Pierre Véry / "Le Pays sans étoiles"

Full Moon (Frode Steen)
Full Moon (Frode Steen)

Dass Pierre Véry Kriminalromane geschrieben hat, hat sich durch die Verbreitung der Verfilmung von „Mord am Weihnachtsmann“ („L'Assassinat du père Noel“, 1934) selbst bis zu uns herumgesprochen. Einige wenige seiner Werke wurden ja auch ins Deutsche übersetzt. Etwas, das ich bis vor kurzem gar nicht wusste, bis ich zufällig „Der Halbgott“ (1954, „Un grand patron“, 1951), einen Arztroman, bei Amazon sah. Die Deutsche Nationalbiliothek klärt mich über die anderen Bücher auf, beides Kriminalromane: „Die unheimliche Stunde“ (1949, „L'Assassin a peur la nuit“, 1942) und „Böser Traum um braches Land“ (1990, „L'Inconnu du terrain vague“, 1943). Vérys Bücher erzählen oft von der materiellen Wirklichkeit, als wäre alles unwirklich, phantastisch. Doch Véry hat auch direkte Sciene-Fiction-Literatur und echt Fantastisches verfasst. Und zwei Bücher, die zu diesem Bereich gehören, habe ich vor einiger Zeit unter äußerst merkwürdigen Umständen gelesen. Es ist schon eine ganze Weile her. Dass ich erst jetzt über diese zwei ganz ausgezeichneten Bücher schreibe, liegt daran, dass ich lange Zeit gedacht habe, ich hätte das alles nur geträumt, also selbst das Lesen, und da ist es dann logisch, dass man gar nicht die richtigen Bücher gelesen hat, sondern Traum-Bücher. Aber vor kurzem habe ich mich im Schlaf ganz präzise daran erinnert, dass es doch wirklich und wahrhaftig passiert ist. Und als ich aufwachte, waren sämtliche Details in meiner Erinnerung wieder genau so präsent, wie ich alles tatsächlich erlebt und erlesen habe. Als ich dann noch durch einen glücklichen Zufall beide Bücher und die Verfilmung eines der beiden billig kaufen konnte, war ich dazu in der Lage nachzuprüfen, dass es die realen, echten Bücher waren, die ich an diesem merkwürdigen Tag in der Hand gehabt hatte. Auch den Film, den ich jetzt auf DVD habe, erkannte ich Szene für Szene wieder.

E = MC² + Abrakadabra = Science Fiction (und umgekehrt)

(Pierre Véry)

Es war schönes Wetter, Sonnenschein, blauer Himmel. Ich war etwas zu früh zur Bushaltestelle gegangen. Also setzte ich mich auf die Bank, die dort steht und kramte mit Pierre Vérys „Le Pays sans étoiles“ (1945, dt.: „Das Land ohne Sterne“) ein neues Buch aus der Stofftasche, das ich gerade noch schnell eingesteckt hatte, und schlug es auf. Die Sonne stand rechts hinter mir und schien direkt auf das Papier, sodass es mich blendete. Eigentlich lese ich deshalb nicht gerne im Freien in der Sonne. Aber das Buch war schon leicht vergilbt, also ging es. Gleich die Textüberschrift weist auf eine Mischung aus Kriminalroman und Übernatürlichem hin. Da steht einmal „Die Phänomene“ und als Untertitel „Das Verbrechen am Uferweg“. Ich wollte gerade den ersten Satz lesen, da war mir, als veränderte sich die Titelseite. Eine äußerst dünne Wolke musste sich wie durchsichtiger Stoff vor die Sonne gehängt haben, denn Schatten lag nicht auf dem Papier; es geschah nur eine langsame Verschiebung der Intensität der Helligkeit. Ich schaute hoch und die Umgebung wirkte plötzlich leicht verschwommen. Ich kniff die Augen zusammen, rieb vorsichtig, um wieder klar zu sehen. Aber nicht meine Sehfähigkeit war das Problem gewesen. Denn ganz langsam verschwand die Welt, löste sich auf, aber nicht ins Dunkel, sondern ins Licht hinein. Ein weißer Nebel breitete sich aus, aber nicht aus einer bestimmten Richtung, sondern als käme er aus unsichtbaren Luftlöchern, als wäre er schon immer da gewesen. Aber auch wenn die Sonne ebenfalls allmählich verschwand, wie ich mit einem Blick über die Schultern feststellen konnte, wurde es nicht dunkler. Ob der Nebel aus sich selbst leuchtete oder das Licht der Sonne subtil weiterreichte, ich wusste es nicht. Kein Laut war zu hören. Und viel weiter als bis zum Buch, das ich mit der linken Hand hielt, konnte ich nicht gucken. Aber das reichte zum Lesen.

