Valentine Davies / "Das Wunder von Manhattan"

Adventsbeleuchtung -- Weihnachtsmann mit Rentierschlitten (EpsilonEridani)
Adventsbeleuchtung -- Weihnachtsmann mit Rentierschlitten (EpsilonEridani)

Es geschah an dem Tag, an dem Sommer gewesen war. Am einzigen wirklich heißen Tag des ganzen Jahres schaute ich mir zwei meiner Lieblingsweihnachtsfilme an. Zu oft waren sie in den letzten Jahren liegen geblieben. Diesmal wollte ich rechtzeitig sein. Und auch wenn ich mir dauernd den Schweiß aus dem Gesicht wischen musste, saß ich, wie seit Tagen geplant, vor dem Fernseher. Wobei der dänische Film „Fra den gamle Købmandsgaard“ von 1951, zu Deutsch „Aus dem alten Kaufmannshof“, ja eigentlich ganz wunderbar in den Sommer passt, denn Weihnachten ist in diesem Film nur der krönende Abschluss. Dass er trotzdem eine der schönsten Weihnachtsfilme überhaupt ist, liegt daran, dass Annelise Reenberg, Kamerafrau und Regisseurin des Films, in diesen letzten etwa 20 Minuten die Essenz, ja die Apotheose der klassischen dänischen Weihnacht, oder wie man sie sich idealerweise erträumt, abliefert. Das ist von echter poetischer Schwarzweiß-Schönheit. Träumen passt übrigens gut, denn mit einem Traum von Weihnachten eines jungen, von Hans Kurt gespielten Studenten, beginnt „Nøddebo Præstegaard“, den ich mir gleich danach ansah und der so anfängt, wie der andere aufhört: Mit Weihnachtswichteln, die im Glockenturm des Dorfes herumklettern. Ich meine übrigens die Verfilmung von 1934, mit Johannes Meyer als Landpastor auf dem „Pfarrhof Nussheim“, wie in etwa der deutsche Titel wäre, und als Vater von zwei Töchtern, die sich mit den beiden älteren der drei studierenden Brüder, die aus der Stadt zu Besuch sind, verloben. Und am Ende, in der Kutsche auf dem Heimweg nach Kopenhagen, schläft Hans Kurt wieder ein. Vermutlich träumt er vom nächsten Weihnachten. Oder von der Verlobten, die er noch nicht hat, aber so gerne hätte. Oder von dem Wilddieb, den er entlarvt hat. Oder von dem armen Rassehahn des Pastors, den er aus Versehen umgebracht hat. 1974 entstand übrigens eine Neuverfilmung der Buchvorlage von Henrik Scharling mit Poul Bundgaard als Pastor.

Da klingelte es an der Tür. Ich hasste das. Mein erster Gedanke ist immer: „Wer wagt es?“ Und wie immer, wenn es nicht typische Briefträgerzeit ist, zögerte ich. Sollte ich überhaupt hingehen? Ich schaute misstrauisch durch den Spion. Da stand jemand. Ich guckte genauer hin und entdeckte den Weihnachtsmann. Na so was, dachte ich, das ist aber seltsam. Der Weihnachtsmann mitten im Sommer? Und wenn er hatte mitgucken wollen, dann kam er definitiv zu spät. Aber ich könnte natürlich noch einen dritten Film einlegen. Mit diesem Gedanken öffnete ich.

„Guten Tag, Weihnachtsmann.“

„Guten Tag, darf ich hereinkommen. Ich hätte da ein kleines Anliegen.“

Neugierig bat ich ihn herein.

Bevor ich die Tür wieder schloss, bemerkte ich mit einem kurzen Blick, dass die Luke zum Dach geöffnet war und die Leiter befestigt war. Aha, er hatte da oben geparkt. Wie praktisch. Blieb nur eine Frage: Wie hatte er die Luke von außen geöffnet? Aber dafür war er ja der Weihnachtsmann.

Der arme Weihnachtsmann war völlig durchgeschwitzt und stöhnte:

„Oh, diese Hitze. Aber was soll ich machen? Sobald ich auf Dienstreise bin, muss ich diese Uniform tragen. Auch wenn gar nicht Weihnachten ist. Da gibt es dann zwar auch genug Länder, wo es zu der Zeit warm ist, aber da weiß man jedenfalls, wofür man leidet.

Er warf sich in den nächstbesten Stuhl.

