Ritwik Ghatak / "Stories"

Beside Padma Garden, Rajshahi [von: Aurnob999]
Beside Padma Garden, Rajshahi [von: Aurnob999]

Über den indischen Filmregisseur Ritwik Ghatak habe ich in meinem Artikel „Ritwik Ghatak – Marxismus, Melodrama und Mythologie“ für die Ausgabe 25 des Retro-Filmmagazins „35 Millimeter“ alles gesagt, was ich auf drei Seiten sagen konnte. Wofür allerdings kein Platz war, war eine Betrachtung seiner Kurzgeschichten. Denn bevor der 1925 geborene Ghatak für das Theater und dann den Film arbeitete, versuchte er sich als Prosaschriftsteller. In dem Buch „Stories“ (2001), eine Übersetzung aus dem Bengalischen, sind einige dieser frühen und einige spätere Geschichten gesammelt: fünf sind von 1947, vier von 1948, vier von 1949, eine von 1954, zwei von 1968 und eine von 1969. Die Geschichten sind sowohl thematisch als auch stilistisch in ihrer Mischung aus spröder Härte und Poesie interessant genug, ohne Kenntnis von Ghatak-Filmen gelesen zu werden, obwohl die ständige Bezugnahme das Vergnügen natürlich vergrößert. Das Medium Literatur gab Ghatak dann für das Theater auf, um mehr Menschen zu erreichen. Den nächsten Schritt zur Filmregie unternahm er aus derselben Motivation. Schließlich war er Kommunist, wollte die Gesellschaft verändern und war kein Künstler im ästhetischen Elfenbeinturm.

Dass sich Ghatak in diesen Geschichten als marxistischer Materialist, der dennoch lieber über anderes als die praktische Lösung sozialer Probleme nachdenkt, erweist, überrascht nicht. Eine seiner Lieblingsautoren war Jung. Seine Kunst hat sich auch später nie der Patentlösungen oder der Parolen schuldig gemacht. Von Anfang an beschäftigten ihn die großen, abstrakten Probleme, wobei das Scheitern oder die Unmöglichkeit ihrer Ergründung im Mittelpunkt steht. Die Menschen suchen voller Hoffnung das Ideal, doch je näher sie ihm kommen, desto mehr zweifeln sie. Und wenn sie scheitern, dann stellt sich die Frage, ob das Ideal überhaupt wirklich, lebenstauglich war, oder ob menschliche Unzulänglichkeit es unmöglich macht. Als wenn das Ideal verschwindet, wenn es in physischen Kontakt mit dem eigenen, wirklichen Leben kommt. Wenn in einem Film Ghataks ein Junge auf dem Land die Stadt als pradiesisches „El Dorado“ betrachtet, ist das eindeutig eine Illusion. Manchmal aber ist es unmöglich zu entscheiden. In „Solstice“ (1947) quält sich ein junger Student mit der Mannigfaltigkeit der Erklärungen der Welt, wo er doch die eine Wahrheit finden will. Die Antworten der Wissenschaft reichen ihm nicht, wenn ein Physiker, ein Chemiker oder ein Biologe ganz unterschiedliche Welten sehen. Auch die Worte der heiligen Schrift „Bhagavad Gita“ befriedigen ihn nicht. Er beschließt, alles hinter sich zu lassen, in sein Dorf zurückzukehren und über die Bedeutung der Welt und über sein eigenes Ich zu meditieren. Es ist auch eine Geschichte um den Gegensatz zwischen Stadt und Land. Immer wieder betrachtet der Student die Natur, die „Poesie der Welt, die nie tot ist“. Und so sehnt er sich nach Harmonie, die es in der Stadt mit ihrer Hektik nicht gibt. Seine Freunde werfen ihm Flucht vor, und auch er selbst hat, als der Zug sich in Bewegung setzt, das Gefühl, einen Fehler gemacht zu haben. Aber gleichzeitig glimmt in ihm eine schwache Hoffnung. Um das Verschwinden im Dschungel, wo man glaubt, man könne sein vorheriges Leben hinter sich lassen und einen überkomme der große Frieden, geht es auch in „Ecstasy“ (1949). Ein Mann hat in Gestalt einer jungen Frau von einem Dschungelstamm scheinbar die Realisierung seines weiblichen Ideals gefunden, denkt an einen Heiratsantrag, malt sich die ewige Harmonie aus, und macht sich gleichzeitig Sorgen um die praktische Umsetzung. Kann er überhaupt mit ihr zusammenleben und glücklich werden? In die Provinz führt auch „Touchstone“ (1948), wo es in einer Bergbaugegend um Musik und Magie geht. Ein Mann hat einst von einem Heiligen ein Rezept bekommen, um Tote zum Leben zu erwecken. Er träumt von einem Heilmittel, um die Menschheit zu erlösen. Das Problem sind nur die schwer zu beschaffenden Zutaten. Dafür bräuchte man Geld. Frustriert wirft er den Zettel mit dem Rezept weg. Als er dann durch einen Raub das nötige Geld hat, wird er wahnsinnig, denn er hat die Zutaten des Mittels vergessen.

