Satyajit Ray / Professor Shonku

Dragon's Head Nebula NGC2035
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Grund zur Freude: Professor Shonku, literarische Figur des berühmten indischen Filmregisseurs Satyajit Ray, gibt nächstes Jahr sein Leinwanddebüt, sieht man einmal von der modrnisierten Anime-Action für Kinder "The Shonku Diaries - A Unicorn Adventure" (2016) von Turtle in Motion Studios ab. Shonku kommt auf Ideen, auf die sonst keiner kommt: Eine seiner berühmtesten Erfindungen ist die Schnupfpistole. Schießt man damit jemandem unter die Nase, muss die Person 36 Stunden lang niesen. Er ersann aber auch eine Klimaanlagenpille oder das Neospektroskop, mit dem man Geister herbeidenken und dann sehen kann. Selbst eine Rakete hat der exzentrische bengalische Professor Trilokeshwar Shonku gebaut, ist damit in den Weltraum geflogen und nie wieder auf die Erde zurückgekehrt. Die Details dieser Reise ins All Mitte der 40er kennt man aus seinem Tagebuch, das am Boden eines frischen Kometenkraters entdeckt wurde und 1961 als „Tagebuch eines Raumreisenden“ in der ersten Ausgabe des bis heute jährlich erscheinenden Kinder- und Jugendmagazins Sandesh erschienen ist. Die folgenden 37 Geschichten, in denen Shonku die ganze Welt bereist, beruhen auf Tagebüchern, die man im leerstehenden Wohnhaus des Professor gefunden hat. Dort lebte der Physiker und Chemiker ruhig und zurückgezogen mit dem Diener Prahlad und der Katze Newton, die sich lieber von Shonkus Fischpillen als von echtem Fisch ernährte.

Professor Shonku und der Detektiv Feluda sind die beiden in Bengalen äußerst beliebten literarischen Serienfiguren des, zumindest bis zur weltweiten Bollywood-Popularisierung ab Ende der 90er, international bekanntesten indischen Filmregisseurs Satyajit Ray. 1961 holte er das Kindermagazin Sandesh, das sein Großvater in den 20ern gegründet hatte, aus der Versenkung und legte es neu auf. Und die Seiten von Sandesh mussten gefüllt werden. Satyajit Ray schrieb regelmäßig ab 1961 über Shonku und ab 1965 über Feluda, verfasste aber auch autonome Kurzgeschichten, meist mit einem phantastischen oder kriminalistischen Einschlag. Hatten die Filme Rays, der Ende der 50er mit seiner Apu-Trilogie um das Heranwachsen eines Jungen zum Mann und Vater berühmt wurde, es sowieso schwer im deutschsprachigen Raum, wurde seine populäre, verspielte, kindgerechte Seite, die Erwachsenen aber genau so viel Spaß machen kann, im Westen erst recht vernachlässigt. Dabei hat Ray 1974 und 1978 zwei äußerst unterhaltsame Feluda-Filme gedreht, in der Hauptrolle sein Lieblingsdarsteller Soumitra Chatterjee, der 1959 den erwachsenen Apu im letzten Teil der Trilogie gespielt hatte. Doch an Professor Shonku wagte Ray sich nie. Aber dazu hätte es ja auch fortgeschrittener Tricktechnik bedurft. Und die war zu Rays Zeit selbst in Madras und Bombay, den beiden Zentren der kommerziellen Filmproduktion, mittelmäßig. In den digitalen Zeiten hat sich in Indien viel geändert. Der prachtvolle internationale Blockbuster „Bahubali“ (2016) von S.S. Rajamouli ist dafür das anschaulichste Beispiel.

Aber so wie Satyajit Ray selbst in vielem in die geistigen Fußstapfen seines Vaters und seines Großvaters trat, so wird das Werk Rays von seinem Sohn Sandip fortgeführt. Als Ray Mitte der 80er einen Herzinfarkt hatte, schrieb er kurze Drehbücher, aus denen die von Sandip inszenierte Fernsehserie „Satyajit Ray presents“ wurde. Nach Rays Tod 1992 widmete Sandip sich vorwiegend der Kultfigur Feluda, mit der er sieben Kinofilme drehte. Und jetzt darf sich also Professor Shonku auf der Leinwand präsentieren. Als Hauptdarsteller für „Professor Shonku o El Dorado“ wählte man mit Dhritiman Chatterjee einen Schauspieler, der 1970 als junger Mann die Hauptrolle in Satyajit Rays „Partaidwandi“ hatte und auch in Rays letztem Film „Der Besucher“ (1991) mitwirkte. Im August 2018 waren die Dreharbeiten in Bengalen beendet, der Rest des Jahres wird für die internationalen Aufnahmen in Europa und Brasilien benötigt. Und irgendwann 2019 ist Premiere.

