François Mauriac / "Die Pharisäerin"

François Mauriac 1933
François Mauriac 1933

Und selbst wenn der französische, katholische Schriftsteller François Mauriac (1885-1970) nur "Die Pharisäerin" – „La Pharisienne“ (1941) im Original – geschrieben hätte, wäre er einer meiner Lieblingsautoren. Eigentlich mochte ich ihn indirekt ja schon, als mir sein Name selbst noch gar kein fassbarer Begriff war. Er war immerhin der Autor der Vorlage von Georges Franjus wunderbarem Film „Thérèse Desqueyroux“ (1962), den ich mit 16 oder so im WDR gesehen habe. „Die Pharisäerin“ habe ich ja erst mit Mitte 20 gelesen. Aber von allen Romanen Mauriacs, die ich kenne, ist es der reichste und komplexeste. Vermutlich liegt es auch daran, dass er hier nicht mit einem allwissenden Erzähler arbeitet, sondern mit einem inzwischen gealterten Ich-Erzähler, der zwar an vielem Geschehen beteiligt war, aber anderes nur gehört oder gelesen oder sich zusammengereimt hat. So entsteht eine gebrochene, teilweise unsichere Perspektive. Gleichzeitig ist alles so direkt, echt und intensiv, dass man nicht merkt, dass es ein spätes Werk in Mauriacs Romanproduktion ist. Der Gefahr der Routine, einer trügerischen Selbstsicherheit beim Schreiben, ist er offensichtlich nie verfallen. Jedenfalls ist er zumindest im Augenblick der einzige Autor, von dem ich in diesem Leben gerne noch alles lesen würde, was er geschrieben hat – auch die politischen und journalistischen Schriften, die ich bisher überhaupt nicht kenne, es sei denn, man zählt auch seine Bucherinnerungen „Innere Memoiren“ – „Mémoires intérieurs“ (1959) – dazu, die mich ja überhaupt erst auf die Idee zu diesem Blog gebracht haben.

Aber am Anfang war „Thérèse Desqueyroux“ (1927). Es ist das erste französischsprachige Buch, das ich mir – ich denke ich war schon in der Oberstufe – überhaupt je gekauft habe. Das wiederum war aber reiner Zufall, denn es stand mit anderen französischsprachigen Büchern einfach da im Regal. Es war nicht dick, nicht lang, nicht teuer, erfüllte also alle formalen Voraussetzungen. Ich hatte mich eigentlich nur ein bisschen umgesehen in dem Buchladen gegenüber der Paderborner Kammerspiele, hinter dem Rathaus. Man musste ganz nach hinten durchgehen, zwei drei Stufen hochsteigen und da waren dann die ausländischen Bücher. Ziemlich groß war der Laden, ich glaube, im ersten Stock war noch mehr. Ging man wieder hinaus, lag links der Rathausplatz und gleich links um die Ecke das katholische Medienzentrum, das für mich so eine Art furchteinflößende „Terra incognita“ war. Das war katholisch, kirchlich, da gehörte man nicht hin. Wenn man dann hörte, dass an der Ausleihe gerne mal zensiert wurde, wenn ein Nutzer als zu jung für das entsprechende literarische Werk eingeschätzt wurde, vergrößerte das den gruseligen Schauder noch. Doch, einmal wagte ich mich notgedrungen hinein – eigentlich zwei Mal, aber beim zweiten Mal habe ich nur eine VHS-Kopie meines Abi-Films machen lassen. Das erste Mal war, um Kubricks „Dr.Seltsam“ (1964) zu gucken, der in einem der oberen Stockwerke in einem größeren Raum einmalig gezeigt wurde. Ich weiß noch, wie der nette Mann, vermutlich ein Bibliothekar, in die Runde fragte, ob denn alle 16 Jahre alt seien. Mein Nicken war zumindest so überzeugend, dass ich bleiben durfte.

