Eine dänische Mordepidemie

Fundort der Leiche von Marie Sørensen zwischen Hesselballe und  Hjortshøj
Fundort der Leiche von Marie Sørensen zwischen Hesselballe und Hjortshøj

Es begann im Königreich Dänemark im Mai 1902 mit einem bis heute nicht geklärten Mord, auf den in derselben Region vier weitere grausame Verbrechen gegen Frauen und Kinder folgten. Zwar waren es verschiedene Täter, aber für viele Menschen handelte es sich um eine angsteinflößende, zusammenhängende Mordepidemie. Die Fälle machten landesweit Schlagzeilen. Gleichzeitig wurden Reformdebatten intensiviert. Dass in diese Zeit das Erscheinen des ersten dänischen Kriminalromans von Palle Rosenkrantz fällt, ist kein Zufall. Und es ist der Schriftsteller Albert Dam, der in seinem nicht ins Deutsche übersetzten Roman "Mellem de to søer" ("Zwischen den beiden Seen") und der Fortsetzung "Den firlængede gård" ("Der vierlängige Hof") die Erinnerung an diese Mordserie wachgehalten hat, mehr noch als die oft fehlerhaften Sachartikel. Um endlich zu wissen, was damals wirklich passierte, habe ich ein paar hundert alte dänische Zeitungen durchblättern müssen.

16. Mai 1902: Hjortshøj

Als ihre Schwester sie gegen 22:00 Uhr fand, schien es zunächst, als würde die 21-jährige Marie Sørensen schlafen, doch dann war schnell klar, dass sie tot war. Da es um diese Uhrzeit am 17. Mai 1902, einem Samstag, schon dunkel war, konnte man den wahren Zustand der Leiche zunächst nicht erkennen. Auch sonst wirkte alles seltsam friedlich und aufgeräumt um die Tote. Nach den Berichten der Familie, die sie mit einem Pferdekarren nach Hause brachte, lehnte sie gegen eine knospende Erle, inmitten von blühenden Anemonen, das Kleid war sorgsam über die Beine gezogen. Auf dem Kopf trug sie ihren Hut, neben ihr lagen ihr Regenschirm, ein Holzschuh – den anderen hatte sie am Fuß – und eine Flasche Branntwein, die sie am Tag zuvor für den Vater gekauft hatte. Die Wertsachen waren unberührt. Erst zu Hause entdeckte man, dass der Mantel bewusst bis nach oben zugeknöpft worden war. So wurde die tief durchgeschnittene Kehle verdeckt. Beide Pulsadern waren durchtrennt. Außerdem gab es eine Stichwunde an der Schläfe und einen Schnitt am Kinn. Der Mund war geöffnet, das Gesicht des Mädchens, das als hübschestes der Gegend galt, war verzerrt. Erst jetzt verständigte man die Behörden, obwohl die junge Frau schon seit Freitag Mittag überfällig gewesen war. Und genau zu dem Zeitpunkt war sie ermordet worden.

Marie Sørensens Zuhause war der väterliche Hof in Hjortshøj auf der großen ostjütländischen Halbinsel Djursland. Der kleine Ort liegt etwa 22 Kilometer nordöstlich von Århus, der größten Stadt der Region. Den Vormittag war Marie auf der Volkshochschule im nahe gelegenen Hesselballe gewesen, wollte aber die Mittagspause auf dem Hof beim Vater und den beiden Schwestern verbringen. Am nächsten Tag sollte sie nach Århus, um Verlobung mit dem Handelsagenten Nielsen zu feiern. In Hesselballe hatte sie noch beim Kaufmann die Pfingsteinkäufe der Familie erledigt, die allerdings mit dem Boten gebracht werden sollten. Nur die Flasche Branntwein, um die ihr Vater sie gebeten hatte, nahm sie direkt mit. Dann begab sie sich im strömenden Regen mit aufgespanntem Schirm nach Hause. Auf der Landstraße zwischen den beiden Orten macht der Weg zwischen zwei Anhöhen eine Senkung. Zu beiden Seiten ist dichtes Gebüsch. Daher heißt es „Hohlweg“. An der tiefsten Stelle gibt es eine kleine Biegung. Genau dort fand der Mord statt.

Und auch nach dem Regen befand sich dort noch eine große dunkle Pfütze, die langsam eintrocknete. Marie Sørensen muss von hinten gepackt worden sein, wobei das Messer zuerst die Schläfe traf und dann den Schnitt am Kinn verursachte. Beim dritten Versuch erreichte der Täter sein Ziel, schnitt Marie Sørensen die Kehle durch. Anschließend hat er sie irgendwie den steilen und im Regen schmierigen Hang hinaufgeschafft, wo sie an die Erle gelehnt und alles sorgfältig angeordnet wurde. Später erzählte jemand, der den Weg am Freitag Nachmittag passiert hatte, während die Leiche unentdeckt auf der Anhöhe war, dass sein Jagdhund an der Stelle verschwunden wäre und gebellt hätte, er sich aber nichts dabei gedacht und ihn wieder zu sich gerufen habe. Mit der familiären Suche nach Marie wurde erst am Samstag um 20:00 begonnen, direkt nach einem Anruf des Verlobten aus Århus, da sie nicht, wie erwartet, dort eingetroffen war. Die Familie sagte später, dass man gedacht hätte, dass sie wegen des Regens in Hesselballe geblieben sei, um dann direkt nach Århus zu fahren. Das ist allerdings eine merkwürdige Begründung, da sie ihre Kleidung benötigte, die extra herausgelegt worden war. Außerdem war sie nie zuvor über Nacht in Hesselballe geblieben.

