Bücher mit Begräbnis – Eine Groschendetektiv-Geschichte

Friedhof (Autoren: Rudy and Peter Skitterians auf Pixabay)
Friedhof (Autoren: Rudy and Peter Skitterians auf Pixabay)

EIN TRAUM

 

Ostersonntag in Schleswig-Holstein. Morgens. Ganz in der Nähe kräht immer noch pausenlos der verrückte Hahn. Ich renne wie ein Wilder herum und suche Ostereier. Gerade bin ich hinterm Haus, bei der Schaukel. In einem dichten Busch daneben liegt ein Überraschungsei. Der Osterhase ist sogar noch da und wackelt mir kurz mit den großen Ohren zu, denn in den Pfoten hat er schon das nächste Osterei, kann also nicht richtig winken und ist dann blitzeflitz verschwunden. Er hat ja noch viel zu tun. Ich mache das Ei auf, knabbere die Schokolade und finde innen drin die gesammelten Theaterstücke von Jean-Paul Sartre in der gebundenen Rowohlt-Ausgabe zum Zusammenbasteln in 5.721 Teilen. Sartre, französischer Autor des 20.Jahrhunderts. Ein Atheist, der nicht an den Osterhasen glaubte. Das war für ihn so selbstverständlich, dass er kein dickes Buch darüber geschrieben hat. Ein Fehler, wie ich soeben feststellen durfte. Ich habe ein anderes Buch in der Hand. Nein, alle haben ein blaues Buch in der Hand und starren hinein. Geredet wird auch, aber jemand hat den Ton abgeschaltet, als wäre ich eigentlich gar nicht da. Da ist auch eine Lehrerin. Ein violettes Buch, nein, blau. Ich kann mich nicht entscheiden, deshalb flackert es hypnotisch hin und her, dass man fast vergessen könnte, dass es sich um eine dieser hässlichen Schulausgaben handelt, die einen immer daran erinnern, dass man hier nicht zum Vergnügen liest. Wir lesen „Huis Clos“, „Geschlossene Gesellschaft“. Mein Französischkurs. Mitschüler, einer nur, Mitschülerinnen. Aber eigentlich schaue ich bloß aus den Fenstern raus. Draußen ist Ruhe. Mich bemerkt hier sowieso keiner. Ich spüre, wie ich mich im Bett herumwälzte. Zwischen Wachen und Schlafen. Zwischen Traum und Erinnerung. Erinnerung, woraus Traum wird und umgekehrt. Ich sollte lieber aufstehen, aber man ist ja bei allem Elend immer gespannt, was wohl noch kommt. Wie im echten Leben. Ich schaue weiterhin raus, auf den Wall zwischen dem großen Sportplatz und der für mich unsichtbaren Hauptstraße dahinter. Auf was anderes kann man ja nicht gucken. Sonst ist da nichts. Man kann jede kleine Passantenfigur, und davon gibt es da nicht viele, ganz lange und und entspannt mit den Augen verfolgen, ohne den Kopf zu bewegen. Dann drehe ich mich um und gehe runter in die Ost-Berliner U-Bahn, wo niemand kontrolliert, ob man die richtige Münze einwirft. An der Abendkasse des Theaters kriege ich noch eine Einzelkarte. Dann sitze ich auf meinem Platz. Auf der Bühne wird Sartres „Die Fliegen“ gespielt. Dann endet die Erinnerung aus perfekt geschnittenen Einzelszenen. Wie im echten Kino. Auf dem Wall geht eine Spaziergängerin mit Hund. Ich sitze im Kino, im Studio, und gucke „Das Spiel ist aus“ von 1947. Drehbuch Sartre. Ich trinke eine Cola. In der Stadtbibliothek gehe ich die Treppen zum obersten Stock direkt unter dem Dach hinauf, da, wo keine Fenster mehr sind, da stehen Bücher zur Literatur und Philosophie. Da ist es immer gespenstisch leer. Ich blättere in Sartres „Das Sein und das Nichts“, lese es aber nicht, aber ich blättere und blättere und es hört einfach nie auf mit den Seiten zum Blättern. Auf dem Wall fährt jetzt ein Fahrradfahrer, sehr zügig. Der hat es aber eilig. Und das in meinem Traum. Das wird mir jetzt zu hektisch. Ich sitze im Kino, im Studio, und gucke „Geschlossene Gesellschaft“ von 1954. Nach Sartres Theaterstück. Ich trinke eine Cola. Auf dem Wall ist plötzlich noch mehr los. Eine ganze Soldatenkompanie kommt anexerziert und macht direkt vor unserer Nase Übungen. Das nennt man wohl demütigendes Strafexerzieren. Jetzt starren alle raus und amüsieren sich. Ich sitze in Paris im Café „Les Deux Magots“. Um die Ecke ist das „Le Flore“, Sartres Stammcafé. Wieso sitze ich nicht da? Auf dem Wall geht ein Spaziergänger, der mir unangenehm bekannt vorkommt. Kann man sich selber sehen im Traum?

