BLOG: Die Bücher meiner Vergangenheit

Mi

13

Dez

2017

Valentine Davies / "Das Wunder von Manhattan"

Adventsbeleuchtung -- Weihnachtsmann mit Rentierschlitten (EpsilonEridani)
Adventsbeleuchtung -- Weihnachtsmann mit Rentierschlitten (EpsilonEridani)

Es geschah an dem Tag, an dem Sommer gewesen war. Am einzigen wirklich heißen Tag des ganzen Jahres schaute ich mir zwei meiner Lieblingsweihnachtsfilme an. Zu oft waren sie in den letzten Jahren liegen geblieben. Diesmal wollte ich rechtzeitig sein. Und auch wenn ich mir dauernd den Schweiß aus dem Gesicht wischen musste, saß ich, wie seit Tagen geplant, vor dem Fernseher. Wobei der dänische Film „Fra den gamle Købmandsgaard“ von 1951, zu Deutsch „Aus dem alten Kaufmannshof“, ja eigentlich ganz wunderbar in den Sommer passt, denn Weihnachten ist in diesem Film nur der krönende Abschluss. Dass er trotzdem eine der schönsten Weihnachtsfilme überhaupt ist, liegt daran, dass Annelise Reenberg, Kamerafrau und Regisseurin des Films, in diesen letzten etwa 20 Minuten die Essenz, ja die Apotheose der klassischen dänischen Weihnacht, oder wie man sie sich idealerweise erträumt, abliefert. Das ist von echter poetischer Schwarzweiß-Schönheit. Träumen passt übrigens gut, denn mit einem Traum von Weihnachten eines jungen, von Hans Kurt gespielten Studenten, beginnt „Nøddebo Præstegaard“, den ich mir gleich danach ansah und der so anfängt, wie der andere aufhört: Mit Weihnachtswichteln, die im Glockenturm des Dorfes herumklettern. Ich meine übrigens die Verfilmung von 1934, mit Johannes Meyer als Landpastor auf dem „Pfarrhof Nussheim“, wie in etwa der deutsche Titel wäre, und als Vater von zwei Töchtern, die sich mit den beiden älteren der drei studierenden Brüder, die aus der Stadt zu Besuch sind, verloben. Und am Ende, in der Kutsche auf dem Heimweg nach Kopenhagen, schläft Hans Kurt wieder ein. Vermutlich träumt er vom nächsten Weihnachten. Oder von der Verlobten, die er noch nicht hat, aber so gerne hätte. Oder von dem Wilddieb, den er entlarvt hat. Oder von dem armen Rassehahn des Pastors, den er aus Versehen umgebracht hat. 1974 entstand übrigens eine Neuverfilmung der Buchvorlage von Henrik Scharling mit Poul Bundgaard als Pastor.

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Do

16

Nov

2017

Elvis-Bücher

Elvis Presley trifft Richard Nixon (White House photograph by Ollie Atkins)
Elvis Presley trifft Richard Nixon (White House photograph by Ollie Atkins)

Ich weiß nicht ... Ich weiß nicht … Ich starre auf die beiden Cover der beiden Bücher links neben mir auf dem Tisch und kann mich nicht erinnern, welches der beiden mein allererstes Elvis-Buch war. „Elvis Presley Superstar“ von Lothar F.W. Grust und Jeremias Pommer, 1977 erschienen bei Bastei Lübbe für 5,80 DM? In der ausführlichen Filmografie hinten stehen die Nummern meiner VHS-Cassetten, wo der jeweilige Film drauf ist – Jailhouse Rock 27 – Kid Galahad 1 ... Oder war es „Elvis Presley“ von Mike E. Rodger, erschienen 1978 bei rororo Rotfuchs für 6,80 DM – zweite Auflage 1981? Vielleicht weiß ich es nicht, weil sich sowieso meine früheste Erinnerung an ein Elvis-Buch auf einen großformatigen Paperback-Bildband bezieht, der im Wohnzimmer im Regal stand. Groß, quadratisch, Elvis in roter Jacke, goldener Rand, mit der Zeit immer etwas zerlesener und zerblätterter. Das Buch existiert auch noch, wie ich telefonisch sichergestellt habe. Dabei habe ich es erst bei mir gesucht, da ich dachte, ich hätte es besitzergreifend an mich gerissen. Eine schöne Bildersammlung war für mich damals auch das Heft „Elvis lebt!“, in der Reihe „Aktuelle Dokumentation 5“ für 7,80€ – gekauft im Supermarkt in Böklund. Für etwa dieselbe Summe bekommt man es übrigens antiquarisch, nur halt jetzt in Euro. Ein Buch allerdings habe ich nur gekauft, aber nie gelesen: „Elvis. Sein Roman“ von Robert Graham und Keith Batty von 1984, Fischer Verlag, 9,80 DM. Ich hatte leider zu spät festgestellt, dass die Autoren versuchen, den Südstaaten-Slang phonetisch wiederzugeben. Ob das auf Englisch funktioniert, weiß ich nicht, aber auf Deutsch ist das grässlich: „Wasn füane Farbe denn?“, sagt Elvis, nur als kurzes Beispiel, beim Friseur, als es ums Haarfärben geht.