Im Grunde ist „Le Pays sans étoiles“ ein Krimi. Ein Mann hat durch einen Sturz Visionen, in denen er einen Mord sieht. Durch die Kleidung der zwei Männer, von denen einer den anderen erschlägt, und der Frau weiß er, er hat die Vergangenheit gesehen. Als er durch Zufall entdeckt, dass es die Gegend wirklich gibt, in der sich alles abspielt, bleibt er dort, um das Geheimnis zu lüften. Das Großartige an der Geschichte ist zunächst die Detailfreude in der Beschreibung des Innenlebens der Hauptfigur Simon, wie er sich immer mehr verliert in einer Welt, die doch gar nicht mehr existiert. Am Ende dieses Tagebuchs erklärt er sogar, dass er sich auflöst, dass er Erinnerungslücken an sein vergangenes Leben hat, welches als Gehilfe eines Notars, der Erben ausfindig macht, ständig mit dem Tod zu tun hatte. Es ist wie eine Flucht vor dem Tod, wenn er da auf dem Land bleibt und Detektiv der Vergangenheit spielt, Bewohner befragt, Archive studiert. Wie immer ist Véry ein großartiger Schöpfer von Atmosphäre. Etwa beim nächtlichen Spaziergang durch die Ebene von Argenteuil, wo Simon stürzt, die ersten Visionen hat und das Gesehen und die Umgebung sich vermischen und am Himmel zwei Monde zu sehen sind. Oder danach die Beschreibung des Landlebens ohne Idyllisierung. An diesem Ort seiner Nachforschungen lernt Simon auch ein Mädchen kennen. Als sein bester Freund J.T. dazu kommt, entwickelt sich eine Dreiecksgeschichte. Aber weder das Mädchen noch J.T. sind tatsächlich das, was Simon sich in seiner Naivität ausgemalt hat. Und dann begeben sich die drei eines Tages in historischen Kostümen an den Ort der Mordtat und Simon erschlägt aus Eifersucht seinen Freund. Und ihm wird klar, dass er in der Vision nur seine eigene Zukunft gesehen hatte. Die Flucht vor seinem Leben, vor dem Tod hat ihn direkt in dessen Arme geführt. Am Ende begeht er Selbstmord. Und so wird aus dem Krimi eine Geschichte über Wiedergeburt, die Wiederkehr des Immergleichen, den erbarmungslosen Kreislauf des Universums. Es ist eine düstere Geschichte, in der nicht viel von der Welt übrig bleibt. Der Freund J.T. ist dabei sozusagen die Verkörperung der Welt als Illusion. Und Gott existiert nicht bei Véry. Aber es ist Vérys Stärke, dass seine Geschichte dennoch nicht deprimierend ist. Dennoch: Zwar könnte ich „Le Pays sans étoiles“ problemlos noch einmal lesen, aber natürlich anders. Denn auch als Leser hat man sich, wie Hauptfigur Simon, gemütlich eingerichtet in einer Welt voller romantischer Geheimnisse. So kommt die Entlarvung J.T.'s als Schurke und Betrüger sowie der Mord in der Gegenwart wie ein verstörender Schock.