Einmal hatte auch Ray sich an ein solch großes Projekt gewagt. „The Alien“ sollte der Film heißen und die Vorbereitungen liefen im Jahr 1967. Der Kern der Geschichte ist einfach: Ein Außerirdischer landet mit seinem Raumschiff auf der Erde, um Flora und Fauna zu studieren. Er hat außerordentliche Fähigkeiten, kann Pflanzen zum Blühen bringen und Tote wieder auferwecken. Dann freundet er sich mit einem kleinen Jungen an. Für diese Story benötigte Ray Hollywood-Geld und Hollywood-Tricktechnik. Zwar wären die Dreharbeiten in Bengalen gewesen, aber ein großer Teil des Films sollte auf Englisch sein und zwei Rollen sollten mit prominenten internationalen Stars besetzt werden. Und da Peter Sellers großes Interesse zeigte, war auch Columbia interessiert.

Jetzt hat Sandip Ray im Rahmen der Buchveröffentlichungen der „Society for the Preservation of Satyajit Ray Archives“ mit „Travails with the Alien – The Film that was never made and other Adventures with Science-fiction“ (Harper Collins) ein spannendes, schön illustriertes Buch herausgebracht, das die Geschichte dieses gescheiterten Hollywood-Abenteuers des Meisters aus Kalkutta mit Hilfe unzähliger Materialien erzählt. Darunter sind Fotos, Zeichnungen und eine große Menge an Faksimiles originaler Dokumente, etwa Briefe von Stanley Kubrick, Ray Bradbury, Arthur C. Clarke, Peter Sellers, Steve McQueen oder Marlon Brando. Ray war ja seit seiner Kindheit Sci-Fi-Fan, aber nicht nur als Konsument von Büchern und Filmen oder später als Autor. Er förderte das Genre auch rein praktisch und gehörte Anfang der 60er zu den Gründungsmitgliedern des „Sci-Fi Cine Club“, der in Kalkutta Sondervorstellungen von Genre-Filmen veranstaltete. Und das mit Stil: Man druckte sogar extra Briefumschläge und Filmprogramme.

Zu dem Filmprojekt inspirierte Ray auch der eintägige Besuch der Dreharbeiten zu Kubricks „2001“ im Jahr 1966. Dort in London unterhielt er sich mit Arthur C. Clarke, und der vermittelte den Kontakt mt dem eigenwilligen Produzenten Mike Wilson, der die Sache ins Rollen brachte, allerdings hinterher auch alle Vorschüsse für sich behielt und dann zum Meditieren in Südindien untertauchte. Eine der Säulen des Projektes war von Anfang an Peter Sellers, der einen nordinischen Industriellen spielen sollte, der in Bengalen Wasserbohrungen mit Hilfe eines amerikanischen Spezialisten durchführen lässt. Dieser Ingenieur war die zweite, unbesetzte Starrolle. Vor allem weil Peter Sellers sich zurückzog, versandete das Projekt. Eine große Rolle bei der Entfremdung von Peter Sellers spielte auch Blake Edwards „The Party“ (1967), den viele Inder als beleidigend empfanden, sodass man fürchtete, Sellers wäre dem Publikum in Indien nicht mehr vermittelbar.