Die aktiven offiziellen Ermittlungen begannen erst am Montag, zwei Tage nach dem Mord. Die Nachforschungen stand also unter einem schlechten Stern. Die verstrichene Zeit, der viele Regen, der Transport der Leiche, das Säubern von Maries Kleidung und das Herumlaufen von Schaulustigen am Tatort – all das sorgte dafür, dass etwaige brauchbare Spuren nicht mehr von neuen unterschieden werden konnten. Dazu kamen die allgemeinen Probleme des dänischen Rechtssystems zu der Zeit. Dieses hatte mit den modernen demokratischen politischen Strukturen nicht mitgehalten und funktionierte im Prinzip noch innerhalb von feudalistischen Strukturen. Das Land war in Rechtsbezirke (herreder) eingeteilt, denen ein Bezirksvogt (herredsfoged) oder Stadtvogt (byfoged) vorstand, der sowohl als Richter als auch als oberster Ermittler auftrat. Unter sich hatte er Bevollmächtigte, die keine Beamte, sondern Angestellte waren, die zusätzlich mit einer privaten Praxis als Rechtsberater arbeiteten und also darauf angewiesen, sich mit der Bevölkerung gut zu stellen. Dazu kam, dass Honnens, der an sich sehr fähige Vorsteher des Rechtsdistriks Rougsø, welcher die gesamte Halbinsel zwischen Århus, Randers und Grenå umfasste, in Deutschland weilte. Daher übernahm ein Bevollmächtigter Bay die Ermittlungen, ohne dass aus der Stadt polizeiliche Hilfe gekommen wäre. Bay und der Landpolizist Christensen waren schlichtweg überfordert. Gleichzeitig mit den Ermittlern trafen Journalisten von der Zeitung „Aarhus Stiftstidende“ in Hjortshøj ein, das einen kleinen Bahnhof hatte. Zu dem berühmten Foto von der im Stroh aufgebahrten Leiche mussten die Zeitungsleute den Ermittler erst überreden.

Die auf Stroh aufgebahrte Leiche von Marie Sørensen
Die auf Stroh aufgebahrte Leiche von Marie Sørensen

Das Fehlen jeder Spur sorgte für monatelange Spekulationen, die ständig in neue Richtungen wiesen. Das Lieblingswort der Presse war „mystisch“. Die Suche nach dem Täter durchlief verschiedene Stadien. Zunächst flüchtete man wie in Panik in die Annahme, dass es ein Wahnsinniger gewesen sein musste. Dann konzentrierte man sich auf alle Fremden, die zu der Tatzeit in der Gegend gesehen worden waren. Jeder andeutungsweise auffällige und von außen stammende Mensch wurde verhört. Man beschränkte sich zunächst auf Männer, da nach allgemeiner Ansicht eine gehörige Portion Kraft nötig war, um die Leiche die steile, nasse und lehmige Anhöhe hinaufzuschaffen. Dann meldeten sich die zu Wort, die überzeugt waren, dass nur eine eifersüchtige Frau als Täterin in Frage komme. Vor allem das sorgsame Zurechtmachen der Leiche war für viele ein untrügliches Indiz. Auch hatte man auffällige Spuren eines Damenschuhs gefunden, die zwar gut von einer Schaulustigen stammen konnten, allerdings Richtung Wald führten. Die Art der Tötung von hinten, bei der der Täter kein Blut an seine Kleidung bekam, deutete sehr wahrscheinlich auf einen erfahrenen Menschen aus der Landwirtschaft hin.

Inzwischen war der Kopenhagener Ermittler Jeppesen hinzugekommen und sammelte fleißig Material. Auch Bezirksvogt Honnens kehrte aus dem Ausland zurück. Und nach einem Verhör des Vaters auf dessen Hof wurde dieser am 18. Juni verhaftet. Jens Peter Sørensen hatte Probleme mit seinem Alibi. Niemand, der auf dem Hof zu tun gehabt hatte, konnte verlässliche Angaben über dessen Aufenthaltsort zur Tatzeit geben. Am Morgen noch hatte es einen Streit zwischen ihm und Marie gegeben, bei dem es um das auszuzahlende Erbe gegangen sein soll. Der Streit wurde zwar von der Familie bestritten, aber vom Vorsteher der Volkshochschule in Hesselballe, einem Vertrauten Maries, bestätigt, denn sie hatte ihm am Freitag Vormittag davon erzählt. Vor allem die Tatsache, dass erst so spät mit der Suche begonnen worden war, erschien auffällig und verdächtig. Am Samstag dann war der Vater vormittags zu einem benachbarten Armenhof gegangen, um über eine Verpachtungsangelegenheit zu verhandeln. Als der Verwalter nicht da war, trieb der Vater sich stundenlang auf den Feldern herum. Hinzu kam, dass der Bruder der Ermordeten selbst Polizist in Kopenhagen war und nach seinem Eintreffen schnell wieder abreiste. Außerdem verkündete er sofort, dass der Täter ein Wahnsinniger gewesen sein musste und dass man diesen wahrscheinlich nie finden würde. Und plötzlich wirkten auch die Worte des Vaters bei der Entdeckung von Maries Leiche zumindest seltsam. „Gott erbarme sich, Vater, hier liegt Marie und ist totgeschlagen worden”, hatte die Tochter gerufen. Die Antwort des Vaters war: ”Nein, wie kannst du das jetzt sagen. Du wirst schon sehen, dass sie eines natürlichen Todes gestorben ist.“ Wirkliche Beweise aber konnte man nicht finden, und so wurde er am 26. Juni wieder entlassen, auch wenn Mitte August das Hauptstadt-Blatt „Politiken“ mit vertraulichen Informationen noch einmal den Vater ins Zentrum der Verdächtigen rückte.