EIN TEE

Der Wecker erlöste mich. Ich richtete mich auf. Die fünf Stunden Sartre gestern, das war dann doch zu viel gewesen. Und alles die Schuld von Alexandre Astruc. Nur seinetwegen, nur weil in seiner Autobiografie so viel über Sartre steht, hatte ich überhaupt wieder Lust bekommen, mich mal wieder mit diesem Autor zu beschäftigen, den ich, glaube ich, seit meiner Schulzeit nicht mehr richtig gelesen habe. Ein paar Bücher in den letzten Wochen und am Tag zuvor eben noch die drei-stündige Doku „Sartre par lui-même“  (1976) von Astruc und Michel Contat, inklusive zwei Stunden weiteres Material auf der Editions-Montparnasse-DVD. Uff, das war anstrengend. Ohne Untertitel, und der alte Sartre ist so schwer zu verstehen. Zumindest für mich, aber vielleicht habe ich mir auch immer nur eingebildet, Französisch zu können. Aber irgendwie ging es ja. Ich hatte völlig vergessen gehabt, wie viel Sartre da mal war in meiner Jugend. Ich fühlte mich wirr und zerschlagen und ging in die Küche für einen Tee, kam endlich in Gang, denn gleich würde ich Besuch bekommen, wenn er pünktlich war. Mein guter alter Wasserkocher begann, vor sich hin zu brodeln, und ich schaute wie immer in Gedanken links die rote Häuserfassade hinauf. Dann drei Minuten Teebeutel in Wasser anstarren. Und gerade hatte ich meinen ersten Schluck Frühstücksgrüntee, einen Lipton Mandarine-Orange, ohne den ich den Tag nicht überstehe, geschlürft, da klingelte es an der Tür. Pünktlich.

EINE KLINGEL

Und wenn es bei mir an der Tür klingelt, dann ist das wie ein Telefon. Daran musste ich mich nach dem Umzug in diese neue Wohnung erst mal gewöhnen. Wie ein Telefon, das hat mich am Anfang mächtig durcheinandergebracht. Einmal wurde ich von Klingeln aus dem Schlaf gerissen und ich jagte nach der Wohnungstür, betätigte den Haustüröffner, schaute raus ins Treppenhaus und verstand die Welt nicht mehr, denn es hörte nicht auf zu klingeln. Bis mir klar wurde, dass das Telefon in Gang war. Ich vermisse zwar weder meine alte Wohnung noch den alten Stadtteil, aber ich vermisse diese alte, miese, schlecht gelaunte, hinterhältige Herzinfarktklingel, die ratterte und schrill dröhnte, sodass man vor Schreck zusammenzuckte, wenn jemand etwas von einem wollte. Nur bei mir hatte es die im Haus noch gegeben. Eine Türklingel, die auch hochgefährlich sein konnte, wenn man einen Behälter mit Flüssigkeit bis zum Rand durch die Wohnung trug. Da half nur höchste Konzentration, um nicht im Fall der Fälle vor Schreck zusammenzuzucken und dann den Teppich putzen zu müssen, auch wenn sich das irgendwann auch nicht mehr richtig lohnte. Es läutete noch mal, direkt hinein in mein philosophisches Sinnieren über Türklingeln. So was von ungeduldig. Aber wenn man jemanden gebeten hat, mal kurz vorbeizukommen, muss man wohl aufmachen, wenn man da ist.

EIN GROSCHENDETEKTIV

Also drückte ich den Türöffner, lehnte die Wohnungstür an und ging ins Wohnzimmer.

Als Jo, der echte Groschendetektiv, das reale Detektiv-Vorbild meiner bisher nur aus einem Band bestehenden Krimireihe, kurz darauf in den Flur trat, sagte er weder „hallo“ noch irgendetwas Entsprechendes. Stumm setzte er sich auf einen Stuhl auf der anderen Seite des Tisches und fragte ohne Umschweife:

„Und, was gibt’s?“

Um sofort hinzuzufügen:

„Von alleine wäre ich nicht mehr hier aufgetaucht. Lara übrigens auch nicht. Wir hatten sogar den Eindruck, dass du uns aus dem Weg gehst.“

Das stimmte wohl, und ich schüttelte schnell den Kopf. Ich hatte das Detektiv-Ehepaar lange gemieden, weil ich all die Jahre einfach nicht den Dreh hinbekam, weitere Groschendetektiv-Geschichten aufzuschreiben. Ein Buch erst bisher, wie gesagt, dazu eine Kurzgeschichte in einer Anthologie. Das ist ja nicht so berühmt, gemessen an dem, was geplant gewesen war. Anderes war mir wichtiger gewesen. Das sagte ich natürlich nicht. Aber die Absicht war jedenfalls immer da gewesen. Na ja, Absicht. Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Absichten. Ach ja. Ich verbiss mir meinen absoluten Lieblingssatz „Was soll ich sagen?“, am liebsten ausgesprochen in einem Tonfall bedauernder völliger Ratlosigkeit, der jedes Gespräch, jeden Small Talk schnell im Keim erstickt.

Aber Jo war noch nicht fertig.

„Ach ja, Lara sagt, sie kommt demnächst selbst vorbei, wenn du nicht bald einen zweiten Band schreibst. Wir haben uns nicht die Mühe gemacht, dich mit dem ganzen Material zu versorgen, damit du es im Schrank oder sonstwo ansammelst. Wir können auch jemand anderen suchen.“

Das waren gleich zwei Drohungen auf einmal.