„Hast du auch nicht-alkoholfreies Bier?“

Er wusste Bescheid über mich. Klar. Wie gesagt, er war ja schließlich der Weihnachtsmann. Aber ich hatte tatsächlich etwas für ihn. Wenn er nicht mehr als zwei Flaschen von dem Tuborg Weihnachtsbier trank, das bei mir wie durch ein Wunder noch herumstand, würde der Vorrat reichen.

„Es ist aber nicht kalt.“

„Das ist egal. In meinem Zustand wird mir alles kalt vorkommen.“

Dann saß mir der Weihnachtsmann gegenüber, der die erste Bierflasche herunterkippte, als würde er Werbung dafür machen. Ich hätte fast gefragt, ob er wirklich bei jedem Tuborg-Laster mit Weihnachtsbier kehrt machte und hinterherfuhr, wenn er einen sah. Das erzählt uns schließlich seit Jahren die Tuborg-Brauerei mit ihrem Werbespot.

 Dann schien er sich allmählich besser zu fühlen, denn er atmete tief durch.

 „Also, der Grund für mein Kommen.“

 Ich guckte ihn erwartungsvoll an, doch er zog es vor, die zweite Flasche zu öffnen und daraus erst einmal auch noch einen großen Schluck zu nehmen. Dann kam er endlich zur Sache.

„Wir wollen dieses Jahr zum ersten Mal im Weihnachtsland ein Weihnachtsfilmfestival veranstalten und du sollst die Filme aussuchen. Ich habe schon vor vielen Jahren festgestellt, dass du eine besondere Vorliebe für die verschiedensten Arten von Weihnachtsfilme hast.“

„Hatte. Ich gucke jetzt nur noch die, die ich am liebsten mag. Es kommen nicht mehr oft neue dazu. Früher war ich richtig auf der Suche.“

„Ja, das macht ja nichts. Das können ruhig deine Lieblingsfilme sein.“

 „Ich kann gerne eine Liste machen.“

„Nein, nicht so schnell, wir brauchen dich persönlich für die Planung. Meine Verwaltung schimpft mit mir, wenn ich ohne dich ankomme. Siehst du, es ist nämlich so, dass unsere Geschenkfabrikation in den letzten vierzig Erdenjahren immer unromantischer geworden ist. Es ist immer mehr Hightech geworden, vor allem seit man sich in den 80ern einen PC zu Weihnachten wünschte. Jetzt montieren wir schon teure Telefone für Kinder. Ich muss einfach etwas tun, um die Mitarbeiter daran zu erinnern, worum es eigentlich geht. Bisher reichte immer dieses Buch, aber die meisten lesen nicht mal mehr.“

Bei diesen Worten zog er einen dicken Wälzer aus einer seiner Taschen. Wie der da hineingepasst hatte, war mir ein Rätsel. Aber er war ja der Weihnachtsmann.

Er reichte mir das Buch.

„Bitte sehr, ein Geschenk. Hast du was zu lesen, wenn wir unterwegs sind.“

„Unterwegs?“

„Ja, wir fahren sofort los. Nimm ein bisschen warme Kleidung mit, und dann los.“

„Ich wollte eigentlich ...“

„Unwichtig! Wenn ich dich zurückbringe, wird für dich überhaupt keine Zeit vergangen sein. Du selbst wirst daran zweifeln, ob das alles Wirklichkeit war. Und jetzt, hopp hopp.“

Ich stellte mit einem kurzen Blick fest, dass es sich bei dem Buch um „Miracle on 34th Street“ von Valentine Davies handelt. Die deutsche Übersetzung heißt, wie die beiden Filme, „Das Wunder von Manhattan“. Ich packte schnell zusammen und wir gingen aufs Dach.

Dort stand ein wunderschöner, klassischer Schlitten in Rot mit bunten Verzierungen. Wie aus einem Weihnachtsfilm, hätte ich beinahe gesagt. Was die Romantik etwas störte, waren nicht so sehr die Hitze und die grünen Bäume um das Haus herum, sondern die sechs Kamele, die davor gespannt waren.“

Der Weihnachtsmann sah meinen skeptischen, etwas irritierten Blick.

„Was sollte ich machen? Außerhalb der Saison sind meine treuen Rentiere nicht so lauffreudig, können regelrecht bockig und schlecht gelaunt sein. Hinter dem Eisland haben sie einfach gestreikt. Und da waren an der Poststation nur die Kamele verfügbar. Eigentlich funktioniert es ganz gut, wenn nicht ...“

Er winkte ab.