Aber im Grunde wurde nach und nach jeder verdächtigt, der auch nur annähernd in Frage kam, so auch der ehemalige Verlobte Julius Sørensen, der einige Zeit in Untersuchungshaft verbrachte, und der Verlobte Nielsen aus Århus, vor allem, als Gerüchte auftauchten, dass bei Letzterem noch eine andere Frau im Spiel war. Dann traf aus den USA ein Brief ein, in dem sich ein angeblich weiterer ehemaliger Verlobter, der ausgewandert und kurz in der Gegend um Hjortshøj zu Besuch gewesen war, der Tat bezichtigte. Kurz gesagt, jeder Versuch, die Angelegenheit zu klären, jedes weitere scheinbare Indiz machten alles nur noch unübersichtlicher. Auch die Zeit, der Zufall oder ein Bekenntnis auf dem Totenbett lösten das Rätsel nicht. 1945 tauchte in Kopenhagen in einem Nachlass ein Messer auf, das laut einer Beschriftung angeblich die Mordwaffe gewesen sein soll und einem Mann gehörte, der Verbindungen zu einem in der Nähe gelegenen Bauernhof gehabt hatte. Doch auch diese Spur führte schließlich ins Leere. Die ganze Zeit wurde der Fall ausführlich von den lokalen Zeitungen verfolgt und kommentiert. Insbesondere das Behörden- und Ermittlungschaos wurde kritisiert. Der Verhaftung des Vaters stand man von Anfang an skeptisch gegenüber. Experten jeder Art wurden interviewt und befragt. Es gab Leserbriefe mit Spekulationen über den Täter. Bis in den November hinein gab es Neuigkeiten zu dem Fall, als man den letzten zu Unrecht Verdächtigen verhörte.

6. November 1902: Kopenhagen

Am Vormittag des 8. November wurde im Kopenhagener Hafen eine Frauenleiche mit durchgeschnittener Kehle gefunden. Ein Bündel aus drei aufgerollten Teppichen hatte sich in der Ankerkette des Segelschiffes „Leo“ verfangen. Man hievte das Ganze an Bord und entdeckte im Inneren eine Frauenleiche. Bei der Obduktion stellte man fest, dass die Todesursache mehrere heftige Schnitte durch die Kehle gewesen waren, dass die Luftröhre durchtrennt war. Zusätzlich gab es Schnittwunden an Händen und und am Kinn. Tatwaffe war offenbar ein normales Tischmesser. Identifiziert wurde die Frau als 62-jährige Witwe Augusta Jørgensen aus der Vesterbrostrasse 24 im Zentrum Kopenhagens. Schnell richtete sich der Verdacht gegen den mehrfach vorbestraften Sohn Arthur, der am 10. November denn auch gestand, die Tat am 6. November begangen zu haben. Es war das Ende einer langen heftigen Hass-Liebe zwischen Mutter und Sohn, der sie zu Boden geworfen und dann getötet hatte. Die Mutter hatte seine Hochzeit verhindern wollen, und außerdem konnte er für die Ehe Geld und ihr Nähgeschäft brauchen. Es war schwer, ihm nachweisen, die Tat geplant zu haben, dass es keine Tötung aus einem Streit heraus war. Die Todesstrafe wurde wie in den meisten Fällen in lebenslange Haft ohne die Möglichkeit zur Begnadigung umgewandelt. 1924 wurde er doch begnadigt. Und wenn ein Leserbriefschreiber in der „Aarhus Stifstidende“ von einer Inspiration des Hjortshøj-Mordes für den Mörder spricht, da die Ergebnislosigkeit aller Ermittlungen ermutigend gewirkte habe, ist dies der Anfang der später auf höchster Ebene geführten Mordepidemie-Debatte. Zu dem Zeitpunkt distanzierte sich die Zeitung allerdings noch von solchen Gedanken.

7. Januar 1903: Ørsted

Doch als am 7. Januar 1903 bei Ørsted im nordwestlichen Djursland das 17-jährige Dienstmädchen Kathrine Christansen auf dem Bauch liegend mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden wurde, titelten viele Zeitungen gleich „Ein neuer Hjortshøjmord“. Wieder hatte sich das Grauen auf einem einsamen Weg abgespielt. Die Eltern des Opfers hatten die Tochter sogar wiederholt gewarnt, sie sollte doch bitte nicht auf diesem Weg gehen, der etwas entfernt und parallel zum belebteren Fahrweg verlief und an einem Rübenfeld vorbeiführte. Die Leiche lag etwa 250 Meter außerhalb von Ørsted. Kathrine hatte auf dem am Stadtrand gelegenen Sandhof einen Verwandten besucht und wollte gegen 17:00 Uhr zum Melken zurück zum Bondhøjhof, auf dem sie seit einem Jahr als Magd diente. Der Täter lauerte ihr auf und versuchte, sie zu vergewaltigen, bekam auch ihre Unterwäsche zu fassen. Dann versuchte sie wegzulaufen, doch sie stolperte wohl über ihre Beinkleidung und der Mörder packte ihre Hände, hielt sie am Rücken fest und schnitt ihr tief bis zu den Nackenwirbeln in die linke Seite des Halses. Die Obduktion stellte weitere Messerwunden an Kehle und Arm sowie zwei tiefe Stiche in der linken Brust fest.