Ein anderer Themenbereich ist nicht weniger abstrakt und hat auch mit der Sehnsucht nach dem Ideal zu tun, nur dass es diesmal in der Vergangenheit liegt. Es geht um das Verstreichen der Zeit, um die Unwiederholbarkeit des Gewesenen und dass alle Versuche, dem entgegenzuwirken, zum Scheitern verurteilt sind. Es ist interessant, wie klarsichtig Ghatak mit dem Thema umgeht, wo er selbst doch so an seiner Kindheit und Jugend in Rajshahi im östlichen Bengalen am Fluss Padma hing, wo er sich doch nie mit der Teilung Bengalens abfinden konnte. Als er 1971, gemeinsam mit Satyajit Ray, offiziell vom endlich vom pakistanischen Joch unabhängigen Bangladesch eingeladen wurde und hinflog, war er selbst Opfer einer Vergangenheits-Illusion: „Ich hatte das Gefühl, dass Bengalen sich noch dort befände, unverändert, in seiner ganzen Fülle und Schönheit, so wie ich es viele Jahre zuvor gekannt hatte. Aber es handelte sich nur um eine Regression, um das kindliche Gefühl, die Zeit wäre da, unbeweglich.“ In „The Tree“ (1947) verschwindet ein Baum, der lange eine zentrale Rolle im Leben eines Dorfes spielte, nachdem er gefällt wurde, mit der Zeit aus dem Bewusstsein der Menschen. In „At the trail of the milky way“ (1947) macht ein junger Mann Urlaub und verlebt auf einer schwesterlich-mütterlichen Ebene eine paradiesische Zeit mit einer jungen Mutter. Dieses perfekte Gefühl möchte er wiederaufleben lassen und stattet ihr nach der Rückkehr nach Hause einen Besuch ab, wobei er sehr nett behandelt wird, doch erkennt er sie nicht wieder. Auch „Shikha“ (1947) zeigt, dass nichts unveränderlich ist. Ein Onkel beschreibt seine freche 7-jährige Nichte, die als Kind noch das Geld der Reichen unter den Armen verteilen wollte. Doch durch das richtige Internat wird aus ihr eine weitere Gesellschaftsdame aus der Retorte. Sie ist mit 22, verheiratet mit einem Reichen, ein anderer Mensch. In „Raja“ (1948) bekommt ein zum Taschendieb heruntergekommener Trinker und Poet eine Einladung zum College-Alumni-Treffen. Er träumt sich eine kurze Zeit wieder in eine Vergangenheit, als er als Klügster von allen noch eine Zukunft hatte, hat sogar das Gefühl, es könnte alles anders werden. Am Ende bestiehlt er dann doch seine alten Freunde und verschwindet. Er kann eben nicht anders, denn das ist jetzt sein Leben. In der sehr kurzen Geschichte „Love“ (1969) tötet ein junger Mann eine junge Frau, weil der Augenblick so perfekt sei und auf die Weise in die Ewigkeit ausgedehnt werden könne.

Das ist dann ein nicht nur wahnsinniger, sondern auch ein ganz und gar egoistischer Mord, der sich allerdings den Schein eines barmherzigen Grundes gibt. Er erwürgt sie mit ihren eigenen langen Haaren, damit sie nicht älter wird, denn auch sie erscheint in dem Moment perfekt. Dadurch rückt selbst diese düstere Poesie um einen stürmischen Abend am Fluss Padma in die Nähe des Themenbereiches „ethischer Mord“. Ghatak steht da in guter Gesellschaft. Fjodor Dostojewskis „Schuld und Sühne“, Jack Londons unvollendetes „Mordbüro“, Jonas Lies „Wenn die Sonne untergeht“ oder auch Hjalmar Söderbergs „Doktor Glas“ behandeln auf ihre Art dasselbe Thema. In zwei weiteren Geschichten geht es darum, jemanden von seinem vermeintlichen Elend zu befreien; jemand, den man geliebt hat oder mit dem man befreundet ist, soll nicht weiter solch eine vermeintlich unwürdige Existenz führen. In „The Deposition“ (1947) tötet ein Mann eine Frau, weil sie durch ihren widerlichen Ehemann alt, müde und misshandelt ist. Die Worte der Geschichte sind gleichzeitig das Geständnis des Mörders, der den Inspektor am Ende bittet, einen weitere, letzte Tat ausüben zu dürfen, um der Gerechtigkeit willen. Denn der Ehemann der Toten lebe noch. In „Comrade“ (1949) wird ein Arbeiterverräter, der während eines heftigen Streiks heimlich mit den Arbeitgebern zusammenarbeitet, von einem Genossen getötet. So kann der Freund jedenfalls als Held sterben und so wird er auch beerdigt werden.

