Charles Péguy / „Jeanne d'Arc“

Jeanne d'Arc in Rüstung vor Orléans, 1886-1890, Mauergemälde von Jules Eugène Lenepveu, Panthéon de Paris. (Wikimedia Commons, uploded by Tijmen Stam, Creative Commons CC-BY-SA-2.5)
Jeanne d'Arc in Rüstung vor Orléans, 1886-1890, Mauergemälde von Jules Eugène Lenepveu, Panthéon de Paris. (Wikimedia Commons, uploded by Tijmen Stam, Creative Commons CC-BY-SA-2.5)

Bevor Bruno Dumonts Film JEANNETTE – DIE KINDHEIT DER JEANNE D'ARC (2017) über die frühen und jungen Jahre des als Jeanne d'Arc (1412-1431) berühmt gewordenen Mädchens aus dem heutigen Département Vosges Premiere hatte, hatte ich noch nie von dem französischen Schriftsteller Charles Péguy (1873-1914) gehört oder gelesen. Zumindest nicht so, dass ich es mir gemerkt hätte. Zur Fortsetzung JEANNE (2019, dt.: Jeanne d'Arc), die auf dem Filmfest Hamburg 2019 neben Pedro Costas neuem Film VITALINA VARELA mein Lieblingsfilm dort war und jetzt im Januar in die deutschen Kinos kommt, wollte ich die literarische Vorlage endlich selbst lesen, vor allem da Dumont in Interviews seine Faszination für die Sprache dieses französischen Autors zum Ausdruck bringt. Die aber wohl nicht jeder teilt. In einem Interview mit den Cahiers du Cinéma (9/2018) sagte Dumont, dass die Leute „den Kopf verdrehen“, wenn er von Péguy rede. Das ist mir unverständlich. Man kriegt diese Sprache nicht mehr aus dem Kopf. Auf eine angenehme, faszinierende Art und Weise. Musiker und Sänger Christophe, der den Soundtrack zu JEANNE komponiert hat, ist nach seiner Arbeit für den Film von Péguy auch nicht mehr losgekommen: „Jetzt ist er immer auf meinen Tisch, ich schlage ihn auf und lese drei Seiten.“ (Cahiers du Cinéma, 9/2019) Zugegeben, es ist eine sehr hermetische Sprache, eine vor allem in der späteren Poesie immer seltsamere, mystische Sprache. Es ist eine ziemliche Leistung von Dumont, so viel Leben und Echtheit hineingebracht zu haben, ohne ihrem Geist untreu zu werden: „Man muss trotzdem Péguy einen kleinen Klaps geben, um ihn dem Zeitgeschmack anzupassen.“ (Cahiers du Cinéma, 9/2018)

Lise Leplat Prudhomme in JEANNE (2019) © Luxbox (Quelle: Filmfest Hamburg)
Lise Leplat Prudhomme in JEANNE (2019) © Luxbox (Quelle: Filmfest Hamburg)

