Giuseppe Tomasi di Lampedusa / "Der Leopard"

Palermo Sizilien Italien Skyline (von: Yifan Liu)
Palermo Sizilien Italien Skyline (von: Yifan Liu)

Als ich jetzt vor kurzem entdeckte, was für ein großartiges Buch Giuseppe Tomasi di Lampedusas (1896-1957) Roman „Der Leopard“ („Il Gattopardo“, 1958) tatsächlich ist, kam ich ins Grübeln. Warum nicht schon früher? Was hat mich von der Lektüre abgehalten? Denn all die Jahre, ich muss wohl zugeben Jahrzehnte, war sie in meiner Nähe: Die billige Heyne-Ausgabe von 1989 der Piper-Übersetzung von 1959, auf dessen Titelbild noch ein roter, schwarz gerandeter, ovaler Aufkleber im Querformat das in Rotorange dämmernde Bild einer Treppe in einem alten Park verschandelt: „AKTION '89. DM 9,80. SONDERPREIS.“ 9,80 DM habe ich aber nicht bezahlt. Weniger. Aus der Grabbelkiste. Es war auch nicht 1989. Irgendwann, irgendwo also. Natürlich, sozusagen, ein unbesehener Visconti-Fan-Kauf, "Der Leopard" (1963) ist schließlich einer seiner schönsten Filme. Über Lampedusa wusste ich gar nichts. Habe ich das Buch für einen banalen Bestseller gehalten, eine Art Heyne-Täuschung sozusagen? Vielleicht fand ich den Film auch so schön, dass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass das Buch dem etwas hinzufügen könnte. Aus solcherlei Fragen könnte man sicher ein paar Jahre Psychoanalyse herausquetschen, wobei ich sogar im Grunde gleich beim Thema wäre. Aber dazu weiter unten. Wegen dieses Leseversäumnis war ich umso erfreuter, dass auf dem Filmfest Hamburg 2019 Luigi Falornis Dokumentation DIE GEBURT DES LEOPARDEN (2019) über das Buch und seinen Autor gezeigt wurde. Wie gesagt, im Vorfeld habe ich „Der Leopard“ dann endlich gelesen. Manchmal muss man zu seinem Glück angeschoben werden.

Aber erst mal zum Buch: Sizilien, ein Ort in der Nähe von Palermo, zur Zeit der Gründung des Königreichs Italiens, die Haupthandlung erstreckt sich über den Zeitraum vom Mai 1860 bis November 1862. Es folgen noch zwei Epiloge im Juli 1883 und im Mai 1910. Im Mittelpunkt steht Fürst Fabrizio, der zur neuen Zeit auf Distanz bleibt, aber begriffen hat, so das berühmte Motto des Romans, „dass sich etwas ändern muss, damit alles so bleibt, wie es ist“. Sein Neffe Tancredi jedenfalls hat dies begriffen, und ist nicht nur auf Seiten der siegreichen Rebellen und damit der Zukunft, sondern auch bald Bräutigam der unglaublich schönen Tochter eines Bürgers ohne die nötigen guten Manieren, aber dafür mit viel Geld und Einfluss, und das gleicht in den neuen Zeiten so einiges aus. Dafür lässt Tancredi die Tochter des Fürsten sitzen. Das Buch ist eine Beschreibung dieser Zeit, aber vor allem einer Lebensart, die am Verschwinden ist, gleich verdeutlicht durch die erste Szene, wo die Familie um den adligen Patriarchen herum in der Kapelle versammelt ist. Der Korrektheit halber sollte ich noch erwähnen, dass es seit Anfang September 2019 eine Neuübersetzung von „Der Leopard“ gibt, die wie die Erstausgabe bei Piper erschienen ist. Wäre ich durchaus neugierig drauf, aber für diesen Blogbeitrag in diesem Blog war die alte Version schließlich unerlässlich.

Zuerst fällt auf: Was für ein detailfreudiges Buch! Da gibt es Wörter, die ich noch nie gehört habe. Aber es sagt etwas über die Schönheit und den brillanten Stil des Romans, dass mir all diese Aufzählungen und Beschreibungen der Häuser, Räume, Dinge gefallen, dass sie mich direkt anziehen. Normalerweise finde ich so etwas fürchterlich langweilig. Das alles ergibt eine Art voll beladene impressionistische Sinnlichkeit. Gleichzeitig verbinden sich Glanz und Dekadenz. Eine gewisse Morbidität schleicht sich immer wieder in die Gedankenbahnen des Fürsten, aus dessen Sicht das meiste erzählt wird, wobei der Erzähler gerne zusätzlich kommentiert, ironisch, desillusionierend. „Solange man sterben kann, ist die Hoffnung nicht verloren.“ Dieses Motto des Fürsten, gedacht in einem eher finsteren Moment, gehört seitdem zu einem meiner bevorzugten Zitate in Krisenzeiten. Das Ganze hat auch Ironie, denn der Erzähler kommt ganz eindeutig aus der Gegenwart des Verfassers und das hat einen zusätzlich desillusionierenden, verfremdenden Effekt. So oder so würde man etwas heutzutage nennen, beispielsweise in der Sprache von Freud, wird einmal angemerkt. Deprimierend allerdings ist – und da wünschte ich fast, ich hätte das Buch nicht gelesen – die Zusammenfassung der Ehe zwischen Tancredi und Angelica. Ein amüsant-grausamer Vergleich legt einen grauen Schleier: Die unschuldigen Liebesspielchen in den weiten Fluren und Räumen des Palastes seien die Ouvertüre einer danach völlig misslungenen Oper gewesen, in der die angespielten Melodien nicht gut verarbeitet seien – gemeint ist eine Ehe, die ihre besten Zeiten beim Moment der Trauung schon hinter sich hat. Und dann ist da die lange Rede des Fürsten über Sizilien, eine schonungslose Analyse, aber dann auch wieder eine fatalistische Liebeserklärung. Man solle nur nicht versuchen, dort etwas ändern zu wollen. „Der Leopard“ ist in vielem ein Buch des Sowohl-als-auch. Man betrachtet diese süditalienische Welt illusionslos, sieht die Fehler, ist aber doch fasziniert, wird als Leser ebenfalls angezogen und in den Bann geschlagen.