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Sa

12

Aug

2017

H.C. Branner / "Ein Dutzend Menschen"

„Spielzeug. Ein Roman über ein Geschäft“ - dänisch "Legetøj. En Roman om en forretning" - müsste eigentlich der deutsche Titel dieses 1936 erschienenen Buches des dänischen Autors H.C. Branner (1903-1966) sein. "Ein Dutzend Menschen" ist zwar unkorrekt, klingt dafür aber irgendwie   humanistisch, was zu der Zeit wohl gebraucht wurde. Gleich nach dem Krieg hat man es übersetzt, schließlich ist es ein Buch mit Deutschlandbezug. Die Hauptfigur heißt nicht zufällig Herman Kejser, eingedänischt vom ursprünglichen Namen Kaiser. Dennoch führt der kurze Satz auf dem Buchdeckel meines Taschenbuchs von 1993 vom Gyldendal-Verlag etwas in die Irre: „Ein unheimliches und präzises Bild der Gesellschaft, die zum Nazismus führte.“ Das ist nicht falsch, aber Branner macht mehr. Die kleine Kopenhagener Firma im Zentrum der Geschichte, dieser Staat im Staate, ist eben keine einfache Allegorie des großen Nazi-Nachbarn im Süden. Branner nimmt vielmehr dessen ganz allgemeine geistigen Strukturen und entdeckt sie ganz konkret in einem kleinen, netten Großvertrieb von Spielzeug von nur 20 Mitarbeitern im gemütlichen Dänemark. Es ist also kein Sinnbild, das auf etwas Fremdes und Fernes verweist; es ist vielmehr die Wirklichkeit vor der eigenen Haustür. Bei Branner ist jeder Mensch ein Mini-Staat im Krieg mit den anderen um Macht, Geld, Einfluss. Und Nazismusartiges kann sich überall entwickeln, bei der Arbeit, in der Familie. Denn es geht hier überhaupt nicht um bestimmte politische Richtungen und Ideologien. Das ist austauschbar. Es geht vielmehr ganz abstrakt um Angst, Machthunger und Terror des Mächtigen, etwas, das kein Kampf gegen Rechtsextremismus oder Kapitalismus aus der Welt verschwinden lässt. Einmal im Buch wird der sadistische Machthungrige des Buches mit einem ostländischen Despoten verglichen, was dann mehr an Stalin als an Hitler denken lässt. Es geht Branner um menschliche Verhaltensweisen und ihre Ursachen. Das Ganze ist psychologisch, ohne dass ein theoretisches Lehrbuch dahintersteckt. Der Roman hat Tempo, die Figuren sind mehr als Ideenträger – sie leben. Ein Roman zwischen Alltäglichkeit, Tragik und Ironie.

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Di

02

Mai

2017

Satyajit Ray / "Classic Feluda"

Park Street Cemetery, Kalkutta (Grentidez)
Park Street Cemetery, Kalkutta (Grentidez)

Feluda ist der berühmteste indische Privatermittler und stammt aus dem Bundesstaat West-Bengalen. Seit seinem ersten Fall im Jahre 1965, in der Geschichte „Gefahr in Darjeeling“, hat er sich zu einer bengalischen Ikone entwickelt. In den letzten zwanzig Jahren entstand durch Fernsehserien und vor allem regelmäßige Spielfilme ein erfolgreiches Franchise, dem selbst die bengalische Filmkrise nichts anhaben kann. Als vor einiger Zeit in Kalkutta eine Retrospektive mit sieben Feluda-Filmen stattfand, war der Andrang riesengroß. Bei uns konnte er sich mit nur einer Übersetzung vor knapp 20 Jahren aber nie durchsetzen. Vielleicht wäre es mal an der Zeit für einen neuen Anlauf für Bengalens Kultfigur.

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Mi

22

Feb

2017

Ian Christie, Julian Graffy / "Protazanov and the Continuity of Russian Cinema"

 Portrait of Russian and Soviet film director of silent films - Yakov Aleksandrovich Protazanov.
Portrait of Russian and Soviet film director of silent films - Yakov Aleksandrovich Protazanov.