Er setzte hinzu und wiederholte sich ein bisschen:

„Dabei hast du so viel Material.“

Tatsächlich, ich hatte genug Material für die nächsten Jahre. Sprechdateien, Notizen, Entwürfe, alles Mögliche. Die nötigen Kontakte zu anderen Beteiligten. Eigentlich musste ich es nur lesbar, unterhaltsam machen und alles so ändern, dass man nicht auf die wirklichen Personen schließen konnte. Aber das war das kleinste Problem. Niemand hielt das Ganze für Wirklichkeit. Genauso wenig wie dieses Gespräch hier mit Jo. Da denkt der Leser eher, dass dieser Idioten-Autor jetzt auch noch schwachsinnige Selbstgespräche mit seiner literarischen Figur führt, aber das einen bei dem ja nichts wundert.

Und plötzlich redete Jo wie ein schlecht gelaunter Kritiker.

„Aber mal ganz allgemein, auch wenn ich es schon mal gesagt habe. Und nicht als einziger: Mach bloß nie wieder eine Ich-Erzählung draus. Da kommt bloß eine seltsame Mischung aus dir und mir bei heraus, dass man sich nicht zurechtfindet.“

"Das ist doch ein gutes Buch", protestierte ich.

"Ist es, aber trotzdem", sagt er bloß.

Da machte ich ihn darauf aufmerksam, dass da schon in der Kurzgeschichte „Das Filmerbe“ kein Detektiv-Ich mehr war. Aber ansonsten hätte ich nicht vor, die Prinzipien meines Schreibens mit jemandem diskutieren, der außer Romanheften in seinem Leben nie groß freiwillig etwas gelesen hatte.

Aber ich hatte meine Revanche schon parat:

„Dafür habe ich einen Fall für dich.“

Und erzählte ihm, was mir vor zwei Wochen passiert war.

EINE BEGEGNUNG

„Als ich vor zwei Wochen in der Universitätsbibliothek war, guckte ich auch mal in den Regalen, was da so von und über Sartre stand. Und gerade als ich in einer ziemlich zerlesenen deutschen Übersetzung von „Was ist Literatur“ blätterte, das ich bis heute nicht gelesen haben, spürte ich plötzlich jemanden neben mir stehen. Ich schaute mich um. Der Mann war alt. Ich weiß nicht wie alt. Aber alt. Dieses hohe unbestimmbare Alter, wo irgendwie nichts mehr einen Unterschied macht. Da ich es nicht eilig hatte, fragte ich ihn, ob er an das Regal wolle, war bereit, zur Seite zu gehen und erst was anderes zu erledigen. Er winkte ab, sagte leise, dass er es auch nicht eilig habe, und erkundigte sich dann, ob ich in Sachen Sartre Forschung betreiben würde. Ich erklärte ihm kurz mein ganz und gar amateurhaftes und vor allem nostalgisches Interesse an dem Thema, und so kamen wir ins Gespräch, denn er wäre auch einmal, wie er es nannte, ein jugendliches Opfer von Sartre geworden, sei aber nie mehr davon los gekommen. Er stellte sich als emeritierter Professor für Romanistik vor. Professor Schweitzer. Und um es kurz zu machen: Wir unterhielten uns noch eine kleine Weile. Und irgendwann kamen wir zu dem Punkt, der uns jetzt hier interessiert. Ihm sind vor einiger Zeit zwei signierte Sartre-Erstausgaben aus seiner Sammlung in seiner Wohnung gestohlen worden. Angeblich gibt es keinen Zweifel darüber, wer der Täter ist. Die Bücher sollten aber einfach wieder her, das sei das einzig wirklich Wichtige. Das wäre alles. Und mehr erfährst du, wenn du hingehst. Als ich sein Problem hörte, erzählte ich ihm von dir.“

EIN BÜCHERSTAPEL

„Bücher wiederbeschaffen. Mach ich. Aber warum hast du mir nicht einfach die Adresse geschickt mit ein paar Infos?“

So. Auf den Moment hatte ich mich gefreut. Ich beugte mich zur Seite und griff einen kleinen, schon vorbereiteten Stapel Bücher. Den gab ich ihm mit Worten, die mir Spaß machten:

„Weil du vorher lesen musst“

Er nahm die Bücher automatisch, erstarrte dann aber ratlos, hielt sie unbeweglich und starrte auf diese kleine Auswahl von Sartre-Werken, dazu eine Rowohlt-Monografie.“

Ich hatte den Eindruck, er stand unter Schock und wiederholte mich:

„Weil du vorher lesen musst. Und zwar so schnell wie möglich. Du hast es hier mit einem Akademiker zu tun. Dem scheint es unmöglich, den Fall an jemanden zu geben, der noch nie Sartre gelesen hat, der kaum weiß, wer das ist. Sonst könntest du die ganzen Zusammenhänge des Diebstahls nicht begreifen.“

„Stimmt das? Hat er dir das wirklich so gesagt oder willst du mich verarschen?“

„Würdest du mir das verzeihen?“

„Nie. Niemals.“

„Siehst du. Wie könnte ich das denn dann erfinden. Es stimmt. Aber er soll es dir selber erzählen.“

„Näääääähhhhhhh, mach du das doch. Du hast diesen ganzen Kram doch bestimmt gelesen.“

„Stimmt. Aber dein Job ist nicht mein Job.“

Jo knurrte und wollte mir die Bücher über den Tisch zurückschieben.