„Na ja, man gewöhnt sich dran. Aber wir haben noch ein ganz anderes Problem. Wir können leider nicht die direkte Strecke gen Norden nehmen. Wir müssen ein paar Umwege einschlagen. Jetzt im Sommer gibt es unzählige Baumaßnahmen und Sperrungen. Der Umweg geht also übers Gemüseland und das Gummibärchenland und dann wie immer durch das Eisland.“

„Gemüseland, Gummibärchenland? Was ist das?“

„Das, was die Name sagen. Im Gemüseland lebt Gemüse, im Gummibärchenland Gummibärchen.“

Dann brachte er seine Kamele in Gang, die doch recht zügig waren. Da war nur so ein seltsamer Geruch. Ich guckte den Weihnachtsmann an, wollte nicht unhöflich. Doch natürlich bemerkte er meinen Blick und guckte mich entrüstet an.

„Das sind die Kamele. Die riechen eben etwas ungewohnt. Und manchmal kommt noch ein bisschen heiße Luft dazu. Aber, wie gesagt, irgendwann hat man sich dran gewöhnt und nimmt es gar nicht mehr war.“

Na gut, ich beschloss, die Zeit bis dahin mit „Miracle on 34th Street“ zu überbrücken. Wir bewegten uns irgendwo zwischen dünnen Wolkenfetzen und blauem Himmel. Die Luft war angenehm kühl, aber nicht so richtig frisch.

Ich blätterte erst mal in dem Buch, entdeckte, dass der Text selbst eher kurz war, aber dass er sich immer wiederholte, in verschiedenen Ausgaben, verschiedenen Sprachen und so entstand ein bibeldicker, fest eingebundener Geschenkband mit Goldverzierung. Ich hatte sogar den Eindruck, da waren seltsame Sprachen, die gar nicht irdisch wirkten. Wie dem auch sei, äußerst hübsch das Ganze. Ich hatte das Buch nie gelesen, kannte nur die beiden Filme. Der erste ist von 1947, unter der Regie von George Seaton. Es ist eine einfache Geschichte. Ein älterer Mann, namens Kris Kringle, wird der Weihnachtsmann eines großen New Yorker Spielzeuggeschäfts, nachdem er durch einen Zufall den besoffenen Weihnachtsmann der jährlichen Parade ersetzt hat. Da greift er zu unkapitalistischen Maßnahmen wie der Empfehlung eines Konkurrenzgeschäfts, wenn ein Kind einen in seinem Laden nicht erfüllbaren Wunsch hat. Nach und nach setzt sich dies in ganz New York, ja im ganzen Land durch. Parallel dazu gibt es die Geschichte einer strebsamen und durch und durch verstandesgeleiteten Frau, die ihre Tochter im Sinne der Rationalität erzieht und ihr nicht nur beigebracht hat, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, sondern schon den Versuch unterbindet, mit dessen Existenz in der Vorstellung zu spielen. Gleichzeitig arbeitet sie als leitende Angestelle in diesem New Yorker Spielzeuggeschäft. Ein netter Nachbar, ein Anwalt, ist in sie verliebt und versucht, ihr Gefühle zu entlocken. Probleme entstehen dann dadurch, dass Mr. Kringle glaubt, der Weihnachtsmann zu sein. Ein bösartiger Psychologe, gleichzeitig die gestörteste Person der Geschichte, sorgt für die Einlieferung des Mannes, sodass es zu einem amüsanten Gerichtsprozess kommt, in dem der Richter am Ende amtlich bestätigt, dass Mr. Kringle tatsächlich der Weihnachtsmann ist. Der Film erzählt das alles sehr ruhig und unaufgeregt und lebt vor allem von der Story, dem Drehbuch und den Darstellern bis hinein in die Nebenrollen. Edmund Gwenn ist der liebenswerte Kris Kringle. Und die zwischen Altklugheit und Phantasie hin- und hergerissene Tochter ist die kleine Natalie Wood. Maureen O‘Hara ist die emotional verhärtete Karrierefrau und John Payne der entspannte Anwalt, der Weihnachten liebt und es nicht ertragen kann, wenn Kinder keinen Spaß am Weihnachtsmann haben dürfen. Das Buch zum Film dann ist von Valentine Davies, der auch die Originalstory verfasst hat. Film und Buch sind sich also, wenig überraschend, sehr ähnlich, mit einem Unterschied allerdings. Die Schlüsselszene, nach der der böse Psychologe Mr. Kringle der Gewalttätigkeit beschuldigt und ihn einliefern lässt, hat Valentine Davies ausgebaut. Ist es im Film eine kleine Auseinandersetzung, die etwas heftig wird, hält im Buch der Psychologe einen Vortrag über die Schädlichkeit des Mythos vom Weihnachtsmann. Da hat er die Rechnung ohne Kris Kringle gemacht, der plötzlich sehr zur Erheiterung des Publikums auf der Veranstaltung auftaucht und diese regelrecht sprengt. Ich hatte jahrelang eine VHS-Cassette des Remakes von 1994 in Originalfassung mit dänischen Untertiteln im Schrank stehen gehabt. Doch irgendwie hatte ich lange keine Lust, sie zu gucken. Als ich mich dann aufraffte, wurde ich nicht wirklich eines Besseren belehrt. Das Problem mit der John-Hughes-Produktion ist die Tatsache, dass der Film die Existenz des Weihnachtsmannes propagiert, aber eigentlich nicht daran glaubt. Denn das Böse geht hier nicht von der Psychologie, sondern vom Großkapitalismus aus, dessen Vertreter bis zum Schluss nicht bekehrbar ist. Das wirkliche Weihnachtswunder, dass alle Läden die Politik des Weiterempfehlens übernehmen und dadurch eine ganz besondere Atmosphäre innerhalb der Wettbewerbswirtschaft schaffen, findet hier nicht statt. Dafür macht der Film, im Gegensatz zum Original, den Schritt zu Gott und „In God we trust“. Nur fragt man sich dann, ob das nicht doch zu viel ist, ob es nicht bloß ein weiterer suggestiver, amerikanisch-kapitalistischer Werbespruch ist, ob der Film also nicht trotz schöner Szenen nicht zuletzt ein Produkt dessen ist, was er kritisiert. Nicht zynisch wohlgemerkt, sondern einfach, ohne es zu merken.