Zeichnung von der ermordeten Kathrine Christiansen auf dem Obduktionstisch
Zeichnung von der ermordeten Kathrine Christiansen auf dem Obduktionstisch

Diesmal arbeiteten die ländlichen Behörden effektiver, auch dank eines örtlichen Hofbesitzers, eines ehemaligen Gendarmen, der den deutlichen Abdruck eines großen Holzschuhs nahm und dafür sorgte, dass der Tatort bis zum Eintreffen des obersten Ermittlers aus Randers abgeschirmt und bewacht wurde. Später entdeckte man auch noch ein Stück eines Absatzes eines Holzschuhs. Man hatte gleich einen Verdacht, der sich schnell als richtig herausstellte. Als man den Verdächtigen befragen wollte, hatte der gerade seine Holzschuhe verbrannt. Jens Stryg Nielsen hieß der junge Täter, der als chronischer Sittlichkeitsverbrecher und sadistischer Tierquäler bekannt war, und eigentlich gar nicht frei hätte herumlaufen dürfen. Aber das Gesetzbuch sah keine adäquaten Strafen vor. Man arbeitete bei Sittlichkeitsverbrechen noch mit der Prügelstrafe und Institutionen zum Wegsperren von Menschen, die weder ins Gefängnis noch in die Psychiatrie gehörten, gab es nicht. Stryg Nielsen bekam zehn Jahre Gefängnis, war aber nach einigen Jahren schon wieder frei. Später heiratete er eine Mörderin, die er im Zuchthaus kennengelernt hatte.

Der Tatort bei Ørsted
Der Tatort bei Ørsted

Trügerische Ruhe: Der erste Kriminalroman

Jemand, der solche Kriminalfälle journalistisch in der einflussreichen, progressiven Kopenhagener Tageszeitung „Politiken“ kommentierte, war der Baron Palle Rosenkrantz, dessen juristische Karriere in der Provinz nach einem kostspieligen Lebensstil und einer kleinen Unterschlagung sehr kurz gewesen war. Aber sie war lang genug gewesen, um zu sehen, wo die Probleme lagen und um Erfahrung als Ermittler in Kriminalfällen zu sammeln. Am stärksten setzte Rosenkrantz sich für die Rechte des einzelnen Bürgers ein und kämpfte gegen den „inquisitorischen Prozess“, bei dem es weniger um Beweise und Indizien ging, sondern bei dem ein Geständnis benötigt wurde, sodass oft mit Zwang und psychischem Druck gearbeitet wurde. So schrieb Rosenkrantz bezüglich der Verhaftung des Vaters der Marie Sørensen in Hjortshøj, dass es besser sei, der Mörder werde nie gefasst, als dass man Unschuldige quäle. Im Zusammenhang mit dem Kopenhagener Muttermord hingegen lobte er das akribisch Indizien sammelnde Vorgehen der Polizei. Auch als Buchautor war Rosenkrantz bekannt. „Der Mord in Vestermarie“ (1902) ist ein dokumentarischer Roman um einen Justizmord. 1903 begann Rosenkrantz eine neue Karriere, durch die er später Namensgeber des renommierten dänischen Preises für Kriminalliteratur wurde. Mit „Das Geheimnis des Waldsees“ schrieb er den ersten dänischen Kriminalroman als unterhaltende Detektiverzählung, die sich besonders für die Logik der Aufklärung durch einen äußerst scharfsinnigen und einzelgängerischen Kriminalbeamten interessierte. Als wäre in Dänemark jetzt die Zeit reif geworden für einen Ordnung ins Chaos der Welt bringenden perfekten Ermittler. Allerdings entbehrt die Handlung um den Mord an einer Frau völlig der hässlichen und traurigen Realität. Das Ganze spielt sich in Militär- und Adelskreisen ab und das bevorzugte saubere Mordinstrument ist Gift. Selbst die in einem See gefundene nackte Frauenleiche hat noch die Schönheit einer Statue. Dieses auch 1905 auf Deutsch veröffentlichte Buch könnte nun der Schlusspunkt sein nach einem Jahr mit drei extrem brutalen Verbrechen, die das ganze Land in Atem gehalten hatten. Und auch das schlimmste Verbrechen fällt irgendwann in relative Vergessenheit, wenn die Zeitungen neue Schlagzeilen gefunden haben. Doch drei Jahre später wurde alles wieder lebendig.