Ein ganz kleiner, rein sachlicher und informativer Blogbeitrag mit einem dünnen Buch im Mittelpunkt sollte das hier eigentlich bloß werden. Der von Ian Christie und Julian Graffy herausgegebene Retrospektivenkatalog „Protazanov and the Continuity of Russian Cinema“ von 1993 hat bloß 84 Seiten. Es handelt von dem russischen Filmregisseur Yakov Protazanov (Яков Протазанов), der es geschafft hat, im Zarismus, während der Revolutionszeit, danach eine Zeitlang in Frankreich und Deutschland und schließlich, bis zu seinem Tod Mitte der 40er, unter Stalin höchst erfolgreich gewesen zu sein und gute, erinnerungswürdige und außergewöhnlichen Filme zu drehen. Unter den 19 Titeln, die ich jetzt kenne, war nicht ein qualitativer Ausfall und auch keinerlei unangenehme Propaganda. Nicht nur den Wechsel von Machthabern und Ländern, aber auch den vom Stummfilm zum Tonfilm überstand er künstlerisch problemlos. Das Büchlein enthält eine kurze Biographie, Texte von einigen Filmhistorikern zu bestimmten Themen, Äußerungen von Protazanov, eine Sammlung von Zitaten von Zeitgenossen und schließlich eine 17-seitige Filmographie, die wirklich sehr hilfreich ist. Außerdem sollte es in dem Blog eigentlich bloß um vier Protazanov-Filme gehen, die 2006 vom französischen DVD-Vertrieb „Bach Films“ herausgeben wurden und durch die ich ihn kennenlernte. Das sollte alles sein. Dann wuchs alles immer mehr an, bis zu den erwähnten 19 Filmtiteln. Aber sachlich und informativ soll es hier trotzdem zugehen. Daher werde ich hemmungslos Film- Buch- und Aufsatztitel aufzählen, sodass das Ganze vielleicht nicht so flüssig zu lesen ist, aber dafür als Bedienungsanleitung für den Zugang zu diesem bemerkenswerten Regisseur benutzt werden kann, dessen Werk noch beeindruckender ist, wenn man es erst einmal in seiner Vielfalt und Verschiedenheit begriffen hat. Die Namen gibt es mehr oder weniger in der deutschen Umschrift - Jakow Protasanow müsste es ja heißen - aber ich habe hier wegen des Buches die englische Schreibweise beibehalten. Die Filmtitel gibt es auf Englisch und Russisch. Beides kann man bei der YouTube-Suche gebrauchen, denn jeden dieser Filme findet man dort. Mit Glück sogar mit englischen Untertiteln. Ein paar Stummfilme allerdings dehnten sich für mich zu mittleren Fernsehserien aus, da ich mit Wörterbuch die Zwischentitel übersetzen musste. Gerechte Strafe, wenn man nicht brav immer genug Vokabeln gelernt hat. Wegen des unsicheren Verfallsdatums von Links habe ich erst gar keine gesetzt. Das mache ich zwar sowieso nie, aber diesmal hatte ich zumindest kurz darüber nachgedacht.

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So

11

Dez

2016

C.H. Guenter / "Kommissar X - Drei gelbe Katzen"

By Petitpoid (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
By Petitpoid (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Als ich aus dem strahlenden Kinolicht ans trübe Tageslichtdunkel trat, hatte ich nur zwei Dinge im Kopf: Jean-Pierre Léaud und meine Papiertaschentücher. Endlich konnte ich hemmungslos losschnauben. Mit dickem, schniefendem Kopf schleppte ich mich – zwischendurch düster, aber einigermaßen erleichtert trötend – schweren Schrittes die Straße entlang. Warum setzt man sich zwei Mal am Wochenende, Samstag und Sonntag vormittags, erst sieben und dann acht Stunden in einen Kinositz und guckt mit ein paar kurzen Pausen einen Endlos-Film in acht Teilen, während der Körper lieber bloß unentwegt niesen und tief schlafen möchte? Am liebsten sogar beides gleichzeitig. Doch man schläft nicht und man niest nicht – das kriegt man hin mit eiserner Disziplin und einiger Gewohnheit. Dass man dabei innerlich bis zur Blödheit verschleimt, nimmt man in Kauf. Warum also? Für den wunderbaren Jacques Rivette? Weil man „Out One“ vielleicht nie wieder im Kino sehen wird? Weil es kostenlos war? Weil man nicht anders kann. Und warum auch immer es Leute gibt, die so etwas nicht tun würden. Alle haben immer so viel Angst um ihre Gesundheit. Sterben kann ich, wenn ich tot bin.

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Sa

10

Sep

2016

Sadegh Hedayat, "Karawane Islam. Die islamische Mission in Europa. Eine Satire"

oder

 

Wie ich nicht über Hedayats "Karawane Islam"