„So.“

Der Weihnachtsmann stieß mir mit dem Ellenbogen in die Seite und holte mich zurück in die Wirklichkeit der Reise. Ich klappte das Buch zu. Der blaue Himmel verschwand und wir tauchten ein in eine seltsame Grauzone mit dämmerigem Licht, in der sich in der Ferne alles in einem kompakten Nebel verlor, in dem zwischendurch immer wieder regenbogenfarbige Blitze aufzuckten.

„Wir kommen gleich durchs Gemüseland, wo wir auf normalen Straßen fahren können. Genauer gesagt, ist es das Karottenland, wenn nicht plötzlich eine neue Umleitung auftaucht. Sei vorsichtig, beug dich nicht zu weit heraus. Die Bewohner könnten neugierig werden, was bei den Karotten mit ihren spitzen Köpfen sehr schmerzhaft sein kann.“

„Ach, sind Sie keinen Weihnachtsmann gewohnt?“

„Nein, doch, so etwas Ähnliches. Sie sehen mich aber als Weihnachtskarotte, deshalb verstöre ich sie nicht. Es ist eben so, dass sie deinetwegen sehr irritiert reagieren könnten, denn viele von ihnen haben noch nie einen intelligenten Menschen gesehen.“

Ich nickte langsam, als hätte ich begriffen. Was immer er mit seinen Worten gemeint hatte.

Allmählich wurde es heller und vor uns tauchte fester Boden auf. Plötzlich war da ein knirschendes Geräusch zu hören. Ich lehnte mich etwas aus dem Schlitten heraus und schielte nach unten, wo stabile Räder ausgefahren wurden, die auch dringend benötigt wurden, da auf der Straße ja kein Schnee lag. Gekonnt setzte der Weihnachtsmann mit seinen Kamelen, die ihre Sache doch wirklich gut machten, auf einer geraden Straße auf, die durch weite Felder führte, wo zunächst niemand zu sehen war. Dann entdeckte ich nach und nach große Karotten, die auf zwei dünnen, grünbehaarten Beinen umherliefen und offensichtlich etwas ernten. Sie hatten kahle, meist sehr spitze Köpfe. Erst waren die Arbeiter weit weg, dann sah man welche näher an der Straße, und dann konnte man auch erkennen, was sie da ernteten.

Sie zogen steife, unbewegliche, menschenähnliche Gebilde aus der Erde und warfen sie in große Eimer. Ich sah, wie eine kleine Karotten zu einer großen lief und sich eins geben ließ. Herzhaft biss es hinein, zuerst in den Kopf und dann knabberte es sich eilig und voller Freude nach unten durch. Ich sank nieder in meinem Sitz und wäre gerne unsichtbar geworden.