Das Gesicht der Thérèse-Darstellerin in Georges Franjus Film habe ich nicht so im Gedächtnis behalten, obwohl es Emmanuelle Riva ist, aber ihr Mann, den sie vergiftet, der ist für mich eins mit Philippe Noiret. Den sehe ich auch vor mir, wenn ich das Buch lese. Ich weiß selbst nicht ganz genau, warum ich die Neuverfilmung von 2012 mit dem deutschen Titel „Thérèse“ bis jetzt bewusst gemieden habe, wo ich doch sonst alles von Claude Miller geguckt habe. Vermutlich ist es die Hauptdarstellerin. Ich bin kein Fan von Audrey Tautou und für mich ist sie keine Thérèse, aber wer weiß, vielleicht liege ich völlig falsch. Georges Franju jedenfalls hatte mit seiner Fähigkeit für das Unheimliche und Untergründige – wer „Judex“ (1963) und „Augen ohne Gesicht“ (1960) nicht kennt, sollte das schnellstens nachholen – genau die richtigen Voraussetzungen für die Geschichte um eine junge Frau, die eine für ihre Schicht und Verhältnisse ganz normale großbürgerliche Ehe eingeht, und von da an das Gefühl hat, von einer dunklen Last erdrückt zu werden und sich nur durch das Vergiften des Ehemannes zu retten weiß. Und selbst das ist bei ihr keine große Aktion. Die Idee kommt ihr ganz plötzlich und einfach, als ihr Mann einmal in einer hektischen Situation selbst die doppelte Portion seiner Medizin in die zu trinkende Flüssigkeit tropft. Thérèse schaut zu und schweigt und schreitet danach ganz mechanisch zur Tat. Bis die Ärzte die Ursache für die Krankheit des Mannes entdecken. Der Fall kommt vor Gericht, doch das Verfahren wird aufgrund der Aussage des Mannes eingestellt, da die Familie einen Skandal vermeiden will. Auf dem Weg zurück nach Hause sitzt Thérèse im Zug und denkt darüber nach, wie oder ob sie erklären könnte, was sie getan hat. Es folgt eine lange Rückblende.

Hinten in meiner Ausgabe von „Thérèse Dequeyroux“ steht noch in Bleistift der Preis: 6,50 DM und darunter 2/81/2670. Ob das wirklich bedeutet, dass das Buch all die Jahre da stand? Das wäre möglich, denn gedruckt wurde es im vierten Trimester 1980, wie hinten auf dem Buchrücken steht. Das alles ist mir nie aufgefallen, seit ich es gekauft habe. Erst jetzt... Ob ich nach dem Kauf rechts gegangen bin? Da lag eine enge Straße, eigentlich eher eine Gasse, der Kötterhagen. Gegenüber war dann der Bühneneingang der Kammerspiele. Damals ging ich noch regelmäßig ins Theater. Aber auf der derselben Straßenseite war ein Spielzeugladen, den ich seit meiner Kindheit nicht mehr betreten hatte und der in meiner Erinnerung riesige Dimensionen hat, mit Regalen voll mit verzaubert strahlenden Sachen bis weit unter die Decke, dass kein normaler Mensch da herankommen kann. Etwas weiter machte die Gasse einen Bogen nach rechts, vorher war links ein Parkplatz und dann kam rechts das Spannendste, das Kino Corso, ein Pornokino in einer Hintergasse-Hinterhof-Lage. Wie aus dem Erwachsenen-Bilderbuch. Es gab im Kinozentrum Capitol noch ein anderes Pornokino, das Casino, aber das umgab keine Aura. Da konnte man die Leute sehen, die reingingen, alles war frei und offen, alles war unverklemmt, modern und langweilig. Aber das Corso umgab schon rein äußerlich die Aura des altmodisch Verbotenen, des unmoralisch Verborgenen. Das roch nach Männern, die im Dunkeln ihren Kragen hochschlugen und sich zehn Mal umguckten, bevor sie schnell hineinhuschten. Später habe ich das Etablissement unerwarteterweise sogar mehrmals selbst besichtigt. Als ich in der Oberstufe war, zeigte man dort eine Zeitlang ältere reguläre Filme für nur 4 DM und ich habe kaum einen Film ausgelassen. Und dann verkauften sie meist noch die jeweiligen Plakate. Ich erinnere mich an „Die Brücke am River Kwai“, „Pünktchen und Anton“, „Furyo - Merry Christmas, Mister Lawrence“, „Dirty Harry IV“ oder „Die letzten beißen die Hunde“. Und als meine Zehnerkarte abgestempelt war und ein freier Eintritt auf mich wartete, war wieder Schluss mit der Aktion. Das ärgert mich heute noch. Aber es hatte eine gute Lage, so zwischen Rathaus, Dom, Erzbischöflichem Palais und Theologischer Fakultät. Von überall her gut zu erreichen.