Beide Filme beruhen im Prinzip auf Péguys dreiteiligem Stück „Jeanne d'Arc“ (1897). Allerdings hat Dumont bei JEANNETTE noch Teile des später entstandenen, unaufführbaren Lesedramas „Le mystère de la charité de Jeanne d'Arc“ (1910) dazu genommen. Beide Stücke spiegeln die beiden Phasen in Péguys geistiger und schriftstellerischer Laufbahn wieder. Beginnend als Sozialist und sprachgewaltiger Polemiker vollzog sich dann die Konversion zum Katholizismus, wodurch seine Sprache nun auf andere Art eindringlich wurde. Er arbeitete mit Wiederholungen, Reihungen, nur kleinen Variationen von Gedanken, sodass es etwas monoton Hypnotisches, Beschwörerisches hat. „Jeanne d'Arc“ ist ein Stück, das wiederum aus drei Stücken besteht: Erstens „A Donrémy“, „In Donrémy“, über ihre Kindheit, die Stimmen der Heiligen, die sie dazu aufrufen, Frankreich von den Engländern und von einem nicht enden wollenden Krieg zu befreien, und über ihre Jugend, als sie sich endlich aufmacht, um genau dies zu vollbringen. Zweitens „Les Batailles“, „Die Schlachten“, wo es um ihre Siege, ihre erste Niederlage und ihre schleichende Entmachtung geht. Als sie trotz königlichem Befehl weiterkämpft und unbequem wird, wird sie verraten und man verschachert sie an die Engländer. Drittens veranstaltet die Kirche für die Engländer eine Art Schauprozess in „Rouen“, Titel des dritten Stückes, wobei das Urteil schon fest steht, auch wenn Péguy den Scheiterhaufen weglässt. Die Breite von Péguys Dramas zeigt sich schon rein formal darin, dass jedes dieser Stücke auch wieder unterteilt ist in mehrere Teile und so "Jeanne d'Arc" insgesamt 18 Akte enthält.

„Le mystère de la charité de Jeanne d'Arc“ ist die Erweiterung des Anfangs von „Jeanne d'Arc“ und die Vertiefung von Gedanken, die dort auftauchen. Jeanne spricht erstens mit ihrer Freundin Hauviette und zweitens mit der Nonne Madame Gervaise. Es geht zu Beginn um Dinge wie die Religiosität des Alltagsmenschen mit seinen Alltagsverpflichtungen im Gegensatz zur Sehnsucht nach einem engeren Kontakt mit Gott wie bei Jeanne. Und dann geht es, einfach gesagt, um sämtliche Facetten der Grundlagen des Christentums, mal in Versen, mal in Prosa, aber immer überhöht poetisch, was das Ganze davor bewahrt, theologische Abhandlung zu sein. Im Mittelpunkt steht aber auch die ganz praktische Frage des Krieges gegen die Engländer. Jeanne benutzt den Ausdruck „den Krieg töten“, den Dumont übernommen hat. Jeannes Logik ist einfach und überzeugend: „Der Krieg führt Krieg gegen den Frieden. Und der Frieden führt natürlich keinen Krieg mit dem Krieg. Der Frieden lässt den Krieg in Frieden. Der Frieden tötet sich durch den Krieg. Und der Krieg tötet sich nicht durch den Frieden. Da er sich ja nicht getötet hat durch den Frieden Gottes, durch den Frieden Jesus Christi, wie sollte er sich durch den Frieden der Menschen töten?“ Freundin Hauviette antwortet darauf ebenso logisch: „Du hast Recht, meine Große, du hast Recht. Das Beste, wenn man denn könnte, wäre es, den Krieg zu töten, wie du sagst. Aber um den Krieg zu töten, muss man Krieg führen; um den Krieg zu töten, braucht man einen Kriegsherren (lachend wie … bei der unwahrscheinlichsten Vorstellung); und das sind nicht wir? nicht wahr? die Krieg führen werden?“ Péguy selbst starb übrigens gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges an der Front durch einen Kopfschuss.