„Das ist ja schrecklich.“

„Nein, das ist es gar nicht. Das ist nur Menschengemüse, das fühlt gar nichts.“

Wenn die Straßen uns dazu zwangen, langsamer zu fahren, strömten die Karotten herbei und starrten mich an mit ihren schwarzen Augen. Ich konnte diesen Blick nicht lesen, mir war nicht klar, ob es Angst, Neugier, Entsetzen oder einfach nur Appetit war.

Ich war froh, als wir wieder durch graues Niemandsland schwebten und die Welt verschwunden zu sein schien. Jetzt waren es noch mehr Regenbogenblitze. Sie schienen auch näher zu sein.

„Ich hoffe, du hast keinen Hunger und magst kein Weingummi. Beiß jetzt nicht aus Versehen irgendwo an. Es könnte lebendig sein.“

Während er wieder auf einer Straße aufsetzte, der durch einen Wald von bunten Weingummibäumen führte, schaute ich ihn an.

„Und hier siehst du für die Bewohner wie ein Weingummiweihnachtsmann aus?“

„Ganz genau.“

Man bekam wirklich Appetit. Denn ich liebe Weingummi. Und hier ar alles aus Weingummi, hartes, weiches, in den verschiedensten Farben. Alles leuchtete und blinkte und dazwischen bewegten sich mittelgroße Gummibärchen. Ich beachtete streng die Warnung des Weihnachtsmannes, denn am liebsten hätte ich mich kurz herausgelehnt und mir eine der wirklich lecker aussehenden Blumen vom Straßenrand gepflückt. Da war außerdem ein pinkes Gummibärchen, das zu mir herüberblickte. Es sah aus wie ein weibliches, eine Gummibärchin. Und wirklich lecker, wie gerne hätte ich kurz mal hineingebissen.

Ich seufzte.

„Kannst du nicht schneller fahren, ich kann mich gleich nicht mehr beherrschen.“

Und tatsächlich fielen die Kamele in eine schnellere Gangart und nach kurzer Zeit schwebten wir wieder durch das undurchdringliche Grau, das allerdings jetzt durch bunte, stark leuchtende Stellen aufgeheitert wurde. Ich merkte, dass es kühler wurde. Und sehr schnell wurde es nötig, meine dicke Jacke überzuziehen. Der Weihnachtsmann entspannte sichtlich angesichts der für ihn passenderen Temperaturen.

„Ja, man merkt, dass wir gleich im Eisland sind“, sagte er zufrieden.

Und gerade hatte er das gesagt, da hellte sich alles auf. Das Grau, die Regenbogenfarben, alles wurde aufgesaugt von einem Weiß, das die Gedanken verlangsamte und in das man hypnotisiert hineinschaute. Dahinter tauchte eine Schneelandschaft mit einem weißen Himmel darüber auf.

Kurz nachdem wir im Schnee aufgesetzt hatten, eine Straße konnte man allenfalls erahnen, kamen wir an eine einsam gelegene Poststation. Ein alter Mann kam heraus und machte sich routiniert gleich an die Kamele, die er in einen großen Stall führte.

„Wohnt er hier alleine?“

„Ja, ganz alleine. Er hatte eine Tochter, aber die ist mit einer Gruppe Wichtel auf Auslandsreise durchgebrannt und nicht wieder mit ihnen zurückgekehrt. Es war ihr hier zu einsam.“

Nach kurzer Zeit kam der gebeugt gehende Mann, der uns gar nicht ansah, mit den Rentieren wieder heraus, die sich sichtlich freuten.

Der Weihnachtsmann machte eine große, weite Geste mit dem rechten Arm.

„Das ist das große Übergangsgebiet, dass das Weihnachtsland umschließt. Hier kommt normalerweise nichts und niemand hindurch ohne Erlaubnis.“

„Erlaubnis? In Form von Passierschein und so?“

„Nein, es ist eher eine geistige Erlaubnis. Wenn jemand durchkommen soll, kommt er hinein und kann sich hindurchbewegen. Anderen wird es nicht gelingen, weil sie ganz von allein die Orientierung verlieren und nach kurzer Zeit immer wieder an der Stelle landen, an der sie das Eisland betreten haben. Da hat irgendwann noch jeder aufgegeben.

Trotz seiner müden Erscheinung war der alte Mann sehr zügig mit dem Anschirren der Tiere. Schnell waren wir unterwegs. Rechts und links die unberührte Schneelandschaft ohne Hügel oder andere Auffälligkeiten. Es war auch kein Tier zu sehen.

