wird Country gespielt und gejodelt. Die Indianerin, die als kleines Mädchen Elvis getroffen hat, wovon es niedliche historische Filmaufnahmen gibt. Ethan Hawkes erzählt vom Beifahrersitz aus seine Geschichte von Elvis. Denn jeder hat wie immer so seine Meinung, seinen persönlichen Elvis. Da ist der selbstverliebte schwarze Radikale, wer auch immer das war, der Elvis vorwirft, er wäre nicht bei Martin Luther King mitgelatscht. Hm, naja. Wenn man die Leute nach dem beurteilt, was sie nicht getan haben, kann man lange Listen aufstellen. Aber jeder hat das Recht auf seine eigene Selbstgerechtigkeit. Dann doch lieber der ehrliche Chuck D. von Public Enemy. Aber die Anti-Elvis-Zeilen aus „Fight The Power“ sind doch nu olle Kamellen, oder? Dann gibt es Stellen, wo man sich fragt, ob der Regisseur dumm oder niederträchtig ist. Die Schnitte, die dem ahnungslosen Zuschauer suggerieren, Elvis habe etwas mit Scientology zu tun gehabt, wirken kalkuliert boshaft. Und dann wird der Blödsinn mit der gestohlenen schwarzen Musik diskutiert. Und unwidersprochen steht im Raum, dass Elvis nicht schauspielern konnte und seine Filme alle schlecht sind. Und dann kommt das übliche Geleier, Elvis hätte irgendwann keinen Rock‘n‘Roll mehr gemacht. Na und? Ist das eine orthodoxe Religion? Und ganz ehrlich. Bei aller Liebe zu den Sun Sessions, viele meine Lieblingslieder von Elvis waren schon in der Schulzeit keine Rock‘n‘Roll-Songs.

Und bevor ich jetzt fortfahre mit meiner Filmbesprechung, mache ich eine Pause und höre über YouTube ein paar eben dieser meiner Elvis-Lieblingslieder.

Snowbird (2:42)

Kentucky Rain (3:18)

Moody Blue (2:53)

Guitar Man, Remix bon 1980 (2:55)

Das letzte Lied hat mich wieder in Schwung gebracht. Also weiter.

Die Filmfest-Vorstellung im Metropolis war eine Deutschland-Premiere und ganz offiziell. Der NDR-Intendant hielt eine kurze Eingangsrede. Auch das kann man überleben. Selbst als er ankündigte, der Film wäre auch politisch, blieb ich tapfer. Darauf war ich vorbereitet. Und dann ging es im Film um eine Parallelisierung des Niedergangs der USA und des von Elvis. Kann man machen, wenn man der Meinung ist, dass es diesen Niedergang gibt. Auf jeden Fall ist da der einst sehr arme Junge, der so viel Angst hat, wieder arm zu sein, dass er sich manche Dinge in seiner Karriere nicht getraut hat. Denn er wusste, dass man im Kapitalismus ohne Geld nichts gilt. Und es stellt sich die Frage, ob der amerikanische Traum ausgeträumt wurde in den letzten Jahrzehnten oder ob er vielleicht schon immer ein Traum war. Dass es aber tatsächlich ein Problem gibt, wird klar, wenn eine Serviererin die Kaufkraft in den 50ern und heutzutage vergleicht. Die Preise sind ungleich stärker gestiegen als die Löhne. So weit so gut. Bleibt die Frage nach den Ursachen. Und wieso ist Trump hier der große Oberbösewicht? Was auch immer man von ihm hält, so ist er doch nur das Symptom, die Reaktion auf den als solchen empfundenen Niedergang. Und dann müsste man systemimmanente Ursachenforschung betreiben, wozu der Regisseur nicht nur nicht willens ist – er flüchtet sich in schön anzuguckende, aber nichtssagende Montagesequenzen mit Lewinski-Affäre und dergleichen – sondern wozu er auch gar nicht in der Lage ist. Vielleicht müsste man dann ja heilige Kühe schlachten. Kurz gesagt, der Film ist ein typisches Film der modernen ratlosen Linken, die nicht mehr zu Ende denken kann, die überfordert ist von dem, was um sie herum passiert. Ich genoss also die Elvis-Clips und ertrug den verworrenen Rest. An sich ist ja eine politische Meinung so gut wie die andere, solange man keine Menschen umbringt. Voraussetzung ist bloß, dass andere sie verstehen können. Aber ich konnte nicht folgen. Wie so oft im Übrigen heutzutage.