Einen kleinen Epilog hatte das Ganze, als 15 Jahre später Spielbergs „E.T.“ (1982) weltweite Erfolge feierte. Arthur C. Clarke machte Ray telefonisch auf frappierende Ähnlichkeiten aufmerksam. Das führte im Februar 1983 zu einer Äußerung Rays gegenüber der indischen Zeitschrift „India Today“, wonach weder „E.T.“ noch Spielbergs „Unheimliche Begegnung der dritten Art“ (1977) „möglich gewesen wären ohne mein Drehbuch zu 'The Alien', das in ganz Amerika in vervielfältigten Kopien zugänglich ist.“ Daraus machte ein amerikanisch-indischer Journalistikstudent einen Artikel für das Uni-Magazin, was dann wiederum die Los Angeles Times aufgriff und plötzlich gab es im Vorfeld der Oscar-Verleihungen öffentliche Plagiats-Vorwürfe gegen Steven Spielberg. Dass gleichzeitig Richard Attenboroughs britisch-indischer Gandhi-Film für viele Oscar-Kategorien nominiert war und schließlich die meisten gewann, ließ dann auch noch eine kleinere Verschwörungstheorie aufkeimen. „Travails with the Alien“ enthält das vollständige Treatment des Films, und tatsächlich stolpert man über seltsame Parallelen. Aber für Ray lag das Problem vor allem darin, dass nun die letzten Hoffnungen, den Film doch noch zu machen, dahin waren, da man ihn für einen Plagiator gehalten hätte. Übrigens empfand er Spielbergs „E.T.“ als zu sentimental.

Mit dem Anhang des Buches schließt sich dann der familiäre Kreis, denn hier ist eine Kurzgeschichte von Satyajit Rays früh verstorbenem Vater Sukumar abgedruckt, der einen Sinn für Satire und gepflegten Unsinn in Wort und Bild, Prosa und Versen hatte. Wie später der Sohn verband er das Schreiben mit dem Zeichnen. „Das Tagebuch von Professor Hoshiram Hoshiar: Eine unbenannte Kreatur“ (1923) ist eine Parodie auf Conan Doyles „Die vergessene Welt“ und erzählt von einer Forschungs-Safari in den Dschungel, wo man auf der Suche nach bisher unentdeckten Tieren ist, die auch gleich einen neuen Namen bekommen. So erfährt man von der Existenz des Voracitheriums, des Zigzagornis und des Docilosaurus. Dieser Professor Hoshiar war Satyajit Rays Inspiration for Professor Shonku, der in seiner ersten Geschichte denn auch noch viele Züge des „Mad Scientist“ hat, um dann im Laufe der Zeit ernster zu werden. Aber zunächst hatte Ray auch noch keine Serie geplant.

Wem diese Sukumar-Ray-Leseprobe nicht reicht, dem sei „Wordygurdyboom! The Nonsense World of Sukumar Ray“ (Penguin/Puffin 2004) ermpfohlen, eine Sammlung von Versen, Texten und Zeichnungen, die auch noch in der Übersetzung nach dem Prinzip „Wenn es funktioniert, funktioniert es, wenn nicht, dann nicht“ schwindelerregend, irrsinnig, brillant sind. Will man Satyajit Rays phantastisches literarisches Werk kennenlernen, gibt es zur Zeit drei englischsprachige Bücher. Da gibt es zum einen „The Collected Short Stories“ (Penguin 2012) mit 49 Kurzgeschichten. Monster, Vogelscheuchen, Außerirdische, vertauschte Identitäten, Entführungen, gefährliche Bauchrednerpuppen – zu jedem Standardthema hat Satyajit Ray etwas Spannendes zu sagen. Zu Professor Shonku fehlt leider solche eine Gesamtausgabe. Da muss man sich mit zwei kleineren Bänden begnügen, sodass man hinterher neunzehn Geschichten kennt. Man beginnt am besten mit „The Diary of a Space Traveller and other Stories“ (Penguin/Puffin 2004), denn hier geht es los mit Shonkus letztem Abenteuer, das ihn in die Weiten des Weltraums transportiert. Und dann geht es weiter mit „The Exploits of Professor Shonku. The Unicorn Experience & other Stories“ (Penguin/Puffin 2004) mit Geschichten von 1968-1973, in denen man verfolgen kann, wie Shonku beginnt, mit seinem sehr wissenschaftsskeptischen und religiösen Nachbarn zu reisen, der aber immer Spaß hat an den Abenteuern. Eine der schönsten Geschichten ist die von den rot leuchtenden Fischen, die auch an Land kommen und Menschen töten. Zwei Japaner nehmen Shonku mit auf eine U-Boot-Forschungs-Fahrt. Philosophisch wird es, wenn in einem großen Glaskolben die Schöpfung und eine nachfolgende Evolution simuliert werden. Kritisch wird es, wenn bei dieser Entwicklung ein Menschen entsteht ...