Da entdeckte ich etwas entfernt eine Hütte inmitten der Einsamkeit.

„Was ist denn das für ein Ferienhaus?“

„Eine Zuflucht für den Notfall.“

„Notfall, das sieht angenehm und friedlich aus.“

„Ist es auch.“

„Und wie kriegt man Essen?“

„Hier hat man keinen Hunger.“

„Auch keinen Durst?“„Nein, und wenn du länger hier bleibst, dann kannst du irgendwann den Unterschied zwischen Himmel und Erde nicht mehr sehen. Der Horizont wird sich auflösen. Genauso wie du vergisst, wer du bist. Und irgendwann bist du dann einfach weg. Niemand wird dich je wieder finden. Du wirst ein Teil der Landschaft. Du gehst in ihr auf.“

Das hörte sich schrecklich an. Schrecklich anziehend.

„Kann man die Hütte mieten?“

„Kann man, sehr günstig sogar, die Miete ist kostenlos.“

Vielleicht sollte ich auf dem Rückweg einfach in dieser Hütte bleiben. Dieses sanft leuchtende Weiß zog mich direkt magnetisch an und legte einen angenehmen, lächelnden Frieden über alles.

Dann waren wir da. Schon von weitem sah es beeindruckend aus. Wenn auch nicht sehr weihnachtlich.

Da er der Weihnachtsmann war, wusste er natürlich, was ich dachte.

„Es kommt nicht darauf, dass ich oder meine Mitarbeiter sich weihnachtlich fühlen.“

Je näher wir kamen, desto mehr strahlte er und begann gleich, mir alles zu erklären.“

„Hier arbeiten Wichtel aus aller Herren Planeten.“

Ich guckte etwas ratlos, wiederholte innerlich dieses Wortspiel, was seine Wirkung nicht verfehlt hatte.

„Ja, wir haben hier Marswichtel, Venuswichtel und welche von Planeten, von denen du noch nie gehört hast.“

„Aber da lebt doch niemand.“

„Ja, jetzt gerade vielleicht nicht. Weißt du, was die Zeit angeht, da ist es bei uns ein bisschen seltsam. Das heißt, wir richten uns nach der Erdzeit, ohne dass sie für uns wirklich existiert oder Bedeutung hätte.“

Ich schaute ihn ratlos an.

„Aber dich betrifft das nicht. Das braucht dich nicht zu kümmern“, winkte er ab.

Das erleichterte mich. Ich werde nicht gerne geistig überfordert. Dann wird mein Kopf so leer und schwer.

Auf dem Gelände herrschte reger Betrieb. Unzählige Wichtel eilten zielgerichtet von einem Gebäude zum anderen. Arbeiterwichtel, Angestelltenwichtel, Transportwichtel.

Wir besuchten dann verschiedene Produktionsstätten. Sie waren modern und beeindruckend. Aber besser gefielen mir die älteren, früher zentral, heute abseits gelegenen kleineren Gebäude, in denen noch klassisches Spielzeug hergestellt wurde. In einer Halle stellte man Holzspielzeug her. Und dann kamen wir in die Stofftierhalle, aus der man mich herausziehen musste. Und dann war da die Halle mit den Autorennbahnen, auf deren Herstellung ich verträumt blickte.

„Ich hatte früher nicht alles, aber alles, was ich brauchte. Nur keine Carrerabahn.“

„Wie schön. Wenn du die auch gehabt hättest, würdest du vielleicht gar nicht mehr an deine Kindheit zurückdenken.“

Nee, dachte ich, das ist jetzt ganz schön erwachsene Weihnachtsmannlogik.