JEANNETTE war, verstörend für manche, eine wild-spirituelle Bombe über ein kleines Mädchen, dem die normale Religiosität der Durchschnittsmenschen nicht genügt, das Stimmen hört und das über die Ungerechtigkeit der Welt nachdenkt. Bei Dumont ist sie sechs Jahre jünger als bei Péguy, sieben statt dreizehn. Lisa Leplat Prudhomme verkörpert sie. Die 16-jährige Jeanne wird gespielt von Jeanne Voisin. Aber gerade die 7-Jährige macht es noch verzauberterter, fantastischer, unglaublicher. Sie hütet eigentlich bloß Schafe, existiert in der Natur und genau hier hat sie folgerichtig ihre Erscheinungen. Alles spielt in einer Dünengegend im Norden Frankreichs. JEANNETTE ist ein musikalischer Film, ein mittelalterliches Heavy-Metal-Musical, mit Musik von Igorr, der sich irgendwo im großen Umkreis zwischen Barock und Metal sehr frei bewegt. Heavy-Metal-Musik, Hip-Hop, Tänze, das passt zum Volkstheater-Ziel, das Péguy im Sinn hatte. Dumont arbeitet bewusst mit Gegensätzen, die aber ein sowohl-als-auch bedeuten. Was viele, die dem Film ratlos gegenüberstehen, nicht begreifen, ist, dass Headbanging und Heavy Metal hier nicht das Spirituelle und das Tiefgehende ausschließen. „Die Poesie von Péguy ist singend und gesungen. Er verstört, weil er musikalisch ist. Aber vertont geht das sehr gut. (…) Péguy ist vergeistigt und unverständlich, es war also nötig, eine gegensätzliche Verbindung zu finden. (…) Péguy kann exzessiv sein, also wird das durch die kleine Jeanette repariert. Das ist das Gespann: man muss Entsprechungen finden, damit alles zusammen geht und alles funktioniert. Ohne auf etwas zu verzichten." (Cahiers du Cinéma, 9/2017)

Dumont kennt keine Grenzen des drögen Realismus und der einengenden Wahrscheinlichkeit, hauptsache, es macht Sinn, es dient dem Zweck. „Jeannette greift auf alle Mittel des Kinos zurück, um die Poesie von Péguy zum Sprießen zu bringen.“ (Cahiers du Cinéma, 9/2017) Dazu gehören auch die Laien-Darsteller, für deren Auswahl Dumont bekanntlich ein gutes Gespür hat. Durch diese Laien und ihre eigenwillige Art, die Texte zu sprechen, bekommt Péguys subtile, aber auch rhetorische Sprache etwas Lebendiges, poetisch Naturalistisches. So verlieren sich beide Filme nicht in professionell deklamierter schöner Sprache, sondern bleiben bodenständig und integrieren auch so Elemente des Volkstheaters, selbst wenn es nie zu einer Aufführung gekommen ist, was, wie Dumont vermutet, an einer wahrscheinlichen Spieldauer von sechs Stunden liegt. Die Exemplare von "Jeanne d'Arc", die Péguy im Eigenverlag drucken ließ, fanden über die Jahre hinweg allerdings ebenso wenig Anklang.

JEANNE beruht auf „Die Schlachten“ und „Rouen“. Der Ton ist gedämpfter, vor allem düsterer in dem langen zweiten Teil, der den Prozess wiedergibt und dabei historisch sehr genau ist. Im ersten Teil entdeckte Jeanne sich, bekam ein Ziel, das sie nun aber nicht zu Ende führen darf. Drehort ist auch wieder die Dünenlandschaft, in der Dumont  jede imaginäre Welt entstehen lassen kann. Dazu kommt Christophes unterirdisch brodelnde Musik mit vereinzelten blubbernd-schwebenden Höhenflügen. Für JEANNE nahm Dumont wieder die junge Lise Leplat Prudhomme, die bei den Dreharbeiten zehn Jahre alt ist, was auch deshalb Sinn macht, um dieses Ungeheure zu verdeutlichen. Ein derart junges Mädchen als Befehlshaberin auf dem Schlachtfeld zu sehen, erzeugt zumindest annähernd das Staunen, das die echte Jeanne damals, als Frau, als sehr junge Frau, ausgelöst haben muss.