2. Mai 1906: Amaliegård-Wald Hornslet

Am 2. Mai 1906 verschwand der 15-jährige Bauerssohn Søren Peter Jensen. Sein Vater hatte ihn vom heimischen Hejlskov im südwestlichen Djursland mit einer Kuh zum Markt im zwölf Kilometer südlich gelegenen Løgten geschickt. Dort bekam er 150 Kronen für das Tier. Gegen 13:00 Uhr sprach Søren noch mit einigen anderen Marktbesuchern, darunter auch einem Onkel. Dem sagte er, dass er nicht mit dem Zug nach Hause wolle. Der Weg vom Bahnhof sei sowieso so weit. Gegen 13:30 Uhr wurde er vor einem Zelt gesehen, wo er ein Stück Kuchen aß. Doch danach verlor sich die Spur. Schon zwei Tage nach dem Verschwinden suchte man mit 20-30 Mann den vermutlichen Heimweg und die angrenzenden Felder und Wälder ab. Das Suchgebiet wurde ständig erweitert, bis am 8. Mai eine teilweise bewaffnete Gruppen aus 140 Männern systematisch, aber leider ergebnislos den gesamten Rosenholm Wald, der zwischen Hornslet und Hejlskov liegt, sowie die Gegend nördlich davon durchkämmte. Mit einem zwei Jahre alten Bild und einer genauen Beschreibung der Kleidung baten Zeitungen am 9. Mai die Leser um Mithilfe bei der Suche nach dem mittelgroßen, mittelblonden Jungen.

Mit diesem zwei Jahre alten Bild wurde nach Søren Peter Jensen gesucht
Mit diesem zwei Jahre alten Bild wurde nach Søren Peter Jensen gesucht

Entdeckt wurde Søren dann am 20. Mai im weiter westlich gelegenen Amaliegård-Wald, womit man nicht gerechnet hatte, da der Ort doch ziemlich abgelegen von seinem Heimweg war. Zwei sechs und elf Jahre alte Brüder, die dort seit zwei Wochen Kühe hüteten, fanden ihn. Sie hatten sich also die ganze Zeit in der Nähe der inzwischen verwesten Leiche aufgehalten, doch war diese gut versteckt. Sie lag quer in einem kleinen Bach, geschickt bedeckt mit grasbewachsenem Torf, sodass es wie eine natürliche Brücke wirkte, die die Jungen und die Kühe auch täglich benutzten. Als eine der Kühe einmal durch den Wald weglief, nahm sie auch diesen Weg, und stieß im Lauf einige Erdhaufen mit Gras zur Seite, sodass die darunter liegende Leiche zum Vorschein kam. Der jüngere Bruder, der der Kuh nachgesetzt hatte, erkannte sofort, worum es sich handelte und rief: „Da liegt der, nach dem sie suchen.“ Das Gesicht zeigte nach unten und die Beine waren durch das Gewicht der Kühe tief in den Grund gedrückt. Da die 150 Kronen, die Søren für die Kuh bekommen hatte, fehlten, ging man von einem Raubmord aus. Durch einen etwas entfernt liegenden Stock, vermutlich ursprünglich als Tatwaffe gedacht, und durch die Mütze des Jungen konnte man eine verzweifelte Verfolgungsjagd bis zu dem Bach, wo er vermutlich gestolpert war, gut rekonstruieren. Dort war er dann erwürgt und ertränkt worden. Auch die Mütze hatte der Täter mit bewachsenem Torf zugedeckt. Man ging davon aus, dass Søren den Täter gekannt hatte, denn ein Fremder hätte es vermutlich nicht geschafft, ihn auf diesen falschen Weg zu führen.

Die Suche nach dem Täter begann professioneller als vier Jahre zuvor in Hjortshøj, das nur fünf Kilometer entfernt ist von Løgten. Um erst gar keine unguten Erinnerungen an die damaligen Fehler aufkommen zu lassen, tat man etwas, was schon damals gefordert worden war: Der Justizminister setzte eine Kommission ein. Das war auch eine Reaktion auf den gestiegenen politischen Enfluss der Bauernschaft, die sich nicht mehr nur als Nahrungsmittellieferanten für das Bürgertum sahen. Zusätzlich gab es sofort Verstärkung aus Kopenhagen in Gestalt eines in Mordsachen erfahrenen Gerichtsangestellten und zwei Beamten von der Kriminalpolizei. Da es wenig zu berichten gab, griffen einige Zeitungen zum Sensationsjournalismus. Man präsentierte gefälschte Fotos von Kühen, die die Leiche entdeckt hätten. Oder man legte Kleidung in den Bach, um ein Foto von der Leiche am Fundort präsentieren zu können. Dann gab es mit dem als Wilddieb bekannten Julius Jensen am 31. Mai eine Verhaftung. Søren war von Zeugen in Begleitung eines Mannes mit rotem Bart gesehen worden. Nach 5½ Stunden ließ man Jensen wieder frei. Am 9. Juni wurde er erneut verhaftet. Lange waren die Ermittler von seiner Schuld überzeugt, bis man Mitte Juni die Anklage fallen lassen musste. Aber nur diese Anklage, wegen anderer Vergehen musste Jensen im Gefängnis bleiben. Wie der Mord an Marie Sørensen blieb auch dieser Mord unaufgeklärt. 1910 trat ein neuer Bezirksvogt an die Stelle des alten und nahm sich die Akten noch einmal vor. Ergebnislos.