Ich durfte mich auf dem Gelände frei bewegen. Dort gab es keine Geheimnisse. Also spazierte ich umher. Und dachte über Weihnachtsfilme nach. Erst einmal im weitesten Sinne. Ich fand schon lange, dass das Schönste an Weihnachten Weihnachtsfilme sind. Und Weihnachtsmusik. Weihnachtsfilme handeln von Schnee, Weihnachtsbäumen, Familie, Geschenken, Nächstenliebe, Frieden. Oder aber bewusst vom Gegenteil der schönen Dinge. Mit fehlgeschlagenen Feiern, Familienstreit, enttäuschten Beschenkten. Doch am Ende wird oft wieder der richtige Weg erreicht. Wenn auch nur durch ein Wunder, aber dafür guckt man ja Filme. Nach einiger Zeit begab ich mich in meine Unterkunft – ein ganz normales, komfortables Zimmer in einem Hotel in Fliegenpilzform, stilecht mit rotem, weißgepunktetem Dach – und nahm einen Zettel und einen Stift. Nur was mir selbst, ohne Hilfsmittel, einfiel, wollte ich notieren. Da waren also erst einmal die Filme aus Kindheit und Jugend. Weihnachtsfilme, die scheinbar von Anfang an da gewesen sind. Mit der Erinnerung an „Ist das Leben nicht schön“ (1946) bin ich wohl auf die Welt gekommen. Als gäbe es kein erstes Mal, an dem ich ihn gesehen habe. Mit „Pippi und das Weihnachtsfest“ (1969), eine Folge der Fernsehserie, geht es mir genauso. Da ist Pippi Langstrumpf erst ganz allein und am Ende hängt sie im Schnee die Geschenke für die Kinder an den Baum. Oder die schwarzhumorige Gaunerkomödie „Wir sind keine Engel“ (1955), in der die kleine bissige Schlange einen Heiligenschein bekommt. Und der erste Teil, der Weihnachtsteil, von „Fanny und Alexander“ (1982) mit der Theateraufführung, der Ausgelassenheit auf dem Heimweg durch den Schnee, der Feier im Haus – und ganz besonders dem Onkel, der die Kerzen ausfurzt – sowie die Stille am Ende, wenn Alexander mit seinem neuen Geschenk, seiner Laterna Magica, spielt. Dann fiel mir Kurt Hoffmanns „Drei Männer im Schnee“ (1955) ein, nein, das ist ein Schneefilm, kein Weihnachtsfilm. Wenn, dann ein Silvesterfilm, so wie zumindest für uns im Westen Ryazanovs grandioser Film „Die Ironie des Schicksals“ (1975). „Die Gremlins“ (1984) und „Stirb langsam“ (1988) sind eigentlich immer schön vor allem zu Weihnachten. Doch die waren wohl nicht das Richtige zur Inspiration für vom Geist der Weihnacht entfremdete Wichtel. Aber dennoch, ganz ohne den Weihnachtswahnsinn, wo alles schief geht, wo es auch mal zotig wird, ging es auch nicht. Allerdings, bloß keine modernen Exzessfilme, die wie ein einmal lustiger Toilettenwitz sind. Vielleicht sollte man die Zensur wieder einführen, damit die Filmemacher geistreich zweideutig werden müssen. Also keine „Office Christmas Party (2016) oder den zweiten Teil der „Bad Moms“. Vielleicht der dänische Firmaweihnachtsfeierfilm „Julefrokosten“ (1976), mit echten Realismus, gelungener als die auch nicht schlechte neue Version von 2009. Doch dann einigte ich mich mit mir auf einen Klassiker: Chevy Chase und „National Lampoon‘s Christmas Vacation“ (1989), auf Deutsch übrigens „Schöne Bescherung“, was ich mir nie merken kann. Die Griswald-Familie ist wunderbar, dabei habe ich den Film damals gar nicht im Kino gesehen. Lief der überhaupt in Deutschland im Kino? Da hätte ich doch mal das Internet gebrauchen können, blieb aber standhaft und machte weiter mit meiner Liste. Ich erinnerte mich an zwei sehr sympathische spanische Filme voller Weihnachts- und Familienchaos – beide hatte ich auf DVD – aber die Titel fielen mir nicht ein. „Neşeli Hayat“ (2009) allerdings kam selbstverständlich auf die Liste, der großartige Weihnachtsfilm von meinem türkischen Lieblingsregisseur Yilmaz Erdogan, der auch die Hauptrolle spielt. Und war war mit Zeichentrickfilmen, moderner Animation? Eigentlich nicht meine Welt. Robert Zemeckis' Dickens-Verfilmung „Disneys Eine Weihnachtsgeschichte“ (2009) mit Jim Carrey in mehreren Rollen war ganz schön. Aber nein, die beste Dickens-Verfilmung ist die „Muppets-Weihnachtsgeschichte“ (1992). Gegen Kermit und Michael Caine in einem Film, da kommt eben niemand gegen an. Ein anderer unverzichtbarer Puppenfilm ist natürlich „Nightmare before Christmas“ (1993). Dann fiel mir doch noch ein echter klassischer schöner Zeichentrickfilmein, den ich mochte, „Morgen Findus wird‘s was geben“ (2005) aus der „Petterson und Findus“-Reihe von Sven Nordqvist. Dann hatte ich kurz den seltsamen Gedanken, einen Zusammenschnitt von allen Jesus-Geburtsszenen aus Jesus-Filmen hinzuzufügen. Ohne diese Story gäbe es ja Weihnachten gar nicht. Oder doch. Ich schaute aus dem Fenster, sah den ganzen Trubel. Den Weihnachtsmann, Weihnachtswichtel, das gab es schließlich wirklich. Hatte Jesus den Weihnachtsmann eingesetzt und hatte man das später aus den Evangelien gestrichen? Ah ja, komplizierte Bibelexegese, ich dachte lieber an meine bevorzugten späteren Weihnachtsfilmlieblinge. „Nøddebo Præstegaard” (1934) und „Fra den gamle Købmandsgaard“ (1951) habe ich schon erwähnt. Dann die 1947-Version von „Wunder von Manhattan“. Wieso läuft diese alte Verfilmung eigentlich nie im deutschen Fernsehen? Und nicht zu vergessen mein absoluter Weihnachtsliebling „Tante Pose“ (1940) aus Norwegen. Während ich so ging, summte ich das Titellied über die bösartige Tante, die allen das Weihnachtsfest verdirbt, vor mich hin. Tante Pose, Tante Pose, naanaanaa. Was ich zuletzt sehr mochte, war dieser neue norwegische Weihnachtsfilm „Plötzlich Santa“ (2016), den man so lieblos in den deutschen Kinos verbraten hat, und der sicher mal ein Fernsehliebling der Feiertage wird. Oh, und dann hätte ich fast Märchenfilme vergessen. Viele gucken ja immer die „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ (1973), aber zu meinem persönlichen Kult gehört das nicht. Das tut allerdings der russische Väterchen-Frost-Film „Abenteuer im Zauberwald“ (1964), wie auch ein Haufen anderer russischer Märchenfilme, die nicht umsonst pausenlos in den dritten Programmen zu sehen sind. In Norwegen gibt es ja noch einen großen märchenhaften, sozusagen doppelten Weihnachtsklassiker: „Die Reise zum Weihnachtsstern“, in jeweils zwei schönen Versionen von zwei der besten norwegischen Regisseure, Ola Solum (1976) und Nils Gaup (2012).