schrieb

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Sa

02

Jul

2016

DDR light: Ann-Kristin Wallengren, „Vällkommen hem Mr Swansson“

von Udo from Berlin, Deutschland (nur die Diktatur braucht Zensur) [CC BY 2.0 (http: //creativecommons.org/ licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
von Udo from Berlin, Deutschland (nur die Diktatur braucht Zensur) [CC BY 2.0 (http: //creativecommons.org/ licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Jetzt wird meine wissenschaftliche Rezension zu Wallengrens Buch also doch nicht veröffentlicht. Dabei sollte ich zufrieden sein. Erstens muss ich nicht bereuen, was ich in meinem Blog-Beitrag über Charles Bukowskis „Hollywood“ über so manche Zustände an der deutschen Uni geschrieben habe. Zweitens habe ich für einen ganz, ganz kurzen Augenblick zu spüren gekriegt, wie man sich in der DDR gefühlt hat, einem Staat, der Meinungsfreiheit und Demokratie als lachhafte Farce gespielt hat. Wie dem auch sei, es begann damit, dass ich gebeten wurde, aus der ersten Version meiner Rezension zu Wallenbergs Buch den polemischen Ton herauszunehmen. Ich strich alle ironischen Ausdrücke und entdeckte zu meiner diebischen Freude, dass die Rezension in ihrer sachlichen Form jetzt viel präziser und treffender war. Ironie hat ja doch immer etwas Versöhnliches. Das entdeckte man wohl auch bei den Oberzensoren. Also bekam ich zur Korrektur unkommentiert eine zur Veröffentlichung bestimmte Version zurück, die in kleinen Details, kleinen Nebensätzen, aber vor allem in ihrem von mir sehr durchdachten Aufbau verändert war und wo der letzte Absatz gestrichen war. Das Ergebnis: Die meisten meiner Worte waren zwar da, aber der Tonfall war jetzt trotz allem richtiggehend nett. Die neue Version gab nicht mehr adäquat mein Leseerlebnis wieder. Und das hat dieses in seinem Wesen grässliche Buch nicht verdient. Was sollte ich denn da korrigieren? Trotzig die vorherige Version einschicken? Diskutieren? Absurd. Wir sind ja noch nicht ganz in der DDR. Wallenbergs Buch ist Ausdruck des Denkens einer längst zombiehaft gewordenen Linken, die mit dem, was ich mal unter "links" verstanden habe, nichts mehr zu tun hat. Das Lustige ist, dass es mir bei der Rezension gar nicht um eine politische Positionierung ging. Es ist einfach der Kommentar zu einem Buch, in dem Ideologie sich verselbstständigt hat und nur noch als Machtmittel der Dummen verwendet wird. Hätte ich auf die Art ein geist- und gedankenlos geschriebenes, rechtes, konservatives Buch angegriffen, glaube ich nicht, dass man sich derart rührendst um den Schutz der Autorin gekümmert hätte.

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Sa

19

Mär

2016

Herman Bang / "Tine"

Frederik Visby: Bewohner von Sonderburg auf der Flucht während des Bombardements
Frederik Visby: Bewohner von Sonderburg auf der Flucht während des Bombardements

Lieblingsautoren kommen und gehen, wechseln – zumindest bei mir – mit Alter und Lebenslage, manchmal sogar ganz banal mit wechselnden Stimmungen. Oder es ist einfach der, den man gerade liest. Aber es gibt wenige, die ich nicht nur gerne lese, sondern auch so praktisch bewundere wie Herman Bang. Nicht dass er nicht auch Heiteres wie „Sommerfreuden“ (1902) verfasst hätte, aber niemand hat über düstere Themen wie Verfall, Untergang und die Zerstörung von Harmonie so intensiv und gleichzeitig temporeich geschrieben. Das Miterleben, die Gefühle werden vor allem im Kopf des Lesers erzeugt – einfach durch die Dialoge, den Gang der Handlung, also durch das, was die Figuren tun und sagen, nicht so sehr durch ausuferndes Eintauchen in ihr Seelenleben. In wie vielen Büchern wird uns nicht ausführlich mitgeteilt, was die Menschen fühlen, ohne dass diese Emotionen auf den Leser überspringen. Wird erzählt, dass eine Person traurig ist, dann beobachtet man sie oft nur beim Traurigsein. Es ist dann unser empathischer Verstand, der uns befiehlt, Mitleid zu empfinden. Bang hingegen nimmt den Leser mit, weil er alles im Hinblick auf diesen und die Wirkung auf ihn geschrieben hat. Auch Bang gönnt sich natürlich Blicke in das Innere seiner Figuren, berichtet von ihren Emotionen, aber er bohrt nie zu tief, wird nie zu ausführlich. Dabei hält er immer die Waage zwischen Distanz, die oft von einer leichten Ironie durchzogen ist, und Mitgefühl. Er legt sich weder genüsslich in morbide Stimmungen hinein, noch bleibt er mitleidlos und rein beobachtend.

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So

06

Mär

2016

Männer lesen TOBY GIN

Tribune Building Chicago, von Enrique Lamarca (taken by author) [Public domain], via Wikimedia Commons
Tribune Building Chicago, von Enrique Lamarca (taken by author) [Public domain], via Wikimedia Commons

Ich saß aufrecht und mit großen erstaunten Augen im Bett. Vor einer Sekunde hatte ich noch geschlafen. Jetzt war alles anders. Das Weltbild, das ich noch vor ein paar Stunden gehabt hatte, war erschüttert. Wie naiv ich gewesen war! Ich hatte tatsächlich immer gedacht, Toby Gin gäbe es gar nicht in Wirklichkeit. Ich hatte allen Ernstes idiotischerweise angenommen, der Romanheftheld und Kriminalreporter der Chicago News – im Heft mit „k“ – wäre eine Erfindung eines Mitarbeiters des Kelter-Verlages, der einen oder verschiedene Autoren daran hätte schreiben lassen. Jetzt aber war mir in der Nacht verkündet worden, dass es Toby Gin wirklich gab. Ich sollte ihn in Chikago treffen. Ja, tatsächlich, das hatte mir ein Mann, der vor altertümlichen, laufenden und laut ratternden Druckerpressen gestanden hatte, in kurzem Telegrammstil erzählt. Es waren im Grunde nur Stichworte gewesen, die mein träumendes Bewusstsein aber zusammengesetzt hatte. Der Mann hatte nicht einmal direkt gesagt, ob er selbst Toby Gin sei, aber ich wusste es einfach. Und nach und nach wurde mir einiges klar: Deshalb hatte ich über Toby Gin nie etwas herausfinden können, so wie bei Kommissar X oder Jerry Cotton, wo inzwischen viele Autoren bekannt sind. Toby Gin hingegen war immer ein Geheimnis, ein unauflösbares Mysterium geblieben. Aber auch die manchmal nicht so perfekte Sprache erklärte sich auf diese Weise. Das waren natürlich alles schluderige Übersetzungsfehler aus dem Amerikanischen. Aber wieso war Toby Gin nicht gealtert? Und wieso hat es in den Staaten nie eine Chikago News gegeben? Ich würde es schon herausfinden. Kommt Zeit, kommen Rat und noch mehr blöde Sprüche.