Als ich die letzte Seite gelesen hatte, hörte ich ein vertrautes Motorengeräusch. Es war der erste Laut, seit der Nebel alles eingehüllt hatte. Der Bus kam offensichtlich. Ich stand auf, machte einen Schritt nach vorne und zögerte, denn ich konnte den Bordstein nicht erkennen. Wieso kam überhaupt ein Bus bei dieser ausgelöschten Sicht? Fragte ich mich einen Moment und stieg dann zielsicher ein, denn ein rechteckiger dunkler Eingang in der weißen Wand tat sich plötzlich auf und alles wurde schwarz. Ich weiß nicht, ob ich wirklich in einem Bus war, der fuhr. Nur an die absolute Finsternis erinnere ich mich. Irgendwie ertastete ich mir einen Sitz, als plötzlich helles Licht aufblendete und sich mit Schatten vermischte, die um mich herumtanzten. Dann setzte Musik ein. Vor mir auf einer riesigen Leinwand lief der der Film „Le Pays sans étoiles“ (1946) von Georges Lacombe mit Gérard Philippe. Leider ist der Film nicht mehr als der ärmere kleine Bruder des Buches. Großartige Véry-Verfilmungen wie die von Jacques Becker und die beiden von Christian-Jaque stehen für sich alleine. Die Veränderungen zum Original stören nicht. Es ist kein Problem, jeweils beide Werke ganz für sich zu lieben. Doch der Film „Le Pays sans étoile“ hat keine Atmosphäre. Zwar hat Pierre Véry das Drehbuch geschrieben, aber es reicht eben nicht, das Ganze dann routiniert herunterzufilmen. Man muss die Atmosphäre der Romanvorlage aufsaugen und übertragen. Dann würde all das, was einen an der Verfilmung stört, vielleicht gar nicht mehr stören. Der Blick in das Bewusstsein der Hauptfigur, die direkte Teilnahme an seinen Nachforschungen, das fehlt natürlich bei einem Film von 90 Minuten. Es herrscht das Prinzip des Zuguckens und Überraschenlassens vor. Wenn die Figuren der Vergangenheit von denselben drei Schauspielern verkörpert werden, hat man einen Wissensvorsprung. Aber das ist auch alles. Kein Geheimnis. Keine Schönheit. Und so ist die Chance auf eine düster-poetische Wiedergeburtsgeschichte vertan, die an sich ein Vorläufer ist für das, was ein paar Jahre später in Indien mit „Mahal“ (1949) und „Madhumati“ (1958) so viel besser gelang.

Als der Film zu Ende war, woran ich mich noch genau erinnere, muss ich sofort weggedämmert sein und fiel in einen Traum und sah, was der Film nicht mehr zeigt. Ich sah, wie Gérard Philippe als Simon die Klippe herunterspringt. Und dann wurde es dunkel. Bis das Licht mich weckte. Aber schon bevor ich die Augen öffnete, hatte ich das Licht, das auf mich fiel, gespürt. Und sofort wusste ich, was geschah. Langsam öffnete ich die Augen und sah, wie erwartet, den Mond durch ein Fenster. Ich war in einer Rakete auf dem Weg zum Mond. Das spürte ich zweifelsfrei. Seit Jahren schien der Mond nachts direkt in mein Schlafzimmer und auf mich im Schlaf. Besonders bei Vollmond redete er mit mir, während ich tief schlief. Die Aufregung um den Vollmond ist mir ein Rätsel. Schaflosigkeit? Werwölfe? Seltsam. Als ich mich bewegte, ging künstliches Licht an und sperrte den Mond aus. Da schwebte ein Buch durch die Luft, Pierre Vérys „Tout doit disparaître le 5 mai“ (1960, dt.: „Alles muss am 5.Mai verschwinden“). Auf dem dunklen Cover waren seltsam kostümierte Phantome und ein Astronaut, der in irgendetwas versinkt. Das sah nicht lustig aus. Die Apparaturen um mich herum funktionierten so vor sich hin und flehten mich an, nichts anzufassen. Meine künstliche Intelligenz würde nur Schaden anrichten. Ich fing an zu lesen.