Um einen Arbeiterfeind geht es in „Eyes“ (1949). Die „Augen“ des Titels sind die brennenden Augen, die den Mörder an einer Arbeiterin auch nach der Tat durchbohren und durch die er seine Schuld nicht vergessen kann. „A fairy tale“ (1948) ist eine einfache Rachephantasie. Ein Zeitungsherausgeber bekommt von seinem ständig zensierten Chefredakteur die Prügel, die er dessen Meinung nach verdient. Politisch sind auch die Geschichten, die die Unabhängigkeit und Teilung Indiens sowie die damit einhergehenden Gewaltausbrüche und Flüchtlingsströme im Jahre 1947 und danach zum Thema haben. Hier ist man mitten drin in einem zentralen Thema in Ghataks Filmen. Von bewaffneten Auseinandersetzungen nicht in Bengalen, sondern in Kaschmir, handelt „The earthly paradise remains unshaken“ (1948). „The crystal goblet“ (1949) spielt in einem Flüchtlingslager. Ein Mann schildert seine Eindrücke einer schrecklichen Situation zwischen Chaos und Cholera, beobachtet eine Mutter, deren Kind gerade gestorben ist. Ein alter Mann fragt nach der Adresse der Regierung, die er für eine einzelne Person hält, weil er tatsächlich glaubt, eine adäquate Entschädigung für das Zurückgelassene zu bekommen. „The Road“ (1954) zeigt einen Mann, der seine Wohnung an Flüchtlinge verloren hat, in deren Haus am Padma, jenseits der Grenze, wiederum jetzt auch andere wohnen. Das individuelle Problem wird auf die allgemeine Ebene gehoben und am Ende ist sogar Verständigung möglich.

Die letzten beiden Geschichten, sehr kurze, verbinden Mythologie und Alltag, die ferne Vergangenheit und die Gegenwart. „The Divine Resonance (1968) ist ein autobiografischer Traum, hat aber ein imaginär-glückliches Ende. Ein Mann hat sich trinkend in eine Hütte im Dschungel zurückgezogen: „Er war ständig verletzt worden bei dem Versuch, seine Mitmenschen zu lieben, hatte versucht, sich mit Hilfe seines Intellekts und des Alkohols einen Platz in der Welt zu verschaffen. Deshalb lehnte die Gesellschaft ihn ab, verließ ihn seine Ehefrau, sogar seine eigene Familie ...“ Einsam sitzt er in der Hütte, trinkt und arbeitet daran, seine „Saraswati Veena“, ein Saiteninstrument, zu reparieren. Denn das Einzige, was ihn noch interessiert, ist die Musik. Dann erscheint die Göttin Saraswati persönlich und spielt nur einen Ton, das reicht für göttliche Verzückung: „Das ist das Ende der Welt.“ Und das ist ein schöneres Ende, als Ghatak es einem anderen, von ihm selbst gespielten, Alter Ego in seinem letzten Film reservieren wird, wo er mit der Flasche in der Hand erschossen wird und vorher noch feststellt, dass das Universum in Flammen steht. Mythologisch wird es auch in „Attack“ (1969), um die Aktualität der alten Geschichten und Inhalte der großen indischen Epen aufzuzeigen, in denen Indiens Stärke läge. Würden jene vergessen, nähme auch diese ab. Der Schlüssel des Erfolges, gemeint ist vor allem der politische Kampf, liegt für Ghatak in der Anwendung der Weisheit der alten Schriften: „Wir in diesem Zeitalter haben den geheimen Brauch der Mythologie für unsere Leben verloren.“ Und angesichts der Analyse des geistig-moralischen Zustandes seiner alten politischen Mitstreiter wundert es nicht, dass er große Sympathie für die Naxaliten, die jungen maoistischen Aktivisten und Guerillakämpfer hatte: „Dekadenz ist in unsere Seelen eingedrungen und isst unsere Eingeweiden wie Würmer.“ Ghatak trank weiter, drehte vor allem noch zwei brillante Spielfilme und starb 1976. Seine Lenin-Doku von 1970 gab es nur in der Sowjetunion zu sehen. Als Letztes solle noch erwähnt werden, dass „Stories“ ein sehr gutes Vorwort hat, das ich jetzt bewusst nicht noch einmal gelesen habe, das aber bestimmt inspirierend für meinen Artikel und für diesen Blogbeitrag war.