„Näh, das mach ich nicht. Das ist zu viel verlangt.“

„Also Lara findet, dass das genau das Richtige für dich ist.“

Jo knurrte noch mal, aber diesmal resigniert.

Wenn er gleich weg war, musste ich schnell seine Frau Lara anrufen. Um die Lüge zur Wirklichkeit zu machen. Als Trostpflaster gab ich ihm noch auf den Weg, dass dieser Job gut bezahlt würde. Damit also auch das Lesen. Dass er aber nicht schummeln sollte. Der Professor würde ihm bestimmt die eine oder andere hinterhältige Frage stellen. Und die Bücher dürfte er übrigens behalten. Das wäre doch wirklich nett. Und dann rief ich Lara an.

EIN PFÖRTNER

Es war ein paar Tage später. Jo hatte sich von morgens bis abends durch die Bücher gequält. Mit langen Pausen. Laaangen Pausen. Vorher hatte er noch versucht, das Ganze an Lara weiterzugeben, aber die hatte mit etwas anderem zu tun, wo es um viel Buchhaltung ging. Reine Computerarbeit, um Zahlungen nachzuverfolgen. Aber auch wenn Jo das natürlich nicht ganz verstand, hatte er nicht aufgehört zu quengeln. Da fragte sie ihn, ob sie tauschen sollten. Denn sie hätte ganz und gar nichts dagegen, Sartre zu lesen und den Professor kennenzulernen. Aber dann müsste Jo sofort mindestens ein dickes Buch über die Einführung in die Buchhaltung lesen, wenn nicht mehr, ums Lesen käme er also sowieso nicht herum. Jo blieb bei Sartre. Das erschien ihm zwar nicht lustig, aber immerhin lustiger.

Mit dem Professor hatte er telefonisch einen Termin verabredet und jetzt wanderte er also durch die Straßen auf dem Weg zu der Wohnung, und ihm war so mulmig zumute wie seit seiner Schulzeit nicht mehr. Als wenn eine Prüfung bevorstünde.

Und das Lesen war auch nicht ganz folgenlos geblieben, wie er zwischendurch feststellte. Vor allem war da „Die Hölle sind die anderen“ aus „Geschlossene Gesellschaft“, das ging ihm ja gar nicht mehr aus dem Kopf, während er den Blick senkte und hoffte, nicht ständig angeguckt zu werden. Ihm war, als würde ihm dadurch etwas weggenommen. „Der Ekel“ hatte aber ebenfalls seine Spuren hinterlassen. Auch wenn er das Grundproblem nicht völlig nachvollziehen konnte, betrachtete er doch die Dinge um sich herum mit einem gewissen Misstrauen, fürchtete, ähnliche Gedanken wie die Hauptfigur des Romans zu bekommen. Doch nichts änderte sich, nur einmal hätte er sich fast gebückt, um ein Stück altes, vom letzten Regenschauer durchweichtes Papier aufzuheben. Aber dann dachte er sich, dass er solchen idiotischen intellektuellen Regungen nicht nachgeben sollte, denn das Erinnerungsbuch „Die Worte“ zeigte ja, dass man von zu viel Lesen bekloppt und größenwahnsinnig wird. So hatte er das Buch jedenfalls für sich im Endeffekt im Großen und Ganzen verstanden.

Schließlich stand er vor einem großen Gebäudekomplex. So richtig massig, um das Grundstück und den Luftraum darüber bis in den letzten Kubikmeter auszunutzen. Es war sogar ein Haus mit Pförtner unten drin, eine Art edler Version von Hausmeister. Hier kam wirklich niemand rein, der nicht rein sollte. Videoüberwachung gab es auch. Wie sollte denn hier unbemerkt gestohlen worden sein?

Der junge Kerl hinter dem Tresen, vielleicht ein Studentenjob, machte einen kurzen Anruf und Jo konnte passieren. Nur in den zweiten Stock musste er, da nahm er die Treppe. Kurz bevor er um eine Ecke bog, drehte er sich um und sah, dass plötzlich ein junges Mädchen aufgetaucht war, vermutlich aus dem Hinterzimmer, und sich dem Portier genähert hatte. Ihm war, als würden sie ihn genauso heimlich ansehen. Das war seltsam.

EIN PROFESSOR

Der Professor erwartete ihn schon auf dem Treppenabsatz und bat ihn herein. Wie das Haus, war die Wohnung auch sehr modern, wenn auch voll mit hübschen alten Dingen, die vermutlich teure alte Dinge waren. Irgendwie war Jo enttäuscht, denn er hatte sich vorgestellt, in eine Villa oder eine riesige Altbauwohnung mit knarrendem Parkettfußboden zu kommen, und dazu mindestens ein Geist im Schlafzimmerschrank mit der knarrenden Tür, die immer von alleine aufgeht. Aber mit diesen Gedanken hatte er sich in einen Horrorfilm verirrt. Er setzte sich in einen der Sessel einer typischen Wohnzimmergarnitur mit einem dieser unglaublich niedrigen Wohnzimmertische in der Mitte, die eigentlich nur zum Füßedrauflegen taugen, wenn sie dabei nicht sofort umkippen oder zusammenbrechen würden. Wie befürchtet, stellte Professor Schweitzer tatsächlich ein paar Fragen, für die man die Sartre-Bücher gelesen haben musste, aber Jo schlug sich wacker. Dann kam der Professor aber schnell zur Sache. Die Schuldfrage klärte er sofort. Denn der Dieb wohnte nebenan. Da gab es keinen Zweifel.