Was Luchino Viscontis berühmte Verfilmung von 1963 angeht, so sehe ich beim Lesen des Buches ganz automatisch die drei Hauptdarsteller vor mir, die so perfekt besetzt sind, als hätte Lampedusa selbst sie vor Augen gehabt beim Schreiben. Ich habe auch die sizilianischen Örtlichkeiten vor Augen. Aber andererseits sehe ich kaum Filmszenen, da das Buch in seiner Grundstimmung so ganz anders ist. Der Film hat zwar den Geist der Vorlage im Prinzip erfasst, aber den trüben Vanitas-Gedanken herausgefiltert. Das betrifft den ganzen Ton des Films und ganz besonders natürlich das Fehlen der beiden letzten Kapitel, vor allem den Tod des Fürsten, wo ihm all seine geliebten Dinge entgleiten, so wie die nicht unkomische Untersuchung der vielen Reliquien in der Privatkapelle der drei unverheirateten Töchter des Fürsten. Um den Vergleich von Buch und Film ging es übrigens unter anderem auch im abschließenden Gespräch nach der Vorführung, wo der Regisseur sowie der Produzent Jörg Bundschuh anwesend waren. Es schien bei einigen durch, dass sie inzwischen den Roman lieber mögen. Vielleicht hat das auch einfach etwas mit dem Altersdurchschnitt der Anwesenden, und da nehme ich mich gar nicht aus, zu tun. Wenn man jung ist, mag man die Revolution, die Schönheit, die Lebenslust und Pracht des Films lieber. Ich möchte wetten, dass ein 20-jähriger immer noch eher zur Verfilmung tendiert, weil es auch ein Hohelied auf jugendliche Schönheit und Liebe ist. Wenn man älter wird, wird man der Vergänglichkeit zugänglicher. Wenn, wie es im Roman heißt, der „Notausgang“ näher kommt, der einen so vieles mit mehr Gleichmut als früher ertragen lässt. Na ja, zumindest ein bisschen mehr.

Der Dokumentarfilm DIE GEBURT DES LEOPARDEN dann ist zunächst einmal ein funktional-informativer Dokumentarfilm, bestimmt für eine Fernsehausstrahlung zur, vermutlich, besten Sendezeit. Und diesen Auftrag erfüllt der Film in jeder Hinsicht. Allein schon deshalb hat sich der Abstecher in das hoheitlich-hanseatische Bauwerk der Reederei Hapag Lloyd am Ballindamm gelohnt, wo für die Vorführung beim Filmfest Hamburg ein Saal zur Verfügung gestellt worden war und wo es im Foyer vorher einen Empfang mit Getränken und feinem Knabberzeug gab. Alles sehr schön, wobei mich so etwas doch immer ein bisschen nervös macht. Aber das ist mein Problem.

DIE GEBURT DES LEOPARDEN © NFP marketing & distribution GmbH / Gioacchino Lanza Tomasi (Quelle: Filmfest Hamburg)
DIE GEBURT DES LEOPARDEN © NFP marketing & distribution GmbH / Gioacchino Lanza Tomasi (Quelle: Filmfest Hamburg)