In Mauriacs „Die Pharisäerin“, der um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert spielt, ist der Katholizismus ein zentrales Thema, allein schon weil die beiden erwachsenen Hauptfiguren ein Priester auf dem Land und eine großbürgerliche Frau mit viel kirchlichem Einfluss sind. Im Grunde geht es um die praktische Anwendung religiöser Moral. Titelgebende, zentrale Figur ist die Stiefmutter einer Familie mit zwei Kindern, Tochter und Sohn. Letzterer ist der Erzähler. Die Stiefmutter – Brigitte – folgt der geraden Linie der formalisierten, kirchlichen Rechtschaffenheit bis zur Erbarmungslosigkeit und richtet damit in ihrer Umgebung nur Schaden an. Aber wie soll man ihr widersprechen? Ihre Logik ist immer unfehlbar, in der Sache hat sie meist recht, aber es ist unmenschlich. Und vor allem ist sie ohne jede Gefühle. Da sie nicht weiß, was Liebe ist, weiß sie allerdings gar nicht, was ihr fehlt. Daher hält sie sich für eine auserwählte Heilige, die stolz Gott ihre Verdienste vorhält. Mit anderen Worten, sie hat die Hybris der falschen Demut und die hohe Moral der Gefühlskalten. Das sind ihre Instrumente, um Macht zu haben über andere Menschen. Mit noch anderen Worten, sie ist ein Monster, viel mehr als Thérèse Desqueyroux, denn diese würde nie auf die Idee kommen, sich für einen guten, heiligen Menschen zu halten. Und als Leser hasst man Thérèse nicht, auch wenn man nicht völlig auf ihrer Seite ist. Aber die Stiefmutter Brigitte ist tatsächlich verabscheuungswürdig und hassenswert. Zwei Geschichten ziehen sich durch das Buch. Das eine ist die Liebesgeschichte zwischen der Tochter Michèle und dem schwierigen Jungen Jean de Mirbel, der die Ferien bei einem Priester verbringt, der sich um komplizierte junge Menschen kümmert. Dieser Priester ist das Gegenbild zu Brigitte, ein netter und undogmatischer Mensch, der im Konflikt mit der Amtskirche lebt. Am Ende sorgt die Stiefmutter mit ihrer schmutzigen Fantasie dafür, die beiden Liebenden auseinander zu bringen. Die andere Geschichte betrifft einen Laienmönch, der die Lehrerin einer katholischen Schule heiratet, doch ohne die Fürsprache Brigittes bei den Kirchenoberen stehen sie am Ende mittel- und hilflos da. Es kommt zu mehreren Katastrophen, durch die ein Riss in Brigittes heilige Fassade kommt, der nach und nach größer wird und eine Krise verursacht. Aber sogar der Priester, für dessen Amtsenthebung Brigitte nebenbei auch noch gesorgt hat, unterzieht sein Verhalten am Ende schwerer Kritik. Denn eines hat er mit seiner Gegenspielerin gemeinsam: Beide glaubten, sie könnten in das Schicksal anderer Menschen eingreifen. Doch das kann und das darf man nicht.

Am Ende des Kötterhagens kommt man auf den Kamp und links herum gehe ich jetzt bis zu einer Kreuzung, da liegt schräg gegenüber die katholische Bonifatius-Buchhandlung, wo wirklich verdammt viele religiöse Bücher jeder Art herumstehen. Und direkt auf der Ecke ist eine Kneipe, deren Namen ich nicht entziffern kann, in der es aber immer ein Mal jährlich Oktoberfestbier aus Maßkrügen und dazu Weißwurst gibt. Und wenn ich jetzt weiter ginge, käme ich zur Tuba. Aber auch wenn das jetzt die Tuba von früher ist, wo wir Guinness bis zum Einliefern trinken, ohne doch im Krankenhaus direkt gegenüber zu landen, bin ich ja doch nicht mehr derselbe. Der Spaß wäre keiner, wäre so schal wie ein Rest Bier im Glas vom Vortag. Mit einem Übermaß Spaß und Glück ist es wie mit dem Trinken, von dem man einen Kater bekommt. Irgendwann muss man für alles bezahlen. Gottes Universum ist unerbittlich. Nicht böse, aber unerbittlich. Also lieber die Finger davon lassen. Ich hatte genug Kater in meinem Leben. Kater jeder Art. Und deshalb gehe ich die Straße links hinunter Richtung Domplatz, wo noch zwei Buchläden sind. Und wer wissen will, wie es da aussieht, der greife jetzt zu einer Ausgabe von Erich Kästners „Das fliegende Klassenzimmer“, das die bekannten Zeichnungen von Walter Trier enthält. Jedenfalls schlage ich in meiner von 1977 Seite 159 auf und betrachte das hübsche Bild mit dem verschneiten Platz, dem Sternenhimmel und den zwei Häuserreihen, die von einer Gasse getrennt werden. Unter dem Bild steht: „Dann zogen sie ihre Mäntel an und gingen miteinander zum Bahnhof.“ In der Mitte ist die Gaukirche zu sehen. Im Schattenbereich liegt die Gasse, aus der ich gerade trete, während ich die Illustration im Buch betrachte. Links von der Kirche ist die Buchhandlung Unruhe und rechts vom Schatten ein modernes Antiquariat, wo ich oft Filmbücher entdecke. Und während ich ins Schaufenster schaue und am liebsten hereingehen möchte, donnern in meinem Rücken die Glocken des Doms los und erinnern mich daran, dass ich mal wieder viel zu lange herumtrödele und die Zeit vergesse. Wie im ersten und zweiten Schuljahr, als wir oft nach Unterrichtsschluss die Innenstadt in unseren Spielplatz verwandelt haben. Und bevor ich dem angenehm infantilen Drang nachgebe, einen kleinen Lauf der Pader im Quellgebiet weiter unten zu stauen und die Fußwege unter Wasser zu setzen, gehe ich lieber nach Hause.