Dumont musste ja bei diesem Mammutstück sowieso viel streichen, aber in JEANNE lässt er die Volksheldin, die siegreiche Kriegerin ganz weg. Es gibt keine Berichte zum gefeierten Einzug in Orléans, schließlich Ort des größten Triumphes von Jeanne. Den ganzen langen Teil in Péguys Drama, in dem sie sich im Haus eines Bürgers aufhält, hat Dumont weggelassen. Es gibt nur eine einzige Szene aus der Vorlage, die direkt auf die Verehrung durch das Volk verweist, was aber nichts mit der Institutionalisierung des Mythos zu tun hat, weil es eine kleine, stille Szene ist und weil sie zeigt, dass Jeanne diese allein auf sie gerichtete Verehrung gar nicht will: Sie betet, und eine Frau tritt hinzu mit der Bitte, sie möge für eine Kranke ein Kreuz anfassen. Jeanne will das nicht, geht aber mit der Frau direkt zu der Kranken. Und doch ist es im Ganzen gesehen keine wirkliche Entmythologisierung des Menschen Jeanne, denn ihre wundersame Seite behält der Film durchaus bei. Das junge Mädchen, das die Stimmen von Heiligen hört, eine unglaubliche Reise beginnt und anschließend von Staat und Kirche verraten und ermordet wird, diese Geschichte ist völlig da. Was fehlt, ist das, was hinterher als Heiliges und Ikonisches von außen aus ihr gemacht wurde, funktionalisiert von den Nationalisten, vom Staat. Übrigens spiegeln all diese Facetten von Jeanne d'Arc ein wenig den ganzen Weg von Péguy und seinen politischen und religiösen Wandlungen wieder.

JEANNE setzt ein zu einer Zeit, als Zweifel an Jeanne aufkommen, an ihrer Machtstellung, aber auch an ihren unsoldatischen Methoden, da sie lieber von Gott als vom Töten spricht. Es wird über die Moral der Soldaten diskutiert. Sie macht sich Feinde, als sie plündernde und mordende Soldaten als die niedrigsten aller Menschen bezeichnet. Besonders Gilles de Rais ist ihr feindlich gesonnen – ja, genau der Gilles de Rais, der später als satanistischer Folterer und Serienmörder in die Geschichte des Bösen eingegangen ist. Dabei ist Jeanne am Anfang noch zuversichtlich. Christophe hat ihren Monolog in ein Lied von großer Schönheit verwandelt. Die Einheit aus Militär und ihr, die Grundlage des Erfolges, hervorgerufen durch eine magische Ausstrahlungskraft, die manche abgestumpften Soldaten nicht nachvollziehen können und mit Misstrauen betrachten, existiert da noch. Den Krieg und die Schlacht selbst abstrahiert Dumont in einer Choreographie, in der Kavalleriesoldaten sich zu Pferde in Mustern um Jeanne herum bewegen. Ihr eigenes Pferd tanzt zum Rhythmus. Diese Sequenz ist ein Lehrstück dafür, wie man durch geringe finanzielle Mittel zur Kreativität gezwungen wird, wodurch Dinge entstehen können, die schöner sind als das, was ganz automatisch mit viel Geld dabei herausgekommen wäre.

Aber Jeanne kommt auf Dauer nicht gegen die stupide Logik der Macht an. Sie ist eine spirituelle Seele in einer materiellen Welt, der auch die Kirche – damals wie heute – in ihrer Ganzheit durch und durch angehört. Jeanne ist ehrlich gläubig und politisch idealistisch. Das Erstere kann die Kirche nicht gebrauchen, das andere nicht der Staat. Man brauchte jemanden aus dem Volk, um das Volk wieder moralisch aufzurichten, um die allgemeine Niedergeschlagenheit in Widerstandswillen zu verwandeln. Doch mit ihrer Gottesnähe setzt Jeanne alte Regeln und Autoritäten außer Kraft. Sie bleibt ihren Stimmen treu: Die Engländer müssen raus aus Frankreich. Erst dann solle man aufhören zu kämpfen. Die Frage bleibt natürlich, ob die Wirkung ihres religiös verankerten, ansteckenden Enthusiasmusses nicht tatsächlich eine gewisse Halbwertzeit gehabt hätte, aber diese Antwort wird man nie bekommen. Und hier beginnt die geschichtliche und militärische Tragödie, denn ihre erste Niederlage hätte sich aufgrund einer Kapitulation in einen Sieg verwandelt, hätte der König nicht einen voreiligen Waffenstillstand geschlossen und Gott gewissermaßen ins Handwerk gepfuscht. Es gibt den nur kurzen Versuch eines Gesprächs mit einem bei Dumont äußerst furchteinflößenden französischen König, der sie abfertigt wie eine zweitklassige Bittstellerin. Als sie mit Getreuen beschließt, auf eigene Faust weiterzukämpfen, wird sie verraten und gefangengenommen. Dumont zeigt dazu bloß ein reiterloses Pferd, das aus dem Dickicht gelaufen kommt.

