LEBEN UND ANSICHTEN

(ewiges fragment von 2011)

Paderborn

Groß geworden bin ich in Paderborn, wohin meine Eltern aus beruflichen Gründen aus dem hohen Norden gezogen waren. Das war gar nicht schlimm, wie es sich für manchen vielleicht anhört, denn Paderborn hatte gute Kneipen und Kinos und mit dem "Studio" ein tolles Filmkunstkino, so daß man - wenn auch oft mit Verspätung im Verhältnis zu den großen Städten - alles zu sehen bekam, was wichtig war. Da brauchte man sich um die Wirklichkeit um einen herum nicht so kümmern. Und das rettende Ufer Bielefeld ist ja auch nicht weit gewesen. Ich weiß ja nicht, wie das inzwischen ist, aber als ich jung war, da waren Bücher von Autoren wie Charles Bukowski, Jean Genet und Brendan Behan in der Stadtbibliothek mit einem "ab 18"-Stempel versehen. Diese Bücher musste man sich dann selbst kaufen oder zu Weihnachten und zum Geburtstag wünschen. Ansonsten war es spannend, als Protestant in einer rein katholischen Straße aufzuwachsen und als Unwissender und Nichteingeweihter diese seltsamen Praktiken, diese undurchschaubaren Geheimrituale aus der Ferne zu beobachten, die da scheinbar gepaart mit Götzenanbetung ausgeführt wurden. Aber das Komische an der Sache ist, daß es, wenn ich zurückdenke, eher die linken 68'er-Lehrer waren, die versucht haben, das Denken zu beeinflussen. Die anderen fühlten sich wohl sehr sicher in ihrer Sache. Was nichts daran ändert, daß ich meinem konservativen Schuldirektor nach einer höchst unengenehmen persönlichen Begegnung den Tod und Schlimmeres gewünscht habe. So was sadistisch-selbstgefälliges und dabei doch nur nach Angst riechend... Aber irgendwann wurde mir trotzdem klar, daß gewisse Dinge  nicht mit politischer Einstellung zusammenhängen, sondern ganz einfach mit Macht, die die Menschen gerne größenwahnsinnig und ängstlich macht, sie könnten sie wieder verlieren. In Paderborn war Macht und Nicht-Macht allzu eindeutig verteilt. Und wer an der Macht ist, will sie meistens behalten und verliert deshalb allzu oft den Verstand.  Die politischen Richtungen sind da wohl austauschbar. Es fällt mir eine garantiert selbstironiefreie Deutschlehrerin ein, die so stolz auf ihre Mao-Bibel-Zeit war. Wäre sie Verehrerin eines Massenmörders mit anderer Farbgebung gewesen, hätte sie sicher später in dem entsprechenden großstädtischen Umfeld keine Karriere gemacht. Und, um auf Paderborn zurückzukommen, da gibt es den Film "Junimond", der in Paderborn spielt und in dem eine Figur so was sagt wie "Ist schon in Ordnung hier". Gleichzeitig zeigt der Film die Stadt als ein düsteres Etwas, das vor allem aus Wegen zwischen kirchlichen Gebäuden, ungemütlichen Hinterhöfen und sakralen Räumen besteht. Und um die Provinzialität der Paderborner deutlich zu machen, geht der aus Berlin stammende Protagonist in einen schlecht sortierten Tante Emma-Laden, um etwas zu bekommen, was natürlich keiner kennt, weil da ja offensichtlich alle hinterm Mond leben. Das musste wohl unbedingt gesagt werden. Außerdem, so erzählt mir der Film, ist es eine Stadt, in die man am besten zieht, um morbide Orgel zu spielen und zu sterben. Da hat einer einen Anti-Paderborn-Film gedreht, ohne es zu merken. Man braucht keine Feinde, wenn man solche Freunde hat. Überhaupt hat die Stadt ein echtes Imageproblem. Man gucke sich mal (oder besser nicht) den offiziellen Werbefilm der Stadt auf Youtube an. Wenn der zu Ende ist und man die Hintergrundmusik im Fahrstuhlstil der 80'er überstanden hat, wundert man sich nur, daß da noch nicht alle an geistiger Verödung gestorben sind. Selbst die Kirmes wirkt da im Kontext der Bilder nicht heiterer als eine nicht allzu deprimierende Beerdigung.

Studium

Studiert habe ich dann da, wo ich hingehöre, im Norden, genauer in Kiel. Meine Fächer waren Nordische Philologie, Romanische Philologie und Politische Wissenschaft. Vorher war da noch ein schöner viermonatiger Aufenthalt in Dänemark auf "Grundtvigs Hochschule Frederiksborg". Ja, ich denke, alle, die nicht mehr superjung sind, werden mir zustimmen, daß das Studium in der Vorbachelorzeit einfach schön war. Da ich ständig  an der Universitätsbibliothek bin, kriege ich ja einiges mit. Und alles wirkt bloß überfüllt und gehetzt. Das Gute ist natürlich, daß fast alle Bücher immer vorrätig sind, weil kaum noch einer Zeit hat zu lesen. Heute brauchen sie auch doppelt so viele Parkplätze. Früher waren die oft gar nicht voll und man konnte in Ruhe beim Auto sitzen, Musik hören und Bier trinken. Da liefen sogar Eichhörnchen rum. Jetzt ist immer so viel los und die Büsche sind pingelig niedrig heruntergeschnitten, dass es auch weniger Ecken gibt, wo man das Bier loswerden könnte. Übrigens habe ich meine Magisterarbeit über DEN klassischen dänischen Trinkerroman geschrieben, über "Verwüstung" von Tom Kristensen. Und es ist eine gute Sache sehr jung sehr früh sehr viel zu trinken, dann hat man später keinen Durst mehr. Zu dem Thema gehört dann eigentlich auch meine Beteiligung an einer Bibliographie zu Drogen und Medien.