Meine Gedanken schweifen ab und ich erinnere mich an ein Interview aus den Cahiers du Cinéma mit dem Dokumentarfilm-Regisseur Frederick Wiseman. Ziemlich passend, da ich direkt vor der Elvis-Doku die neue Wiseman-Doku „Public Library“ gesehen habe. Spannender Film von 3¼ Stunden über die öffentliche Bibliothek in New York. Aber es ist deprimierend zu merken, dass selbst intelligente Menschen, die ich uneingeschränkt bewundere, keine Lust haben, zu Ende zu denken, wenn es weh tun könnte. Da redet Wiseman über Bush und den Irak-Krieg und dass dieser dumme Präsident für die Flüchtlinge in Europa verantwortlich sei. Er scheint es wirklich nicht im Kopf zu haben, dass Obama und auch Clinton dies mit ihren weiteren messianischen Einmischungen im Nahen Osten erst richtig ausgelöst haben. Ja, und Wiseman war für Hillary, nicht Bernie Sanders. Ein anderer ratloser Linker ist der Positif-Herausgeber Michel Ciment, der in einem Editorial der Filmzeitschrift schreibt, dass er es einfach nicht verstehen will, dass ein Mensch wie Clint Eastwood Sympathien für Trump hegen kann. Ist es so schwer zu verstehen, dass man einen Mann, der hemmungslos sagt, was er denkt, angenehmer findet als eine kriegsfreudige PR-System-Wachspuppe, an der nichts Menschliches mehr ist, die sich von Saudi-Arabien sponsorieren lässt und die ihren Konkurrenten Bernie Sanders mit krimineller Energie aus dem Vorwahlrennen gekippt hat. Übrigens hat Eastwood damals im Interview abschließend gesagt, dass er vielleicht überhaupt nicht wählen geht. Es ging nur um rein menschliche Sympathie. Aber die Linke hat offensichtlich ihre Fähigkeit zum logischen Denken verlernt. Ist das vielleicht das neue Nazi? Wer seinen Verstand benutzt und logisch denkt, ist Nazi. Denn dann stört man ganz automatisch die linke Illusionswelt, in der man sich kuschelig und eingerichtet hat. Aber es geht einem gut und man ist gesund. Und wie sagte eine bekannte Linken-Politikerin nach der Bundestagswahl: „Sie freut sich, dass vermehrt Wähler aus weltoffenen, mobilen, oft städtischen Milieus den Weg zu den Linken fänden.“ Also, scheiß auf Proletariat, Prekariat oder wie auch immer, was die wollen, braucht uns nicht zu interessieren. Das ist kein Widerspruch. Linkssein ist heutzutage mehr ein Wohlstandsgefühl als ein logisches Programm. Man braucht ja den Kapitalismus zum linken Leben, so wie der Parasit seinen Wirt. Viel Sozialstaat zu wollen, ist eine politisches Position. Offene Grenzen eine andere. Beides zusammen ist ein Fall fürs die Entmündigung. Fühlt sich aber supertoll an. Und wer jetzt logisch wird, ist Nazi!

Also, lieber vorsichtig sein und Klappe halten. Denn die Irren haben die Leitung des Irrenhauses übernommen. Übrigens gibt es neben der ratlosen Linken auch noch die halluzinatorische Linke, die sich psychopathisch und potentiell gefährlich zwischen zitternden Panikattacken und sabberndem Wunschdenken bewegt. Hörte nicht jemand auf der Frankfurter Buchmesse „Sieg Heil“-Rufe, wo keine waren? Und dann war da noch Heydrich beim estnischen Geheimdienst. Aber von vorne: Vor kurzem war ich in einem estnischen Film, der im Geheimdienstmilieu spielt. Nach dem interessanten Film gab es eine Diskussion mit dem Regisseur und irgendwann kam eine etwas bollerige Stimme von hinten, die nach den Bildern von Uniformierten im Gang eines Gebäudes fragte und von „Nazischergen“ sprach. Der Regisseur bekam es übersetzt und schaute etwas ratlos drein. Die Frage wurde präzisiert: „Ich bin sicher, ich hätte da Heydrich gesehen.“ Ein irritierter Blick des Regisseurs, kurzes Kopfschütteln, da handele es sich um estnische Offiziere der Vergangenheit. Ja, wenn man das moderne Deutschland nicht gewohnt ist, kann man noch ganz schön erstaunt werden. Wenn man bedenkt, woran man selbst sich hier schon alles gewöhnt hat.

Aber ich schweife zu sehr ab. Zurück zu Elvis. In meinem Heft aus Böklund entdeckte ich ein Kultur Spezial von Der Spiegel von 1997 und da ist nicht nur der ganz junge Elvis auf dem Cover, sondern da ist auch noch ein Artikel über ihn drin. Und mein Blick muss nur auf einen Satz fallen, ein abfälliger über „Crying In The Chapel“, und da weiß ich schon, ich kann mir den Rest ersparen. Keine Ahnung, aber große Klappe und schnell Mist zusammenschreiben. Ein anderes Wort für progressiven Kulturjournalismus. Und ich denke an den Heiligen auf dem Berg, der dort nackt lebte und von einem Vorbeigehenden moralisch ermahnt wurde. „Wieso?“, antwortete der Heilige, „hier ist doch kein Mensch.“ Als der große indische Filmregisseur Bimal Roy im Sterben lag, hörte er immer wieder genau dieses Lied von Elvis, „Crying In The Chapel“. Mein Interesse zu Elvis begann übrigens mit seinem Todestag. Ich muss wohl im Wohnzimmer, in dem die Abendnachrichten liefen, laut gewesen sein, denn plötzlich kriegte ich zu hören, ich sollte still sein. Neugierig starrte ich auf die Bilder aus Memphis und hörte hin. Und habe seitdem nicht damit aufgehört.

Der beste Elvis-Film der letzten Zeit ist übrigens „Elvis & Nixon“.