6.Juni 1906: Marselisburg-Wald Århus

Noch während der Hejlskov-Mord die Zeitungen füllte, geschah in Århus ein Kindermord, der wirkliche Angst verbreitete und für Lynchstimmung sorgte. Am Nachmittag des 6. Juni waren die 7-jährige Astrid Olsen und ihre etwas ältere Freundin Marianne ein paar Straßen vom Zuhause entfernt gewesen und hatten Blumen gepflückt, als sie in der Nähe der Technischen Schule von einem Mann angesprochen wurden, der sie auf einen Spaziergang mit in den Wald nehmen wollte. Die Ältere wollte nicht, Astrid willigte ein, nachdem ihr etwas ins Ohr geflüstert wurde. Wie sich später herausstellte, versprach der Mann ihr eine Geldmünze. Marianne lief schnell nach Hause und berichtete. Sofort begann die Suche. Der nächste Weg zum Wald, dem nördlichsten Teil der Marselisburg-Wälder, die sich weit in den Süden der Stadt hinziehen, führt direkt zum Tivoli Freiheit, einem Vergnügungs- und Veranstaltungspark nach Vorbild des Kopenhagener Tivolis. In dessen Nähe suchte vor allem der 15-jährige Bruder, später verstärkt durch die Behörden, ergebnislos bis zum frühen Morgen. Dann um 5:00 Uhr fand er seine kleine Schwester in einer äußerst abgelegenen Tannenplantage westlich des Tivolis.

Die Leiche kniete und war nackt und blutig an einen Haselbaum gebunden. Die teils blutigen Kleider lagen daneben. Der Körper zeigte deutliche Spuren heftiger Misshandlung. Bei der Tätersuche ging die Polizei sehr erfolgreich und ungestört vor, während sie unwidersprochen die Zeitungen einer falschen Spur folgen ließ, die die Schlagzeilen beherrschte. Eine Mutter erzählte, sie habe mit ihrem Sohn ein Kind gesehen, dass verfolgt von einem Mann durch den Wald gelaufen sei. Sie lieferte auch eine genaue fiktive Beschreibung ab. Derweil konzentrierte sich die Polizei in aller Ruhe auf den wegen Sittlichkeitsverbrechen vorbestraften Schuhmacher Thygesen, der zuletzt in einer Irrenanstalt gewesen war und der am 9. Juni die Tat gestand und Details preisgab. Mit einem weiteren Geldversprechen hatte er die kleine Astrid dazu bekommen, sich freiwillig auszuziehen. Dann warf er sie zu Boden und vergewaltigte sie. Durch ihren Widerstand in Rage versetzt, schlug er sie. Und vielleicht wurde sie währenddessen schon halb erwürgt. Dann zog er eine Schnur aus der Tasche, legte sie ihr um den Hals, zog fest zu und hängte sie dann kniend in den Baum. Mit Astrids Kleidung wischte er sich selbst das Blut vom Körper. Thygesen Geisteszustand sowie seine Krankengeschichte wurden in der Öffentlichkeit ausführlich diskutiert. Ebenso wie Jens Stryg Nielsen hätte er nicht frei umherlaufen dürfen. Dabei hatte es offizielle Hinweise bei den Behörden gegeben. Und an der Tannenplantage hatte er sich schon seit Tagen herumgetrieben und war nackt gesehen worden. Es war allerdings zunächst unsicher, was genau nun mit ihm geschehen würde. „Diese Sache lehrt, wie sehr uns Anstalten für gefährliche Individuen wie Thygesen fehlen“, sagte ein leitender Polizeibeamter zur Zeitung „Socialdemokraten“.

10. Juni 1906: Hvidbjerg

Währenddessen gab es schon neue Schlagzeilen von einer jungen, zum größten Teil entkleideten Frau mit durchgeschnittener Kehle. Diesmal allerdings lag der Tatort weiter nordwestlich in der Nähe einer der Fjordstädte Nordjütlands. In dem kleinen Dorf Hvidbjerg fünf Kilometer westlich von Skive war ein Bauernehepaar Møller am Abend des 10.Juni nach einem Besuch zurück auf den Hof gekommen und hatte im Stall die brutal ermordete 19-jährige Magd Ane Jespersen Gaardsted aufgefunden. Der Täter war schnell bestimmt, denn der 24 Jahre alte Knecht Peter Nelleman Knudsen hatte sogleich mit seinem Fahrrad die Flucht ergriffen.

Nach seiner Verhaftung sagte er aus, er und das Mädchen seien im Winter zusammen gewesen, doch im Frühjahr habe sie Schluss gemacht. Das muss aber sehr flüchtig oder in seiner Einbildung gewesen sein, denn niemand anders erwähnt so etwas, auch nicht Bauer Møller, der gegenüber einer Zeitung nur erklärte, es sei schon lange unangenehm auffällig gewesen, wie Nelleman Knudsen das Mädchen immer angestarrt hatte. Dieser fasste schließlich den Entschluss, sie und dann sich umzubringen, wenn sie weiter ablehnend wäre. Und das war sie. Er band ihre Hände auf dem Rücken fest, vergewaltigte sie, stach ihr danach mehrmals mit dem Messer in die Brust, schnitt ihr die Kehle durch und stach noch mal in die Brust. Die schwer fassbare Tatsache, dass in der offenen Halswunde eine Taschenuhr lag, erklärte er bei der Vernehmung. Denn nach all dem war sie noch nicht tot gewesen. Mit Hilfe der Uhr, die sie um den Hals trug, sollte es schneller gehen, wenn er sie am Ende zusätzlich noch erwürgte. Als er kurz vor seiner Flucht mit dem Fahrrad noch einmal in den Stall schaute, hatte sie sich bewegt, war also immer noch nicht tot gewesen. Es sind all diese abgründigen und abstoßenden Details, die ihn in den Augen der Öffentlichkeit zum „tierischsten“ aller Mörder machten. Als er später ins Gefängnis geführt wurde, hätte eine kleine Menschenmenge ihn am liebsten tot geschlagen.