Kiel

Kiel ist eine wunderschöne Stadt, um dort zu leben. Dabei ist Kiel an sich gar nicht auffällig schön, weshalb es Touristen abgesehen von der Kieler Woche und den vielen Fährreisenden hier verhältnismäßig wenige gibt. Doch jeder Besucher, mit dem man ein bißchen rumfährt oder rumgeht, sagt sofort, wie schön Kiel ist. Im Grunde reicht schon eine Postkarte, Hauptsache die Förde und die Innenstadt und die direkt daneben anliegenden Fährschiffe sind zu sehen. Nur von Lübeckern kriegt man vielleicht mal zu hören, Kiel sei häßlicher Beton. Aber dazu sage ich lieber nichts.

Schreiben über Film

Ich habe auch wissenschaftliche Aufsätze zum Thema Film in der Zeitschrift "Skandinavistik"/"Euopean Journal of Scandinavian Studies" veröffentlicht. Meine abgebrochene Doktorarbeit habe ich in einen längeren, zweiteiligen Aufsatz  ( 1.Teil - 2.Teil) über Carl Theodor Dreyer verwandelt; dazu kommen Buchrezensionen zu Werken u.a. über Ingmar Bergman oder Lars von Trier. Kaurismäki hat übrigens mal gesagt, dass er mit dem Schreiben von Filmkritiken aufgehört hat, weil er gemerkt hat, daß er seine eigene schlechte schlechte Laune an den Filmen ausgelassen hat. Also, wenn man eine schlechte Kritik zu irgendetwas liest, dann hat der Rezensent - wie, glaube ich, Fritz Lang es  mal in ähnlicher Form  ausgedrückt hat - vielleicht damit bloß seine Verdauungsprobleme bewältigt. Aber jeder macht sich zum Affen, so gut er kann. Bei der Jahresumfrage der New Yorker Filmzeitschrift Film Comment habe ich mal in einem sonderbaren, etwas peinlichen und für mich nicht sehr typischen Anfall linker Kulturkritik Mike Leighs "Happy Go Lucky" beschimpft. Das wurde dann gleich als Zitat zu #7 übernommen. Als Pointe dahinter stand dann der Kommentar eines anderen Lesers, der meinte, man müßte ein "gargoyle" sein, um nicht zumindest ein bißchen Spaß zu haben an dem Film. Gargoyle? - ja da mußte ich mich erst mal schlau machen. Aber ich mag den Film trotzdem nicht.

Melodrama

Das Hauptthema meines Dreyer-Aufsatzes war Melodrama und Tragödie. Melodramen habe ich schon immer geliebt. Ich erinnere mich, daß ich "Written on the Wind" von Douglas Sirk zum ersten Mal auf einem ganz kleinen Schwarzweißbildschirm im Fernsehen gesehen habe, und auch ohne die Farben war ich hingerissen. Heutzutage gibt es kaum noch wirklich gute Melodramen oder romantische Komödie á la Leo McCarey mehr. Das, was da kommt, sind keine Melodramen, sondern innen hohler Kitsch, der nur mit durchschaubaren Mechanismen Gefühle erzwingt. Lone Scherfigs "Zwei an einem Tag" ist da ein schönes Beispiel. Der Film zieht sich vorhersehbar und langsam dahin und plötzlich ist die Heldin tot. Sie muß sterben, damit der Zuschauer nach Hause gehen kann und sich einbilden kann, er hätte einen Film voller Gefühle gesehen, wo doch  eigentlich gar keine da waren. Susanne Bier hat da eine andere Methode. Sie wackelt mit ihrer Kamera Authentizität herbei und dreht doch Anti-Melodramen, die nur von der Austauschbarkeit der Menschen handeln und wie man nebenbei die Welt rettet. Aus Amerika kommen haufenweise romantische Komödien, die manchmal ganz witzig sind, aber nicht im Gedächtnis bleiben. Aber wenn dann mal ein wirklich schönes Melodrama kommt, dann fallen seltamerweise die Kritiker darüber her, so wie es bei dem Zac Efron-Film "Wie durch ein Wunder" geschehen ist. Das Hauptargument war, daß Zac Efron zu gut aussehe für die Probleme, die er im Film mit sich herumträgt. Spricht da der Neid hässlicher Menschen voller Komplexe, die meinen, wenn sie schon schlecht aussehen, dann hätten sie jedenfalls das Privileg grübelnder, intellektueller Tiefe, während die Schönen der Welt unbeschadet durchs Leben getragen werden. Auf jeden Fall lebt das gute Melodram davon, daß alles schön ist, auch und vor allem die Hauptdarsteller. Sah Rock Hudson etwa  zu gut aus in den Sirk-Filmen? Wie dem auch sei, jedenfalls kommen die schönsten Melodramen, die meistens in Richtung romantische Komödie tendieren, aus Südkorea. Diese Filme sind oft sehr komisch, aber nie ironisch. Viele heutzutage meinen ja auch, Douglas Sirk hätte seine Filme mit Ironie gedreht. Dieser Gedanke erlaubt es ihnen dann, die Filme zu gucken und zu mögen. Anders wäre es ihnen wohl peinlich. Doch gemeinsam mit dem wunderbaren Regisseur James Gray, der mit "Two Lovers" einen großartigen Liebesfilm gedreht hat, meine ich, daß das absolut nicht der Fall ist. Der religiöse Zusammenhang in "Magnificent Obsession" beispielsweise ist absolut ernst gemeint.