Bei den Verhören durch die Kirche geht es sehr schnell, sehr heftig und mit einigem an Schmierentheater zu. Jeanne spricht laut und heftig, wie in einem Akt verbaler Vorwärtsverteidigung. Ihr Blick, ihre Augen habe eine für ihr Alter ungewöhnliche Härte, die die alten Klerus-Männer natürlich verstört. Es herrscht Ratlosigkeit angesichts dieses seltsamen Mädchens, das zwar keine Ahnung von Theologie hat, aber dafür logisch antworten kann. Die Logik von Macht-Theologen hingegen bleibt bekanntlich immer an den hässlichen Mauern ihrer selbstgebauten Gedankengebäude voller wirrer Labyrinthe und Sackgassen stecken. Die Klerikalen sind bösartig und vor allem selbstverliebt. Sie hören sich gerne selbst reden. Letzteres hat sich ebenfalls bis heute nicht geändert. Jeanne redet von Gott, von Gottes Stimme, weigert sich aber, irgendetwas dazu öffentlich mitzuteilen, da das niemanden etwas angehe. Péguy hatte dabei übrigens ganz weltlich und sozialistisch den zu Unrecht angeklagten und verurteilten Dreyfus im Kopf, während man diesen Bezug spontan heutzutage nicht mehr vollzieht. Man denkt eher an kommunistische Schauprozesse, wo man sich bekanntlich die perverse Mühe macht, trotz eines längst feststehenden Urteils ein entsprechendes Seelen- und Gewissensverhör vorzunehmen. Auch im Stalinismus oder Maoismus wurde viel Wert darauf gelegt, die Angeklagten ihre Fehler einsehen und dies auch öffentlich verkünden zu lassen. Auch Jeanne soll ja ihre vermeintlichen Fehler bekennen.

Der Prozess spielt sich ab innerhalb einer Kathedrale, der von Amiens, während der Kerker in einen Bunker in den Dünen liegt, was eine unausgesprochene Parallele zwischen englischer Besatzung damals und deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs herstellt. Und all das, was in der Kathedrale an sich religiös und erhaben, nach oben strebend, wirken sollte, ist hier bloß noch erdrückend, leer und versperrt im Grunde nur die Aussicht auf den Himmel, den Jeanne so liebt. Die Kleriker gehören eher der Hölle an. Das spürt man besonders durch den Höllenmonolog eines Klerikers mit Kapuze, gespielt und gesungen von Christophe selbst. Danach wirken die anderen seltsam fasziniert, schauen sich in der Kirche um, als könnten sie etwas spüren, als schwebte da etwas fassbar Dämonisches durch den Raum. Vermutlich haben sie tatsächlich nur noch Gespür für das Böse, das Perverse, sodass Ihnen Jeannes Unschuld tatsächlich ein Rätsel bleibt. Jeanne wirkt natürlich sehr klein und verloren in dieser Umgebung. Dumont dachte bei ihrer Kindergestalt in dieser riesenhaften Umgebung an die flämische Malerei und ihre verzerrten Perspektiven. Sie wirkt eingesperrt in die Muster des Fußbodens, ist wie die Figur eines Spiels, das zwischen Franzosen, Engländern und Kirche ausgetragen wird und bei dem sie als Menschenopfer ausersehen ist.