Ich las die neun sehr unterschiedlichen Geschichten, die kein sehr angenehmes Welt der Menschheit und der Zukunft entwerfen, aber durch ihre vielen Ideen, die Mischung aus Skrurrilem, allzu Realem und Poetischem eine brillante Mischung darstellen. Ernst und Ironie stehen hier Schulter an Schulter: „Le Yoreille“ beschreibt eine Familie in einem surrealen Überwachungsstaat mit einem nicht identifizierbaren Überwachungsgerät. „La planète d'honneur de l'univers“ zeigt, wie man eine Geschichte über den atomaren Menschenuntergang mit Happy End schreiben kann, denn was der einen Gattung Untergang, ist der anderen Nahrung und Rettung. „L'étoile jaune“ handelt von zwei Astronauten auf dem Weg zur ersten Mondlandung. „Le Visage“ ist eine traurige Geschichte über eine sterbende Unsichtbare, der nicht zu helfen ist, eine Hommage an H.G. Wells. In „Tout doit disparaître le 5 mai“ erlebt ein älterer Mann glückliche Augenblicke, während er sich unaufhaltsam seinem Todeszeitpunkt nähert. „Les linottes de la Voie Lactée“ erklärt die Existenz zerstreuter Menschen. Da hat sich dann ein Exemplar der vergesslichen Gattung der Piduchets in den Wiedergeburtskreislauf einer falschen Galaxie verirrt. „Le peuple peint“ ist eine Gegenwarts-Geschichte über einen verfolgten Schwarzen in den USA. „Ils“, die letzte Geschichte, ist Fantastik im Kopf einer paranoiden Frau. Und wieder ist jemand, ohne es zu wissen, auf der Jagd nach dem eigenen Tod. Und dann ist da die vorletzte Geschichte „Hideux Tipset“: Véry schrieb immer wieder über Weihnachten und Weinachtsmänner. In seinem bekanntesten Buch wird einer umgebracht am heiligen Abend. In einem anderen wird in einem südamerikanischen Staat in solchen Kostümen eine Revolution durchgeführt. In „Hideux Tipset“ kommen Astronauten auf einen fremden Planeten, wo riesige Weihnachtsmänner von bösen kleinen Zwergen getötet werden. Einen rettet man und nimmt ihn mit auf die Erde. Großer Fehler! Man sollte nie anerzogenen, rührseligen emotionalen Ilusionen folgen. „Der gelbe Stern“, ganz konkret der Judenstern, ist ein wenig die Schlüsselgeschichte der Sammlung. Hier wird Véry offen politisch. Während der erste Astronaut, ein Überlebender der Judenvernichtung, langsam im Mondstaub wie im Treibsand versinkt, liefert Véry eine rhetorisch-pathetische Aufzählung aller, deren Namen im „Großen Register des Märtyrerverzeichnisses“ stehen. Die Geschichte der Menschheit als Mord und Folter der Gerechten. Véry selbst hat das Erscheinen des Buches nicht mehr erlebt. Er starb 1960. Marcel Aymé schrieb das Vorwort. Und er macht seinem Freund das größtmögliche Kompliment. Denn Aymé mag eigentlich keine Science-Fiction, aber in diesem Fall ist er dem Autor gerne in jeden Winkel des Universums gefolgt.

Ich las Aymés Kommentar noch mal im Ganzen und saß dann lange völlig ruhig und fühlte mich müde. Ich fragte mich, zu welchem Mond ich gerade flog. Der in meinem alten Physikschulbuch oder der in Vérys Buch? Da ging das Licht in der Rakete aus und das Mondlicht hatte mich wieder. Ich schielte aus dem Fenster. Der Mond war noch näher gekommen. Dann bewegte ich mich und das Licht ging wieder an. Aber anderes Licht. Ich saß wieder auf der Bank an der Bushaltestelle. Keine Spur von Nebel. Die Sonne schien wolkenlos. Dann schaute ich erneut ins Buch. Wo war das Französische hin? Das hier war Englisch. Und es war definitiv nicht Pierre Véry. Ich betrachtete das Titelblatt: „The Evolution of Physics. From early Concepts to Realitivity and Quanta“ von Albert Einstein und Leopold Infeld. Ja, das hatte ich vor einiger Zeit gekauft. Nicholas Ray hatte mir diese Empfehlung in den als Buch herausgegebenen Protokollen seines Unterrichts an einer US-Uni gegeben. Seine Frau Susan hatte sich darum gekümmert, dass „I was interrupted. Nicholas Ray on making movies“ existiert. Und einem Rat von Nicholas Ray musste ich folgen. Ich las den ersten Satz im Einstein-Buch: „In imagination there exists the perfect mystery story.“ Das fing ja gut an. Aber wo war denn Pierre Véry? Ich hatte das sichere Gefühl, seine beiden Bücher gelesen zu haben. Dabei besaß ich sie gar nicht. Und in meiner Tasche waren sie natürlich auch nicht. Trotzdem wühlte ich darin kurz und etwas verstört. Ich schaute auf die Uhr. Vor zehn Minuten erst war ich aus der Wohnung gegangen. Und das Buch in meinen Händen konnte ich doch gerade erst aufgeschlagen haben. In dem Moment kam der Bus. Ich verdrängte alles als absurden Sekundenwachtraum und stieg ein.

Nachbemerkung:

Interessant ist auch, dass ich im Buch „Tout doit disparaître le 5 mai“, nachdem ich es aus dem frisch aus dem Briefkasten geholten Versandumschlag genommen und einfach so darin geblättert hatte, ein Lesezeichen fand, das ich selbst benutzt hatte in der Rakete.