Rockabilly

Elvis war ein Kindheitsheld, auch wenn ich das erste Mal von seiner Existenz erfahren habe, als die Fernsehnachrichten von seinem Tod berichteten. Ich hatte auch schon sehr früh Vaseline im Haar. Richtig harte Vaseline, keine komfortable amerikanische Pomade, die man heute überall kriegen kann. Doch, eine Zeitlang hatte ich so eine Art Pomade, aber die war so schrecklich und stark parfümiert, dass beim Sport keiner hinter mir herlaufen wollte. Außerdem mögen Sportlehrer es nicht, wenn man sich während des Unterrichts kämmt. Aber was sollte ich machen, die Bewegung war schlecht für meine Frisur. Bill Haley, Ted Herold, Jerry Lee Lewis, Stray Cats, davon konnte ich nicht genug kriegen. "The Outsiders" ist immer noch einer meiner Lieblingsfilme. Die alte Version natürlich. An die neue kan ich mich nicht gewöhnen, wegen der Musik.

Dänisch

Hin und wieder schreibe ich eine Kronik (d.h. einen kleinen Essay) für die dänischsprachige  "Flensborg Avis", die Tageszeitung der dänischen Minderheit Schleswig-Holsteins.

Skandinavische Literatur und Krimis

Jetzt bin ich auch dazu übergangen, mit Hilfe der praktischen Erfindung von "Books on Demand" eigene Übersetzungen herauszubringen. Skandinavische Literatur besteht ja nur noch aus Krimis und der x-ten Auflage von Klassikern von Selma Lagerlöf oder Herman Bang, wobei es natürlich wunderschön ist, daß diese Klassiker sich immer noch großer Beliebtheit erfreuen. Aber wenn man von einem Verlag als Antwort auf die Einsendung einer Übersetzungsprobe zu hören bekommt, das wäre ja alles ganz toll, aber der Autor wäre zu unbekannt, dann kann man ja nur nicken. Genau, er ist unbekannt und genau deshalb habe ich ihn dem Verlag vorgeschlagen, weil ich der Meinung bin, daß man das ändern sollte.  Also mache ich das jetzt selbst und behalte so jedenfalls die Rechte an der eigenen Übersetzung. Und was die  skandinavischen Krimis betrifft, so muß ich sagen, daß ich noch keinen einzigen von den neuen gelesen habe und nur die Filme kenne. Mein Krimiideal ist Cornell Woolrich, aber auch die anderen Amerikaner dieser Zeit. Heutzutage James Ellroy. dann Maurice Leblanc und die Arsène Lupin-Romane, der phantasievolle Pierre Véry. In Norwegen hat der Dichter André Bjerke einige großartige, äußerst unheimliche Krimis geschrieben. Bjerke wandelte sich sogar vom Skeptiker zu jemandem, der an Übersinnliches glaubt. Diese Wandlung kann man in seinen Büchern, darunter dem bekanntesten "Der See der Toten", genau nachvollziehen.

Countrytexte - Verenacountry

 Ich habe für Verena, was meine Ex-Frau ist,  alle Texte ihrer Country-Musik geschrieben. Die Videos von Sommer 2011, die auf Youtube zu sehen sind, stammen im übrigen auch von mir. Aber alles fing damit an, daß ich mich plötzlich als Schlagzeuger in einer Trashcombo wiederfand, die nie aufgetreten ist, also Probenraumband geblieben ist. Probenraumband in einem Probenraum mit dünnen Wänden zwischen einer mächtig lauten Punkband und einer noch lauteren Heavyband, so dass man die eigene Musik vor den Ohren nicht mehr hören konnte. Nach und nach und nach viel hin und her stellten Verena und ich fest, daß wir viel lieber Country machen wollten. Ich habe dann irgendwann englische Texte geschrieben, 12 Stück vielleicht. Aber nein, bemerkte ich nach einiger Zeit, lieber auf deutsch und das funktionierte von Anfang an richtig gut. Das Schlagzeugspielen (Countrymusik nur mit der Snare) habe ich aber schon lange an den Nagel gehängt.