Verschiedene Themenstränge stehen im Mittelpunkt in DIE GEBURT DES LEOPARDEN. Als Voraussetzung geht es einmal um die adlige Lampedusa-Familiengeschichte, die Gebäude, Paläste, Gärten, in denen sich das Leben des jungen Giuseppe entfaltet. Hier entsteht seine Liebe zu all den schönen, aber letztlich schnell vergänglichen Dingen. Alles ist ein riesiger, wunderbarer, paradiesischer Spielplatz. Da ist dann die sehr enge Beziehung zur Mutter, die den Tod der dreijährigen Tochter etwa zum Zeitpunkt von Giuseppe Tomasis Geburt nie verwunden hat und ihn als Sohn und Tochter gleichzeitig großzieht. In Briefen noch im Alter nennt sie ihn Tochter. Auf der anderen Seite ist da die Liebesgeschichte und Ehe mit Alexandra von Wolff-Stomersee (1894-1982), einer sehr durchsetzungsfähigen, selbstständigen deutsch-baltischen Adligen mit beruflichem Erfolg auf dem Gebiet der Psychologie und Psychoanalyse. Hinzu kommt bei Lampedusa die Erfahrung des Verlustes, erst langsam durch familiäre Geldschwierigkeiten und dann vor allem bei Bombenangriffen der US-Streitkräfte, bei denen der Palast in Trümmer bombardiert wird. Darauf spielt auch ein kleiner Satz im Buch an. Drei Tage schwieg er danach. Das alles spielt hinein in die Entstehung des Buches „Der Leopard“. Verbunden wird dies mit unzähligen Bildern, historischen ebenso wie aktuellen aus Sizilien und dem Baltikum, was, verbunden mit der sinfonischen Musik, einen stimmungsvollen, sehr breiten und emotionalen Rahmen schafft.

Lampedusa selbst war auch eine faszinierende Gestalt: „Ein Mann, der sein ganzes Leben nichts zustande gebracht hat, schreibt ein Buch und wird berühmt.“ Wobei man einschränkend hinzufügen muss, dass das nach seinem Tod geschah. Er selbst hat davon nichts mehr mitbekommen. Er war seit seiner Jugend ein buchbesessener Mann, mit einem Faible für die literarische Moderne. Von praktischer und sinnvoller Arbeit hielt er nicht viel. Aber manche Menschen sind dafür nun einmal nicht geboren. Aber im Alter, auch unter dem Einfluss seiner Psychologen-Frau, begann er ein Buch zu schreiben, das einen Vorfahren als Hauptfigur hat, das aber gleichzeitig von ihm selbst handelt. Und plötzlich sitzt er im Café, raucht, schreibt in einer Ecke, immer am selben Platz, erforscht sich selbst und führt eine Schriftstellerexistenz, ohne im verlegerischen Sinne ein echter Autor zu sein. Was auch ein Ausdruck echter Geistesaristokratie ist, die sich auf das Beste mit der echten Aristokratie verbindet. Schreibend kann er die Vergangenheit bewahren, die Dinge wiederauferstehen lassen und die geschehenen Veränderungen ästhetisch gestalten. Und immer ist der Glanz getrübt durch das Wissen des Erzählers, der immer wieder kommentiert, ironisch, fatalistisch. Es ist Giuseppe Tomasi du Lampedusas eigenes Wissen der Gegenwart, das er mit hineinbringt.

DIE GEBURT DES LEOPARDEN © NFP marketing & distribution GmbH / Gioacchino Lanza Tomasi (Quelle: Filmfest Hamburg)
DIE GEBURT DES LEOPARDEN © NFP marketing & distribution GmbH / Gioacchino Lanza Tomasi (Quelle: Filmfest Hamburg)

Komme ich abschließend zu einem Schwachpunkt der Doku, den nachgestellten Interviewpassagen mit Schauspielern, wo man dann auch gar nicht weiß, woher die Texte kommen, ob es eine Collage aus Bestehendem ist, aus Briefen, Zeitungsinterviews. Natürlich gab es das praktische Problem, das die Zeitzeugen inzwischen tot sind, abgesehen von dem gerne und unterhaltsam erzählenden Erben und Adoptivsohn des Autors Gioacchino Lanza Tomasi. Regisseur Falorni meinte, er hätte, als er den Auftrag für den Film bekam, Bedenken gehabt, was er denn zeigen sollte, wobei man ihm an sich eine sehr glückliche Hand bei der Wahl der  Bilder bescheinigen kann. Falornis bekannteste Film ist ja „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ (2003), der so ganz und gar auf die Aussagekraft der Bilder vertraut. Aber vielleicht sollte man in einem Film über Literatur dafür dann auch mal einfach den Worten vertrauen. Als das erste Mal solch eine nachgestellte Passage begann, habe ich mich sogar kurz gefragt, warum diese alte Aufnahme so gute Qualität hat, ob man sie digital bearbeitet hat, bis es klick machte und ich kapierte. Eine Art Künstlichkeit lenkte von den Worten ab, störte meine Konzentration, erzeugte ein ungutes Gefühl, als passte es nicht in den Rest dieses sonst so direkten Films. Man konnte übrigens das Gefühl einer begrenzten Begeisterung des Regisseurs bekommen, als er, sinngemäß, von mehr oder weniger geglückten Methoden sprach, um die Dinge zu visualisieren, wobei ich natürlich nicht weiß, ob er damit tatsächlich diese nachgestellten Gesprächspassagen meinte. Wobei ich abschließend objektiv anmerken muss, dass diese, aus den Reaktionen des Publikums zu schließen, sonst wohl niemanden gestört haben. Wobei ich wieder bei dem absolut erfüllten Zweck des Informationsauftrags der Doku bin. Denn schließlich ist das hier kein sizilianisch-poetischer Essay voller hypnotischer Worte, der allenfalls im TV-Nachtprogramm versteckt würde. Wäre aber bestimmt auch ganz hübsch. Wenn es das nicht schon irgendwo gibt.