Lise Leplat Prudhomme in JEANNE (2019) © Luxbox (Quelle: Filmfest Hamburg)
Lise Leplat Prudhomme in JEANNE (2019) © Luxbox (Quelle: Filmfest Hamburg)

Dumont interessiert sich also in JEANNE vor allem für die Jeanne der Niederlage, die einsame, verlassene Jeanne in ihrem Kerker, während des Prozesses ständig umgeben und befragt von unerträglichen Klerikern, deren perfide theologische Spitzfindigkeiten allerdings an ihr abprallen. Das ist alles korrekt historisch. Die Prozessunterlagen sind ja erhalten. Ich habe selbst vor zwanzig Jahren die zweibändige, 1920 und 1921 herausgegebene, französische Übersetzung des Prozesses gelesen und konnte nicht anders, als, um es modern zu sagen, ein Fan von Jeanne zu werden. Genau diese Bücher dienten ja auch Dreyer als Grundlage für seinen Filmklassiker in Großaufnahmen DER PROZESS DER JEANNE D'ARC (1928), aber Dreyer machte eine schwache, weinende Jeanne aus ihr. Dabei sind die Prozessakten gerade deshalb so bemerkenswert, weil sie ihren Peinigern so tapfer wiedersteht und mit ihrer einfachen Logik die verdrehten Theologen-Hirne schlecht aussehen lässt. Was natürlich nichts an ihrer Einsamkeit und ihrer Angst ändert. Das einzige, was ihr bleibt, ist Gott. Das ist viel, aber am Ende schweigt sie nur noch. Ihr Blick auf ein Vogelnest, wo gerade die Jungen gefüttert werden, zeigt ihr das Leben, das sie nie haben wird, ihr Elternheim, das sie nie wiedersehen wird. Sie richtet den Blick in den Himmel, wo die Sonne scheint. Es liegt am Zuschauer, ob er mit ihr mehr sehen will. Die Kamera guckt aus dem Kerker heraus in die Landschaft. Dann geht sie nach rechts ab auf dem Weg zur Hinrichtung, die es bei Péguy nicht gibt.

Die letzte große Totale des Films, wo man Jeanne nicht direkt sieht, ist menschenleer, ist eingebettet in die Natur, von der sie ja als Schafhirtin ursprünglich kommt. Der vermutliche Scheiterhaufen, oder zumindest dessen Symbolisierung, steht auf einem Hügel weit im Hintergrund, und im Vordergrund wiegt das Getreide sanft im Wind, so wie der Rauch verweht wird. Das hat eine gewisse Harmonie, und ganz im Sinne Péguys wird die Grausamkeit der Hinrichtung weggelassen. Friedrich Schiller war 100 Jahre zuvor in seinem Stück „Die Jungfrau von Orléans“ (1801) noch einen Schritt weitergegangen und schenkte Jeanne einen glorreichen Tod auf dem Schlachtfeld beim letzten siegreichen Kampf gegen die Engländer. Viel mehr künstlerische Freiheit kann man sich nicht nehmen, aber so ist es natürlich schöner, so wie das Überleben Sharon Tates und ihrer Freunde in Tarantinos ONCE UPON A TIME IN HOLLYWOOD (2019) schöner ist als die grässliche Wirklichkeit: „Sehr Ihr den Regenbogen in der Luft? / Der Himmel öffnet seine goldnen Tore, / Im Chor der Engel steht sie glänzend da, / Sie hält den ewgen Sohn an ihrer Brust, / Die Arm streckt sie lächelnd mir entgegen. / Wie wird mir – Leichte Wolken heben mich – / Der schwere Panzer wird zum Flügelkleide. / Hinauf – hinauf – Die Erde flieht zurück – / Kurz ist der Schmerz und ewig ist die Freude!“