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Do

04

Feb

2016

André Bazin / "Le cinéma de la cruauté"

 Bibliothèque de cinéma François-Truffaut, Forum des Halles, Paris - entrée von Hadonos (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
Bibliothèque de cinéma François-Truffaut, Forum des Halles, Paris - entrée von Hadonos (Eigenes Werk) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

„Das Kino der Grausamkeit“ von André Bazin (1918-1958) handelt nicht von Horrorfilmen, es ist ein kleines, von Truffaut zusammengestelltes Buch von 1975 mit Texten seines Ziehvaters zu sechs Regisseuren: Erich von Stroheim, Carl Theodor Dreyer, Preston Sturges, Luis Buñuel, Alfred Hitchcock, Akira Kurosawa. Sechs Regisseure, die auch heute noch unverzichtbar sind. Gemeinsam haben sie, nach Truffaut, dass sie subversiv und gleichzeitig moralistisch sind und dass das Thema der Grausamkeit eine Rolle spielt. Man könnte das Pferd auch von hinten aufzäumen und feststellen, dass es sich um das Gegenteil eines eher sentimentalen, romantischen Kinos handelt. Zu einer entgegengesetzten Reihe kann man Regisseure wie Griffith, Borzage, Capra, Fernandez, Ford und Ozu zählen. Was nicht heißt, dass es hier nicht auch um Gewalt gehen kann. In den Filmen von Emilio Fernandez geschehen wirklich grausame Dinge, aber dennoch sorgt allein die Ästhetik dafür, dass man das Gefühl bekommt, dass der Riss durch die Welt immer wieder geheilt werden kann. Dafür sorgen inhaltlich und ideologisch dann der grundsätzliche Glaube an die Gemeinschaft – an Familie oder Nation – und der an Liebe und Gott. Bei den oben genannten Regisseuren hingegen wird genau all dies einer oft schonungslosen Analyse unterzogen. Es ist ein eher pessimistisches Kino. Und man könnte auch noch einen gewissen Sadismus hinzufügen, der sich manchmal mit einem beißenden Humor verbindet.

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So

20

Dez

2015

C.H. Guenter / "Die Noris-Banditen" + "Mister Dynamit"

Nürnberg, Towers of St. Sebald and the Castle as seen from St. Lorenz, from south, 2004-09-24. CC. Wikimedia (Keichwa)
Nürnberg, Towers of St. Sebald and the Castle as seen from St. Lorenz, from south, 2004-09-24. CC. Wikimedia (Keichwa)

Der Mann, der Kommissar X erfunden hat – und Mister Dynamit: C.H. Guenter! Von 1959-1964 schrieb er mit an Kommissar X und danach bis 1992 Mister Dynamit. Jeden Monat ein Taschenbuch über den BND-Spitzenagenten Bob Urban, der immer mal wieder im Alleingang die Welt ein bisschen weniger unsicher machte. Also eigentlich ist Guenter – bürgerlich Karl-Heinz Günther – eine Legende des Kriminal- und Spionageromans und der deutschen Populärkultur. In den USA wäre er vermutlich bekannter und schon zu Lebzeiten gefeiert worden. Aber so, als Deutscher, ist er ein relativ anonymer Autor geblieben, sieht man einmal von dem gepflegten Foto auf der Rückseite von jedem Mister Dynamit ab. Kaum Interviews und Auftritte in der Öffentlichkeit. Und so ist es umso verdienstvoller, dass C.H. Guenter in den Jahren vor seinem Tod doch noch eine gewisse Ehrung erfuhr. Erst einmal gab es 1999 anlässlich von 40 Jahren Kommissar X eine Jubiläumsbuchausgabe des 1966 auch verfilmten Heftromans „Drei gelbe Katzen“, außerdem erschienen einige unveröffentlichte Mister-Dynamit-Romane. Beim Blitz-Verlag gab es dann kurz nach Guenters Tod 2005 mit „Die Noris-Banditen“ noch etwas Außergewöhnliches, einen autobiographisch inspirierten Roman, der gleichzeitig einen Überblick über Guenters Schaffen vermittelt. Eingeschoben sind drei Romane: eine historische Liebesgeschichte, eine Landser-Story und ein Mister-Dynamit-Roman, wobei der Held hier umgetauft wurde. Aus Urban wurde „Remarc“, was rückwärts gelesen Cramer heißt. Und das ist der Name des Titelhelden von „Die Noris-Banditen“. Aber eigentlich dürfte „Remarc“ ja von „Remarque“ inspiriert sein, dem deutschen Autor mit französischen Wurzeln. Wie bei Guenter, dessen Mutter Französin war.