Professor Schweitzer hatte einen Nachbarn und Schwager, Nachname Scharl, der auch Professor war, aber für Philosophie, allerdings ebenfalls Schwerpunkt Sartre. Obwohl im Laufe der Zeit längst zu Rivalen geworden, hatten die Ehefrauen der beiden vor zehn Jahren für diese prekäre nachbarschaftliche Wohnsituation gesorgt. Sie hatten einfach Angst gehabt, sich im hohen Alter nicht mehr so leicht besuchen zu können. Denn die beiden waren Zwillingsschwestern, eineiig, und standen sich sehr nahe, konnten einfach nicht ohne einander leben. Das hatte im Privaten auch die Rivalität der Männer im Zaum gehalten, die privat taten, was die Frauen wollten. Beide Schwestern waren erst vor kurzem gestorben, sehr dicht hintereinander. Die Frau von Scharl war seit zwei Monaten tot, die von Professor Schweitzer seit sechs Wochen. Seitdem hatten die beiden Männer praktisch keinen Kontakt mehr miteinander gehabt. Nur bei den beiden Todesfällen waren sie jeweils in der Wohnung des anderen gewesen, gemeinsam mit anderen Verwandten, Kindern, Enkeln und so weiter.

Mit dem Satz „Und jetzt zeige ich Ihnen am besten ein paar Fotos“ gingen sie herüber zu einer Eckkommode, wo ein Haufen gerahmter Bilder stand. Der Professor zeigte Jo ein Foto mit allen vier Personen, um die es ging. Wenig überraschend, die beiden Frauen sahen sich zum Verwechseln ähnlich. Jo dachte, wie großartig die beiden Männer mitspielten. Auf anderen Bildern waren noch eine Menge anderer Leute.

„Aber warum sind Sie so sicher, dass es sonst keiner aus Ihrer Verwandtschaft oder Bekanntschaft war.“

Professor Schweitzer wirkte ehrlich empört und fast schon etwas beleidigt.

„Weil hier wertvolle Sachen herumstehen, die man leichter verkaufen kann. Die Signaturen in den Bücher sind einmalig. Das sind Widmungen, die es nicht noch einmal gibt. Klar, es gibt Sammler, die so was heimlich in den Safe legen würden, nur um es zu besitzen. Aber die muss man kennen. Die Juwelen hingegen von meiner Frau sind unberührt. Das sind keine Einzelstücke, leicht loszuwerden, kaum zurückzuverfolgen. Aber da fehlt nicht das kleinste Stück. Und sie liegen nicht einmal in einem Safe. Außerdem sind die anderen ja auch sonst mal hier bei mir gewesen, und nie verschwindet da irgendetwas. Nur dieses eine Mal ist er hier. Das ist ja schon mathematische Logik.“

„Was sagte denn Ihr Schwager dazu, als Sie ihn darauf angesprochen haben? Ich meine, Sie haben ihn doch darauf angesprochen?“

„Aber natürlich, sofort, als ich es bemerkt habe. Er hat sich fürchterlich aufgeregt, als ich sagte, er sollte den Scherz jetzt beenden und mir die Bücher zurückgeben. Das wäre ja die Höhe. Ich sollte froh sein, wenn er mich nicht anzeigte. Wenn ich diesen Unsinn verbreiten würden, hälfe er nach, meinen Geisteszustand untersuchen zu lassen. Er muss verrückt sein.“

Jo schaute weiter auf die Bilder.

Und ganz nebenbei, wie zu sich selbst, sagte der Professor:

„Vielleicht bringe ich ihn auch einfach um.“

Jo tat so, als hätte er nichts gehört und verabschiedete sich. Er musste erst mal nachdenken.

In der nächsten Bar trank er ein alkoholfreies Bier, als ein Mädchen mit einer Freundin hereinkam. Er hatte nur kurz und desinteressiert hochgeblickt, aber als er bemerkte, dass er schon wieder so seltsam verstohlen und dabei nicht sehr geschickt gemustert wurde, ordnete er sie ein. Das Mädchen beim Pförtner. Vorhin hatte er sie ja nicht aus der Nähe gesehen. Es blieb seltsam.

EIN SCHWAGER

Jo wollte die Sache beschleunigen und rief, nachdem er die Bar verlassen hatte, Professor Scharl an, stellte sich vor und fragte, ob dieser ein paar Minuten Zeit hätte.

„Worum geht es denn?“

„Es geht um die zwei verschwundenen Bücher Ihres Schwagers.“

Die Antwort war ein kurzes grunzendes Auflachen.

„Will er es so verschleiern und dann auch noch mich in Verruf bringen? Er muss verrückt sein.“

Jo verstand nicht ganz. Aber als sofort gesagt wurde, er sollte einfach jetzt vorbeikommen, fragte er nicht nach. Das würde sich schon klären.