Mauriac ist angesichts der modernen Welt um einen herum wie ein intelligentes und ästhetisches Heilmittel. Bei ihm gibt es natürlich Psychologie und Pädagogik, aber auf eine allgemeine, menschliche Art, ohne die großen Theorien, die die Menschheit kein bisschen schlauer oder glücklicher gemacht haben. Bei Mauriac gibt es Gott, es gibt das Gute und das Böse, nur dass Menschen nicht immer entscheiden können, was was ist, weil sie mit menschlichen Begriffen und menschlichem Denken arbeiten. Und damit erklärt er mehr als all die hilflosen modernen Akademiker, die grandiose, im Endeffekt immer scheiternde Systeme errichten, die einem die allenfalls tröstende llusion von Verstehen geben. Mauriacs Blick in das Innenleben der Menschen ist umwerfend. Oft passiert ja gar nicht viel. Kleine Dinge, wie ein Blick oder eine Handbewegung, können eine große Bedeutung bekommen. Und Mauriac liebt offensichtlich die Natur, ohne es zu übertreiben. Die Naturbeschreibungen sind von einer spröden Schönheit, immer mit ein wenig Distanz, um nicht in romantische Schwärmerei zu verfallen. Aber gerade das macht es so reizvoll und nachvollziehbar. Der Sprachstil ist sorgfältig, aber nicht gewollt kompliziert, logisch und klar, aber voller Gefühl. Mauriacs Fiktion erzeugt eine Art analytische Emotion. Ich kenne viele seiner Romane, aber mir fiel vor einiger Zeit doch auf, dass ich seltsamerweise noch nie eine Biografie über ihn gelesen habe. Das wollte ich in aller Ausführlichkeit jetzt auch nicht nachholen, doch ein empfehlenswertes Buch von Guillame Gros in der Reihe „Portrait d'histoire – Geste éditions“ verschaffte mir einen kleinen Überblick über mir bisher unbekannte Zusammenhänge. Was mir am meisten gefiel, war der fehlende Dogmatismus, mit dem Mauriac, wenn nötig, seine politische Position und die Seiten wechselte. Das gefiel nicht immer allen. So begrüßte er Francos Machtübernahme in Spanien zunächst als wirksames Mittel gegen Stalin. Als er dann aber die Grausamkeiten des Bürgerkriegs sah, der zum heiligen Krieg hochstilisiert wurde, änderte er seine Meinung. Auch in der Frage der nordafrikanischen Kolonien wandte er sich gegen die Nationalisten, für die das alles Frankreich war. Während der deutschen Besatzung veröffentlichte er unter Pseudonym einen Text des Widerstands, in dem er vor allem die Deportation der Juden beklagt: „In welcher anderen Epoche wurden Kinder ihren Müttern entrissen, in Viehwagen zusammengepfercht, so wie ich es gesehen habe, an einem düsteren Morgen, am Austerlitz-Bahnhof.“ Nach dem Krieg allerdings wandte er sich gegen die von Rache angetriebene Politik der Vergeltung an Kollaborateuren, die seiner Meinung nach vor allem dazu dienen sollte, die Kommunisten an der Macht zu halten. Und bis zum Tod Stalins vertrat er eine unbeugsam antikommunistische Haltung. Er war ein katholischer Intellektueller, wie man sie in der Form nur in Frankreich findet. Oder zumindest fand.