Nach der Tat fuhr der Täter in den Süden nach Herning, wo sein Bruder nach eigener Aussage einen Selbstmordversuch in einem Kanal unterband. Jens Nelleman Knudsen berichtete alles und wurde nach Hause zur Mutter geschafft. Der Bruder machte sich auf zur Polizei und die Mutter brachte ihren Sohn ins Bett, wo sie ihm aus der Bibel vorlas. Beim Eintreffen der Polizei gestand er sogleich. Zunächst wurde der Täter als freundlich und arbeitsam beschrieben. Später stellte sich heraus, dass er wegen heftiger Tierquälerei schon Ärger mit der Justiz gehabt hatte und besonders bei Trunkenheit äußerst brutal und roh sein konnte. Eine weitere traurige Note hatte das Ganze, da es sich um eine Tragödie innerhalb einer Familie handelte. Die Schwester des Opfers war mit dem Bruder des Täters verlobt. Einige Journalisten, die die Eltern von Ane Jesperen Gaardsted auf ihrem Hof interviewten, trafen dort auch den Vater des Täters an, der zu der Zeit gerade dort war, um bei der Arbeit zu helfen. Trotz ihrer eigenen Trauer bemühten sich die Eltern, besonders gut zu ihm zu sein, da er, so sie Worte der Mutter, noch schlimmer dran sei als sie selbst.

Die jütländische Mordepidemie

nf derart extrem brutale Verbrechen innerhalb von vier Jahren in einem überschaubaren Gebiet, drei davon im Rechtsdistrikt Rougsødem ”blutigsten des Landes”, wie geschrieben wurde – hatten ihre Wirkung auch auf die Stimmung in der Bevölkerung. Nach dem Mord an Astrid Olsen herrschte in Århus beispielsweise eine regelrechte Lynchstimmung. Allein durch Gerüchte taten sich Menschenmengen zusammen, um die Stadt nach dem Mörder zu durchstreifen. Dass überhaupt alle normalen Maßstäbe verloren gegangen waren, zeigte dann auch die bombastische und überdimensionale Beerdigung des Mädchens, bei dem die trauernde Familie, die nicht einmal ein Foto zur Erinnerung hatte, weil nie das Geld dafür da gewesen war, regelrecht in den Hintergrund gedrängt wurde, während eine Blaskapelle spielte und hohe Politiker anwesend waren.10.000 bis 15.000 Menschen nahmen an dem Spektakel teil und überfüllten den Friedhof.

Der überfüllte Friedhof bei der Beerdigung von Astrid Olsen in Århus
Der überfüllte Friedhof bei der Beerdigung von Astrid Olsen in Århus

Mit dem Hvidbjerg-Mord gab es auch bei einer Zeitung wie der „Aarhus Stifts-Tidende“ kein Halten mehr. Am Montag, den 11. Juni, titelte man: „Mord-Manie breitet sich aus“ und im Text tauchte dann der Begriff „Mordepidemie“ auf, an der man jetzt nicht mehr zweifelte: „Und der Mord ist unter Umständen geschehen, die im hohen Maße darauf hinzudeuten scheinen, dass man es hier mit einem Mörder zu tun hat, der von der Mordepidemie angesteckt wurde, die in diesen Tagen Jütland heimsucht“. Auch war die Rede von einer „Mord- und Vergewaltigungsepidemie“, denn plötzlich schenkte man Vergewaltigungen, die es sonst oft nur in die Rubrik mit kleinen Notizen geschafft hätten, größere Beachtung. Im Folgenden diskutierten Ärzte, Psychologen, Politiker diese Diagnose, die von einer Art suggestiven Inspiration vorhergehender Taten ausgeht, wobei vorsichtig darauf hingewiesen wird, dass auch die Zeitungen mit ihrer pausenlosen Berichterstattung den Keim verbreiten helfen. So äußerte sich ein wegen seiner staatlichen Anstellung anonymer Experte aus Kopenhagen: „Die Kriminalgeschichte zeigt Verbrechensepidemien in großem Umfang, lange bevor es Tageszeitungen gab. Der ungewöhnlich rohe Mord in Skive ist zweifellos, wenn man so sagen darf, eine Nachahmung des Mordes in Marselisburg, und die Vergewaltigungsaffäre in Horsens kann sehr wahrscheinlich auf die Epidemie zurückgeführt werden.“ Auch von „Seuche“ ist die Rede. Der Ausdruck „Mordepidemie“ wird auch heute noch manchmal benutzt. Es ist die hilflose Verwissenschaftlichung des unerklärlich Bösen, eine im Grunde schwer fassbare Konstruktion zwischen Psychologie, medizinischer Mikrobiologie und einem Hauch von Mystik. Denn von wirklich bewusster Inspiration kann hier sicher nicht die Rede sein. Der Hvidbjerg-Mörder wurde explizit danach gefragt, und er sagte, dass er von dem Mord in Århus gelesen habe, dass es aber keine Bedeutung für seine Tat gehabt habe.