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Mi

09

Dez

2015

"Butler Parker" – Fernsehserie von Günter Dönges

von Jimmy Barrett (Black London Cab  Uploaded by Yarl) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons
von Jimmy Barrett (Black London Cab Uploaded by Yarl) [CC BY-SA 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0)], via Wikimedia Commons

Jawohl, bei einer Fernsehserie handelt es sich keineswegs um ein Buch. Auch nicht bei „Butler Parker“ mit Dirk Dautzenberg in der Hauptrolle. Ich bin mir dessen wohl bewusst. Wenn allerdings die Drehbücher der Verfilmung einer Romanheftserie von deren Erfinder und Autor selbst geschrieben wurden, dann ist das eine interessante Sache und durchaus ein Fall für diesen Blog. Wobei ich zu meinem größten Bedauern gestehen muss, dass das keine Serie meiner Vergangenheit ist. Bis vor kurzem hatte ich nicht einmal Kenntnis von der Existenz dieser Produktion des SWF von Anfang der 70er. Vom 4.Juli 1972 bis 16.Januar 1973 wurden in der ARD die 26 Folgen ausgestrahlt. Jede Episode hat eine überschaubare Länge von etwa 25min. Aber die Fälle, die Butler Parker bearbeitet, sind auch in den Heften meist nicht sehr komplex. Es geht eher um das Wie, um die einzelnen Situationen. Für die Serie wurde sogar das Pseudonym des Butler-Parker-Autors gelüftet. In den Heften erschienen damals große verlagseigene Anzeigen, die stolz das anstehende Fernseh-Ereignis verkündeten und bekanntgaben, dass sich hinter dem bisher genutzten Namen John D. Acton der Verfasser Günter Dönges verberge, der auch schon für andere andere TV-Serien gearbeitet habe. Erfahrung hatte er also in der Arbeit für die Mattscheibe, daher hielt der Sender das Projekt wohl zu Recht für eine gute Idee. Aber es ist auch kaum vorstellbar, dass jemand anders dies auf passende Weise hingekriegt hätte.

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Fr

04

Dez

2015

Sacha Guitry / "Roman eines Schwindlers"

"Roulette casino" By Oniff (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons
"Roulette casino" By Oniff (Own work) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)], via Wikimedia Commons

„Roman eines Schwindlers“ („Mémoires d'un tricheur“, 1935) von Sacha Guitry beginnt mit einer echten Familientragödie. Ein kleiner Junge verliert alle seine Angehörigen: 11 Tote und ein Überlebender also. Er weiß gar nicht, wie man um so viele Menschen trauern soll. Und nur, weil er aus der Kasse des elterlichen Ladens ein bisschen Kleingeld gestohlen hatte, durfte er nicht von dem leckeren, aber leider tödlich giftigen Pilzgericht essen, dessen vermeintliche Champignon-Zutaten der stumme Onkel gesammelt hatte. Trotz ärztlicher Bemühungen verenden nach und nach alle qualvoll, der stumme Onkel sogar schreiend. Seltsamerweise scheint dies aber das Dorf doch irgendwie zu beleben. Der kleine Junge hat den Eindruck, dass die Bewohner das Gefühl bekämen, jetzt „mehr Luft zum Atmen“ zu haben. Und er macht sich so seine eigenen Gedanken „über Gerechtigkeit und über Diebstahl“. Denn er ist „am Leben, weil er gestohlen hat“ und die anderen sind „tot, weil sie ehrlich waren“. Das ist die erste, etwas verwirrende Lektion fürs Leben in diesem kleinen, schnell und leicht zu lesenden Buch, das auch den alternativen deutschen Titel „Tagebuch eines Schwindlers“ hat. Guitrys eigenhändige Verfilmung von 1936 hingegen heißt ebenfalls „Roman eines Schwindlers“, was den Originalfilmtitel „Le Roman d'un tricheur“ adäquat wiedergibt.

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So

22

Nov

2015

Butler Parker

Das Erste, was mir aufgefallen war, war ein Regenschirm, der sich seltsamerweise nicht im Flur befand, sondern griffbereit über der Rückenlehne des Stuhls mir gegenüber hing. Dort saß auch in einem gelungenen Balanceakt ein altmodischer Hut, eine Melone. Zwischen mir und dieser gepolsterten Sitzgelegenheit befand sich ein reich gedeckter Frühstückstisch, über den ich ganz alleine verfügen durfte, denn ich saß da ganz einsam. Zur Betrübnis eines sich ständig in meiner Nähe befindlichen Butlers verschmähte ich das meiste, was dort zu finden war, aber er verzog keine Miene angesichts meiner Sonderwünsche wie einer asiatischen Suppe oder grünem Tee statt dem bei ihm üblichen schwarzen. Nur als ich nach dem Truthahnsalamibrot ein alkoholfreies Bier wollte, da kam selbst der Butler für einen Moment ins Stocken. Er beugte sich leicht zu mir herunter, als würden wir belauscht und niemand sollte seine Worte hören.

„Wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, dann könnte man Sie trotz des fehlenden Alkohols mit so einer Frühstücksgewohnheit für einen Trinker halten.“

Mein noch etwas müdes Gesicht hellte sich auf. Das Leuchten wurde von den weißen Wänden reflektiert und löste ein kurzes Lichtblitzen aus.

„Meinen Sie wirklich? Ach, wie schön wäre das, wenn mein Ruf darunter leiden würde, aber ich fürchte, man wird mich trotzdem für unrettbar ernst und seriös halten.“

Der Butler gab es auf und stand schon wieder ganz gerade, wie es seine Gewohnheit war: 

„Das alkoholfreie Bier wird sich gleich vor Ihnen auf dem Tisch befinden.“

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Sa

07

Nov

2015

Charles Bukowski / "Hollywood"

Charles Bukowski, portrait by italian artist Graziano Origa, pen&ink+pantone, 2008 [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons
Charles Bukowski, portrait by italian artist Graziano Origa, pen&ink+pantone, 2008 [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

Charles Bukowski war ein Philosoph, allerdings einer von der illusionslosen Sorte, deshalb muss er auch nicht viele Worte verlieren und hat keine Werkausgabe bei Suhrkamp. Die Welt ist halt, wie sie ist, und da kann man seiner Meinung nach nicht so schnell was dran ändern. Zur Rassenproblematik: „Schwarze, die nichts hatten, haßten. Und Weiße auch. Nur wenn sie zu Geld kamen, hielten sie es miteinander aus.“ (S.100) Zur Klassenfrage: „In einer kapitalistischen Gesellschaft machten die Verlierer die Sklavenarbeit für die Gewinner, und gebraucht wurden mehr Verlierer als Gewinner.“ (S.101) Das Einzige, was einem da hilft, ist das Trinken. Und das Schreiben. Und der Autor sitzt immer „als Beobachter am Rande des Geschehens“ (S.191). Da, wo er nach Bukowskis Meinung hingehört. Es gibt wenig Schriftsteller, bei denen der Wahnsinn der menschlichen Existenz so entspannt und heiter beschrieben wird. Einfühlsamer und mitfühlender als bei so vielen der sozialrealistischen, weltverbesserischen Autoren, die ja allzu oft doch nur ihr eigenes ideologisches Süppchen kochen oder auf dem Rücken der Welt ihre psychischen Probleme ausleben. Ich erinnere mich an die Dichter-Doku „Poetry in Motion“ (1982), die mal im Kommunalen Kino in Kiel lief. Da waren beispielsweise die ganzen Beatnik-Dichter, die irgendwas redeten, was ich sofort wieder vergaß, und dann war da Bukowski mit seiner angetrunkenen Bodenständigkeit. Er war der einzige Normale unter einem Haufen von Wichtigtuern. Er war der, der er war. Die anderen spielten bloß eine Rolle.

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Mo

26

Okt

2015

Luc Moullet / "Politique des Acteurs"

"Luc Moullet in der Cinématheque Francaise am 28.12.2009" von alainalele [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
"Luc Moullet in der Cinématheque Francaise am 28.12.2009" von alainalele [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Nach der kräftigen und angenehm auffrischenden Dosis „Politique des Auteurs“ mit Truffauts Lieblingslebensfilmen, war es endlich Zeit für ein Buch, das mir gleich aufgefallen war, als es damals herauskam, und an das ich durch die Anzeigen in den „Cahiers du Cinéma“ in all den Jahren immer wieder erinnert wurde. In der Reihe „Collections Essais“ erschien Ende 1993 „Politique des Acteurs“ von Luc Moullet. Der Untertitel lautet: „Gary Cooper. John Wayne. Cary Grant. James Stewart“. Leider wurde es nie ins Deutsche oder Englische übersetzt. Es ist eine Art erholsames und beruhigendes Gegengift für all die, die sich – wie ich – voll Freude in der Autorentheorie verstiegen haben und wie Besessene nach Gemeinsamkeiten im Werk der kultisch verehrten Regiemeister suchen. „Politique des Acteurs“ von Luc Moullet ist also eine Art „mea culpa“ eines derjenigen, die mit den „Cahiers“ verbunden und daran beteiligt waren, die frohe Kunde der „Politique des Auteurs“ in der Welt zu verbreiten. Und dabei wurden so gerne die Schauspieler vergessen, als wären es nur Puppen, die man nach Anweisungen durchs Bild wandern und agieren lässt. In Truffauts Buch gibt es nur zwei echte Schauspieler-Porträts: Humphrey Bogart und James Dean. Und das sind Nachrufe, also durch tagesaktuelle Notwendigkeit entstanden.