Uff, ja, ich ließ den Stift sinken und schaute auf meine Liste.

Und dann war alles viel zu schnell wieder vorbei.

Ich hatte meine Liste einem Wichtelgremium vorgelegt, wo jeder einzelne Titel besprochen wurde, ob er der Veranstaltung angemessen war. Dann einigte man sich auf 10 Titel. Es war erstaunlich, wie bürokratisch hier alles ablief. Es war eine gut geölte, reibungslose funktionierende Maschinerie. Und so wurde es eine perfekte Veranstaltung. Da man hier kein Kino hatte, hatte man eine alte, die meiste Zeit des Jahres leerstehende Halle umfunktioniert und sogar weihnachtlich geschmückt, was hier ansonsten ganz und gar unüblich war.

Dem Weihnachtsmann hatte es dann gefallen. Sagte er zumindest, allerdings machte er eine Einschränkung.

„Mir ist aufgefallen, dass du einen wichtigen Weihnachtsfilm nicht zu kennen scheinst.“

„Ja, welchen?“

Er tat so, als wäre er beschäftigt, lächelte aber dabei.

„Später.“

Kurz danach vergaß ich es.

Auf dem Rückweg durchs Eisland fuhren wir einen anderen Weg und kamen nicht an der Hütte vorbei. Auch wirkte das sanft leuchtende Weiß nicht mehr ganz so anziehend nach meinem Aufenthalt im Weihnachtsland.

Und irgendwann stand ich wieder in meiner Wohnung. Tatsächlich war keine Zeit vergangen. Links hielt ich meine Tasche, ließ sie auf den Boden fallen. Rechts hielt ich „The Miracle of 34th Street“, legte es auf den Wohnzimmertisch und setzte mich müde hin. Ich blätterte ein bisschen im Buch und stieß auf ein kleines Nachwort in der englischen Ausgabe, in dem stand, dass Valentine Davies 1961 mit 55 mitten in einem herzlichen Lachen starb.

Da entdeckte ich auf dem DVD-Player ein eingepacktes Geschenk.

Ich riss das Papier auf. Es war eine DVD. Ein schwedischer Weihnachtsfilm, den ich nicht kannte.

Welcher?

Das verrate ich nächstes Jahr.