Und natürlich ging es darum, wie man die Epidemie stoppen könne und man führte Diskussionen über Abschreckung, Strafgesetze, Sicherheitsverwahrung und die Einführung einer Staatspolizei, mit der die Landbevölkerung in der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts allerdings schlechte Erfahrungen gemacht hatte, da sie zur politischen Unterdrückung missbraucht worden war. Auch über die Anwendung der Todesstrafe wurde debattiert. Teilweise war es eine etwas hilflose, teils panische Debatte, denn es ist schwer vorstellbar, dass irgendeine Form der Abschreckung die in diesem Artikel dargestellten Untaten hätte verhindern können. Andererseits machten zwei Tote schweigsam anklagend darauf aufmerksam, dass es an Unterbringungsmöglichkeiten für gefährliche, aber wegen Unzurechnungsfähigkeit freigesprochene Menschen mangelte. 1915 erst wurde, nach einem Beschluss des dänischen Reichtstags von 1913, mit dem Psychiatriehospital in Nykøbing auf Seeland eine neue Institution eröffnet, die eine spezielle Sicherungsabteilung, genannt „Die Sicherung“, hatte. 1918 wurde eine zusätzliche Abteilung für psychisch kranke Menschen eingerichtet, bei denen im Zusammenhang mit Gesetzesübertretungen eine richterliche Sicherheitsverwahrung angeordnet wurde. Eine staatliche Polizei, die der traditionellen Landpolizei bei kriminalpolizeilichen Aufgaben helfen sollte, wurde am 13. Mai 1911 eingeführt – zunächst mit bescheidenen 36 Männern. Erst 1936 kam es zu einer staatlichen Einheitspolizei. Und 1919 fand endlich eine große Verwaltungsreform statt, mit der die Rechtsdistrikte und Zuständigkeiten neu geordnet und echte Gewaltenteilung eingeführt wurde.

Epilog: Die Ausbreitung der Epidemie

Wenn es jemanden gab, der die Mordepidemie Jütlands vor dem Vergessen bewahrte, indem er sie psychologisch von innen heraus beschrieb, dann ist es der modernistische Schriftsteller Albert Dam, vom dem leider kein einziges Buch ins Deutsche übersetzt wurde. Dam wurde in der Nähe von Skanderborg geboren, knapp 25 Kilometer südwestlich von Århus. Er entstammte einer jütländischen Bauernfamilie und kannte folglich das Milieu und die Gegend, in der die Morde verübt wurden, sehr gut. 1906 schrieb er wie im Rausch seinen Debütroman „Zwischen den beiden Seen“ (1906) dessen Grundlage die grausigen Details des Hjortshøj-Mordes waren. Dabei war er so verdächtig überzeugend, dass er öffentlich erklärte, nicht der Mörder zu sein. Einerseits erfand er eine fiktive Dreiecksbeziehung um zwei Frauen und einen Mann, der die eine im Hohlweg tötet und die andere heiratet. Aber gleichzeitig fügte er seiner intensiven Individualpsychologie die Darstellung einer Welt im Umbruch hinzu. Die alten Dörfer werden neu strukturiert. Alte Zusammenhalt werden aufgegeben. Es ist die Zeit der Mechanisierung der Landwirtschaft. Auf einmal durchschneidet in gewissen Zeitabschnitten das ständige Klackern der neuen Maschinen die sonst stille und friedliche Luft über den Feldern. All das erzeugt eine andere Wahrnehmung, eine Gereiztheit und Gespanntheit, eine „fieberhafte Nervosität“, die dazu beiträgt, aus einem bedächtigen jungen Mann einen Mörder zu machen. In den Roman „Es kam ein neues Brotkorn“ (1934) wurde dann der Mord am 15-jährigen Søren Peter Jensen verarbeitet. Eine Fortsetzung von „Zwischen den zwei Seen“ erschien erst postum 1988. In „Der vierlängige Hof“ zerbricht die Ehefrau des Hohlweg-Mörders, die diesem ein Alibi zur Rettung verschafft hat, an den folgenden Morden der „Jütländischen Mordepidemie“. Sie, die eine nötige und reinigende Aufklärung verhindert hat, gibt sich selbst die Schuld: „Sie selbst ist es doch, die hinter all diesen Morden steht, über die sie in den Zeitungen gelesen hat.“ Und dann fügt Dam einen weiteren Mordfall hinzu, der in der Öffentlichkeit allerdings schon völlig getrennt von der beendeten Mordepidemie behandelt wurde: „Und genau wie sich das Bakterium dort in der Gegend stark genug gewachsen hatte, um in fremden Grund ausgeführt und umgepflanzt zu werden, sollte eine Mannsperson in Århus eine Witwe in seine Heimatgegend nach Südjütland locken und dort ermorden.“ Der Bäcker Christian Henrik Manss war mit der 32-jährigen Witwe Hansmine Rasmussen aus Århus, die zwei kleine Kinder hatte, nach Norddeutschland gefahren und hatte sie in einem Kornfeld bei Faulück in der Nähe von Kappeln an der Schlei am 25. Juli 1906 erst schwer misshandelt, dann getötet und schließlich beraubt. Nach dem Mord an Astrid Olsen am 6. Juni und der schnellen Verhaftung des Mörders hatte Manss noch vor Kollegen geprahlt, dass solche Mörder Schwachköpfe wären, dass er selbst so viele töten könnte, wie er wollte, ohne entdeckt zu werden. Er wurde am 9. Oktober 1907 um 7:00 Uhr morgens in Flensburg hingerichtet.