Die Wohnung wirkte auf den ersten Blick ähnlich wie die gegenüber und doch ganz anders, einfach spartanischer eingerichtet und ausstaffiert.

Bevor Jo sich setzte, trat er an eine ähnliche Kommode mit größtenteils denselben Familienfotos. Eines nahm er in die Hand und zeigte auf eine Person.

„Wer ist das? Mir ist, als hätte ich das Mädchen da schon mal gesehen.“

„Ja, das ist meine Großnichte. Unsere einzige direkte Verwandte, die hier in der Stadt wohnt und die wir öfter sehen. Sie lebt und studiert hier, Romanistik übrigens. Bei ihren Besuchen hat sie sich mit einem der Pförtner unten angefreundet. Sie verstand sich vor allem sehr gut mit unseren Frauen. Ihre Mutter, die leider früh gestorben ist ist, war deren Lieblingsnichte und das hat sich irgendwie vererbt.“

Dann setzten sie sich.

„Also, die Bücher...“

„Ja, die Bücher, was soll das alles? Ich bin es doch, dem zwei signierte Erstausgaben fehlen. Der da drüben erfindet den Diebstahl bei sich doch nur, um von seiner Untat abzulenken.“

Jo seufzte innerlich. Untat. Eigentlich waren es doch bloß scheiß alte Bücher, in denen der Autor ein bisschen gekritzelt hatte. Aber er blieb freundlich ernst.

„Aber Sie haben es im Gegensatz zu Ihrem Schwager niemandem erzählt?“

„Ja, wozu denn? Die Familie würde es mir nie verzeihen, wenn ich meinen Schwager anzeige. Wenn Sie übrigens schon bei der Arbeit sind, zahle ich gerne ein Honorar, falls Sie die Bücher wiederbeschaffen. Ich schreibe sie Ihnen auf.“

„Ja, wir werden sehen“, wich Jo aus, nahm aber den Zettel. Er fühlte sich unwohl. Zwei Klienten gleichzeitig, die sich gegenseitig sehr glaubhaft des Diebstahls beschuldigten, war doch ein bisschen viel, selbst für ihn.

Und dann hörte er den Professor, ganz nebenbei, wie zu sich selbst, sagen: „Vielleicht bringe ich ihn auch einfach um.“

Jo begann sich zu fragen, ob er es nicht vielleicht einfach – Akademiker hin, Akademiker her – mit zwei alten Opas zu tun hatten, denen nichts anderes mehr blieb, als der Hass aufeinander, verstärkt durch unverarbeitete Trauer. Aber das hörte sich nach zu viel Psychologie an, konnte also einfach nicht stimmen.

Beim Rausgehen wechselte er ein paar allgemeine Worte mit dem Pförtner, ohne ins Details zu gehen. Ob diesem was aufgefallen sei, ganz Allgemeines. Jo tat das eigentlich nur, um ihm seine Karte dazulassen.

EINE GROSSNICHTE

Am nächsten Vormittag bekam Jo einen Anruf, auf den er in irgendeiner Form gehofft hatte, als er dem Pförtner seine Karte gegeben hatte. Die Großnichte, Nadine, wollte ihn in einem Café treffen.

Eine Stunde später kam er in das verabredete Café, wo sie schon saß. Das Siezen hatte er sich schon am Telefon verbeten. Das gab ihm eine Seriosität, die er kaum buchstabieren konnte.

Sie kam schnell zur Sache, um ebenso schnell wieder abzubrechen:

„Also, ich hab die Bücher ...“

Jo wunderte sich.

„Dann gib sie zurück.“

„Ich hab sie nicht mehr. Sie sind... Jeweils zwei sind in den Särgen der Tanten.“

Nach einer Sekunde totaler Verblüffung, musste Jo lachen.

„Entschuldige, aber das ist nicht dein Ernst. In Wirklichkeit hast du sie verkauft, oder?“

„Doch, es stimmt. Ich kenne den Bestatter und habe ihm eingeredet, dass es der Wunsch der beiden gewesen wäre.“

Sie erzählte, dass das Ganze auf einen Scherz ihrer Tanten zurückging, die sich so was manchmal ausdachten, wenn auch nur untereinander aus Spaß. Denn so sehr sie ihre Männer geliebt und gerne mit ihnen gelebt hatten, so sehr hassten sie Sartre, also nicht den Menschen und Autor, auch wenn beide Camus vorzogen, aber das Forschungs- und Streitobjekt. Aber sicher hätten sie nicht gewollt, das man es in echt macht.

Sie machte eine Pause und schlürfte kurz aus ihrer Tasse mit einem dunklen Irgendwas.