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Fr

16

Okt

2015

Kommissar X

von nakhon100 (Mercedes-Benz 450 SEL 6.9) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons
von nakhon100 (Mercedes-Benz 450 SEL 6.9) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)], via Wikimedia Commons

Er wachte schweißgebadet in seinem Bett auf und wusste einen Moment nicht, wo er war. Gerade war er noch in der Tiefgarage auf den Beifahrersitz des silbergrauen Mercedes 450 SEL geklettert, und Jo Walker, alias Kommissar X, hatte sich sofort an der ersten Ampel eine Pall Mall angezündet. Die hübsche Sekretärin April Bondy hatte gleichzeitig über das Autotelefon angerufen. Tom Rowland hatte sie beide eigentlich im Polizeihauptquartier erwartet. Nun hatte ihn die grausame Wirklichkeit wieder. Er seufzte und starrte an die Decke, wo er die sich bewegenden Schatten der im kalten Wind zitternden Bäume vor dem Haus sehen konnte. So lange war er abstinent geblieben, aber plötzlich hatte ihn die Neugier übermannt. Und jetzt war es nicht mehr zu ändern, dachte er grimmig. Als der Kellner ihm neulich ein Glas normalen Weißbiers statt des alkoholfreien hingestellt und er nichtsahnend einen großen Schluck genommen hatte, da war nichts passiert. Er hatte diesen Anschlag gut überstanden. Mit Kugeln und Messern war es ihnen nie gelungen, ihn zu erwischen. Jetzt hatten sie es in ihrer Verzweiflung also einmal so probiert. Aber nein, der Alkohol hatte ihm wirklich nichts anhaben gekonnt. Er grinste innerlich über ihre Dummheit. Der Kellner hatte sich übrigens rausgeredet, es wäre ein Irrtum gewesen, aber er ahnte schon, wer genau dahintersteckte. In den Augen des Mannes hatte er sofort gesehen, dass der Kerl log, aber Angst hatte, mehr zu sagen. Er hätte ihn härter bearbeiten müssen, um etwas herauszubekommen. Vielleicht tat er das noch. Später.

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Mi

14

Okt

2015

François Truffaut / "Die Filme meines Lebens"

von Jac. de Nijs / Anefo (Nationaal Archief) [CC BY-SA 3.0 nl (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en)], via Wikimedia Commons
von Jac. de Nijs / Anefo (Nationaal Archief) [CC BY-SA 3.0 nl (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/nl/deed.en)], via Wikimedia Commons

Als ich „Die Filme meines Lebens“ („Les Films de ma vie“, 1975) von François Truffaut mit vielleicht 13 Jahren in der Stadtbibliothek entdeckte, wurde diese Sammlung von Kritiken und Aufsätzen ein unentbehrlicher Geschmackswegweiser durch den Dschungel des Kinos der Vergangenheit. Ich kannte damals ja nur einige der Filme, die dort besprochen werden, aber es gefiel mir, was da über Hitchcock, Hawks, Lang stand. Auch Rezensionen zu Einzelfilmen, wie die zu Robert Aldrichs apokalyptischer Spillane-Verfilmung „Kiss me deadly“ und Douglas Sirks klassischem Melodrama „Written on the Wind“ sorgten dafür, dass ich dachte, wenn Truffaut hier so mit mir übereinstimmt und es im Gegensatz zu mir auch noch so treffend formulieren kann, dann kann man ihm auch bei allem anderen blind vertrauen. Außerdem war sein Urteil subjektiv, ästhetisch und unideologisch. Und so wurde Truffaut nicht nur praktisch mit seinen Filmen, sondern auch theoretisch der wichtigste Filmmensch meiner frühen und späten Jugend.

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Mo

21

Sep

2015

Thomas Bernhard / "Holzfällen. Eine Erregung"

von Thomas.Bernhard.jpg: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung derivative work: Hic et nunc [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons
von Thomas.Bernhard.jpg: Thomas Bernhard Nachlaßverwaltung derivative work: Hic et nunc [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)], via Wikimedia Commons

Diese von mir angestrebte und in meinem letzten Beitrag schnell dahingeschriebene „Flucht in die Fiktion“ funktioniert ja leider doch nicht so berauschend bei vielen der Bücher, die mir wichtig waren. Und schon gar nicht bei Thomas Bernhard, der die Menschen der ihn umgebenden Wirklichkeit so gnadenlos und exakt beschrieben hat, dass es etwas Zeitloses hat. Und dann habe ich mich auch in anderer Hinsicht mächtig getäuscht. Ich dachte immer, „Holzfällen. Eine Erregung“ (1984) wäre das erste Buch von Thomas Bernhard gewesen, das ich gelesen habe, aber es war doch eher „Alte Meister“ (1985). Denn ich weiß noch genau, wie boshaft-angenehm mir, dem im Paderborn Großwerdenden, die ständige Wiederholung von „katholisch-nationalsozialistisch“ war, auch wenn Bernhard damit Österreich meinte. Ich war fasziniert, dass man das einfach so, fern von öder politischer Theorie, harmloser sozialdemokratischer Satire und schnell verpuffender Punk-Aggression, derart kultiviert-polemisch schreiben kann und darf. Wenn mich jemand geistig befreit hat, dann Thomas Bernhard. „Alte Meister“ sollte ich also eigentlich ebenfalls noch einmal lesen, auch wenn man natürlich bezweifeln darf, dass sich das diebische Vergnügen desjenigen, der sich direkt identifizieren konnte oder wollte, noch einmal in jener begeisterten Form einstellen wird.

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