Das Interessante ist, dass meine prinzipielle Abneigung gegen die katholische Kirche an sich nie ein Problem bei katholischen Autoren wie Mauriac war. Ganz im Gegenteil sogar. Zwar kann kann man Mauriac auch lieben, wenn man nicht in einer streng katholischen Umgebung groß geworden ist, doch es hilft vermutlich. Aber natürlich ist „Die Pharisäerin“ an sich eine nicht an Zeit und Ort gebundene Gestalt. Man trifft sie auf verschiedene Arten. In der katholischen, sich selbst geheiligten Seele von Kirchentreuen, die ihren wöchentlichen Gottesdienst auf der Stechuhr abrechnen, die in der Gemeinde aktiv sind, auf Dankbarkeit hoffen, die aber im Alter in Düsternis versinken, da ihre Illusion keinen Halt bietet. Oder andere Menschen mit einem riesigen, hohlen Selbstbewusstsein religiöser Überlegenheit. Und dann die, bei denen sich das Selbstbewusstsein nicht nur aus kirchlicher Zugehörigkeit speist. Dazu kommt noch die Psychologie, die Pädagogik, die richtige politische Gesinnung. All das zusammen liefert formale Rezepte, wie man sich selbst zum perfekten Menschen formt. Und wenn man sich selbst für einen perfekten Menschen hält, dann hat man ein Recht auf Macht, dann geht es natürlich darum, andere Menschen zwangszuperfektionieren und dann natürlich gleich die ganze Welt. Eine unmögliche Planung und Perfektionierung, die direkt ins Leere und schnell auch in die Hölle führt.

Andererseits, im Kleinen betrachtet, solange man kein Heiliger ist, lebt jeder in seinen kleinen oder großen Illusionen, die manche leider für Wirklichkeit oder gar ihre Stärken halten. Und irgendwann kommt ja für jeden „Das Ende der Nacht“, das nicht nur für Thérèse Desqueyroux gleichbedeutend mit dem Ende des Lebens ist. „La Fin de la Nuit“ (1934) habe ich außerplanmäßig dann auch noch erneut gelesen, da sich das Schreiben dieses Blogbeitrags wie gewohnt mal wieder lange hinzog. Das Buch schildert die letzte Zeit von Thérèse Desqueyroux, die in Paris, wohin die Familie sie im ersten Buch am Ende hat ziehen lassen, nicht das Leben hatte, wie sie es erhofft hatte. Keine einzige Liebesbeziehung, mit Betonung auf dem ersten Wort. Kein einziges „Ich liebe dich.“ Es ist also auch metaphorisch, wenn sie mit Mitte 40 an einer Herzkrankheit leidet und nicht mehr lange zu leben hat. Und dann wird sie gequält von ihrem als zerstörerisch empfundenen Wesen, in dem sich Intelligenz, Klarsicht und Illusionslosigkeit über die Dinge dieser Welt mischen. Die Erkenntnis der Bedeutungslosigkeit alles Weltlichen, allerdings ohne die Anwesenheit Gottes, führt bei ihr unweigerlich zu Grausamkeit und Hass. Am Ende ihres Lebens kommt ihre Tochter, die sie um Hilfe bittet, und Thérèse versucht zu helfen, gerät aber immer wieder in Konflikt mit ihren destruktiven Instinkten. Mauriac selbst erspart uns ihre Erlösung, da er sich keinen Priester für sie vorstellen konnte. Sie findet also keinen Frieden, ihr Blick auf dem Krankenbett, wo sie den Tod erwartet, ist „zärtlich und verzweifelt“ und sie sagt zu ihrem künftigen Schwiegersohn: „Ja, mein Kind: das Ende des Lebens, das Ende der Nacht.“ Das ist auch der letzte Satz des Romans. „Die Pharisäerin“ Brigitte hingegen hat einen gewissen Frieden erlangt: „An ihrem Lebensabend hatte Brigitte Pian endlich entdeckt, dass es nicht nötig ist, einem hochmütigen Bediensteten zu ähneln, der darauf bedacht ist, den Herrn zu beeindrucken, indem man ihm bis zum letzten Obolus bezahlt, was ihm zukommt, und dass Unser Vater nicht von uns erwartet, dass wir die detaillierten Buchhalter unserer Verdienste sind. Sie wusste jetzt, dass es nicht darum geht, verdienstvoll zu sein, sondern darum, zu lieben.“