„Ich war einfach so traurig, als sie gestorben sind. Und ich habe sehr viel Gras geraucht in der Zeit, zusammen mit meinem Freund. Unmengen. Um mich aufzuheitern. Aber dann hat es mich nur noch trauriger gemacht. Und meine Idee mit den Büchern fand ich in dem Zustand super gelungen.“

„Erzähl es den beiden Onkeln doch einfach. Dass muss man doch witzig finden.“

„Nein, witzig ganz bestimmt nicht. Die beiden sind auf ihre Art nett und umgänglich. Aber echte Sartre-Jünger lachen bei dem Thema nicht. Sie sind immerhin Sartre-Jünger fast der ersten Stunde. Zumindest der Nachkriegszeit. Und da sind sich beide so ähnlich. Man hat mir mal erzählt, was für eine Stimmung herrschte, als kurz vor Sartres Tod seine letzten Interviews im Nouvel Observateur erschienen. Gegen den Widerstand von Simone de Beauvoir. Da redet Sartre über jüdischen Messianismus. Zwar immer noch als Atheist, aber das war zu viel für die beiden. Eine ganze Zeit liefen sie mit Leichenbittermiene herum, als hätten sie ihr Leben verwirkt.“

Wieder einmal hatte sich ein Fall von Jo wie von selbst gelöst, war deshalb aber nicht weniger kompliziert. Aber eine Sache wunderte ihn.

„Die beiden scheinen sich fürchterlich ähnlich zu sein. Wieso hassen Sie sich so?“

„Ja, gerade deshalb. Sie hassen sich nicht, weil sie unterschiedliche Ideen haben, sondern weil sie fast dieselben haben. Und dann prügeln sie sich darum, wer sie zuerst gehabt hat. Auf einer Konferenz haben sie sich sogar wirklich mal geprügelt. Da waren die Frauen ja nicht dabei. Und selbst jetzt sind sie besessen von derselben Idee. Das Hauptproblem ist einfach, dass sie glauben wollen, dass es der jeweils andere war. Wenn ich es jetzt gestehe, würden sie glauben, ich opfere mich, um den Frieden wiederherzustellen.“

Jo seufzte. Menschen mit Ideen waren offensichtlich lebensgefährlich.

„Der Bestatter soll es bezeugen.“

Sie schüttelte überzeugend den Kopf.

„Sie würden es trotzdem nicht glauben. Nicht glauben wollen.“

Jo begann nervös zu werden. Vermutlich hatte sie ja recht mit allem. Aber man bewegte sich im Kreis. Und er hatte es gern übersichtlich.

„Wir können natürlich auch einfach abwarten und zugucken, wie sich die beiden alten Herren gegenseitig umbringen und Wetten darauf abschließen, ob einer übrigbleibt oder es beide erwischt“, schlug er vor und dachte seinen Unsinn dann doch lieber logisch zu Ende.

„Die Bücher müssen halt wieder her.“

Sie grübelte laut.

„Ja, müssen sie. Ich kenne auch ein paar Leute, die haben so was schon zu anderen Zwecken gemacht. Aber da waren sie minderjährig und es gab nur Jugendstrafen. Aber wenn ich mit ihnen rede.“

Sie schaute Jo erwartungsvoll an.

„Morgen Nacht vielleicht?“

Jo schauderte. Er sah eine Bande von blutverschmierten, teufelsanbetenden Gruftis vor sich, die seine Seele entführten.

„Oh nein, nein. Ohne mich!“

EIN FRIEDHOF

Jo stand alleine in der Dunkelheit. Der Nachthimmel war bewölkt und das machte es noch dunkler. Aber es hatte den Vorteil, dass er, versteckt hinter den Büschen, nicht gesehen werden konnte, während er die Straße beobachtete oder, genauer gesagt, das, was er von der Straße sehen konnte. In der Hand hielt er sein Handy mit Direktverbindung zu den Grabarbeitern. Auf diesen neutralen Ausdruck hatte er sich mit sich geeinigt.

Bei „Ohne mich!“ war es offensichtlich nicht geblieben. Wenn die Bücher wieder her sollten und man den Mitwisserkreis niedrig halten wollte, dann musste er mitmachen. Und immerhin, das Honorar am Ende war ja ordentlich. Und dann vermutlich doppelt. Und die Bücher, die er hatte lesen müssen, besonders diese Schufterei durfte nicht vergebens gewesen sein. Die toten Großtanten würden es hoffentlich mit Humor nehmen. Das alles geschah ja zum Besten ihrer hinterbliebenen Witwer. Und irgendwie hatte Jo ja immer den Ehrgeiz gehabt, seine Fälle ordentlich zu Ende zu bringen. Auch mit unordentlichen Methoden. Aber jedenfalls durfte er Wache schieben und so etwas Distanz wahren.

Eine Stunde zuvor hatte er sich noch künstlich fröhlich bei Lara abgemeldet.

„Ich hab dann mein nächtliches Rendezvous mit dem Tod.“

„Habt Spaß zusammen“, sagte Lara, die immer noch an der Buchhaltungsprüfung saß.

„Willst du mit?“

„Nein, sicher nicht. Wer soll dich denn Sonntags im Gefängnis besuchen, wenn sie euch erwischen? Ich werde auch jede Mitwisserschaft glaubwürdig abstreiten und dich dann entmündigen lassen.“

Und jetzt stand er hier, wobei man eigentlich kaum erkennen konnte, was „hier“ bedeutete. Um ihn herum war Dunkelheit und Stille. Weit vor ihm war der Haupteingang zum Friedhofsgelände, woher die größte Gefahr drohen konnte. Da war ein großes, hohes, verschlossenes Gitter mit einer Wiese davor, dahinter Bürgersteig und Straße.

Alles war so still in dieser kühlen, aber nicht kalten Winternacht. Es wehte kein Wind. Aber eigentlich müsste doch zwischendurch mal ein Rascheln oder so was von einem Tier zu hören sein. Aber alles war wie erstarrt und Jo passte sich an, bewegte sich nicht, während er hinausblickte, wo hin und wieder ein Auto vorbeifuhr. Aber das war nur ein Geräusch aus der Ferne und kratzte die dichte Stille nicht mal an, hinter der sich vermutlich unzählige Geister versteckten.

Plötzlich sah er ein flackerndes blaues Licht und vorne an der Straße blieb ein Polizeiauto stehen. Kurz danach kam noch eins. Die ganze Umgebung zitterte jetzt nervös und unwirklich blau.

Jo wurde es schwer im Magen und leicht im Darm. Er riss sich zusammen, konnte doch an diesem Ort keine haufige Spur hinterlassen.

Er sagte übers Handy Bescheid, dass sie sich auf alles Mögliche einstellen sollten. Aber er harrte tapfer hinter dem Busch aus. Auch als ein Polizist sich von den beiden Wagen löste und quer über die Wiese ging, Richtung Friedhofsmauer. Jo verkroch sich aber noch mehr, schob das Handy tief in seine Jackentasche, damit es nicht plötzlich verräterisch aufleuchtete. Dann pinkelte der Beamte in einer dunklen Ecke gegen die Mauer und ging dann zurück, ohne einen Blick in Jos Richtung geworfen zu haben. Die Autos blieben stehen. Was sollte das alles?

Aber allmählich begriff er die Aktivitäten da hinten. Da war eine Polizeikontrolle errichtet worden. Eine nächtliche, überraschende Polizeikontrolle. Alkohol und Verbandskasten und was sonst noch anfällt. Erleichtert setzte er sich, bis ihm erschreckt auffiel, dass er auf einem Grabstein saß. Dann gab er übers Handy vorläufig Entwarnung und starrte die nächsten zwei Stunden auf die Kontrolle. Und angesichts der Bedrohung da drüben freundete er sich mit der Dunkelheit an und atmete die Stille wie frische Luft. Der Friedhof verlor seine unheimliche Atmosphäre, die sowieso nur in seinem Kopf existiert hatte, weil er wollte, dass sie dort existierte. Leben und Tod erschienen ihm in dem Moment als dasselbe.

EIN EPILOG

Jo konnte also die Bücher zurückgeben, die übrigens kein bisschen unangenehm rochen. Nadine hatte sie gut verpackt zur Sargruhe gelegt. Nadines Freund half dabei, die Rückgaben so zu terminieren, dass Schweitzer außer Haus war, wenn Scharl seine Bücher bekam und umgekehrt. An den begleitenden Erklärungen war lange gezimmert und gemauert worden. Außer der Bestätigung des Diebstahls durch den jeweiligen Nachbarn, worauf es beiden Professoren ja am meisten ankam, war ein überzeugendes Lügengebäude wichtig, sodass keiner der beiden jemals den anderen darauf ansprach. Dafür wurde der Geistes- und Gemütszustandes des anderen jeweils bis zur eindringlichsten Darstellung zeitweiser Umnachtungen herabgesetzt, was nicht schwierig war, da sie sich ja sowieso gegenseitig für verrückt hielten. Eine sich ständig verschlimmernde Erinnerungsschwäche wurde besonders betont. Das alles wirkte so überzeugend, dass Jo es fast selbst glaubte. Nadine stützte das Lügenhaus vorsichtig bei ihren nächsten Großonkel-Besuchen und sorgte dafür, dass über das Thema nicht weiter geredet wurde. Das doppelte Honorar nahm Jo natürlich an. Es war ja nur um die Wiederbeschaffung der Bücher und nicht um nicht die volle Wahrheit gegangen. An sich hatte er das Gefühl, ein gutes Werk getan zu haben. Zwei Menschen waren zufrieden, weil sie sich in der schlechten Meinung über einen anderen bestätigt sehen durften. Das war vor sieben Monaten gewesen. Später erfuhr er, dass das alles gewissermaßen etwas Prophetisches gehabt hatte, denn ziemlich schnell nach der Rückgabe der Bücher begannen die beiden tatsächlich, geistig abzubauen und aufzuhören, sich für ihre Fächer und ihre Ideen zu interessieren. An akademischen Debatten nahmen sie nicht mal mehr passiv teil. Sartre verschwand fast völlig aus ihrem geistigen Blickfeld. Sie wurden im Alltag vergesslich und dachten beide nur noch an ihre toten Frauen, die sie immer öfter für lebendig hielten. Sie redeten sogar mit ihnen wie mit körperlich Anwesenden. Und damit verschwand auch langsam die Feindschaft und sie unterhielten sich, als wäre nie etwas gewesen, wenn sie sich im Treppenhaus begegneten. Und sie setzten sich schließlich sogar zusammen, und dann sah es aus wie ein Kaffeekränzchen zu viert, bei dem zwei Personen unsichtbar sind. Und während ich die Geschichte zu Ende korrigiere, erfahre ich, dass Professor Scharl und Professor Schweitzer im letzten Monat an natürlichen Todesursachen gestorben sind. Im Abstand von zwei Wochen.